Kalenderwoche 22: Lesebericht.

Die Woche stand im Zeichen von Arbeit (Überstunden) und vielen langen Tellkamp-Lektüren. Erst gegen Wochenende dünnten sich die engbedruckten, rhapsodischen Sätze von Der Schlaf in den Uhren aus und wurden von Elke Engelhardts Sansibar unterbrochen, das den etwas monumentalen Ton Tellkamps konterkarierte. Als Erholung und zusätzliches Gegenprogramm las ich dann etwas über die Wiener Neopositivisten, deren Verstocktheit und Sprachferne stets komödiantische Züge erhält, und Ingeborg Bachmanns Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, in der im Gegensatz dazu die Wörter wieder zu tanzen begannen. Auf diese Weise entfloh ich erfolgreich meinem von Tellkamp zurecht oder unrecht zubetonierten Gemüt. Emile Cioran half mit seinen Notizen 1957-1972 zudem:

Die Weitschweifigkeit von Kierkegaard. Deutliches Gefühl, dass er von einem manchmal (für den Leser) unerträglichen Schwall von Worten überschwemmt wird. Aber das alles wird durch das Pathos gerettet. Die Weitschweifigkeit ist die größte … intellektuelle Sünde. Selbst Platon macht keine Ausnahme. Man kann ihr nur durch eine Abneigung gegen die Worte, oder besser noch, durch Faulheit begegnen.

Emile Cioran aus: „Notizen“ (16. Oktober 1966)

Nun wieder zu meinen Kategorien: „Gekauft“, „An- und Weitergelesen“, und „Gelesen“. Ich füge nun auch die Kategorie „Zu schreiben“ an, um mich zu erinnern, welche Leseberichte noch ausstehen.

Gekauft:

Tamar Tandaschwili: Löwenzahnwirbelsturm in Orange – ich habe lange auf das Buch gewartet, auf das ich durch Posts auf literaturleuchten und Seiten-Hinweis aufmerksam geworden bin. Es gab wohl mehrere Monate einen Druckengpass oder so. Beim Durchblättern auf folgendes Zitat gestoßen:

Die Sterne erlöschen einer nach dem anderen. Zuerst gehen die am Rande funkelnden Sterne aus. Danach verdunkelt sich der Himmel stückweise, symmetrisch von rechts nach links. Zum Schluss kommt der Saturngürtel ins Wanken, entgleist und verfehlt nur knapp den Erdplaneten. Eine furchterregende Stille breitet sich aus.

Tamar Tandaschwili aus: „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“

Ich weiß noch nicht, wie ich den Roman finden werde – ich habe ihn aus Interesse an Georgien und an die literarische Bewältigung dortiger Verhältnisse gekauft.

Ágota Kristóf: Der Beweis und Die dritte Lüge – der zweite und dritte Teil der Trilogie, die mit Das große Heft beginnt. Ich habe die Leseeindrücke vom ersten Teil hier beschrieben. Die Großmutter hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, insbesondere wie sie unverdrossen mit der Schubkarre umging. Ich finde bereits viele Anknüpfungspunkte, wie diesen:

Ein anderer Traum ist der Traum von der einsamen Insel. Das Kind spielt dort mit seiner Schubkarre. Es füllt sie mit Sand, es schiebt den Sand woanders hin, leert die Karre, geht weiter weg, füllt die Karre wieder, leert sie wieder, und so weiter, eine ganze Weile, und plötzlich ist es dunkel, ist es kalt, es ist niemand da, nirgends, nur die Sterne glänzen in ihrer unendlichen Einsamkeit.

Ágota Kristóf aus: „Der Beweis“

Ich werde einen passenden Moment finden müssen, mit rundherum viel Ruhe, um mich in die Bücher vertiefen zu können.

Elke Engelhardt: Sansibar – oder andere gebrochene Versprechen – einige Seiten bereits gelesen. Die zurückhaltenden Sentenzen klingen nach, ohne sich aufzudrängen.

Was ist
wenn sie dir deinen Wortschatz zusammenstreichen
fragt Sansibar
Wenn du Worte findest
Aber nichts zu sagen
Wenn du sprichst ohne zu meinen

Elke Engelhardt aus: „Sansibar“

Ich musste es aber weglegen, um zwischen Tellkamps Fabian Hoffmann und Sansibar genügend Freiraum zu schaffen. Auf einer Wellenlänge befinden sie sich nämlich nicht wirklich. Mehr zu dem Buch auf dem Blog muetzenfalterin.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste:

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Die Toten von Fleat House – Lucinda Riley
  2. Milde Gaben – Donna Leon
  3. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  4. Affenhitze – Volker Klüpfel, Michael Kobr
  5. Tête-à-Tête – Martin Walker
  6. Morgen kann kommen – Kürthy, Ildikó von Wunderlich
  7. Schreib oder stirb – Sebastian Fitzek Micky Beisenherz
  8. Der Geschichtenbäcker – Carsten Henn
  9. Dann lassen wir eben die Heizdecke weg! – Renate Bergmann
  10. Lonely Heart – Mona Kasten
  11. Der Papierpalast – Miranda Cowley Heller
  12. City on Fire – Don Winslow
  13. Der Schlaf in den Uhren – Uwe Tellkamp
  14. Der Buchspazierer – Carsten Henn
  15. Der Markisenmann – Jan Weiler
  16. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  17. Was im Verborgenen ruht – Elizabeth George
  18. Man vergisst nicht, wie man schwimmt – Christian Huber
  19. Der Verdächtige – John Grisham
  20. Die Enkelin – Bernhard Schlink

Keine Zeit gehabt, mich mit etwas anderem als Tellkamp zu beschäftigen, und Der Markisenmann wartet noch auf einen Lesebericht.

Gelesen:

Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren – die sowohl inhaltliche wie formale Analyse finden sich hier und hier. Den interpretativen dritten Teil werde ich aus Zeitgründen nicht schreiben. Vielleicht, wenn ich Der Turm doch noch lese, der noch immer, etwas gewichtig, beleidigt in meinem Regal herumsteht.

Ingeborg Bachmann: Ludwig Wittgenstein und Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar – es gibt noch vieles, was ich von ihr nicht gelesen habe oder wieder lesen möchte. Als Beginn meiner Bachmann-Wiederentdeckung las ich im Band 4 ihrer Werke (Serie Piper) herum, nachdem ich mitbekommen habe, dass ein paar Neuausgaben in Vorbereitung sind, beispielsweise ihre Dissertation über Martin Heidegger. Bachmann lesen heißt für mich immer Mut schöpfen:

Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen. Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zuwege bringen: dass uns, in diesem Sinne, die Augen aufgehen.

Ingeborg Bachmann aus: „Der Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“

So richtig ist mir das bei Tellkamps Der Schlaf in den Uhren nicht geglückt. Ob die Augen aufgehen, liegt ja auch daran, wie und auf welche Weise gelesen wird. Emile Cioran bemerkte daraufhin:

Der fieberhafte Leser ist immer ein schlechter Richter. Aber der fieberhafte Autor ist nicht notwendigerweise ein schlechter Schriftsteller.

Emile Cioran aus: „Notizen“ (16. Juli 1968)

Vielleicht ist aber auch ein ruhiger Leser von einem fieberhaften Autor ein schlechter Richter – was dann das Richten als Tätigkeit selbst ziemlich in Frage stellt. Ich habe dann Ingeborg Bachmanns Poetik-Vorlesungen begonnen, über die ich in meiner Reihe Interpretationsmodelle bald berichten werde. Bisher geschrieben sind Theodor W. Adornos Skoteinos und Jacques Derridas Gesetzeskraft.

Moritz Schlick: Sind die Naturgesetze Konvention – eher eine enttäuschende, vor sich hin plätschernde Lektüre:

Dass das Gewand [das Wort für eine Sache] rein konventionell ist, ist zwar eine triviale Einsicht, denn niemand zweifelt wohl daran, dass ein Symbol seine Bedeutung immer erst durch eine Festsetzung bekommen kann; es ist aber doch eine wichtige Einsicht, gerade weil sie uns veranlasst, uns auf den Unterschied zwischen Wesen und Gewand, zwischen Kern und Schale recht sorgfältig zu besinnen: eine echt philosophische Arbeit.   

Moritz Schlick aus: „Sind die Naturgesetze Konventionen?“

Der Witz besteht nun darin, dass Schlick den Kern dann nicht benennt und statt dessen auf anderen Autoren herumhackt wie beispielsweise Arthur S. Eddington, der experimentell die Lichtablenkungstheorie von Albert Einstein bestätigt hat, und dennoch, als Experimentator, in seinem bescheidenen Buch Raum, Zeit und Schwere folgende Sätze schreibt:

Und überdies haben wir gesehen, dass da, wo die Wissenschaft am weitesten vorgedrungen ist, der Geist aus der Natur nur wieder zurückgewonnen hat, was der Geist in die Natur hineingelegt hat. Wir haben an den Gestaden des Unbekannten eine sonderbare Fußspur entdeckt. Wir haben tiefgründige Theorien, eine nach der andern, ersonnen, um ihren Ursprung aufzuklären. Schließlich ist es uns gelungen, das Wesen zu rekonstruieren, von dem die Fußspur herrührt. Und siehe! Es ist unsere eigene.

Arthur S. Eddington aus: „Raum, Zeit und Schwere“

Schlick jedoch fürchtet nichts so sehr, wie seinen eigenen Setzungen auf die Schliche zu kommen und postuliert lieber Unmöglichkeitssätze, die den Kern umgrenzen, aber niemals treffen. Er redet um den heißen Brei, ohne einmal zu sagen, was für ihn „Naturgesetze“ sind. Ein etwas irritierender Vortrag. Das Projekt „Schlick“ ist erst einmal wieder auf Eis gelegt, obwohl eine historisch-kritische Gesamtausgabe seiner Schriften gemeinfrei ist [Band 1, 2, 3, 5 und 6]. Es ähnelt zu sehr dem schiefwinkligen Versuch Erwin Schrödingers Begriff vom Leben zu verstehen, nachzulesen hier.

Zu schreiben:

Nur den Lesebericht verfasst, der dazu kam. Also keine Veränderung.

Sibylle Berg: RCE
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter
Hari Kunzru: Red Pill
Jan Weiler: Der Markisenmann.

Ich wünsche allen eine schöne und sonnige Woche!

4 Antworten auf „Kalenderwoche 22: Lesebericht.“

  1. Für noch mehr Einblick in die Georgische Geschichte und Gesellschaft, die mir zur Zeit mit teilweise mafiösen und frauenfeindlichen Zuständen die Lektüre sehr schwer macht: Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht. Hat allerdings über 800 Seiten.

    1. Ja, das ist auch ganz oben auf meiner Leseliste. Stimmt! Deine Besprechung dazu habe ich noch gut im Kopf. Ich war eine Woche in Tiflis und Umgebung. Das war eine eigenartige Zwischenwelterfahrung. Danke fürs Erinnern!

  2. Ich lese weiterhin Besprechungen von Tellkamps Roman und es kommt mir so vor, als ob verschiedene Suchscheinwerfer über eine zerklüftete Gegend huschen, so dass mir mal diese, mal jene Formation ins Auge springt, dazwischen Schwärze. Betreten möchte ich diese Gegend – also das politische Deutschland – eigentlich nicht mehr.

    1. Ich habe mir auch Besprechungen angeschaut, aber literarisch ergibt sich da für mich nicht sehr viel, in Sachen Stil, Formexperiment, Vergleiche zu anderen Romankonzeptionen. Ich habe das Gefühl, dass es nur darum geht, streitbar oder nicht streitbar zu sein. Ich stimme dir zu. Das Bild passt. Es gibt aber auch hier und da literarischen Glanz am Ende des dunstigen Tunnels, aber man muss nach ihm suchen, sich durchwühlen danach graben. Falls du eine gute Besprechung findest, würde mich ein Link interessieren. Vielen Dank!

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