Robert Seethaler: „Die Straße“

Die Straße von Robert Seethaler. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Wie in dem Vorgängerroman Das Café ohne Namen rahmt in Die Straße eine Geschäftseröffnung die Handlung, dieses Mal statt eines Cafés ein Antiquariat, das in eine ehemalige Kohlenhandlung einzieht. Im Gegensatz jedoch zu seinem Vorgänger richtet Seethaler sein Augenmerk dieses Mal weniger auf eine Handvoll Figuren, als dass er eine ganze Straße in ihrem Murmeln, in ihren Gedanken, Ängsten, Sorgen und Hoffnungen erscheinen lässt, die Heidestraße, wohl in einer deutschsprachigen Stadt Anfang der 1980er Jahre. Etwas ähnliches hat Christoph Hein mit Guldenberg (2021) für ein Dorf in den 2000ern unternommen, wie der Klassiker Georges Perec in Das Leben Gebrauchsanweisung (1978), worin die Bewohner eines ganzen Mietshauses zu Wort kommen, ein jedes Appartement besucht und beschrieben und ein Aquarell-Puzzle zu lösen versucht wird. Die Straße bietet aber kein intellektuelles Puzzle das Hintergrundmotiv. Es lässt die Leute direkt reden, frei von der Leber weg:

Ich übertreibe, wenn ich sage, dass sie säuft wie ein Büffel und frisst wie ein Schwein? Hast du nicht gesehen, wie sie im Südstern einen ganzen Knödel auf ihre Gabel gespießt und hineingebissen hat und wie der Saft herausgequollen, über ihr Kinn gelaufen und auf ihre dottergelbe Bluse getropft ist? Natürlich hast du es gesehen, weil es ja der ganze Gastraum gesehen hat. Es konnte ja gar niemand mehr woanders hinschauen als auf diesen Knödel, der in ihrem aufgerissenen Mund verschwindet und dort zerquetscht, zermalmt und zermanscht wird, bis der braune Saft herausquillt und die Bluse und den Rock und die Tischdecke und den ganzen Abend versaut.

Robert Seethaler aus: „Die Straße“

Inhalt/Plot:

Die Heidestraße erstreckt sich über viele Nummern. Unter anderen lassen sich ein Altersheim namens Abendschein, ein Gasthof Südstern, Kneipen, eine Bäckerei und zusätzlich zum besagten, neu eröffneten Antiquariat, noch eine Statue des, wahrscheinlich fiktiven, Heiligen Jolander finden. Aufregung bietet das alljährlich stattfindende Straßenfest, bei dem es auch regelmäßig zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt:

Schau in die letzten Sonnenstrahlen, denn eh du dich zweimal umdrehst, ist der Abend da. Aus allen Richtungen strömen die Menschen herbei. Kaum noch ein Durchkommen, nirgendwo, und dort vorne gibt es auch schon Stunk. Noch nicht mal richtig dunkel und die Ersten bluten schon. Und wie sie aufeinander eindreschen! Und Nummer drei und vier sind schon dabei. Und die Polizei? Noch kaum ein Härchen im Gesicht und trägt schon Uniform. Wenigstens der Kleine, Zarte sollte sich zurückhalten – rums, zu spät! Jetzt liegt er da, rücklings auf dem Asphalt, während seine Mütze zwischen die Beine der Umstehenden rollt.

Oft wird selbst im Zusammenhang nicht klar, wer spricht. Sowohl direkte Rede, wie Gedanken, wie Beobachtungen, also das ganze Innenleben der Anwohner wird von Seethaler in Die Straße lose wie gewürfelt aneinandergereiht. Ein Jahr wird vergehen, mit allen Festen, Feiertagen und typischen Ereignissen von Eröffnung des Antiquariat bis zu seinem nur möglicherweise einjährigen Jubiläum, denn trotz aussichtsreicher Lage läuft das Geschäft mit Büchern außerordentlich schlecht, selbst zur Weihnachtszeit. Kennzeichnend für das Kompositionsprinzip, neben der strengen Chronologie der Ereignisse, reißt Seethaler stets in einem Abschnitt eine Frage an, um sie dann im nächsten oder übernächsten selbst zu beantworten – fällt bspw. ein Mann auf der Straße hin, so wird ein oder zwei Absätze später dieselbe Szene nur aus Sicht eines Nachbarn erzählt, der den Obdachlosen wiedererkennt. Seethaler spannt sein Publikum also nie wirklich auf die Folter und baut auch keine Rätsel auf, warum zum Beispiel so viele tote Tauben auf der Straße herumliegen oder Häuser anfangen zu brennen, oder wieso der Pfarrer so wirr redet oder die Floristen mit Verdacht auf Vergiftung ins Krankenhaus gebracht werden muss. Zwar wird alles verknüpft, verständlicher werden die Ereignisse dadurch jedoch nicht. Zu viel geht schief in der Heidestraße.

Früher war es ruhig in der Straße. Wo wollen die Menschen bloß hin? Da unten gehen sie, und der Regen weht ihnen in die Augen, und sie sind müde von der Arbeit und müde vom Tag und müde von den weiten Wegen, und der Wind fällt über die Dächer und zieht durch die Straße.

Über das Jahr hinweg passieren viele Gewalttaten, mehr oder wenige grauenvolle Verbrechen, Lügen, Enttäuschungen und Zerstörungen, Erbschleichereien, Drogenmissbrauch in der Kirche, Alkoholismus und mehrere Fälle von häuslicher Gewalt und Selbstmorde. Die schiere Anzahl lässt diesbezüglich auf dem geringen Umfang von Die Straße auf etwas Allegorisches schließen, etwas Ungesagtes, nur implizit Ausgedrücktes. Ein Hinweis darauf bietet die mehrfache Erwähnung des Höllenhundes Zerberus, der Töchter Lots und dem zu einen Zeitpunkt um sich greifenden Feuer, das ungewöhnlich oft in der Heidestraße ausbricht, wie eine sehr längliche, und den Erzählstil empfindlich unterbrechende, Aufzählung gegen Ende des Buches darlegt. Als dramatischen Höhepunkt erweist sich letztlich die Heiligenlegende des Jolanders, der überfallen, verurteilt und letztlich unschuldig hingerichtet wird:

Voll Zorn hieß [der Richter] die Männer, mich anstelle der Tiere zu peitschen und meinen Rücken mit eisernen Spießen zu zerfleischen. Danach ließ er mich gänzlich entkleiden und in ein Erdloch voller Dornen, Skorpione und Schlangen stecken. Nur mein Kopf blieb draußen, der brennenden Sonne, den Fliegen und den beißenden Bremsen schutzlos ausgesetzt. Meine Pein dauerte drei Tage und zwei Nächte, dann holte mich Gott zu sich.

Unschuldig in dem Ganzen scheinen nur die Tiere zu sein, die totgeschossenen Tauben, die vom Feuer traumatisierte Katze, der freundliche Hund, und so bildet sich langsam das Bild von der Heidestraße als Hölle oder Vorhölle der Ungläubigen (Heiden), die büßen und sich gegenseitig foltern und Hässliches antun müssen aus inneren, unerklärlichen Zwängen heraus. Von den sieben Todsünden zumindest sind alle vertreten: Hochmut (Selbstüberschätzung des Antiquars), Habgier (die Nichte von Insa), Wollust (die Floristin), Ira (die blutige Rache an einen Voyeur), Neid (die Nachbarn der Tante von Insa), die Völlerei (Heimleiterin) und die Trägheit (der Heimwächter).  

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Öffentliches Miteinander mit Plot: Verhängnisvolles Durcheinander

Stil/Sprache/Form:

Die Sprache Seethalers in Die Straße bleibt wie in Das Café ohne Namen schnörkellos, direkt und unumwunden, zumal hier die Menschen des Alltagsleben abgebildet werden sollen, die vermeintlich so sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und so denken, wie ihnen es ihre Lust und Laune gebietet und/oder erlaubt. Seinen blitzlichtartigen Stil radikalisiert er in Die Straße zu teilweise einem Stichwortgewitter, ohne jedwede Grammatik, Syntax oder abstrakt-semantischer Ordnung. Der Erkenntnisstrom bleibt in manchen Sequenzen so nahe an der Oberfläche, dass jedes neue Detail ihn mitreißt und einen Satz scheinbar gar nicht zustande kommen lässt. Der Stil droht dann plötzlich etwas Skizzenhaftes, ja, Unvollständiges zu bekommen.

Sitzt da wie ein Sack. Halb ausgekippt. Flecken auf dem Hemd. Schuppen in den Haaren. Und die Fingernägel schwarz. Muss wahrscheinlich alles anfassen beim Vorübergehen. Dabei kein unschönes Gesicht. Stille, braune Augen. Man möchte meinen: friedvoll. Ich könnt nicht mal mehr sagen, wie seine Stimme klingt. Dabei würde es mich schon interessieren, ob er mich manchmal anschaut. Mich richtig anschaut, meine ich, nicht bloß bemerkt.

In Die Straße herrscht ein großer Redestrom in Ich- und personaler Erzählweise vieler verschiedener Menschen, teilweise von außen, teilweise kommentiert und als erlebte Rede, als buntgemischte Assoziations- und Dialogfetzen zusammenmontiert zu einem Bild ohne Mittelpunkt. Die Form der Montage, die einer Leere, die Heidestraße selbst, umschließt den Hohlraum mit Gemurmel, denn ein Bild der Straße ergibt sich trotz aller Details nicht, kann sich, so wie Seethaler schreibt, auch gar nicht ergeben. Die Straße erscheint als Raum, umgrenzt von den Schmerzen, Sorgen und Untaten, von den Hoffnungen, Träumen und Verzweiflungen der gesamten Nachbarschaft. Die Worte rahmen in Die Straße also lediglich den Raum eines leeren Bildes, einer Stille, die eines unbewegten Beobachters.   

Der Antiquar hat seine Auslagen mit Bettlaken abgehängt, um die Bücher vor Hitze und Licht zu schützen, eine Verkäuferin wässert mit der Gießkanne den Asphalt vor der Bäckerei, und Frau Szavka räumt ihre Blumen ins grüne Dämmerlicht des Ladens zurück, während auf den Balkonen über ihr die Geranien verdorren. Auf der Terrasse im Südstern liegen die Tischtücher als blendend weiße Rechtecke in der Sonne. Im gelben Licht unter einem Schirm sitzt Dr. Aysal vor seinem Mittagsteller.

Sie erscheinen alle als Getriebene, als Geplagte, als zerrüttete Existenzen, die sich von Tag zu Tag dahinschleppen und in ihren Worten und Gedanken Sühne suchen. Vor diesem Hintergrund, in der formalen Gestaltung des fehlenden Zusammenhangs, also durch den Mangel an Fülle, die aus sich heraus Sinn und Fülle erschaffen könnte, als kreisende Bewegung einer sich selbst bestätigenden Tätigkeit, erhält Seethalers Die Straße den Charakter einer Weisung, einer Allegorie, einer Entsagung, aus dem theologisch die Verzweiflung ob eines abwesenden, sie verlassen habenden Gottes spricht:

Ich erkannte, dass die Dinge kein Geheimnis bargen. Die Dinge waren sich selbst genug. Ein Baum ist ein Baum. Ein Vogel ein Vogel. Und der Schnee fällt vom Himmel, ohne etwas anderes zu wollen, als zu fallen. So vergingen die Jahre und ich kannte weder Glück noch Unglück und mein Leben war ein Gebet.

Wenn Seethaler also im literarischen Feld des geschriebenen Wortes kommuniziert, dann mit Schriftstellern wie Emanuel Swedenborg und seiner Geisterwelt, mit Sören Kierkegaard und seiner Krankheit zum Tode oder mit Pascal und seinem berühmt-berüchtigten abwesenden Gott, dem deus absconditus.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Die Straße erinnert sehr an eine Form des Limbos, oder einer Vorhölle, in der sich die Menschen unerbittlich in ihren tiefsten Schwächen und Ängsten entblößen müssen. Emanuel Swedenborg entwickelte Mitte des 18. Jahrhunderts eine Theorie von Himmel und Hölle, die über Sprache, Licht und Schatten miteinander verwoben sind. Er beschreibt hier, wie sich die Menschen entweder zum Guten oder zum Bösen bekehren lassen, und zwar in einer sogenannten Geisterwelt, wie er in seiner Schrift De Caelo et eius Mirabilibus et de Inferno oder Der Himmel und seine Wunder (1758) ausführt:

Die Geisterwelt ist weder der Himmel noch die Hölle, vielmehr ein Mittelort oder besser: ein Zwischenzustand zwischen beiden. Dahin gelangt der Mensch nach dem Tode zuerst, um dann nach vollbrachter Zeit, je nach seinem Leben in der Welt, entweder in den Himmel erhoben oder in die Hölle geworfen zu werden. […] In der Geisterwelt befinden sich ungeheuer viele Geister, weil dort für alle der erste Sammelplatz ist, alle dort geprüft und vorbereitet werden. Die Zeit des Aufenthaltes ist nicht festgesetzt. Einige werden, kaum daß sie dort eingetroffen sind, entweder in den Himmel erhoben oder in die Hölle hinabgeworfen; einige verweilen nur etliche Wochen, andere viele Jahre […]

Emanuel Swedenborg aus: „Himmel und Hölle, Geisterwelt“

Die Gestalten in der Geisterwelt erscheinen als Menschen und benehmen sich als Menschen. Sie besitzen die Sprache und die Gedanken und die Möglichkeiten, sich zum Bösen oder zum Guten zu bekennen. Nur zwingt die Geisterwelt sie, sich gemäß ihrem inneren eigenen Wesen zu verhalten. Sie bringen ihr ganzes Gedächtnis mit sich und entblößen nach und nach ihre Missetaten. Er zählt auf wie Tagebücher vorgelesen, Verbrechen aufgezählt, wie Zeugen sprechen und die Beschuldigten alles am Ende zugeben müssen, weil sie nicht anders können:

Aufgrund dieser Beispiele dürfte klar sein, daß der Mensch sein ganzes Gedächtnis mit hinüber nimmt, und daß in der Welt nichts so gut verborgen ist, daß es nicht nach dem Tode offenbar würde, und zwar gemäß den Worten des Herrn in aller Öffentlichkeit: „Nichts ist verborgen, was nicht aufgedeckt, und nichts heimlich, was man nicht wissen werde. Darum, was ihr im Finstern gesprochen habt, das wird man im Licht hören, und was ihr ins Ohr gesagt habt, wird auf den Dächern ausgerufen werden.“ (Lukas 12, 2f.)

Emanuel Swedenborg aus: „Himmel und Hölle, Geisterwelt“

Genau von diesen Dächern pfeift es in Seethalers Die Straße, und sein Publikum könnte der Allmächtige oder die guten oder bösen Engel, also dessen Abgesandten, sein. Jedenfalls ist der Adressat, zu dem die Figuren bei Seethaler sprechen, nicht von dieser Welt und auch nicht aus der Welt der Vorhölle der Heidestraße. Mit vielen theologischen Motiven gespickt, mit Predigen, Heiligengeschichten besitzt Die Straße den eigenartigen Charakter einer Geisterseher-Schrift, einer Art Mystik, die bescheidener als bei Swedenborg, nichtsdestotrotz bestimmt und heilsversprechend auftritt, jedoch am Ende kaum noch etwas mit Literatur im erzählerischen Sinne zu tun hat. Die Straße erweist sich als humanistische Erbauungsschrift, wie Helga Schuberts Der heutige Tag, mit seinen guten, anteilnehmenden, wie problematischen Seiten, die darin bestehen, dass eine gnädige Beobachtungsposition eingenommen wird, die sich selbst in ihrer Immunität gegenüber dem Dargestellten, dies im Gegensatz zu Schubert, doch allzu gut gefällt.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Andere (mir bekannte) Rezensionen:
kultursalon
Buch-Haltung

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

2 Antworten auf „Robert Seethaler: „Die Straße““

  1. Hallo Alexander, danke für diese interessante Besprechung bzw. Interpretation. Mir hat bei „Die Straße“ im Vergleich zu anderen Seethaler-Werken (wie z.B. „Das Café ohne Namen“ oder „Ein ganzes Leben“, die ich sehr mochte) ein bisschen die Herzenswärme gefehlt bzw. das kleine Glück, das er schon oft so meisterhaft beschrieben hat. Mag aber vielleicht auch an der zerfaserten, kaleidoskopartigen Erzählweise bzw. am „Stichwortgewitter“, wie Du es bezeichnest, gelegen haben. Herzliche Sommergrüße! Barbara

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Liebe Barbara, Danke für dein Vorbeischauen. Ja, da fehlte absolut das Herz, ich habe das versucht zu interpretieren, da er im Grunde ein Negativbeispiel kreiert, um indirekt zu zeigen, wie es besser geht. Cafe ohne Namen hat mich sehr gerührt, dazumal, hier war es wirklich sehr abstrakt und allegorisch. Herzliche Sommergrüße zurück, Alexander,

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