Bücher, die im Grunde aus Rhythmus, Sprachfreude und einem bandwurmartigen Formexperiment bestehen, lassen sich nur mit Mühe herkömmlichen Kategorien zuordnen. „Paradais“ von Fernanda Melchor gehört zu diesen Texten und lässt sich, beinahe, in einem Atemzug mit einer Lesezeit von etwa 90 Minuten durchlesen, in etwa einer Spielfilmlänge. Ist es also ein Film als Buch? Ein mexikanischer Coming-of-Age-Roman, ein Splatter-Machwerk, Thriller, eine Quentin Tarantino-Variante, bestehend aus Schimpfwörtern, Obszönitäten, ordinären Tiraden, durchsetzt von Fäkalien- und Sexmanierismen? Oder einfach der Versuch, den Dschungel spätpubertärer Jünglingsallüren mal ungeschönt und unverharmlost, nicht wie in Hermann Hesses „Demian“, in Worte zu gießen, der Gefahr der rasenden Ungeduld nackt ins furchterregende Auge zu sehen, um eine Rettung zu erahnen, wie der Ich-Erzähler in Edgar Allan Poes „Hinab in den Malstrom“?
„Fernanda Melchor: „Paradais““ weiterlesenMichel Houellebecq: „Vernichten“

Typische Männerliteratur schwadroniert schnell zwischen Anklage und Selbstmitleid, zwischen der Sentimentalität der guten alten Zeit und Aggression gegen die neue, schnelllebige. Politik steht im Zentrum von ihnen allen. Max Billers „Der falsche Gruß“ verknüpft Geschichtsklitterung mit pubertärer Gefallsucht. „Es ist immer so schön mit dir“ von Heinz Strunk geht aufs Ganze und verliert sich durch Selbst- und Publikumsbeschimpfung ins Bodenlose. Oder die Persiflage „Es war einmal in Hollywood“ eines Quentin Tarantinos zelebriert ein nebulöses „Ach, wie schön war es“ einer gesetzlosen, unkontrollierten Film- und Schauspielerwelt der Gewalt- und Sexexzesse. Nahtlos reiht sich Michel Houellebecqs Roman „Vernichten“ ein.
„Michel Houellebecq: „Vernichten““ weiterlesenStefanie vor Schulte – Junge mit schwarzem Hahn

Selten tauchen Romane in der Gegenwart auf, die vom ersten Wort an, Eigensinn und Eigengesetzlichkeit beanspruchen. Sie wehren sich des Vergleichs und sprengen eine eigenartige Form von Zeitlichkeit. Stefanie vor Schultes Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ gehört zu diesen Werken. Äußerlich eine Art Märchen, inhaltlich eine Fabel auf Widerständigkeit, rhythmisch eine Parabel aufs Erzählen, und doch sonderbar romantisch in seiner poetischen Vermittlung des Hässlichen mit dem Schönen.
„Stefanie vor Schulte – Junge mit schwarzem Hahn“ weiterlesenKim Young-Ha: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“

Dass Literaturkategorien höchstens zur sehr groben Orientierung dienen, beweist der Roman „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Kim Young-Ha. Dieser rangiert unter Krimis. Wurde 2020 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet, belegte Platz 1 der Krimbestenliste und Platz 1 der besten Krimis der Saison, ebenfalls 2020. Wer nun meint, er bekomme den nächsten Simon Beckett oder Sebastian Fitzek geboten, oder einen Brunetti-Roman von Donna Leon, der täuscht sich. Er bekommt etwas geboten, und zwar eine polithistorische Parabel auf Gewalt, Vergessen, Schuld und Sühne in einem heimgesuchten Land, das genug Tote für viele weitere Generationen gesehen hat: Südkorea. Es handelt sich also um einen Fall, der sich nicht so leicht lösen lässt. Der Roman handelt von einem an Alzheimer erkrankten Serienmörder, Byongsu Kim.
„Kim Young-Ha: „Aufzeichnungen eines Serienmörders““ weiterlesenMein Lesejahr 2021








Für meinen Jahresrückblick hatte ich vor, die Belletristik-Bestenlisten statistisch auszuwerten, nach Themen zu ordnen, nach Erzählfiguren zu sortieren, um auf diese Weise einen Schnappschuss und eine Stilanalyse der bestverkauften Gegenwartsliteratur zu erstellen und durchzuführen. Nachdem ich kurz in mich ging, den Aufwand begriff, der auf mich zukam und wartete, schmolz dieses literatursoziologische Vorhaben dahin. Ich gebe nicht auf, aber schaffe es in diesem Jahr schlicht nicht, mich hierfür aufzuraffen, unter anderem aus dem einfachen Grund, dass die Themenvielfalt nicht sehr groß gewesen ist. Ich werde vielleicht ein andermal über die Themenwahl und Erzählpositionen, über die stilistischen Figuren und Erzähltechniken schreiben, also ein kleines Potpourri erstellen, anhand dessen viele Bestseller-Romane quergelesen werden könnten, so man dies denn wollte. Die Ähnlichkeiten nämlich zwischen ihnen sind interessanterweise nicht sehr klein.
Am Ende jedoch ist jedes Buch, auf diese oder jene Weise, trotz allem eigensinnig und einzigartig. Selbst die plattesten Plagiate, liest man nur genau, lässt man sich nur auf den Schwung und den Stil intensiv genug ein, offenbaren Einblicke und Erfahrungswelten, die überraschen, amüsieren, ja mitunter auch inspirieren können. Bei allem wohlwollenden, Benjaminschen ‚rettenden‘ Lesen haben sich dennoch einige Bücher in diesem Jahr herauskristallisiert, die mir wieder einmal bestätigt und eindrucksvoll vor Augen geführt haben, weshalb Lesen sich so sehr lohnt, und es stets eine wahre Freude ist, sich den Gedanken-, Schreib- und Erinnerungswelten anderer zu öffnen.
„Mein Lesejahr 2021“ weiterlesenDamon Galgut: „Das Versprechen“

Mehrere Romane in den Bestsellerlisten dieses Jahres behandeln die emotionalen, politischen, psychologischen Hinterlassenschaften der kolonialen Gewaltherrschaft. In „Das verlorene Paradies“ von Adulrazak Gurnah geht es um Tansania, um den Lebensweg eines kleinen Jungen zwischen preußischem Militär und chaotischer Häuptlingsregentschaft; in „Die Rache ist mein“ von Marie NDiaye unter anderem um die Problematik einer Flüchtlingsfamilie aus Mauritius im Gegenwartsfrankreich. In Leïla Slimanis „Das Land der Anderen“ wird die Geschichte einer Französin in Marokko erzählt und deren gewaltsame Initiation in die dort herrschende Kultur, und in „Schicksal“ beschreibt Zeruya Shalev die Ereignisse in den ersten Jahren des neugegründeten Staates Israel, das Leben, Weiterleben, Fortleben von Terror und Freiheitskampf. Damon Galguts Roman „Das Versprechen“, diesjähriger Booker-Prize Gewinner, lässt das Augenmerk auf die Südhalbkugel wandern, weit über den Mittelmeerraum hinaus auf Südafrika, Pretoria, und erzählt die Geschichte der Familie Swarts.
„Damon Galgut: „Das Versprechen““ weiterlesenJonathan Franzen: „Crossroads“

Epen in Gesangsform sind längst aus der Mode gekommen. Die Zeit wird nicht mehr in Reimen besungen. Metrische Einschübe, Assonanzen, Apostrophen dienen nicht mehr, das eigene Zeitgefühl verlautbaren zu lassen. Kein neuer Homer mit einer weiteren „Odyssee„, noch ein Dante Aligheri mit einer neuen „Göttlichen Komödie„, oder ein nächster Hölderlin auf der Spur nach einer Fortsetzung des „Hyperion„s ist in Sicht. Das Epos der Neuzeit ist der Roman, die Epopöe des Gegenwärtigen. Georg Lukacs hat es bereits vor dem Ersten Weltkrieg in seiner Theorie des Romans angekündigt. Walter Benjamin in Erfahrung und Armut analysiert. Leo Tolstoj mit Krieg und Frieden, Boris Pasternak in Doktor Schiwago bewiesen. Nun eben auch Jonathan Franzen in seinem neuen Roman „Crossroads“, den Auftakt einer Trilogie.
„Jonathan Franzen: „Crossroads““ weiterlesenAriane Koch: „Die Aufdrängung“

Coming-of-Age Romane erfreuen sich stets großer Beliebtheit. Das Erwachsenwerden bildet ein noch immer universell verbindendes Thema in einer zunehmend hochspezialisierten Welt. Trotz oder gerade wegen der hohen Komplexität und Verschiedenheit der Lebensumstände eignet sich der Übergang von der Jugend in die Mündigkeit, von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit stets aufs Neue, um das Weltganze in seiner unmittelbaren Gesamtheit zu beleuchten und auf seinen Sinn hin zu befragen. „Die Aufdrängung“ von Ariane Koch reiht sich in diesem Sinne nahtlos in die Reihe der anderen Coming-of-Age Romane des Jahres, besitzt aber eine äußerst eigentümliche, beinahe bizarre Note und steht völlig für sich.
„Ariane Koch: „Die Aufdrängung““ weiterlesenAbdulrazak Gurnah: „Das verlorene Paradies“

Wer nach der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers nach einem Buch von diesem gesucht hat, wird nur in Glücksfällen ein Exemplar ergattert haben. Abdulrazak Gurnahs Romane und Texte sind im deutschsprachigen Raum schon lange nicht mehr aufgelegt worden und waren zu diesem Zeitpunkt selbst antiquarisch eine Seltenheit. Mit „Das verlorene Paradies“ liegt nun eine Neuauflage der Übersetzung von Inge Leipold vor, die das erste Mal 1996 erschienen ist. Der Roman behandelt die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Tansania. Der Protagonist ist Yusuf, dessen Aufwachsen und Erwachsenwerden zwischen Gewalt, Einsamkeit, Verzweiflung und Sprachlosigkeit beschrieben werden. Das dominierende Problem lautet Geld, und um Geld geht es auch, als Yusuf am Anfang des Romans von seinen Eltern als Pfand einem Händler namens Aziz überlassen wird. Gleich zu Anfang des Romans wird also klar, dass die Umstände wenig Raum für Besinnlichkeit, Romantik und Sanftheit lassen.
„Abdulrazak Gurnah: „Das verlorene Paradies““ weiterlesenMarie NDiaye: „Die Rache ist mein“
Viele Gegenwartsromane behandeln Gewalt gegen Frauen. Beispielsweise Zeruya Shalev in „Schicksal“, in welcher Rachel, eine ehemalige Terroristin, mit ihrer Rolle als Mutter, als Witwe und Staatsbürgerin hadert und gegen emotionale Entfremdung kämpft; oder Leila Slimanis Roman „Das Land der Anderen“, in welchem ebenfalls Kolonisierung thematisiert wird, Befreiungskriege und -kämpfe und die gewaltsame Unterwerfung einer Frau unter die herrschenden Sitten und traditionellen Bräuchen in Marokko beschrieben werden. Beide Romane erzählen die Geschehnisse aus großer Distanz, beinahe nüchtern und kühl, journalistisch. Anders dagegen Hengameh Yaghoobifarah in „Ministerium der Träume“, das nicht nüchtern, eher wild dem Schmerz freien Ausdruck lässt und einen Staat anprangert, der junge Frauen nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen schützt. Zwischen hitziger Beschimpfung und sachlicher Beschreibung finden sich in der gegenwärtigen Literaturlandschaft alle möglichen Abstufungen. „Die Rache ist mein“ von Marie NDiaye lässt sich darin dennoch nicht einordnen. Der Roman verhandelt das Thema expressiv, sprachlich, weniger narrativ, inhaltlich und erschließt auf diese Weise eine eigene Schmerzzone emotionaler Gefangenschaft, vergleichbar mit der Fragment gebliebenen Romantrilogie „Todesarten“ von Ingeborg Bachmann.
„Marie NDiaye: „Die Rache ist mein““ weiterlesen


