Robert Seethaler: „Die Straße“
Großstadt-Potpourri mit theologisch aufgeladener Letztinstanzmoral.
Inhalt: 1/5 Sterne (beliebige Gerüchteküche)
Form: 3/5 Sterne (illustrativ-impressionabel)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (keine)
Komposition: 2/5 Sterne (leidlich-chronologisch)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (immer ärgerlicher)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern
Nach Das Café ohne Namen, das durch Atmosphäre und Intensität und Melancholie überzeugen konnte, heißt der nächste Kurzroman Die Straße und nimmt das Thema, ein Fremder gründet ein Geschäft in einer neuen Gegend, hier ein Antiquariat, kein Café, wieder auf. Beide Bücher zusammen erinnern an eine etwas kitsch-pathetische Gestaltung von Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen, nur mit theologischen Aspekten und Hintergründen versehen. Der Roman Die Straße beginnt konsequent mit folgendem Motto:
»Ich bekenne mich schuldig, Padre, daß mir ein Gedicht eingefallen ist. Ich habe gerade den Gang gefegt, und da ist es mir eingefallen.«
Juan José Arreola, Der Jahrmarkt
Das Motto ist wohlfeil gewählt, denn tatsächlich gleicht die Situation von Die Straße eine Sodom und Gomorrha-Vorhölle mit Gefallenen, Sündern, Mördern, Schlägern, Dieben und Geizhälsen. Zudem wird der Höllenhund Zerberus erwähnt, die Töchter Lots, und vieles dreht sich um den Priester, die religiösen Feste und erzeugt deshalb insgesamt eine Andachts- und Beichtstimmung, sodass der Text wie die Beichte und das Publikum wie der Priester oder in die Rolle des deus absconditus gedrückt wird.
Und er sagte: Als ich zum ersten Mal das Buch las, brach mein Herz auf und ich begann zu sehen. Wir wissen, welches Buch gemeint ist, ihr alle hattet es schon oft in euren Händen. Aber wer war der Mann, der diese Worte sprach? Was hat ihn bewegt in diesem Moment? An wen hat er seine Worte gerichtet? Hat ihm jemand zugehört oder hat er mit sich selbst gesprochen, allein mit seiner Freude oder in seinem Leid? Hat dieser Mann überhaupt gelebt? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen. Aber ist es nicht auch vollkommen unerheblich? Die Worte stehen nicht nur geschrieben. Sie leben.
Auf die eine oder andere Weise haben alle in Die Straße ihren Dreck am Stecken. Vieles bleibt ungesagt. Vieles wird nur angedeutet. Manches jedoch wird offensichtlich. Robert Seethaler stellt sein theologisches Projekt der humanistisch-theologisch geläuterten Melancholie unverfroren vor: Die Menschheit als gefallene Herde, und das Publikum darf sich beruhigt im Sessel zurücklehnen, dem tristen Alltag folgen und den Kopf schütteln, verständnisvoll, denn ja, sie sind ja alle schwach, zu schwach, um der Versuchung zu widerstehen, man selbst vielleicht auch. Nun gut. Literarisch bleibt dabei alles auf der Strecke. Von einer Erzählinstanz keine Spur, und sprachlich dümpelt eine Aussage auf die andere ein.
Geh über belebte Märkte und verlassene Plätze. Setz dich in eine Kirche, auf Parkbänke, in die Bibliothek. Setz dich irgendwohin in der Stille und im Lärm. Schau dir die erleuchteten Auslagen an. Kinder, Frauen, Vögel, Polizisten. Die Schichtarbeiter. Trink noch etwas. Geh weiter, so müde bist du noch nicht.
Eine Zeitung titelt, anlässlich seines neuesten Roman, Robert Seethaler sei der literarische Gott der kleinen Leute. Mit Die Straße unterstreicht er vorzüglich diesen Anspruch. Was das aber mit Literatur zu tun hat, weiß ich nicht. Auf mich wirkt es wie ein frühneuhochzeitliche Erbauungsgebetsstundenbuch.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Namenloser, der ein Antiquariat eröffnet und es ein Jahr später wieder schließt. „sic transit gloria mundi“
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: spielt in der Heidestraße, einer Stadt, in den 1980ern der Bundesrepublik Deutschland.
– jemand eröffnet ein Antiquariat, streicht, renoviert, baut Regale, verkauft dann aber nichts, dann gibt es ein Buchwurmbefall, dann verkauft er etwas, muss aber dennoch schließen und verhökert die Bücher, um keine Verluste zu machen
– die Nichte der Tante Insa bezieht ihre Wohnung, kümmert sich um den Nachlass, wird der Erbschleicherei beschuldigt
– Ein Sanierungsprojekt muss Wohnung räumen lassen. Die Einwohner weigern sich. Manche werden ausgezahlt. Die letzten durch ein Brand gezwungen.
– Die Blumenverkäuferin liebt einen Mann, der sie nicht zurückliebt, woraufhin sie sich vergiftet.
– Ein Junge schießt Tauben vom Dachgeschossfenster ab.
– Ein Jugendlicher prügelt sich andauernd und verletzt einen Polizisten bei einem Straßenfest.
– Eine Frau wird beim Duschen heimlich beobachtet; einige rächen sich an ihrer Stelle und schlagen den Voyeur windelweich.
– Ein Fall von häuslicher Gewalt, führt aber nicht zur Trennung.
– Ein Pfarrer leidet an Demenz und wird ersetzt. Im Pfarrhaus wird Kokain gefunden.
– Insassen des Altenheims beklagen sich übers Essen. Der Wärter säuft in der nahen Kneipe, statt aufzupassen. Einer der Insassen entrückt und zeigt den blanken Hintern. Die Sozialarbeiterin des Heims wird Elefant genannt, weil sie so viel mampft.
– Es gibt noch eine Bäckerei … etc …
●Kurzfassung: das Auf und Ab innerhalb eines Jahres in der Heidestraße.
●Charaktere: (rund/flach) unklar, zu skizzenhaft
●Überflüssige Szenen/Charaktere: alles nur Staffage
●Besondere Ereignisse/Szenen: die biblische Stelle vom heiligen Jolander
●Diskurs: sehr Diskurse, Emigration, häusliche Gewalt, Religion.
… Seethaler kreiert eine Leere, indem er sich auf Dialoge, Rede und Widerrede und innere Monologe konzentriert, kaum beschreibt. So entsteht kein Bild der Straße, nur eines des Gemurmels der Anwohner, die zum Publikum wie zu einem abwesenden Gott sprechen, beichten, sich aussprechen und ausdrücken. Diese Form der Manipulation erleichtert zuerst das Lesen, ermüdet aber auf Dauer. Die Melancholie wird eine Form der Andacht. Die verlorenen Schäfchen hoffen, und sie hoffen auf Gott oder das Publikum. Etwas sehr einfach konstruiert, und ärgerlich in seiner Konsequenz, zumal fast gar nichts geklärt wird.
… viel Gewalt (Tauben abschießen, Prügelei, Stechereien, Brandstiftung, häusliche Gewalt), um das Ganze nicht einschlafen zu lassen. Seethaler kreiert ein wenig ein Sodom und Gomorrha, deshalb auch die Heiligengeschichte von Jolander, der Höllenhund Zerberus, und die Erzählung von Lots Töchter. Im Grunde herrscht Mord- und Todschlag, Brandstiftung und Erbschleicherei, und die Angst vor wiederkehrenden Toten, Selbstmordversuche, Ehebruch etc … all dies beichten die Einwohner, und im stoischen Ton gehen sie auch fast alle unter.
… hat ein Gebet und Andachtscharakter, keinen wirklich interessanten Plot
–> 1 Stern
Form:
●Eindruck: liest sich flüssig und einfach durch die sehr einfache, aber geschickt eingesetzte, illustrative Werbesprache, aber mit kaum pathetischen Stellen, dazu bleibt alles zu fern. Dennoch lässt sich sprachlich nur wegen der Unterkomplexität meckern.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch
●Wortschatz/Wortzahl: abwechslungsreich
●Auffälligkeiten: keine, seltsam viel von Schweiß die Rede, Gerüche …
●Innovation: keine
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: eine unreflektierte, nicht perspektivierte allwissende Erzählinstanz
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch
●Erzählverhalten, -stil, -weise: nüchtern, lakonisch, stoisch, priesterlicher Blick
●Einschätzung: uninteressant, ein wenig wie eine aus dem Ruder gelaufene Muppet Show
–> 1-1=0 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Rede/Widerrede-Abfolge funktioniert leidlich und lässt einiges interessant bleiben, lebendige Dissonanzen, die aber auf Dauer wenig stimulierend wirken, ein paar gute innere Monologe, aber zu wenig Tiefenschärfe, zu wenig Konturen der Figuren, um interessante Wechselwirkungen zu erlauben, zu oberflächlich. Die Idee des Textes liegt darin, eine Szene anzudeuten, viele Informationen auszulassen, sie aber in der nächsten oder übernächsten Szene zu geben, aufzulösen.
●Signal/Noise-Ratio: alles Noise
●Operative Geschlossenheit: Sünde/Vergebung/Hölle
●Rahmenstabilisierende Details: das Antiquariat, das öffnet und schließt, zwischen zwei Straßenfesten, die jeweils zu wenig Schutzpersonal besitzen (Polizisten sind wohl rar).
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: es gibt keine Bindung also auch keine losen Versatzstücke
●Reliefbildung: kaum, höchstens durch das Ansprechen von einer Sache, das Gegensprechen, eine Art Dialog ohne Dialog, d.h. jemand redet von einem Unfall, im nächsten Absatz redet jemand über die Schuld, und was beim Unfall passiert ist, stets wiederkehrend als Komposition.
●Einschätzung: von der Leseleichtigkeit extrem geschmeidig, aber unergiebig auf Dauer. Ein Extrapunkt dafür, dass es sich wenigstens um genau ein Jahr handelt, es einen leidlichen roten Faden und Rahmen gibt, und nicht alles ins Leere läuft.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung:
– Eindrücke: ein gewisser Raum entsteht durch die Polyphone, eine gewisse Leerstelle inmitten der Erzählungen und kleinen Anekdoten, etwas Strukturelles. Leitfaden momentan die Aufkäufe und Verkäufe der Immobilien, die Angebote an die Bewohner, die sich aber der Modernisierung verweigern, weil sie dort schon immer gewohnt haben. Zudem das Antiquariat, frisch eröffnet, hat schwerlich begonnen, nach dem Winter erste Verkäufe. Dazwischen Schocker: wie die Leichen im Keller von den Sowjets gefunden. Wann spielt es? Anfang der 80er in Wien? Nachkriegszeit länger zurück. Hat eine heißer Sonntagsnachmittag-Stimmung.
– Hat etwas von „Tauben im Gras“, Verwirrung, Eintagesfliege der Mensch, seltsame kleine Geschichte, viel Gewalt, tote Tauben, ein sich prügelnder Sohn, Voyeure, ein Fest …
– Brandstiftung, Briefe an einen Unbekannten, Elefant, als dicke Sozialarbeiterin.
– Rede, Gegenwiderrede, Rede und Antwortspiel funktionieren.
– Viel innerer Monolog, Dialog, wenig Beschreibung.
– Endlichkeit, viel Religion, Einsamkeit, Verlassenheit, Zeitlichkeit als Eindruck. Leere, Sinnlosigkeit, die Obdachlosigkeit des modernen Menschen, gestaltet in der Anonymität und der Vergeblichkeit der Dinge. Das Antiquariat (die Erinnerungskultur) hat wieder zugemacht. Ein neues Fest beginnt.
– Viele Riten für Gott der Leser ist der abwesende Gott, der Zeuge, unangenehme, aber funktionelle Konstruktion, deus absconditus.
– Allgegenwärtiger Voyeur – das Theologische insbesondere durch die vielen Symbole der Religion
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, als eine Gebetsmühle und Andacht
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, realistisch
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, sprachlich gesehen zu simpel
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als eine Andachtsform
●ein zweites Mal lesen? nein, hierfür zu lückenhaft, zu wenig Details und Verbindlichkeit … während des Lesens wie eine Hypnose durch die Manipulation, die gegen Ende bewusst wird und mich geärgert hat
–> 1 Sterne
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