Elke Engelhardt: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“

Elke Engelhardt: "Sansibar"
… von einer Lyrik des sanften Zwischenklanges.

Der Gedichtband Sansibar von Elke Engelhardt tastet die Welt im Unmerklichen ab. Sein lyrisches Ich ist nicht laut. Es ist leise. Es macht nicht aufmerksam auf sich. Es bleibt in sich, ruhend. Sein Name „Sansibar“ spielt mit der Ferne, dem Fremden, die verheißungsvollen Weiten irgendwo im Indischen Ozean, an der Ostküste Afrikas, auf einer kleinen Insel unter sternenvoller Nacht. Doch der Titel und der Klang der Gedichte nehmen das Versprechen zurück. Sie sind gebrochen. Sie führen übers Weite ins Nahe, gebogen, zu sich zurück. Nicht die Weite, das Nahe verdichtet sich in den Gedichten, tritt aus dem Trott hinaus in die Welt:

Die Verlassenheit in den Zügen
Die leeren Blicke in den Straßen
Du trittst aus der Tür
in eine verlorene Landschaft
mit einer Haltung aus Kleingeld
nach dem sich niemand bückt

Elke Engelhardt aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“
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Kalenderwoche 22: Lesebericht.

Die Woche stand im Zeichen von Arbeit (Überstunden) und vielen langen Tellkamp-Lektüren. Erst gegen Wochenende dünnten sich die engbedruckten, rhapsodischen Sätze von Der Schlaf in den Uhren aus und wurden von Elke Engelhardts Sansibar unterbrochen, das den etwas monumentalen Ton Tellkamps konterkarierte. Als Erholung und zusätzliches Gegenprogramm las ich dann etwas über die Wiener Neopositivisten, deren Verstocktheit und Sprachferne stets komödiantische Züge erhält, und Ingeborg Bachmanns Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, in der im Gegensatz dazu die Wörter wieder zu tanzen begannen. Auf diese Weise entfloh ich erfolgreich meinem von Tellkamp zurecht oder unrecht zubetonierten Gemüt. Emile Cioran half mit seinen Notizen 1957-1972 zudem:

Die Weitschweifigkeit von Kierkegaard. Deutliches Gefühl, dass er von einem manchmal (für den Leser) unerträglichen Schwall von Worten überschwemmt wird. Aber das alles wird durch das Pathos gerettet. Die Weitschweifigkeit ist die größte … intellektuelle Sünde. Selbst Platon macht keine Ausnahme. Man kann ihr nur durch eine Abneigung gegen die Worte, oder besser noch, durch Faulheit begegnen.

Emile Cioran aus: „Notizen“ (16. Oktober 1966)
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