Christian Kracht: „Air“

Dass eine Parallelwelt in einer erzählten Welt auftaucht, gehört zu den üblichen Weisen in der Literatur, Allegorien zu schaffen oder symbolische Vermittlungsversuche zu bewerkstelligen. Mark Twains Ein Yankee aus Conneticut an König Artus‘ Hof verarbeitet bspw. die Konfrontation von der Moderne mit dem Mittelalter, wenn er einen US-amerikanischen Vorarbeiter und Ingenieur einer Waffenfabrik in Hartford, Conneticut, die gesellschaftlichen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert dem 6. Jahrhundert überstülpt. Ein anderes Beispiel wäre Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz, in der die Konfrontation mit der Sterblichkeit durch den Tod in einer Parallelwelt vollzogen wird. Christian Krachts neuer Roman Air betreibt ein ähnliches Zwei-Welten-Unterfangen und bezieht sich explizit auf Lindgrens Roman:

Dort war schon das steinerne, weiß getünchte Haus mit dem Grasdach, die alte rote Telefonzelle daneben, die zur Gratisbuchhandlung umfunktioniert worden war – man nahm sich ein Buch, und wenn man Zeit hatte, stellte man ein anderes wieder hinein. Es war meistens nur Schund, dennoch hatte [Paul] neulich Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren gefunden, eine schöne englische Erstausgabe, und sie mitgenommen, aber kein neues wieder nachgefüllt, und er fühlte deshalb eine unbestimmte Schuld.
Christian Kracht aus: „Air“

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Christian Kracht: „Eurotrash“

Ein Buch für niemandem und keinen. (Spiegel Belletristik-Bestseller 11/2021)

Folgt man den Ausführungen Francois Lyotard in „Das postmoderne Wissen“ befinden wir uns in einer Zeit nach dem Ende großer Erzählungen, d.h. in der nur noch sich selbst transparente, oder untote Erzählungen hin und her geistern, kleine Erzählungen voller verwobener und irrelevant gewordener Details existieren können. Mischt man dazu noch Walter Benjamins „Erfahrung und Armut“ in die These, würzt sie mit der Schweiz, dem Nationalsozialismus, Demenz und Familienproblematik, sexuellen Missbrauch und Sadomasochismus, und garniert dieses Gebräu mit Anekdoten aus dem Spiegel-Magazin der letzten sieben Jahrzehnte, so erhält man, schüttelt und rüttelt man nur genug, den neuen Roman von Christian Kracht: „Eurotrash“, der auch von einer künstlichen Intelligenz geschrieben werden hätte können [siehe hierfür Daniel Kehlmann: „Mein Algorithmus und ich“].

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