Marguerite Duras: „Schreiben“

Schreiben als Versprechen …

Wie ich durch den Blog literaturleuchtet auf Valerie Fritschs „Winters Garten“ gestoßen bin, so auch auf Marguerite Duras „Schreiben“ in dem Blog familienbande – der Post feierte das gelungene Finden und Erstehen von diesem kleinen schmalen Bändchen auf eine Weise, dass mich Neugier packte, zumal ich Duras Romane gerne lese. In der Tat war es nun auch wirklich nicht so leicht zu bekommen, und dies lediglich auf Französisch und Englisch, die deutsche Übersetzung fand sich nirgends, weder auf Ebay noch bei Amazon, ZVAB oder Abebooks. Die französische Version gab ich bald auf und konzentrierte mich auf die englische Fassung, übersetzt von Mark Polizzotti. Im Folgenden werde ich Stellen sowohl auf Französisch wie auf Englisch zitieren, notgedrungen. Eine Übersetzung ins Deutsche werde ich nicht vornehmen (ich warte darauf, das Buch dann ebenfalls irgendwann zwischen Tür und Angel zu ergattern, nebenher und ganz unvermutet, wahrscheinlich in einem Grabbeltisch bei einem Trödler um die Ecke).

Marguerite Duras gehört zu diesen Schreibenden, die nicht einfach nur schreiben, denen das Schreiben, das merkt man sofort, mehr ist als das bloße Verschriftlichen von Gedanken. Ihre Romane leben von dem, was zwischen den Zeilen passiert. Ihre Sätze drehen sich um eine Spur, die spürbar, aber nicht benennbar ist. Das Schreiben, so scheint es, birgt einen Schatz, schützt ihn, und lässt ihn doch verfügbar erscheinen. Bedeutung wie eine Fata Morgana, die nicht verschwindet, stets am Horizont schimmert, und doch unerreichbar bleibt, ohne an Verheißung einzubüßen. In „Schreiben“ nun überlässt sie sich diesen Gedanken, zeichnet diese, ihre Gedankenspur nach, und lässt einen daran teilhaben.   

C’est la solitude de l’auteur, celle de l’écrit. Pour débuter la chose, on se demande ce que c’était ce silence autour de soi. Et pratiquement à chaque pas que l’on fait dans une maison et à toutes les heures de la journée, dans toutes les lumières, qu’elles soient du dehors ou des lampes allumées dans le jour. Cette solitude réelle du corps devient celle, inviolable, de l’écrit. Je ne parlais de ça à personne. Dans cette période-là de ma première solitude j’avais déjà découvert que c’était écrire qu’il fallait que je fasse. J’en avais déjà été confirmée par Raymond Queneau. Le seul jugement de Raymond Queneau, cette phrase-là : « Ne faites rien d’autre que ça, écrivez. »

It is the solitude of the author, of writing. To begin with, one must ask oneself what the silence surrounding one is – with practically every step one takes in a house, at every moment of the day, in every kind of light, whether light from outside or from lamps lit in daytime. This real, corporeal solitude becomes the inviolable silence of writing. I’ve never spoken of this to anyone. By the time of my first solitude, I had already discovered that what I had to do was write. I’d already gotten confirmation of this from Raymond Queneau. The only judgment Raymond Queneau ever pronounced was this sentence: “Do nothing but write.”

Marguerite Duras aus: „Écrire“ Gallimard; „Writing“ (Brookline Books).

Die Einsamkeit selbst schreibt. Sie ist Schrift – sie ist Verkörperung von Botschaften, von Äußerungswillen und sich verselbständigenden Beweggründen. In ihr suchen sich die Worte, und sie benötigen die Stille, die Abgeschiedenheit, die Duras in ihrem Haus in Neauphle-le-Château findet. Der Ort, ob am Meer, fernab, nahe einem Teich, ob einstöckig, zweistöckig, mit Piano oder nicht gewährt den Freiraum fürs Schreiben. Die Begrenzung, wie die Seiten, die Mechanik der Handschrift, das Zeichnen, das grammatikalische Anschließen erzeugen Differenzierung des Neuen, des Explorierens der eigenen, weiten Welt, in der nichts von irgendetwas getrennt ist, in welcher alles mit allem verwebt, verschriftlicht ist, über Spuren, Geheimnisse, über Zusammenhänge und Geschichten, Verknüpfungen im Imaginären hinweg.

On n’est jamais seul. On n’est jamais seul physiquement. Nulle part. On est toujours quelque part. On entend les bruits dans la cuisine, ceux de la télé, ou de la radio, dans les appartements proches, et dans tout l’immeuble. Surtout quand on n’a jamais demandé le silence comme je l’ai toujours fait.

One is never alone. One is never physically alone. Anywhere. One is always somewhere. One hears noises in the kitchen, noises from the television, or the radio, or the neighboring apartments, throughout the building. Especially when one has never demanded silence, as I always have.

Dieser nur scheinbare Widerspruch zeichnet die Fiber des Schreibens nach, allein und doch nicht allein, frei im Ausdruck und doch gebunden an das Gehörte, Gelesene, frei im Imaginären im Erfinden und doch im Orbit des Plausiblen, Ungefähren, zwischen Zusammenhängen und Neologismen, Tradiertem und Innovationen. Duras nähert sich ihm in zirkulären Sätzen, umgarnt, zieht konzentrische Kreise um das, was sich nicht sagen lässt, ohne es zum Verschwinden zu bringen, das, was alles zusammenhält, ohne sich im Zusammenhängenden zu erschöpfen, das gelungene Buch, der Roman, die Geschichte, die ergreift, einen erweitert, Räume eröffnet, von denen man bislang nichts hat ahnen können. In diesen rhapsodischen Reminiszenzen lebt die Inspiration, die Freude einer Schriftstellerin am Wortschmieden, Wortverknüpfen, am Kommunizieren, am Fabrizieren von Büchern.

[…] des livres charmants, sans prolongement aucun, sans nuit. Sans silence. Autrement dit : sans véritable auteur. Des livres de jour, de passe-temps, de voyage. Mais pas des livres qui s’incrustent dans la pensée et qui disent le deuil noir de toute vie, le lieu commun de toute pensée. Je ne sais pas ce que c’est un livre. Personne ne le sait. Mais on sait quand il y en a un. Et quand il n’y a rien, on le sait comme on sait qu’on est, pas encore mort.

[…] charming books, without extension, without darkness. Without silence. In other words, without a true author. Books for daytime, for whiling away the hours, for traveling. But not books that become embedded in one’s thoughts and toll the black mourning for all life, the commonplace of every thought. I don’t know what a book is. No one knows. But we know when there is one. And when there’s nothing, one knows it the way one knows one has not yet died.

Die Dunkelheit wie die Einsamkeit vereinnahmt und isoliert. Im Dunkeln verschwinden die sichtbaren Grenzen, jedoch nicht die gefühlten Formen, und so verschwindet das Gefühl in den Zeichen des Schreibens, aber nicht dessen Spur zwischen den Buchstaben und Worten, die nach Ausdruck suchen und im Scheitern das Gelingen evozieren, ohne es zu sichern. Das Schreiben gefährdet sich selbst. Für Duras gibt es verschiedene Formen des Schreibens, verschiedene Grade des eingegangenen Risikos. Sie, als Abenteuerin, überlässt sich ihm voll und ganz, taucht hinab, dorthin, wo sie sich selbst nicht folgen, wo sie sich selbst nur fallen lassen kann, in ein unabsehbares Wirrwarr des Möglichen hinein, wo alles mit allem irgendwie zusammenhängt, wo alles jedes beeinflusst, sich einschreibt, ausdrückt, sich sucht, vergisst, sich zu entkommen sucht und doch das eine Rätsel mitschleppt, wieso schreiben, wieso kommunizieren, wieso den Ausdruck suchen, für etwas, was sich permanent entzieht. Wer dieses volle Risiko nicht eingeht, verbleibt an der äußerlichen Seite der Sprache, sucht einen Ort in der Sprache, aber verortet nicht sich selbst mittels der Sprache. Ohne das Risiko wird kein neuer Ort geschaffen. Dieser Ort in der Sprache ist der Autor, der lebt, vergeht, sich gegen das Werden und Vergehen stemmt, mit diesem kommuniziert, das Geheimnis der Bewegung zu verstehen sucht. Duras ist hier sehr klar. Es ist das Sterben, die Dunkelheit, die Einsamkeit, die durchschritten, der Literatur im Überwinden als Utopie erscheint.

Marguerite Duras erschreibt sich in ihren Reflexionen eine Position, die Welt vollends zu erfahren, sich gegen nichts zu versperren, alles zuzulassen, auch das scheinbar Geringfügigste als Moment des Allerwirklichsten begreifen zu lernen. Sprache als Sesam-Öffne-Dich, das Schreiben als Bewegung, den Geist gegen das Verdinglichen zu verteidigen, offen, frei, empathisch sein. In „Schreiben“ ist es plötzlich eine Fliege, die Duras in ihrem Haus sieht, eine Fliege, die müde ist, kurz vor dem Sterben steht, mit dem Tode ringt. Sie beobachtet die Fliege, hilflos, entsetzt, voller Mitgefühl für die Fliege, für sich und die Welt, dass mit dem Tode der Fliege wieder eine Spur Leben verschwinden wird. Die Fliege ist nichts Nebensächliches, da es Nebensächliches gar nicht für das Schreiben, für den Schreibenden gibt. Alles ist Detail, und im Detail blüht das Leben, gewinnt das Schreiben an gehaltvolle, sinnvolle Fahrt.

Autour de nous, tout écrit, c’est ça qu’il faut arriver à percevoir, tout écrit, la mouche, elle, elle écrit, sur les murs, elle a beaucoup écrit dans la lumière de la grande salle, réfractée par l’étang. Elle pourrait tenir dans une page entière, l’écriture de la mouche. Alors elle serait une écriture. Du moment qu’elle pourrait l’être, elle est déjà une écriture. Un jour, peut-être, au cours des siècles à venir, on lirait cette écriture, elle serait déchiffrée elle aussi, et traduite. Et l’immensité d’un poème illisible se déploierait dans le ciel.

Around us, everything is writing; that’s what we must finally perceive. Everything is writing. The fly on the wall is writing; there is much that it wrote in the light of the large room, refracted by the pond. The fly’s writing could fill an entire page. And so this would be a kind of writing. From the moment that it could be, it already is a kind of writing. One day, perhaps, in the centuries to come, one might read this writing; it, too, will be deciphered, translated. And the vastness of an illegible poem will unfurl across the sky.

Die Fliege ist nicht unwesentlich. Sie ist nicht nur Teil von Duras Buch „Schreiben“. Sie ist Teil des Kosmos, eines Planeten, einer Bewegung in und durch das Materielle hindurch, um das Imaginäre zu ersehnen, ein unendliches, den Himmel befreiendes Gedicht, in welchem alles lebt und leben lässt, gewaltlos, entziffert, als eine von vielen Möglichkeiten, sich zu bewegen, im Bewegen neue Zusammenhänge zu bilden, Schrift zu vervollkommnen.

Dieses Jahrhundert steht aus. Jäh unterbrechen sich diese Gedanken, als die Fliege stirbt, vor Duras Augen, die aufmerksam, furchtlos, aber nicht ohne Empathie Gesellschaft und Beistand leistet.

Au moment où moi je la regardais il a été tout à coup trois heures vingt de l’après-midi et des poussières : le bruit des élytres a cessé.

La mouche était morte.

Cette reine. Noire et bleue.

The instant I looked at it, it was suddenly three twenty-something in the afternoon: the noise of its outer wings stopped.

The fly was dead.

That queen. Black and blue.

Konsequenterweise fährt der Text nun fort, verschiedene Formen des Ablebens zu beschreiben, den Tod einer Königin in Rom, der Tod eines jugendlichen Piloten kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Tode der Arbeiter und Arbeiterinnen, eines Malers, der seine Werke der Öffentlichkeit vorstellt, der Menge an Menschen, die ihre Spur und ihre Schrift hinterlassen, die nur ungenügend entziffert, beachtet, zu Bewusstsein gebracht werden. Duras „Schreiben“ ist ein Widerstand gegen das Akzeptieren. Es ist ein Widerstand gegen das bloße Übernehmen, Hinnehmen, das Nicht-Hinsehen, nur Annehmen. Wie der Maler die Farben verwandelt, um sich mittels der Farben zu sehen, andere zu sehen, sich zu ordnen, die Welt zu verstehen, so schreibt Duras aus der Einsamkeit heraus in die Welt hinein, einzugehen, Teil einer sich beschreibenden, vielfältigen bunten Welt zu werden. Einsamkeit ist für sie das Nachsagen, Nachsprechen, das Wiederholen. Sie möchte aufwachen, die Sinne entriegeln, die Augen öffnen. Das und vieles andere ist für sie Schreiben.

On voudrait arriver quelque part avec cette émotion. Écrire par le dehors peut-être, en ne faisant que décrire peut-être, décrire les choses qui sont là, présentes. Ne pas en inventer d’autres. N’inventer rien, aucun détail. Ne pas inventer du tout. Rien comme tout. Ne pas accompagner la mort. Qu’on la laisse, à la fin, qu’on regarde pas de ce côté-là, pour une fois.

One would like to get somewhere with that emotion. Write from without, perhaps, by simply describing, perhaps, describing the things there, present. Not invent any others. Invent nothing, no detail. Not invent anything at all. Nothing like anything. Not accompany death. To finally leave it behind and not look in that direction, just for once.

“Schreiben” von Marguerite Duras erinnert daran, was Literatur sein kann, was allzu schnell vergessen wird, wenn die Zeit, die Muße fehlt, die Angst überhand gewinnt, im Sturz durch die Zeit abgehängt zu werden. Duras hat ihren Schutzraum in ihrem Haus in Neauphle-le-Château gefunden, wo sie sich zurückzieht, den Gezeiten lauscht, sich dem Rhythmus der Wolken, der Winde, der Geräusche überlässt. Hier findet sie zu sich. Hier findet sie neuen Mut, Trotz und Widerstandskraft, aber auch Liebe und das Selbstvertrauen, sich im Verlieren zu gewinnen, sich im Befreien zu binden, eine Spur zu hinterlassen.

„Er wusste, dass sie begonnen hatte, Bücher zu schreiben, er hatte es von ihrer Mutter erfahren, bei dem Wiedersehen in Saigon. Er wusste auch um den kleinen Bruder, er war traurig gewesen um ihretwillen. Dann wusste er nicht mehr, was er sagen sollte. Und dann sagte er es. Er sagte ihr, dass es wie früher sei, dass er sie immer noch liebe, dass er nie aufhören werde sie zu lieben, dass er sie lieben werde bis zu seinem Tod. Neauphle-le-Château – Paris. Februar – Mai 1984.“

Marguerite Duras aus: „Der Liebhaber“

Marguerite Duras hat in ihrem Rhythmus den Reichtum der Stille in Worte gefasst. In „Schreiben“ deckt sie ihre Karten auf, ohne das Spiel zu verraten. Wer Literatur liebt wie sie, lässt das Schreiben als ein Versprechen zurück, das einstmals wieder und immer wieder gelingen wird.

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