Emine Sevgi Özdamar: „Ein von Schatten begrenzter Raum“

ein sprachlich, eindringliches Zeitdokument … Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022

Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (3/5): Ralph Waldo Emerson schrieb im Frühjahr 1841 in sein Tagebuch: „An die Stelle von Romanen werden schließlich Tagebücher oder Autobiographien treten […]“ Seine Prognose ist in dieser Alleingültigkeit bislang nicht aufgegangen, auch wenn sich autobiographische Romane einer großen Beliebtheit erfreuen wie beispielsweise zuletzt mit Hast du uns endlich gefunden von Edgar Selge, der ein eindringliches Porträt seines musizierenden und die Familie tyrannisierenden Vaters entworfen hat, oder Claudia Durastantis Die Fremde, die ihren Werdegang als Musikkritikerin und Autorin und die Liebe und Konflikte mit und zwischen ihren taubstummen Eltern beschrieben hat. Mit Ein von Schatten begrenzter Raum legt Emine Sevgi Özdamar ebenfalls einen autobiographischen Roman vor. Özdamar hat bereits viele Preise für ihre Romane und Theaterstücke zugesprochen bekommen (u.a. den Ingeborg-Bachmann-Preis 1991, den Kleist-Preis 2004 oder den Fontane-Preis 2009) und für ihren neuesten Roman bereits den Bayrischen Buchpreis für das Jahr 2021. Es handelt sich um ein eindringliches Zeitdokument der sprachlich besonderen Art:

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Katerina Poladjan: „Zukunftsmusik“

Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (1/5): Einer Erfahrung ein historisches Bild zu verleihen und jenes aus dem Fluss der Zeit herauszubrechen, gehört zu den erstaunlichsten Wirkungsweisen eines Romans. Die Verwandlung von Kontinuität in Diskontinuität erlaubt es, rückläufig wieder anzuschließen und Kommunikationspotentiale zu erschließen, die sonst anderweitig vor sich hinschlummern müssten, ohne ihren Erfahrungsgehalt entfalten zu können. Katerina Poladjan hat den 80ern Jahren der kurz vor ihrem Ende stehenden Sowjetunion ein Kleinod entrissen und in „Zukunftsmusik“ zu einer Allegorie auf Veränderung verwandelt. Der Roman glänzt und schimmert und funkelt.

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Yasmina Reza: „Serge”

Von einer immer kleiner werdenden Welt … Spiegel Belletristik-Bestseller 05/2022

Wie ein Treppenwitz der Literatur erscheint dreizehn Tage nach der Veröffentlichung von Michel Houellebecqs „Vernichten“ der Roman „Serge“ von Yasmina Reza als direkte, indirekte, aber in jedem Falle eng bezogene, wahrscheinlich aber unfreiwillige Antwort auf Houellebecqs semi-aktuelle Gegenwartsanalyse. Beide Romane behandeln ein in sich konfligiertes Familiengeflecht im heutigen Frankreich: Generationen, die sich nicht verstehen, die sich aber um Verständnis bemühen, denen aber die Sprache, die Kommunikationsmodi abhandengekommen sind. Protagonist in beiden Romanen ist ein Mann jenseits der Vierzig. In „Serge“ heißt er Jean, besucht das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, ist von Beruf Experte für Materialleitfähigkeit und kümmert sich gern um Luc, den Sohn seiner Ex-Freundin Marion:

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Edgar Selge: „Hast du uns endlich gefunden“

Ein schmerzvoll authentischer Text … Spiegel Bellestristik-Bestseller 44/2021

Autobiographische Texte verlieren sich schnell in einer Unmenge an Details. Die erlebten Ereignisse häufen sich zu einer schier unüberschaubaren Menge an. Schnell lässt sich das Material nicht mehr bändigen. Die Erinnerung löst alle Bande und dreht sich um sich selbst. Jede Erinnerung eröffnet den Weg zu neuen Erinnerungen, so dass das Autobiographische alsbald ins Chronistische, Historische abgleitet, ja fast Protokollarische – also das Literarische in den Hintergrund tritt und sich nur noch Ereignis um Ereignisse, Name um Namen, Orte um Orte und Reisen drehen. Edgar Selges „Hast du uns endlich gefunden“ geht einen anderen Weg. Nicht die Erinnerung als Selbstzweck steht im Vordergrund, sondern der Zwiespalt, der Schmerz, das Unüberwundene an der Vergangenheit bündelt die Sprache und gibt dem Bericht eine Form, so dass er Roman wird. Hierin sehr vergleichbar mit Jean-Paul Sartres „Die Wörter“.

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Maxim Biller: „Der falsche Gruß“

Über Lügen im außerliterarischen Sinne … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2021)

In der Wahl der Erzählposition steckt der Schlüssel zu einem jeden geschriebenen Werk. Es gibt derer nicht sehr viele. Da wäre der allwissende Erzähler, der von weit entfernt auf die Handlung herabsieht, die Figuren durchschaut und sie entlarvt. Da wäre das personale Erzählen, das sich von außen in die Perspektive einer Figur hineinfühlt, ohne diese Figur jedoch entblößen zu können. Das Erzählen bleibt auf Distanz. Da wäre auch das Ich-Erzählen, in welcher ein Text für ein Ich gesprochen, geschrieben wird. Diese Ich-Erzählung kennt zumeist keine Distanz. Sie steht in der Fülle der Eindrücke, aber in einer unbekannten Welt, während das personale oder allwissende Erzählen das Ich nicht kennt, aber die Welt. Maxim Billers neuester Roman „Der falsche Gruß“ ist aus einer schizophrenen Ich-Perspektive geschrieben. Er will die Welt und das Ich zugleich erkennen und in Szene setzen und scheitert deshalb, bereits erzähltechnisch, an beidem.

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Daniela Krien: „Der Brand“

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug durchs eigene Problembewusstsein … Spiegel Belletristik-Besteller (32/2021)

Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel heißt es, er habe gesagt, dass die Rätsel der alten Ägypter ebenso Rätsel für die Ägypter selbst waren. Also, nicht nur für uns. In Bezug auf die Rätsel der alten Ägypter sitzen wir also mit den Ägyptern im selben Boot. Von dem Roman „Der Brand“ der Autorin Daniela Krien lässt sich Ähnliches sagen. Nicht ohne Grund beginnt der Roman mit einem Zitat von Ernst Cassirer: „Der Widerspruch ist ein Grundmoment des menschlichen Daseins.“ Der durchgehaltene Widerspruch jedoch kann in einem unglücklichen Bewusstsein enden, oder durchschritten, als aufgehobener, im Wachstum münden. In Daniela Kriens Roman läuft alles aufs Unglück hinaus. Er handelt von einem Ehepaar, Peter und Rahel, das Haus und Hof einer Familienfreundin, Edith, in der Uckermark hütet, während diese mit ihrem Ehemann Viktor in einer Reha-Klinik weilt, nachdem Viktor einen schweren Schlaganfall hatte.

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Claudia Durastanti: „Die Fremde“

Mit dem Kopf durch die Wand ins fröhliche Leben … Shortlist der Premio Strega

Claudia Durastanti ist eine Journalistin, aktive Redakteurin, vielgereiste Person zwischen Europa und den USA pendelnd, und hat bereits einige Romane selbst geschrieben, und nicht nur über solche auf Festivals und Messen berichtet. Von ihren vier Romanen ist nur „Die Fremde“ ins Deutsche übersetzt. Zudem wurde der Roman auf der Shortlist der Premio Strega gesetzt und ist bislang Durastantis erfolgreichstes Buch. Sie beginnt ihren Roman „Die Fremde“ mit dem Wort „Familie“ als Überschrift, einem Motto von Emily Dickinson: „After great pain, a formal feeling comes“ und nach dem Wort „Mythologie“ mit den ersten Sätzen ihres Textes:

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Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“

Ein ewigwährender literarischer Frühling … nominiert für den Preis der Leipziger Buchchmesse 2021

Friederike Mayröcker legt mit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ einen erstaunlichen, überraschenden, in seiner Breite und Tiefe einzigartigen Text vor. Zusammenfassend lässt es sich als poetisches Tagebuch begreifen. Es beginnt am 22.9.2017 und hört am 03.11.2019 auf. In unterschiedlichen Längen und Formaten reflektiert Mayröcker ihr Dasein, das Leben zwischen öffentlich und privat, zwischen berühmten Kollegen und unbekannten Freuden, in intimen Momenten und schmerzhaften Augenblicken. Der Text unterläuft die Einordnung Prosa und Lyrik, und deshalb nennt es die Autorin „ein Proem“ – diese Zwischenform erlaubt eine ungeahnte Freiheit, die abschrecken oder anziehen kann.

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Iris Hanika: „Echos Kammern“

Selbstbefreiende Mythen und von anderen Irrungen und Wirrungen … (Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmessenpreis 2021)

Iris Hanikas Roman handelt von zwei Frauen und zwei Städten, von Sophonisbe und Roxana, Dichterin und Ratgeberschreiberin, und von Berlin und New York, Kreuzberg und Manhattan. Es geht um Sinn, Enttäuschung, Liebe, Karriere, Beruf und Freundschaften. Es geht ums Reisen, um Partys, um Apple-Computer und das „Ingwer-Net“, um Gentrifizierung von Innenstädten, um Veränderungen und den gleichbleibenden Wechseln; vor allem jedoch geht es um den Versuch, seinen Platz in der Welt zu finden, um seinen Beobachtungsstandort zu kennzeichnen, ja, mittels eines solchen, eine Sprache zu finden und zu etablieren, auf dass die Dinge nicht sofort beliebig erscheinen, bar jeder Bedeutung des Inhalts beraubt und entleert werden.

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Slavoj Zizek: „Sex und das verfehlte Absolute“

Ein Buch für alle und doch nicht viele.

Ein 592 Seiten in sich verwinkeltes, sich wiederholendes, re-paraphrasierendes hypo- und parataxisches Ungetüm – Zumutung oder Befreiungsschlag, Großdenker oder Provokateur? Es geht um Beckett, um Lenin, um den Holocaust, um MeToo. Es geht um Freud, Lacan, immer wieder Hegel. Es geht um Badiou, den Kollaps der Wellenfunkton in der Quantenmechanik, um Kafka, Zupancic, um Butler und Kristeva, rund um den stets herauswabernden Kant und Schelling, das Unheimliche Platons, Trump, Zynismus und die ewige Wiederkehr von Geschlechter-Binärem, dem Symbolischen, Imaginären, dem Realen des Hollywood Kinos, über Cary Grant zu Tom Cruise, Hitchcock vor und zurück und independent Science-Fiction Filme, Neurologie, künstliche Intelligenz und dem Virtuellen am Sex, das objet a und das durchkreuzte Subjekt.

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