Wolf Haas: „Eigentum“

In letzter Zeit steht in den Buchregalen die Mutter in Sachen Vergangenheitsaufarbeitung im Vordergrund, sei’s in Sylvie Schenks Maman, um deren Seitensprunggeheimnis zu lüften; in Alois Hotschnigs Der Silberfuchs meiner Mutter die eigene Herkunft zu erforschen oder in Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter, die unberechtigten Vorurteile ihr gegenüber abzubauen. Uneingeschränkte Liebeserklärungen fallen jedoch eher seltener aus, obzwar bei Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen und Tatjana Gromačas Die göttlichen Kindchen das positive Gefühl, die Dankbarkeit überwiegen, schwingen auch kritische Bezüge und Stellungnahmen mit. Wolf Haas, bekannt zumeist durch seine Brenner-Krimis, legt nun mit Eigentum ein Text des Abschieds vor, bei dem der positive Unterton durchweg dominiert:

Weil sie so gescheit war, durfte meine Mutter in die Hauptschule gehen. Und weil sie die Hauptschule gemacht hat, durfte sie einen Servierkurs machen. Und weil der Servierkurs in einem anderen Bundesland war, hat sie die erste Zugfahrt ihres Lebens gemacht. Da war nichts dabei. Ich hab ja gewusst, wo ich einsteigen muss. Meine Tante hat mir das Geld für den Zug gegeben. Die Anna, weißt, die Schwester von meiner Mami. Hat das Geld zusammengekratzt für mich, dass ich mitn Zug fahren kann. Meine Taufgodn. Der ihr Vater den Bauernhof verkauft hat. Die hat mir das Geld gegeben für den Zug nach Innsbruck.

Wolf Haas aus: „Eigentum“
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Grit Krüger: „Tunnel“ (Das Debüt 2023)

Romane besitzen ein eigenes Zeitmaß und vermögen es, in raumzeitliche Bedeutungszonen zu entführen. Sie eignen sich daher auch und insbesondere dafür, psychische Abgründe, seelische Labyrinthe, emotionale Sackgassen auszuloten. Das narrative, in sich vielschichtige Netz simuliert die Zustände zwischen Alptraum und Hoffnung in allen Schattierungen. Tunnel von Grit Krüger, das ich im Rahmen des Das Debüt-Bloggerpreises 2023 gelesen habe, handelt von einer jungen Mutter namens Mascha, die aussichtslos, perspektivenlos durch ihr Leben treibt und eine Entscheidung zu treffen hat und trifft: Ein Abenteuer, koste es, was es wolle, muss her.

1.200 Euro: Hydraulischer Rettungssatz, Schere und Spreizer vom Feuerwehrfachbedarf, gebraucht, Expresslieferung, Ratenzahlung möglich. Mascha zögert. Das Gerät zerschneidet Autowracks, öffnet Stahltüren und wird auch einen Weg finden, mit einem Bohrkopf fertigzuwerden, der im Boden steckt. Mascha schluckt. 1.200 Euro in schleichenden Raten weniger für Spaghetti und Toast – aber auch 1.200 Euro, die sie spüren wird, hier und jetzt. Mein Keller, denkt sie, mein Reich, mein Raum.

Grit Krüger aus: „Tunnel“
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