Maria Kjos Fonn: “Heroin Chic”

Heroin Chic
Vom Unbehagen im eigenen Selbst …

Maria Kjos Fonns neuester Roman Heroin Chic handelt von einem jungen Mädchen, das sich der Drogensucht bis zum Äußersten überlässt. Viele Romane behandeln dieses Thema, bspw. Candy von Luke Davies oder Trainspotting von Irvine Welsh. Das Unheimliche der Drogensucht zieht immer wieder literarische Versuche an, die dem Abwärtsstrudel kommunikativ beikommen wollen. Kjos Fonn geht einen sehr eigenen Weg. Karsten Herrmann von literaturkritik nennt ihn „ebenso packend wie erschütternd“. Sandra Falke von Literarische Abenteuer konstatiert eine kausallogische Berechenbarkeit des Plots, dem sie sich dennoch nicht zu entziehen vermochte: „Allerdings ist die Selbstzerstörung und die Abwendung von allen positiven Einflüssen so sachlich und beherrscht, dass die aus einer Ich-Perspektive erzählte Lebens- (und Sterbensgeschichte) als Lektüre ebenso einen Suchtfaktor annimmt.“ Selbiges empfindet Hauke Harder von leseschatz: „Die Sprache und die Handlungssprünge berauschen und dadurch wirkt der Roman selbst wie eine Gesellschafts-Droge.“ Der Roman Heroin Chic beginnt passenderweise mit der Beschreibung eines Treffens der Narcotics Anonymous:

Hallo, ich heiße Elise, und ich bin drogenabhängig, sage ich. Ich war erwachsen, als ich zum ersten Mal Heroin ausprobiert habe. Es gab niemanden, der meine Grenzen niedergerissen hat. Sie waren einfach nicht da. Nichts war da.

Maria Kjos Fonn aus: “Heroin Chic”
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Leona Stahlmann: „Diese ganzen belanglosen Wunder“

… dem täglichen Kosmos Adieu gesagt … eingeladen zum Bachmann-Preis 2022.

Untergangsstimmung lässt sich auf mannigfaltige Weise verbreiten. Beispielsweise kurz und prägnant, frustriert oder deprimiert, leidend, wütend, bangend oder klagend – Leona Stahlmann wählt in ihrem neuesten Roman einen anderen Weg. Sie verliert sich in den Details und Bruchstücken einer verlorengegangenen Welt, ohne sie zu betrauern. Sie nimmt die Veränderung an, bleibt in Bewegung, tanzt mit. Im Zentrum ihres Buches steht deshalb auch ein großer, sich ständig verändernder Fluss, einer, der nie bleibt, was er gewesen ist. In Diese ganzen belanglosen Wunder äußert sich so auch kein Widerstandswille, vielmehr der Wunsch, dem Weltganzen sanfter und viel behutsamer auf den Pelz zu rücken, denn das Einzelne wird zum Einzelnen durch das Unnennbare:

Ich habe zum ersten Mal etwas vergessen, was Stine ausmachte, was jeden auf eine zwingende, entblößende Weise ausmacht und nie vollständig durch einen anderen ersetzt werden kann, weil es immer Abweichungen geben wird, Klafter und Spalten, in denen das Entscheidende aufbewahrt wird. Man kann nicht den Finger darauflegen und es selten benennen. Es liegt immer einen Zungenschlag neben der Sprache. Vor dem Wort, das man sucht. Hinter dem Bild, das man bemüht. Aber man kann es spüren und riechen und sich seinen Geschmack einprägen. Man kann es vergessen.

Leona Stahlmann aus: “Die ganzen belanglosen Wunder”
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Kim Young-Ha: “Aufzeichnungen eines Serienmörders”

Zwanghaftes Vergessen … Spiegel Belletristik-Bestseller 07/2020

Dass Literaturkategorien höchstens zur sehr groben Orientierung dienen, beweist der Roman „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Kim Young-Ha. Dieser rangiert unter Krimis. Wurde 2020 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet, belegte Platz 1 der Krimbestenliste und Platz 1 der besten Krimis der Saison, ebenfalls 2020. Wer nun meint, er bekomme den nächsten Simon Beckett oder Sebastian Fitzek geboten, oder einen Brunetti-Roman von Donna Leon, der täuscht sich. Er bekommt etwas geboten, und zwar eine polithistorische Parabel auf Gewalt, Vergessen, Schuld und Sühne in einem heimgesuchten Land, das genug Tote für viele weitere Generationen gesehen hat: Südkorea. Es handelt sich also um einen Fall, der sich nicht so leicht lösen lässt. Der Roman handelt von einem an Alzheimer erkrankten Serienmörder, Byongsu Kim.

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