Yasmina Reza: „Serge”

Von einer immer kleiner werdenden Welt … Spiegel Belletristik-Bestseller 05/2022

Wie ein Treppenwitz der Literatur erscheint dreizehn Tage nach der Veröffentlichung von Michel Houellebecqs „Vernichten“ der Roman „Serge“ von Yasmina Reza als direkte, indirekte, aber in jedem Falle eng bezogene, wahrscheinlich aber unfreiwillige Antwort auf Houellebecqs semi-aktuelle Gegenwartsanalyse. Beide Romane behandeln ein in sich konfligiertes Familiengeflecht im heutigen Frankreich: Generationen, die sich nicht verstehen, die sich aber um Verständnis bemühen, denen aber die Sprache, die Kommunikationsmodi abhandengekommen sind. Protagonist in beiden Romanen ist ein Mann jenseits der Vierzig. In „Serge“ heißt er Jean, besucht das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, ist von Beruf Experte für Materialleitfähigkeit und kümmert sich gern um Luc, den Sohn seiner Ex-Freundin Marion:

„Ich mag diesen Jungen [Luc]. Er ist interessanter als andere. Was ich für ihn war, habe ich nie genau herausgefunden. Eine Zeitlang sah er mich im Bett seiner Mutter. Ich halte mit Marion Verbindung, um ihn nicht zu verlieren. Aber das weiß er nicht, glaube ich. Und vielleicht stimmt es auch nicht ganz. Er nennt mich Jean. Das ist mein Name. Wenn er ihn ausspricht, klingt er noch kürzer.“

Yasmina Reza aus: „Serge“

Die Beziehung mit der Ex-Freundin gestaltet sich schwieriger. In der Welt von Jean springt alles hin und her, vermischen sich die Ebenen, die Zeit, die Ideen, Ziele und Wünsche. Er schwankt, vermag seinem Leben keine wirkliche Richtung zu geben. Ziellos lässt er sich treiben und von seinen beiden Geschwistern, Nana und Serge, auf Trab halten. Die Beziehung zwischen den Geschwistern und auch die zwischen den Eltern und den Kindern zeichnen sich durch Verständnislosigkeit, verbale Entgleisungen, schonungslose Kritik und eiskalte Ignoranz aus. Die Versuche, sich gegenseitig zu verstehen, aufeinander einzuwirken, bleiben erfolglos und enden in der Bekräftigung und Wiederherstellung einer Hackordnung.

„Ich [Jean] sehe durchaus, dass Serge und Nana schon lange zum gereiften Teil der Menschheit gehören, wie ich es auch sollte, aber diese Wahrnehmung bleibt an der Oberfläche. Tief drinnen bin ich immer noch das mittlere Kind, Nana ist der Liebling der Eltern, das gezierte Hätschelkind, aber auch Numero zwei bei unsern Kriegsspielen, der Sklave, der japanische Kriegsgefangene, der Verräter, der erdolcht wird — in unserem Kinderzimmer war sie nie ein Mädchen, sondern Offizier oder Märtyrer — ; mein Bruder ist immer der Älteste, der Anführer mit baumelndem Helmriemen, der dem Tod mit einem herausfordernden Lächeln begegnet, er ist der Wagemutige, der Dana Andrews, ich hingegen bin der Mitläufer ohne Eigenschaften, der Rot sagt, wenn der Ältere Rot sagt.“

Im Gegensatz zu Michel Houellebecqs Alterswerk „Vernichten“ fehlt in „Serge“ nicht der Humor und die Selbstironie. Das Scheitern scheint zu offensichtlich, um es Anathema bleiben zu lassen. Die Sätze sind kurz. Die Episoden schnell. Rezas Stil ist kompromisslos und jagt zielsicher auf kleine Pointen zu, um die Absätze abzurunden. Die Eltern sterben. Die Kinder scheitern an den eigenen Ansprüchen und bereiten Probleme. Die Beziehungen ächzen und krächzen unter den gegenseitigen Erwartungshaltungen. All dies liest sich rund und schnell von Seite zu Seite, bis es einem irgendwann wie Schuppen von den Augen fällt, dass alle Kommunikation, alle Versuche, alles Gegenseitige auf Sand gebaut ist, in der sprichwörtlichen Luft hängen bleibt, und ein gähnender Abgrund, der Tod, hinter allem klafft. Abhilfe verschafft einzig, bei Houellebecq wie bei Reza, sich von außen zu betrachten (i.e. Wechsel der Erzählperspektive in die dritte Person) und innerhalb einer Gemeinschaft Geborgenheit zu suchen:

„Ich bin nicht allein, sagt er [Jean] sich. Er betrachtet den großen Saal, die Wiese davor, wo Familien und Freunde essen und trinken und fröhlich sind. Er ist ein Bestandteil dieses familiären Haufens, er hebt sein Glas, er lacht, er verjagt die flüchtigen dunklen Wolken, die ihn streifen, und schließt die Augen, wenn sich der Abgrund zeigt, in den die sorglose Menge stürzt, Brüder, Schwestern, Cousinen, Pärchen, Alte und Schüler der Abschlussklasse.“

Die Melancholie zu überwinden, sich selbst ein Ziel zu setzen, dem eigenen Leben einen eigenen Wert zu geben, erscheint als unerreichbares Ziel. Was bleibt, ist, die Augen zu schließen, sich treiben zu lassen, das Beste zu hoffen und zu vergessen. Medikamente, Alkohol, Affären dienen als Betäubungsmittel, genauso wie kleinere Besorgungen, Streitereien unter Geschwistern, die als Zeitvertreib neue Gesprächsthemen eröffnen, die verhindern, dass es nichts mehr zu bereden gibt. Je länger man den Text liest und die Sprache genau verfolgt, desto mehr ergibt sich ein unheilvolles Gruseln, eine sentimentale Ernüchterung, ein metaphysisches Seufzen, dass der archimedische Punkt fehlt, die Entschlussfähigkeit, die Freude am Abenteuer, die das Resignieren verdrängen und der Inspiration wieder Raum verschaffen würde, immer wieder auf sich warten lässt.

„Ein berühmtes Bild von Edward Hopper zeigt einen fast vollständig bekleideten Mann in dieser unschlüssigen Situation. Seine Hände hängen zwischen den Beinen herab, er blickt zu Boden. Hinter ihm, aber man sieht sie nicht sofort, schläft eine halbnackte Frau, zur Wand gedreht. Wenn ich an das Bild denke, erinnere ich mich nicht an sie. Der Mann ist allein, seine Einsamkeit zeigt sich tags und nachts und hat nichts mit anderen Anwesenden, dem Licht oder der Einrichtung zu tun. Die Einsamkeit ist das Bett und die mutlose Haltung. Die auf nichts mehr gerichtete Erwartung. Der Mann wird von niemandem gesehen. Der unbeobachtete Körper gibt sich der Niedergeschlagenheit hin. Diese Besonderheit, von niemandem gesehen zu werden, verweist auf die Kindheit, auf eine möglicherweise leere Zukunft.“

Die Welt ist nicht nur aus den Fugen geraten. Sie ist zu einem stroboskopischen Blitzlichtgewitter verkommen. Hier und da leuchten Zusammenhänge auf. Hier und da wird gelacht, hat man eine gute Zeit. Fast zufällig, nur kurz beschleicht einen das Gefühl, der Kontingenz entkommen zu sein, bevor sie einen wieder übermannt. Sex als Remedium verhilft in Michel Houellebecqs „Vernichten“ dem sterbenden Paul über die Trauer, sterben zu müssen, hinweg. Die fürsorgliche Frau Prudence als Lustspenderin ermöglicht dem Protagonisten die ideale Existenzform regressiver, bedingungsloser Lusterfüllung. Sex in „Serge“ vermag dieses Versprechen nicht mehr zu erfüllen. Der Alltag unterminiert jedwedes intensive Gefühl. Die Figuren finden nicht recht zueinander, weder jung noch alt, weder Mann noch Frau, weder Mensch noch Tier.

„Gestern habe ich in der Rue Honoré-Pain gesehen, wie eine Taube auf die Straße fiel. Sie landete auf dem Rücken, ihre Flügel schlugen noch ein paar Sekunden. Dann war sie tot. Von einem Vordach schaute eine Gruppe anderer Tauben auf sie herunter. Ich fragte mich, was die wohl fühlten. Hatten sie sie runtergeschubst? Heute Morgen dann, ein paar Meter von meiner Wohnung entfernt, in einer Ecke der Rue Grèze, die von der Rue Honoré-Pain abzweigt: ein Rabe, der gierig auf die tote Taube einhackte.“

Die Gemeinschaft erscheint nicht nur als Tröstung, auch als Bedrohung. Der Rabe, in der Mythologie ein Unglücks- und Todesbote, spielt für Jean eine große Rolle. Immer wieder taucht er auf und verheißt Ungutes:

„Er hat mich von weitem gesehen und bleibt doch reglos und anmaßend sitzen wie Edgar Allan Poes Rabe — Flog nach einer Pallasbüste ob der Türe hoch und hehr — setzte sich und sonst nichts mehr. Laut frage ich ihn, was willst du? Er betrachtet mich ohne einen Wimpernschlag. Wie heißt du?, frage ich weiter.“

Aber der Rabe antwortet nicht auf Jeans beunruhigtes Fragen. Er verharrt in regloser Ruhe wie eine Statue auf dem Steinblock, ein Stein der Weisen, wie Pallas für Pallas Athene stehen könnte, die Göttin der Weisheit und des Kampfes, der Kunst und der Handarbeit. Wer hier schweigt, und auch in Poes Gedicht, ist die Weisheit, die sich dem wankelmütigen Protagonisten verschließt. Die Dinge sind stumm für seinen Blick. Ratlos verbringt er Tag für Tag, vermag keinen dauerhaften Entschluss zu fassen und dient als Puffer für die sich bekriegenden Geschwister Nana und Serge, die sich gegenseitig nicht aushalten können und ihre Ratlosigkeit mit Aggression überdecken. Jean gibt lieber nach, gibt zu, dass er feige ist und nicht durchsetzungsfähig.  

„Marion sagt, manchmal denke ich, wir drei [Luc, sie und Jean] sollten zusammenleben. Das wäre der Augenblick, etwas Entscheidendes zu sagen. Aber nichts kommt. Ich weiß nicht, fehlen die Worte, oder verwirren sich die Gedanken, oder ist da irgendwas erloschen, das man an sich selbst nicht begreift. Ich denke, sie hat recht, ich bin ein Würstchen.“

Stilistisch wirbelt alles um Jean herum. Der Cousin Maurice, der Tod der Mutter, das vorzeitige Ableben des Vaters, dessen Hass auf Nanas Ehemann, die Verpflichtung gegenüber Marion, die Liebe zu Luc, das eigene Altern, die Angst vor der Einsamkeit. Oft werden keine Namen genannt, nur Hinweise gegeben. Oft wird auf etwas Bezug genommen, das sich erst später klärt. Oft können einzelne Passagen gar nicht verstanden werden, weil Erzählerwechsel stattfinden, die so nicht erwartet werden können. Und dann purzeln die Namen noch wie in russischen Romanen durcheinander, dass man nur durch angestrengtes Lesen den Überblick behält, ohne dass das Gesagte aber interessiert oder es eine Rolle spielte, wer es nun wirklich gesagt hat. Auf diese Weise ergibt sich das Abbild eines verunsicherten Geistes, der die Impressionen, Erlebnisse nicht zu bündeln, ihnen keinen Zusammenhang zu verleihen vermag. Was er über die Vögel in seiner Straße sagt, passt auch zu seinen eigenen Gedanken:

„Beeindruckend ist ihre Unfähigkeit, irgendwo zu bleiben. Sie werden von fieberhafter Ungeduld getrieben, einem fortwährenden Bedürfnis nach neuen Beobachtungsposten, ich würde gern sagen: nach neuen Aktivitäten, aber häufig lassen sie sich nur irgendwo nieder, um sofort weiterzuziehen und sich woanders niederzulassen, sie fliehen von einer Balustrade, um auf der gegenüber zu landen und umgekehrt, sie hüpfen auf die Fahrbahn, um gleich wieder auf den Bürgersteig zurückzukehren, sie tippeln eine Regenrinne entlang, rasen auf einen Schornstein zu und kommen zur Regenrinne zurück. Keinerlei Logik, keinerlei Ruhe. Panische Angst vor der Reglosigkeit. Horror vor dem Leerlauf.“

Auf den knapp zweihundert Seiten verfolgt man einen Wettlauf mit dem Tod. Der Protagonist fühlt ihn im Nacken und traut sich nicht umzudrehen. Er rennt immer weiter, verstrickt sich immer mehr und mehr. Wie in Heinz Strunks „Es ist immer so schön mit dir“ und in Michel Houellebecqs „Vernichten“ bleibt nicht viel übrig als die vollendete Niederlage einzugestehen. Die Waffen werden also gestreckt. Die weiße Fahne geschwenkt. Im Gegensatz aber zu Strunk und Houellebecq dreht sich in „Serge“ nicht alles um den Wunsch nach Sex und mehr Sex. Jean sagt stattdessen:

„Die Typen aus meiner Generation verfielen den Drogen und den Utopien. Ob das nun besser war oder schlechter, sie blieben jedenfalls reell, und wir hatten Stoff zum Fantasieren. Um mich wieder zu fangen, transportiere ich mich nach Auschwitz. Dorthin, wo solche wirren Sehnsüchte keinen Platz gehabt hätten.“

Wie bei Strunk und Houellebecq, so lässt sich auch bei Reza der vorgeschobene Anlass problemlos aus der Geschichte entfernen, ohne dass dem Roman etwas abhandenkommen könnte. Das wirkt erstaunlich, ist aber schreibtechnisch konsequent umgesetzt. Die Kontingenz verbietet jedweden konsistenten Sinngehalt. Worüber gesprochen, gestritten, was Anlass zum Gespräch und Konflikt wird, spielt keine Rolle. Der Konflikt, das Gespräch, das Selbstmitleid ist das Ziel, der Inhalt oder Anlass nur Mittel zum Sinn und Zweck. Beispielsweise hätte Paul in „Vernichten“ auch Alkoholiker werden können, denn im Grunde geht es um das Hinwegtrösten und Betäuben; oder der Tontechniker bei Strunk könnte auch spielsüchtig sein und von seinen Geld- statt von seinen Beziehungsproblemen erzählen. In diesem Sinne hätte eine Reise nach Mallorca in „Serge“ dieselbe Funktion erfüllen können wie die zum Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau, denn um Geschichte, Vergangenheitsaufarbeitung, um Trauerarbeit geht es schlichtweg nicht.

„Auschwitz, oder nett gesagt, Oswiecim ist das blumenreichste Städtchen, das ich jemals gesehen habe. Jemals. Alle Laternen sind mit einer Blumen-Krinoline umhüllt, alle fünfzehn Meter quellen bunte Blüten aus Kübeln, Blumengebilde in Form von Eis am Stiel plustern sich auf den Plätzen, ganz zu schweigen von allerlei Büschen und Beeten.“

Rezas Roman beschreibt vollendete Orientierungslosigkeit und mit erstaunlicher Präzision das Dahinschwinden einer kommunikativen Gesellschaft. Was bleibt, sind fragmentarische Sinnzusammenhänge rund um Schmerz, Krankheit und Tod. Ihr Roman „Serge“ entgeht Phrasen und Gemeinplätzen, aber kapituliert bereits von Anfang an, dem eigenen Dasein Substanz und Verbindlichkeit zu verleihen. Das stakkatohafte Repetitieren gibt nicht mehr hin. Es langt nicht und verbleibt eine Improvisation auf Edgar Allan Poes „Der Rabe“, der mit folgender Strophe schließt:

„Und der Rabe weichet nimmer
– sitzt noch immer, sitzt noch immer
Auf der blassen Pallasbüste ob der Thüre hoch und hehr;
Sitzt mit geisterhaftem Munkeln, seine Feueraugen funkeln
Gar dämonisch aus dem dunkeln, düstern Schatten um ihn her;
Und mein Geist wird aus dem Schatten, den er breitet um mich her,
Sich erheben
– nimmermehr!“

Edgar Allan Poe aus: „Der Rabe“

Die Protagonisten warten auf den Sinn, die Weisheit, die der Pallasbüste entspringt, der sich jedoch nur in der eigenen Dynamik ergibt, denn die Eule der Minerva fliegt am Abend, nicht am Morgen. Je länger sie warten, desto dunkler wird es um sie herum, bis plötzlich alles zu spät, aber nichts geschehen ist. In Yasmina Rezas Roman „Serge“ wird die Vernichtung der Kommunikation beschrieben. Er ist die dunkle, aber gesittete Schwester von Houellebecqs „Vernichten“ – viel kürzer, jedoch gerade lang genug, um die Angst vor der Sprachlosigkeit zu nähren.

5 Antworten auf „Yasmina Reza: „Serge”“

    1. Na ja, was sich vernichtet ist die Verbindlichkeit und Anschlussfähigkeit von Kommunikation. Vielleicht habe ich etwas überzogen … das Buch hat überzeugende Stellen, aber es wirkte auf mich eher halbfertig, eine grobe Skizze für etwas, was sich poetisch ausgestalten lässt. Houellebecq hat mich mehr berührt, weil dort jemand tatsächlich aufgegeben hat, und man spürt es. Der Widerstand ist gebrochen. In „Serge“ gibt es nicht einmal dieses Zerbrechen. Es ist einfach nichts mehr da. Ich würde aber andere Bücher wieder von ihr lesen – sprachlich hatte es teilweise großen Witz.

      1. Ich bereue es nicht, es gelesen zu haben. Ratlos bin ich jedoch geblieben und ein wirklicher Stil, eine Dynamik hat sich nur jeweils sehr kurz eingestellt, so wie ich es las. Es stockte und zauderte, uneins mit sich. Das habe ich versucht auszudrücken. Gemeinsam mit Houellebecq hat es, dass große Themen angegangen und dann nonchalant links liegen gelassen werden – wie als Aufhänger, Teaser. Ich würde viel eher Jessica Linds „Mama“ lesen. Das ist krass – ich konnte es nicht weglegen. Fröhlicher ist Claudia Durastanti „Die Fremde“ (https://read2write.org/claudia-durastanti-die-fremde/), für die ich permanent Werbung machen möchte, einfach weil sie so verrückt und lebensfroh ist 🙂

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