Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (i: Inhalt)

Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe.

Wilhelm Meisters Lehrjahre gilt als einer der einflussreichsten deutschsprachigen Romane überhaupt. Viele andere bekannte Romane, Albert Stifters Nachsommer, Gottfried Kellers Der grüne Heinrich, Thomas Manns Die Buddenbrooks oder Hermann Hesses Das Glasperlenspiel beziehen sich explizit oder motivisch-implizit auf den paradigmatischen Bildungsroman Goethes, in dessen Zentrum ein junger Kaufmannssohn steht, der sich von seinem Zuhause, vom drögen Handelskontor zu emanzipieren sucht. Hierfür dient ihm das Theater:

Nun leugne ich dir [Werner] nicht, daß mein Trieb täglich unüberwindlicher wird, eine öffentliche Person zu sein und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kömmt meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung steht, und das Bedürfnis, meinen Geist und Geschmack auszubilden, damit ich nach und nach auch bei dem Genuß, den ich nicht entbehren kann, nur das Gute wirklich für gut, und das Schöne für schön halte. Du siehst wohl, daß das alles für mich nur auf dem Theater zu finden ist und daß ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch rühren und ausbilden kann.
Johann Wolfgang Goethe aus: „Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Salman Rushdie: „Die elfte Stunde“

Die elfte Stunde von Salman Rushdie
Die elfte Stunde von Salman Rushdie. Spiegel Belletristik Bestseller 2025.

Salman Rushdies Erzählstil wird gemeinhin zum magischen Realismus gerechnet. Dieser zeichnet sich durch eine harte Sehschärfe auf das Alltägliche aus, das eigenartig geheimnisvoll gebrochen mit Elementen des Traumes, des Unbewussten und/oder Phantastischen versetzt wird, ohne die homogen-stabile Erzählweise jedoch zu unterbrechen. Die beschriebenen Figuren erleben in diesem Sinne Wunder und Absurditäten als Elemente des Normalen. Andere bekannte Titel aus diesem Genre lauten Wir sehen uns im August (Gabriel García Márquez ) oder Hundert Jahre Einsamkeit, Die Blechtrommel (Günter Grass) oder Die Wand (Marlen Haushofer). Die Erzählungen in Die elfte Stunde unterstützen diese Sichtweise. Rushdie durchbricht in jedem der fünf Erzählungen die Normalität mit abstrusen, unheimlichen Vorkommnissen:

Als er merkte, dass er wahrgenommen wurde, schien er überrascht – ja, das auf jeden Fall –, wirkte aber auch liebenswert und freundlich. [Die indische Studentin] setzte sich zu ihm an die andere Seite des kleinen Tisches, konnte jedoch nichts sagen. Der Geist sagte auch nichts. Ihre Wortlosigkeit fand sie allerdings weder beängstigend noch unbehaglich. Eigentlich, erzählte sie später, sei es mit ihm sogar sehr angenehm gewesen. »Ich dachte, es – er – hat sich gefreut, gesehen zu werden«, sagte sie. »Er wirkte erleichtert.«
Salman Rushdie aus: „Die elfte Stunde“

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Thomas Pynchon: „Schattennummer“

Schattennummer von Thomas Pynchon
Schattennummer von Thomas Pynchon. SWR-Bestenliste 11/2025.

Schattennummer (2025) heißt der neueste Roman von Thomas Pynchon, dessen erster Roman V. 1963 erschien und dessen Hauptwerk 1973, Die Enden der Parabel, von Elfriede Jelinek übersetzt worden ist, und der für seine postmoderne Schreib- und Erzählweise bislang viel Lob und Kritik im Laufe seiner zehn erschienenen Romane geerntet hat. Pynchons Romane zeichnen sich durch äußerste ausgedehnte erzählerische Freiheit aus, die mittels jeden Rahmen sprengende Assoziationsform die Digression als ästhetisches Moment zu etablieren sucht. Bevorzugt siedelt er sie im Bereich der hardboiled Szene an, nüchterne, zwischen Legalität und Kriminalität in Großstädten hin und her changierende, Spionage- und Agenten- und Doppelagenten-Existenzen. In diesem Fall heißt die Hauptfigur Hicks McTaggart, Prügler des Kapitals, der nach friedlicheren Beschäftigungsfeldern sucht und in eine dubiose korrupte Zwischenwelt gerät:

Später wird Hicks bewusst, dass er tatsächlich wütend genug war, um diesen vieräugigen Störenfried auszulöschen und da liegenzulassen, wo er eben gerade fiel, ein weiteres unglückliches Opfer einer gescheiterten Beziehung zwischen Tarifpartnern. Der blasse Fleck seines Gesichts, dessen Blick nach oben gerichtet ist, wo der bleigefüllte Biberschwanz – aus MPD [Milwaukee Police Department]-Beständen, wenn auch genau genommen nicht legal – jetzt sein müsste … nur dass Hicks ihn in diesem Augenblick seltsamerweise irgendwie nicht hat, trotzdem aber fortfährt, blindlings mit der Rückhand dorthin zu schlagen, wo er den Kopf des anderen zuletzt zu sehen geglaubt hat, jedoch nichts trifft, offenbar weil der Totschläger, den er eben noch in der Hand zu halten meinte, nicht mehr da ist. Der Schwung reißt ihn mit, er verliert das Gleichgewicht, taumelt, fällt beinah hin … und bis er wieder normal ist, hat sich etwas auf geheimnisvolle Weise verändert.
Thomas Pynchon aus: „Schattennummer“

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Ferdinand von Schirach: „Der stille Freund“

Der stille Freund von Ferdinand von Schirach.
Der stille Freund von Ferdinand von Schirach. Spiegel Belletristik Bestseller 2025.

Der stille Freund von Ferdinand von Schirach setzt sein Erfolgskonzept aus Kaffee und Zigaretten und Nachmittage fort, in Miniaturen und Aperçus die Gegenwart zu bereisen und literarisch zu beforschen, und zwar aus einem etwas unbeteiligten, distanzierten Blick heraus. Schirach schreibt klar in der Traditionslinie eines Hermann Graf Keyserling, der mit seinem Das Reisetagebuch eines Philosophen in den 1920ern Jahren einen großen Erfolg erzielte und nahezu das deutsche Paradigma des weltoffenen, geist-aristokratischen Feuilletonisten darstellt, und in Botho Strauß, Martin Mosebach und Martin Suter ähnlich gelagerte Nachfolger gefunden hat. Ferdinand von Schirach gehört zu diesen. Seine Anekdoten spielen durchweg im wohlhabenden, wohlsituierten Milieu:

Vor acht Jahren wollte Massimo von seiner Farm in Namibia mit der Propellermaschine in die Hauptstadt fliegen. Es war eine alte Cessna 172. Wir sind oft mit dieser Maschine geflogen, das sind gutmütige kleine Flugzeuge, solide und robust, sie brauchen nur kurze Landebahnen, und mit ein bisschen Pflege tun sie Jahrzehnte ihren Dienst. Massimo flog damit alle zwei Wochen nach Windhuk, um Einkäufe zu erledigen und Freunde zu besuchen. Das war angenehmer, als sechs Stunden in dem furchtbar unbequemen Toyota zu sitzen.
Als das Flugzeug abhob, stieg ein Schwarm Webervögel auf. Dagegen ist auch der beste Pilot machtlos. 

Ferdinand von Schirach aus: „Ein stiller Freund“

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Katerina Poladjan: „Goldstrand“

Goldstrand von Katerina Poladjan.
Goldstrand von Katerina Poladjan. SWR Bestenliste 2025.

Goldstrand bearbeitet, wie schon Zukunftsmusik zuvor, das abrupte Ende einer Welt. Findet Zukunftsmusik in der Sowjetunion der 1980er Jahre statt, kurz vor der Ära Michail Gorbatschows, so siedelt Poladjan Goldstrand in Italien, im Rom der 2020er an. Ein Filmregisseur namens Elia Fontana, sechzig Jahre alt, unterzieht sich einer Therapie, die ihn aus einer Apathie und Ambivalenz loslösen soll, in die er kontinuierlich mehr hineingeraten ist. Poladjan verdichtet in dieser Figur den Ost-West-Konflikt, indem er Elia als Sohn einer kurzen Affäre zwischen einer italienischen Kommunistin und einem bulgarischen Architekten in den 1960ern hervorgehen lässt. Zerrieben zwischen diesen Polen sucht Elia ein neues Gleichgewicht:

Nein. Was ist bloß los mit ihm? Warum hat er keine Ideen mehr? Es wird mit einem Krieg beginnen. Nein. Es wird mit einer Kröte beginnen. Eine Kröte, die auf dem Weg hockt und sich nicht bewegt. So wie die warzigen Erdkröten in seinem Garten, die bei Berührungen mit der Fußspitze erstarren und sich nicht vom Fleck rühren.
Katerina Poladjan aus: „Goldstrand“

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Nelio Biedermann: „Lázár“

Lázár von Nelio Biedermann. Schweizer Buchpreis 2025 (nominiert).

Als Chronik eines Niedergangs bearbeitet Nelio Biedermanns Roman Lázár den Stoff von Thomas Manns Die Buddenbrooks oder Gabriel Marcia Marquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit. Spielt das eine in Norddeutschland, in Lübeck, verfolgt das andere in einem fiktiven südamerikanischen Land das langsame Dahinscheiden der Familie Buendía. Biedermann siedelt seinen Roman im frühen zwanzigsten Jahrhundert in Ungarn an und beschreibt chronologisch, wie die Familie Lázár in Krieg und Inflation um ihren Besitz und Adelsstatus kämpft und beides unweigerlich im Zuge der Sowjetisierung nach 1945 verliert. Als Familienchronik setzt Biedermann in seiner rhapsodischen Erzählform trotz Verwandtschaft mit Mann und Marquez dennoch eher Romane wie Christoph Heins Das Narrenschiff fort, die große Zeitspannen nur stichwort- und blitzlichtartig aufsummieren:

Die Jahre kamen und gingen, zogen wie die Roma mit ihren Pferden und Zirkuswagen durch das Habsburgerreich, durch die im Donausumpf versinkende Monarchie. Und auf ihrem Weg durch dieses alte Reich, das von einem ebenso alten Kaiser regiert wurde, auf ihrer spiralförmigen Reise durch die Felder und Wälder und Städte, hinab zu den zukünftigen Knochen, hinein in die blutroten Tiefen dieses jungen Jahrhunderts, mieden die umherstreifenden Jahre auch das Schloss der Familie von Lázár nicht. Die Kinder wurden älter, Mária einsamer und Sándor distanzierter. 
Nelio Biedermann aus: „Lázár“

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Caroline Wahl: „Die Assistentin“

Die Assistentin von Caroline Wahl.
Die Assistentin von Caroline Wahl. Spiegel Belletristik-Bestseller 2025.

Einer der erfolgreichsten Genres auf dem Literaturmarkt heißt Young Adult Fiction, und Caroline Wahl gehört mit ihren beiden ersten Romanen 22 Bahnen und Windstärke 17 zu den Erfolgreichsten in ihrem Genre. Mit ihrem neuestem Roman Die Assistentin hat sie einigermaßen Gegenwind erfahren, landete aber dennoch auf verschiedensten Bestsellerlisten. In diesem Roman bleibt sie bei der Young Adult Fiction und nähert sich dem problematischen Beschäftigungsverhältnissen im Kunst- und Kulturbetrieb, der im Rahmen von MeToo-Bewegungen in letzter Zeit auch literarisch unter die Lupe genommen worden ist, wie bspw. von Benjamin von Stuckrad-Barre in Noch wach? oder von Antje Rávik Strubel Blaue Frau. Ähnlich gelagert schließen auch Nell Zink in Sister Europe und Aria Aber in Good Girl an, die drastisch die teilweise äußerst informell-zwanghaft physisch-psychisch werdenden Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Kunstschaffenden und diese jeweils Kuratierenden beschreiben. Caroline Wahls ‚good girl‘ heißt nun Charlotte, und sie beginnt ihre Verlagskarriere bei einem angesagten Münchener Verlag und einem berühmt-berüchtigten Verleger und Alleskönner:

Ugo Maise veröffentlichte derweil seinen Roman, wurde zwei Jahre später Chefredakteur von diesem Literaturmagazin, gründete eine Werbeagentur, investierte in mehrere Start-ups, bis er dann den Verlag kaufte, fast sieben Jahre war das nun her. Und jetzt saß sie hier, um im besten Fall die Assistentin dieses Mannes zu werden. Vielleicht hatte doch alles so seine Richtigkeit, wie es gekommen war. Kurz vor dem Gespräch beendete Charlotte die Recherche, zog sich ihre Glücksbluse an, glättete ihre Haare, trug ein wenig Wimperntusche auf und saß dann nervös vor ihrem Rechner und wartete.
Caroline Wahl aus: „Die Assistentin“

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László Krasznahorkai: „Der Gefangene von Urga“

Der Gefangene von Urga by László Krasznahorkai. Literaturnobelpreis 2025.

Die alte Redewendung – wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen – stammt von Matthias Claudius aus seinem 1786 erschienenen Gedicht Urians Reise um die Welt. In diesem Gedicht wird der Globetrotter Urian beschrieben, der über Grönland hin zum amerikanischen Kontinent nach Asien und Afrika reist. László Krasznahorkai, der Literaturnobelpreisträger 2025, beschränkt seinen Ich-Erzähler auf den eurasischen Raum, genauer auf die weite Spanne zwischen Ungarn, der Mongolei und China. Der Gefangene von Urga (1993) setzt sich in die Tradition der Reiseromane mit Ich-Betrachtungen zwischen erfahrener Fremdheit und ersehnter Nähe. Durch seinen Stoff kommuniziert Krasznahorkai hier intensiv mit Cees Nootebooms Reisebüchern wie Im Frühling der Tau, in welchem der Niederländer seine östlichen Reisen beschreibt. Kraznahorkai jedoch webt seine Berichte fiktionalisierter zusammen, weniger tagebuchartig:

Denn durch die Gobi zu reisen, denn die Wüste in russischen Waggons Richtung Beijing zu durchqueren, denn an einem Herbsttag mit der Durchschnittsgeschwindigkeit der russischen Züge sich aus dem Bogd-Gebirge bis zur mongolisch-chinesischen Grenze in die leblose Leere der Wüste Gobi zu wagen, das bedeutete, in sie einzugehen, es bedeutete, spurlos zu werden, sich für verschwunden zu erklären, sich vorübergehend aus dem irdischen Dasein zu verflüchtigen; unter solchen Umständen nämlich behauptete diese Wüste – eine mehrtausendjährige, paradiesische Metapher des märchenhaften Entkommens zerstörend –, dass die Ewigkeit zwar Wirklichkeit ist, für uns aber eine albtraumhaft abschreckende Wirklichkeit, dass die Ewigkeit zwar die Provinz der Götter ist, diese Götter aber starr, unnahbar, kalt und höllisch sind, dass die Ewigkeit nichts anderes ist als bis zum Wahnsinn erhitzte vollkommene und schicksalhafte Symmetrie, dass die Ewigkeit nichts anderes ist als die ideale, unzerrüttbare Perfektion der Wiederholung.
László Krasznahorkai aus: „Der Gefangene von Urga“

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Kaleb Erdmann: „Die Ausweichschule“

Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann.
Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

Auf der diesjährigen Shortlist des Buchpreises des Börsenvereins des deutschen Buchhandels befindet sich ein Zwillingspaar, aber je mit verschiedenem Vorzeichen. Dorothee Elmigers Roman Die Holländerinnen und Kaleb Erdmanns Die Ausweichschule behandeln beide Morde. Beide wählen eine Hauptfigur, die schreibt und der das Schreiben zunehmend schwerfällt, bis unmöglich wird. Um die Koinzidenz bis zur Unwahrscheinlichkeit zu treiben, haben beide Figuren noch in Frankfurt am Main ihren Wohnsitz und werden jeweils durch einen Dramatiker zu ihrem Schreibprojekt getrieben. Als Setting wählen beide das für die Literatur sehr typische Topos des misslingenden, zum Scheitern verurteilten Schreibens, wie es bspw. Hermann Hesse in Die Morgenlandfahrer oder Christa Wolf in Voraussetzungen einer Erzählung kompakt intellektuell durchgespielt haben. In Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann handelt es sich um einen jungen Autoren, der nach seinem Debüt mit dem Stoff seines Zweitlings kämpft:

Seitdem ist es still geworden. Im Grunde warte ich, dass etwas passiert. Ich schreibe hin und wieder Pointen für ein großes, profilloses Satire-Fernsehformat und mache Lektorate für einen großen, profillosen Sprachdienstleister. Im Wesentlichen warte ich und komme mir zunehmend profillos vor. Gestern hat mich meine Agentin angerufen.
Denkst du eigentlich an einen zweiten Roman?, hat sie gefragt.
Ich denke ständig an einen zweiten Roman, habe ich geantwortet.
Und schreibst du ihn auch?, hat sie nachgebohrt.
Ich denke ernsthaft ans Anfangen, bin ich ausgewichen.
Kaleb Erdmann aus: „Die Ausweichschule“

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Thomas Melle: „Haus zur Sonne“

Haus zur Sonne von Thomas Melle.
Haus zur Sonne von Thomas Melle. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

Sanatorien üben scheinbar ob der Exklusivität und Zurückgezogenheit, der Ähnlichkeit zu einer Klausur, auf die Literaturwelt eine besondere Faszination aus. Immer wieder kehrt dieser Topos von Thomas Manns Der Zauberberg zurück: in der US-amerikanischen Literatur bspw. in Sylvia Plaths Die Glasglocke oder in Ken Keseys Einer flog übers Kuckucksnest; in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dagegen in Dieter Fortes Auf der anderen Seite der Welt oder ganz neu in Rhea Krčmářovás Monstrosa oder Heinz Strunks Zauberberg 2. International hat die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk mit Empusion kürzlich das Thema bearbeitet. Nach seinem Erfolgsroman Die Welt im Rücken (2016), der bereits auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, kehrt Melle zu dem Thema bipolare Erkrankung in Haus zur Sonne zurück. In dem neuen Roman will der von seiner Bipolarität ausgelaugte Ich-Erzähler vorzeitig aus dem Leben scheiden und findet vom besagten Haus ein vielversprechendes Prospekt:

Verarschung, Verarschung, Verarschung, so sortierte ich einen [Flyer] nach dem anderen aus […] und die größte Verarschung war schließlich, so schien es, der letzte Flyer. »So nicht weiter?«, stand da in fetten Lettern, und darunter gleich: »Wir machen es anders! [..] Das Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung […] Auf unserem Wellness-Gelände können Sie in aller Abgelegenheit Ihre Lebensträume verwirklichen. Gefragt sind lediglich Sie als Person, mit allem, was Sie mitbringen – und mit allem, was Sie hinter sich lassen wollen. Sprechen Sie einfach Ihren Fallmanager an.«
Thomas Melle aus: „Haus zur Sonne“

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