Manche wissenschaftliche Probleme erhalten, aus berechtigten, meist aber aus unberechtigten Gründen einen Nimbus, der zu einer literarischen Bearbeitung lockt. Es gibt viele Beispiele, wie bspw. Alan Lightmans Und immer wieder die Zeit, das eine etwas irrige poetische Versinnbildlichung der Einsteinschen Relativitätstheorie betreibt, oder Benjamin Labatuts Maniac, der sich mit den quantenmechanischen Problemen des Physikers Pau Ehrenfest beschäftigt, oder Dietmar Daths Dirac oder Gentzen, wobei es im letzteren um die Grundlagenkrise der Mathematik Anfang des 20. Jahrhunderts geht. All diese Romane eignen sich einen eher unbedarften, verspielten Zugriff auf die wissenschaftliche Diskurswelt an, der oft nicht annähernd das Zentrum der Problematik begrifflich erfasst, geschweige denn informativ über das Wissensfeld aufklärend wirken könnte. Elias Hirschl dagegen findet in Schleifen einen Weg, die Sprach- und Grundlagenkrise der Mathematik poetisch produktiv werden zu lassen, ohne zu versimplifizieren oder zu diffusionieren.
Es ist nicht schwer ersichtlich, dass der Ursprung allen Übels die Benennung der Dinge ist. Der Glaube daran, es wäre möglich, Gegenständen eine Bedeutung zuzuschreiben, eine Bezeichnung, die stabil auf ihnen liegt, wie eine Grabinschrift, die für immer die Person markiert, die unter ihr liegt. Aber auch diese Leiche verwest. Auch dieser Stein zerbröselt. Auch diese Inschrift verwischt im Wind, und mit jeder neuen Inschrift, die die Zunge aus der Luft formt, als feuchte Hand in flüchtigem Lehm, wird eine Spaltung hervorgerufen, eine Dissemination, die den Lauf der Sprache ändert, die dem Redefluss Seitenarme verpasst, in denen die Semantik ausufert.
Elias Hirschl aus: „Schleifen“
Inhalt/Plot:
Hirschls teilweise ausufernder Reflexionsroman wird mehr oder weniger lose von einer Liebesgeschichte zwischen Franziska Denk und Otto Mandl zusammengehalten, die im Herbst 1948 beginnt, als Otto Mandl auf einen Brief von Franziskas Mutter reagiert, den diese an mathematische Institutionen allerorten 1942 kurz vor ihrem Tod verschickt hat, um eine neuartige schleifenförmige Mathematik vorzustellen. Otto als Sohn eines Mathematikers, der sich mit dem Küstenparadoxon herumgeschlagen hat, das darin besteht, dass die Länge einer Küste vom Maß der Genauigkeit abhängt, wie die Küste bei der Längenmessung gerastert wird, also mit der Tatsache, dass trotz endlicher Ausdehnung Küsten seltsamerweise beliebig lang sein können, fühlt sich durch die mathematischen Vorstöße von Franziskas Mutter an die theoretischen Versuche seines Vaters erinnert, der das eher humoristisch gemeinte starke Gesetz der kleinen Zahlen mit einer neuen Zahlensymbolik zu lösen trachtete. Franziska selbst leidet unter dem Symptom, das sie bei bloßer Nennung einer Krankheit sich diese Krankheit direkt zuzieht:
Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder. Margarethe machte ihr einen Tee. Es war ihre Schuld gewesen. Sie hätte wissen müssen, dass der Begriff bei einer Diskussion zwischen Kurt Gödel und Carl über die Aufklärung fallen könnte. Letzte Woche war es Scharlach gewesen. Davor Cholera. Lepra war spannend, damals hatten sich tatsächlich ein paar Fetzen Haut von Franziskas Armen gelöst, aber das war es dann auch schon. Es war nie tödlich. Es gab ja keine echten Viren oder Bakterien, die Schaden in den Zellen anrichteten. Die Immunantwort war ohnehin schädlich genug.
Beide haben also ein Sprachproblem, Franziska ein physisches, Otto ein intellektuell-wissenschaftliches. Beide treibt ihr Sprachproblem um und sie finden so zu einem gemeinsamen Nenner und beginnen ein gemeinsames Leben in Berlin, wo sie dann nach einigen Manövern und Protestaktionen Ende der 1970er Jahre ein Institut für angewandte Sprachforschung gründen, mit dem Ziel, eine Universalsprache zu erfinden, die die bekannten Paradoxien löst, bspw. wie das des Kreters, der sagt, dass alle Kreter lügen, und als Kreter den Wahrheitsgehalt seiner eigenen Aussage unterhöhlt. Den Ausweg sehen Franziska und Otto in einer neuen Symbolik, die dann auffächert, sich differenziert und über Negationen jedes einzelne Ding im Kosmos letztlich spezifiziert. Leider erweist sich die Sprache als im Alltag äußerst impraktikabel:
Sobald sie den Grundstock an Zeichen und Basiskategorien angelegt hatten, begannen die Mitglieder des Instituts für angewandte Sprachforschung, die neue Sprache immer weiter nachzuschärfen, sie in immer mehr Kategorien und Unterkategorien zu unterteilen, sodass man mit den Zeichen immer kleinere und kleinere, spezifischere und spezifischere Bestandteile der Existenz bezeichnen konnte: Existierende (Om), Lebendige (Ome), Säugetiere (Omego), Nagetiere (Omegon), Hamster (Omegoni), Zwerghamster (Omegoniru), Zwerghamster, die im Jahr 1979 leben (Omegonirulalidubogdan), Zwerghamster, die im Jahr 1979 in Deutschland leben (Omegonirulalidubogdaniholupanfaldosnimulnisu), Zwerghamster, die im Jahr 1979 in Westberlin leben (Omegonirulalidubogdaniholupanfaldosnimulnisusorelidolemol), Zwerghamster, die im Jahr 1979 in Westberlin leben und einer Besitzerin namens Dora Klehr gehören und Pfiffi heißen (Omegonirulalidubogdaniholupanfaldosnimulnisusorelidolemoldarfisuplamineridorjuhüllupnisupdidutnufodenonononononorelopseholpfiffi), usw.
Wegen der Sprachkritik und Franziskas Vehemenz wandelt sich das Institut bald zur Sekte, und Otto und sie gehen immer verstärkter verschiedene Wege, bis sich Otto in Japan und Franziska in Italien wiederfinden. Dazwischen wird in Schleifen von vielen kleinen Episoden, Anekdoten und Ereignissen erzählt, die von der Herausgeberin dieser Monographie, einer begeisterten Franziska-Denk-Forscherin namens Franka Sendzik hineinmontiert werden. So ergibt sich ein kunterbuntes, manchmal etwas albernes Bild über die Sprachverwirrungen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in allen möglichen Bereichen, stets mit Hinblick auf Sprachwitz, Sprachfröhlichkeit und logisches Problembewusstsein formuliert. Das Motiv der Schleifen findet sich bspw. in den Anagrammen wieder (Franka Sendzik – Franziska Denk – Dennisz R. Kafka), wodurch einem Möbiusband vergleichbar die Erzählzeit suspendiert wird, da die fehlende, narrative Ordnung, stellenweise verloren geht. Diese sehr lose Erzählweise passt jedoch zum Sprachverlustproblem und wird von einer rekonstruierbaren Chronik der Ereignisse gerahmt, die die Liebesgeschichte zwischen Otto und Franziska vorstellt.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Liebe und Körper-Geist-Bewusstsein mit Plot: Genies und Wahnsinnige
Stil/Sprache/Form:
Formal übt sich Hirschl in Schleifen in klassischer Prosodie, in rhythmischen Sätzen, akzentuierten Passagen und klar herauslesbaren Intonationen. Je mehr das Bezeichnete (Signifikat) ins Hintertreffen gerät, desto mehr Akzent legt der Text auf das Wohlklingen, auf das Ineinanderschmiegen der Spracheinheiten (der Signifikanten). Hierdurch gleicht sich das Mäandern und wilde Durcheinander aus und ein im Grunde sehr lesbarer Sprachtext ergibt sich, der über Assoziationen, Allegorien und Metaphern über die Grenzen des Bezeichenbaren nachdenkt. Hirschl beweist viel Leichtigkeit und humoristisches Feingefühl, mit nur ein wenig obskuren, überflüssig obszönen Entgleisungen und albernen Wortspiel-Verweisen (bspw. Garten von Wodot – Warten auf Godot), die verhältnismäßig jedoch nicht ins Gewicht fallen:
Franka Sendzik fertigte eine Kopie des Manuskripts mit bearbeitetem Kontrast an, sodass sich die geheimen Zeichen leichter lesen ließen, und klebte die einzelnen Seiten dann zu einem langen, verdrehten Band zusammen, damit sie es in einer einzigen konstanten Rollbewegung zwischen ihren Fingern abspulen konnte. Eine Wohltat, nicht mehr umblättern zu müssen, denn jedes Aufschauen vom Text tat ihr in den Augen und in der Seele weh. Eigentlich hätte sie das Manuskript am liebsten sofort der ganzen Welt zugänglich gemacht, doch sie konnte es einfach nicht mehr aus der Hand legen. Stundenlang saß sie an ihrem Küchentisch, rollte die Schleife über ihre Daumen und las die zusammengeklebten Blätter wieder und wieder. Der Inhalt wiederholte sich nie.
Gleitende Signifikanten, rein formalästhetisch gesehen, bilden einen gemächlichen Fluss von einem Erzählaspekt zum nächsten. Das Erzählen verliert nie die Ruhe, nie die Souveränität und liest sich wie ein, in neumodischer Diktion geschriebener, barocker Schelmenroman, der gerade durch seinen Wortwitz, seine Leichtigkeit in Form und Schreibgewandtheit noch von den seltsamsten und kuriosesten Ereignisse salbadern kann, ohne den Lesefluss zu hemmen, die Reflexion zu stören oder die Sinnhaftigkeit in Frage stellen zu müssen. Das Sprechen selbst, wie bei einem Thomas Bernhard, steht im Vordergrund wie auch in Christian Reuters 1697 erschienenem Roman Schelmuffsky, wo er über seine Geburt wie folgt berichtet:
Eine Ratte! Eine Ratte! Da ich nun von ihr das Wort Ratte nennen hörte, war es, der Tebel hol mer, nich anders, als wenn jemand ein Schermesser nähme und führe mir damit unter meiner Zunge weg, daß ich hierauf alsobald ein erschreckliches Auweh! an zu reden fing. Hatte meine Frau Mutter nun zuvor eine Ratte! eine Ratte! geschrien, so schrie ich hernachmals wohl über hundert Mal: Eine Ratte! Eine Ratte! denn sie meinte nicht anders, es nistelte eine Ratte bei ihr unten zu ihren Füßen. Ich war aber her und kroch sehr artig an meiner Frau Mutter hinauf, guckte bei ihr oben zum Deckbett heraus und sagte: Frau Mutter, Sie fürchte sich nur nicht, ich bin keine Ratte, sondern ihr lieber Sohn; daß ich aber so frühzeitig bin auf die Welt gekommen, hat solches eine Ratte verursacht. Als dieses meine Frau Mutter hörte, Ei sapperment! wie war sie froh, daß ich so unvermutet war auf die Welt gekommen, daß sie ganz nichts davon gewußt hatte.
Christian Reuter aus: „Schelmuffsky“
Die komplementäre Erzählweise, galant wirr zu erzählen, oder wirr galant, lässt aus Schleifen ein erzählerisch, sprachlich, inhaltlich überzeugendes, mitreißendes, zum Wiederlesen einladendes Werk entstehen, das die wieder an Beliebtheit gewinnende Tradition der Schelmenromane ohne rabulistisches Plagiieren fortzusetzen versteht.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Bei aller Komik und Leichtigkeit greift Hirschl in Schleifen gleichsam ein sehr ernstes Problem auf, dass nicht nur die Grundlagen der Mathematik oder Linguistik betrifft, sondern das kommunikative soziale System im Ganzen zu erschüttern droht. Auf diese Weise verhandelt er kraft einer freilaufenden, sich frei entwickelnden Einbildungskraft ganz im Sinne der Ästhetik eines Umberto Eco aus Die Insel des vorigen Tages oder eines Immanuel Kants in seiner Kritik der Urteilskraft ein eher brenzliges Thema, nämlich wie Sprache überhaupt funktioniert, ohne sich kulturpolitisch auf eine Seite der Debatte dieses immer wieder aufflammenden Nominalismusstreites zu schlagen. Hirschl lässt Otto von dem Problem der Identität ausgehen:
Die Arbeit las sich zunächst, wie es für seinen Vater durchaus nicht unüblich war, wie ein schlechter Scherz. Er ging davon aus, dass die Gleichung »1 = 1« falsch sein müsse, weil die beiden Symbole der 1 räumlich voneinander getrennt waren und somit nicht dieselben Eigenschaften hatten. Die eine 1 war links, während die andere rechts war. Die eine 1 war zeitlich vor der anderen 1 geschrieben worden. Der Zustand im Gehirn, im ganzen Nervensystem der Person war ein anderer, als die linke 1 geschrieben wurde. Die Handposition war anders. Die Zusammensetzung, die Verteilung und molekulare Stoffdichte der Tinte war eine andere. Die eine 1 war zuerst gelesen worden und die andere erst danach. Die eine 1 war vielleicht aus einer Addition hervorgegangen und die andere aus einer Subtraktion. Sie hatten nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun.
Johann Gottlieb Fichtes „Ich=Ich“ als Ausgangstheorem seiner ganzen Philosophie wird hier auf das Unvollständigkeitsproblem der Mathematik bezogen. Sprache also einerseits als gefährlich verbindend (und bei Franziska krankheitsübertragend), andererseits als trennend und Lücken reißend (und für Otto und andere die Fundamentalkrise der Mathematik auslösend) wabert bislang und weiterhin unentschieden im sozialen Raum herum, wird entweder entleert oder übervervollständigt, wird bekämpft oder überbetont, wird verabsolutiert oder ins Unerkennbare relativiert, bis ganze Persönlichkeitsstrukturen zusammenfallen und sich in einer Welt umspannenden Sprache zur Einheit nivellieren. Hirschl jedenfalls nimmt in Schleifen die konstruierte Ernsthaftigkeit aus dem Ganzen und betont eher das Verbindende der Sprache, die bezeichnende Gemeingemengelage, ein wenig wie Niels Bohr und die berühmte Anekdote über das Hufeisen, das er über seine Tür gehängt hat. Der Niels Bohr-Biograph Ernst Peter Fischer fasst dessen Sprachauffassung diesbezüglich wie folgt:
Bohr liebte es, mit der Sprache zu spielen. Diese Neigung erlaubte es ihm etwa, seinen Kindern und anderen Zuhörern zu beweisen, dass eine Katze drei Schwänze hat. Seine Argumentation lautete: Bekanntlich hat keine Katze zwei Schwänze, wie er augenzwinkernd meinte. Keine plus eine Katze sind dann die eine Katze, die zwei plus eins, also drei Schwänze hat. Manchmal wird auch erzählt, dass eines der Kinder in das fröhliche Gelächter hinein seine leeren Hände ausgestreckt und gerufen hat: »Hier ist keine Katze, Papa. Wo sind die beiden Schwänze?«
Ernst Peter Fischer aus: „Niels Bohr“
Einmal ging es bei den Sprachspielen auch um ein Hufeisen, das ein Bekannter in der Nachbarschaft der Bohrs über der Eingangstür seines Hauses angebracht hatte, weil dies nach altem Volksglauben Glück bringen soll. Bohr erzählte, dass er den betreffenden Mann gefragt habe, ob er wirklich abergläubisch sei und an den Glücksbringer glaube. »Natürlich nicht«, habe der Angesprochene daraufhin geantwortet, »aber ich habe gehört, dass es auch dann hilft, wenn man nicht daran glaubt.«
Elias Hirschl schafft in Schleifen einen selbigen Spagat zwischen Ernst und Komik und zeigt, dass von der Wissenschaft inspirierte Romane nicht immer schiefgehen müssen, manchmal sogar Räume zum Nachdenken freilegen, die sich logisch allzu schnell von selbst barrikadieren. Sein Roman lässt sich vor diesem Hintergrund als Paradigma der kantischen Ästhetik des freien Spiels der Einbildungskräfte verstehen, bei dem der Unterhaltsgrad nicht zu kurz kommt.
Ein seltsames Leben. Dass man die Riemannsche Vermutung bewiesen hat, aber nicht mehr weiß, warum man gerade aufgestanden und in die Küche gegangen ist. Dass man das Collatz-Problem gelöst hat, aber einem der Name des eigenen Sohnes nicht einfällt. […] Dass man dann weinend vor dem Supermarkt auf dem Bordstein sitzt, kalte Tortellini direkt aus der Packung in sich hineinstopft und denkt: Wenigstens funktionieren die Navier-Stokes-Gleichungen noch. […] Apropos Strömungen: Haben Sie das Neueste von den Walen mitbekommen?
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere (mir bekannte) Rezensionen:
Bookster HRO
noberto42
Lust auf Literatur
schoepfblog
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.
