Annett Gröschner: „Schwebende Lasten“

Schwebende Lasten von Annett Gröschner
Schwebende Lasten von Annett Gröschner.

Heldengeschichten gibt es in der Gegenwartsliteratur wahrlich selten und noch seltener in solchen, die sich mit der DDR auseinandersetzen. Hier reicht die Bandbreite vom Chronikhaften wie Christoph Heins Das Narrenschiff über psychodramatische Verwicklungen wie in Jenny Erpenbecks Kairos und Satiren wie Uwe Tellkamps Der Turm zu harten Diffamierungen wie in Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück. Annett Gröschner schlägt in Schwebende Lasten andere Töne an, indem sie ähnlich einer Dörte Hansen in Zur See eher den individualpsychologischen Raum dynamisiert und verpassten und verwirklichten Chancen literarisch nachspürt. Im Mittelpunkt bei Gröschner steht eine außergewöhnliche Person, Hanna Krause, geboren September 1913, die sich, koste es, was es wolle, nicht als Siegerin der Geschichte darstellen lassen will:

Einmal wurde ein Maler damit beauftragt, [die Kranfahrerin] Hanna zu porträtieren, als sie gerade Aktivistin geworden war. Sie weigerte sich hartnäckig, als Siegerin der Geschichte dargestellt zu werden. Es sei schlimm genug, in diesem Dreck arbeiten zu müssen, da brauche sie kein Erinnerungsbild. Und wenn es noch so beschönigt sei. Der Maler solle sich lieber mit Pflanzen beschäftigen. So ein richtig schönes buntes Blumenbild […] Aber der Maler hielt an seinem Auftrag fest. Eine Frau müsse es sein, die Männerarbeit verrichtet, fröhlich und frisch frisiert. So mürrisch Hanna in diesem Moment dreinblickte, hatte sie durchaus all das zu bieten, aber sie ließ sich nicht erweichen, auch nicht durch Drohungen. Der Maler musste sich eine andere Aktivistin suchen. Hanna weigerte sich ebenso standhaft, in die Partei einzutreten.
Annett Gröschner aus: „Schwebende Lasten“

„Annett Gröschner: „Schwebende Lasten““ weiterlesen

László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg“

Zsömle ist weg von László Krasznahorkai
Zsömle ist weg von László Krasznahorkai. SWR Bestenliste.

Zsölme ist weg heißt der neueste Roman vom Literaturnobelpreisträger 2025, László Krasznahorkai, der, wie schon in seinem zweiten Buch Satanstango(1985), das Alt- und Schwächer-Werden auf dem Lande beschreibt und der Sehnsucht nach einem ganz anderen, neuen Leben woanders eine eigentümlich, in sich zerstrittene Stimme leiht. Treibt in Der Gefangene von Urga das Fernweh zu Abenteuern und einer Selbstbeforschung an, gilt es in Satanstango und Zsömle ist weg (2025)das Neue im eigenen Land zu verwirklichen, eine Utopie, einen Aufbruch zu initiieren, um den festgefahrenen Lebenswegen zu entkommen. Die Hauptfigur in seinem neuesten Roman heißt József Kada I. der Árpáden. Halb Mongole, halb Ungar wartet er als letzter Spross einer über 750 Jahre bestehenden Dynastie auf die rechtmäßige Krönung und Thronbesteigung in einem maroden, sich dem Untergang nähernden Ungarn:

[…] wissen Sie, meine liebe Etelka, wie ich mir das Ungarn vorstelle, das dieses so leidgeprüfte Land durch die Wiederherstellung der Monarchie werden könnte?, und da das nur eine rhetorische Frage gewesen war, sprach er schon weiter, erstens werden wir diese Frage mit Blick auf den erbärmlichen Zustand der Königlichen Ungarischen Flotte durch den Bau neuer Schiffe lösen […] zweitens befreien wir uns von der Schande der heruntergekommenen und an den Tourismus verkauften ungarischen Burgen […] drittens darf der König, also ich, nur und ausschließlich in der königlichen Residenz wohnen, das heißt in der Budaer Burg, viertens werden die traditionellen Bestrafungsmethoden des Ius gladii und der körperlichen Züchtigung wieder eingeführt und ebenso alle derzeit nur als alte Traditionen gepflegten Tätigkeiten wie das Bogenschießen, das Reiten, der Volkstanz, die Turniere, Chöre und so weiter […]
László Krasznahorkai aus: „Zsömle ist weg“

„László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg““ weiterlesen

Mein Lesejahr 2025

Ein eher seltsames Jahr neigt sich dem Ende. Zwar bin ich auch 2025 meinem Forschungsvorhaben wie in den Jahren zuvor (202124) treu geblieben, nämlich die Gegenwartsliteratur ästhetisch und literatur-historisch zu erforschen, dennoch habe ich mir in diesem Jahr mehr Zeit genommen, Klassiker zu lesen und zu besprechen. Insgesamt habe ich in diesem Jahr mehr als 125 Bücher gelesen, von denen weniger als die Hälfte Neuerscheinungen (53) gewesen sind. Mehrheitlich stand dieses Jahr also unter dem Zeichen der Literaturtheorie und einigen Klassikern.

In meinem Rückblick will ich nun kurz eine kleine Bilanz ziehen, indem ich zuerst noch mal hinweisen möchte, worum es mir hier im Grunde geht, was also mein Blog unter Literatur versteht und wie ich zu meinem Bewertungssystem komme. Im nächsten Schritt analysiere ich dann mittels des Kategoriensystems die Gegenwartsliteratur, die ich thematisch-schematisch in diesem Jahr klar in Theater/Bohème/Künstler-, Psycho-Physiko-Pathologia- und Journalisten-Politiker-Literaturen einordnen kann, nebst den üblichen Verdächtigen (Coming-of-age und DDR). Hier werde ich meine Bücher des Jahres krönen, in allen Kategorien einzeln und dann in Summe. Im letzten Schritt lasse ich kurz die Klassiker Revue passieren und beende dann fröhlich das Jahr und freue mich auf das nächste.

„Mein Lesejahr 2025“ weiterlesen

Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (iii: Mignon)

Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe.

Als Abschluss meiner dreiteiligen Besprechung (Teil 1, Teil 2) von Wilhelm Meisters Lehrjahre soll nun ein Versuch unternommen werden, die harte Dichotomie von Goethe, Kunst oder Leben, Poesie oder Prosa, die Novalis harsch am ersten Wilhelm Meister-Roman kritisiert, als Herausforderung und Problemstellung für die Literaturgeschichte zu betrachten. Auf eine gewisse Weise lassen sich zwei der wichtigsten deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhundert als Folgeerscheinungen und Antworten auf Goethes dichterisches Werk begreifen: Doktor Faustus von Thomas Mann als Bearbeitung von Faust Tragödie Erster Teil und Hermann Hesses Das Glasperlenspiel als die von Wilhelm Meisters Lehrjahre. Goethe bietet somit seinen Nachfolgern das, was er zu seiner Zeit noch vermissen musste, und zwar einige Stützpunkte für die literarische Produktion im eigenen Sprachraum:

Es kommt darauf an,« fuhr Goethe fort, »daß Sie sich ein Kapital bilden, das nie ausgeht. Dieses werden Sie erlangen in dem begonnenen Studium der englischen Sprache und Literatur. Halten Sie sich dazu und benutzen Sie die treffliche Gelegenheit der jungen Engländer zu jeder Stunde […] suchen Sie in der Literatur einer so tüchtigen Nation, wie die Engländer, einen Halt. Zudem ist ja unsere eigene Literatur größtenteils aus der ihrigen hergekommen. Unsere Romane, unsere Trauerspiele, woher haben wir sie denn als von Goldsmith, Fielding und Shakespeare? Und noch heutzutage, wo wollen Sie denn in Deutschland drei literarische Helden finden, die dem Lord Byron, Moore und Walter Scott an die Seite zu setzen wären?«
Johann Peter Eckermann aus: „Gespräche mit Goethe“

„Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (iii: Mignon)“ weiterlesen

Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (ii: Form)

Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe.

Wilhelm Meisters Lehrjahre wurde im ersten Teil in seiner inhaltlichen Dynamik entwickelt und mit William Shakespeares Hamlet verglichen, mit dem sich Goethe in jener Zeit offenkundig intensiv auseinandergesetzt hat. Im zweiten Teil will ich nun auf die Form, die des Romans, eingehen. Goethe hat über die Dauer seines langen Lebens (1749-1832) lediglich vier Romane geschrieben, von denen der erste Die Leiden des jungen Werther eher der Gattung Briefroman angehört, und so im Grunde als Prosahauptwerke lediglich Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795), Wilhelm Meisters Wanderjahre (1829) und Die Wahlverwandtschaften (1809) übrigbleiben. Was für Goethe einen Roman gegenüber einem Drama auszeichnet, lässt er den Theaterdirektor Serlo und Wilhelm im 5. Buch, 7. Kapitel diskutieren, bevor er als auktoriale Erzählinstanz eingreift und wie folgt klärt:

Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt werden; im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muß langsam gehen, und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, es sei auf welche Weise es wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwickelung aufhalten. [Sie] muß leidend, wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein; von [der] dramatischen verlangt man Wirkung und Tat. […] So vereinigte man sich auch darüber, daß man dem Zufall im Roman gar wohl sein Spiel erlauben könne; daß er aber immer durch die Gesinnungen der Personen gelenkt und geleitet werden müsse; daß hingegen das Schicksal, das die Menschen ohne ihr Zutun durch unzusammenhängende äußere Umstände zu einer unvorgesehenen Katastrophe hindrängt, nur im Drama statthabe […]
Johann Wolfgang Goethe aus: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“

„Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (ii: Form)“ weiterlesen

Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (i: Inhalt)

Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe.

Wilhelm Meisters Lehrjahre gilt als einer der einflussreichsten deutschsprachigen Romane überhaupt. Viele andere bekannte Romane, Albert Stifters Nachsommer, Gottfried Kellers Der grüne Heinrich, Thomas Manns Die Buddenbrooks oder Hermann Hesses Das Glasperlenspiel beziehen sich explizit oder motivisch-implizit auf den paradigmatischen Bildungsroman Goethes, in dessen Zentrum ein junger Kaufmannssohn steht, der sich von seinem Zuhause, vom drögen Handelskontor zu emanzipieren sucht. Hierfür dient ihm das Theater:

Nun leugne ich dir [Werner] nicht, daß mein Trieb täglich unüberwindlicher wird, eine öffentliche Person zu sein und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kömmt meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung steht, und das Bedürfnis, meinen Geist und Geschmack auszubilden, damit ich nach und nach auch bei dem Genuß, den ich nicht entbehren kann, nur das Gute wirklich für gut, und das Schöne für schön halte. Du siehst wohl, daß das alles für mich nur auf dem Theater zu finden ist und daß ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch rühren und ausbilden kann.
Johann Wolfgang Goethe aus: „Wilhelm Meisters Lehrjahre

„Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (i: Inhalt)“ weiterlesen

Rachel Kushner: „See der Schöpfung“

See der Schöpfung von Rachel Kushner
See der Schöpfung von Rachel Kushner. Spiegel Buchpreis 2025.

Die sogenannte hardboiled-Erzählstimme, die Raymond Chandler in Der große Schlaf (1939) oder Dashiell Hammett in Der Malteser Falke (1929) in die Literaturgeschichte eingeführt haben, entlastet die literarische Bearbeitung einer überkomplexen chaotischen Welt von jedweder Sinngebungserwartung und moralischer Wertung. Thomas Pynchon praktiziert eine solche in Schattennummer (2025) und auch in seinem Erstling V. (1963). Rachel Kushners See der Schöpfung, nominiert für den Booker-Preis und Gewinner des zum ersten Mal in diesem Jahr ausgelobten Spiegel Buchpreises, stellt nun neben Philipp Marlowe und Samuel Spade eine weitere markante Erzählfigur, Sadie Smith:

Ich stand um vier Uhr morgens am Fenster und sagte mir: Auch du hast einen Kern aus kostbarem Salz. Der menschliche Salzkern, wie dieses Salz von Cardona, kommt aus dem tiefsten Teil von uns. Menschliches Salz, wie dieses Salz, ist unvergänglich. Baut es ab, benutzt es, und es wird sich nicht erschöpfen.
In meinem ureigenen Salz, meinem Kern, wusste ich dies:
Das Leben dauert eine Zeit lang an. Dann endet es.
Es gibt keine Gerechtigkeit.
Schlechte Menschen werden geehrt, gute bestraft.
Auch das Gegenteil stimmt.
Rachel Kushner aus: „See der Schöpfung“

„Rachel Kushner: „See der Schöpfung““ weiterlesen

Salman Rushdie: „Die elfte Stunde“

Die elfte Stunde von Salman Rushdie
Die elfte Stunde von Salman Rushdie. Spiegel Belletristik Bestseller 2025.

Salman Rushdies Erzählstil wird gemeinhin zum magischen Realismus gerechnet. Dieser zeichnet sich durch eine harte Sehschärfe auf das Alltägliche aus, das eigenartig geheimnisvoll gebrochen mit Elementen des Traumes, des Unbewussten und/oder Phantastischen versetzt wird, ohne die homogen-stabile Erzählweise jedoch zu unterbrechen. Die beschriebenen Figuren erleben in diesem Sinne Wunder und Absurditäten als Elemente des Normalen. Andere bekannte Titel aus diesem Genre lauten Wir sehen uns im August (Gabriel García Márquez ) oder Hundert Jahre Einsamkeit, Die Blechtrommel (Günter Grass) oder Die Wand (Marlen Haushofer). Die Erzählungen in Die elfte Stunde unterstützen diese Sichtweise. Rushdie durchbricht in jedem der fünf Erzählungen die Normalität mit abstrusen, unheimlichen Vorkommnissen:

Als er merkte, dass er wahrgenommen wurde, schien er überrascht – ja, das auf jeden Fall –, wirkte aber auch liebenswert und freundlich. [Die indische Studentin] setzte sich zu ihm an die andere Seite des kleinen Tisches, konnte jedoch nichts sagen. Der Geist sagte auch nichts. Ihre Wortlosigkeit fand sie allerdings weder beängstigend noch unbehaglich. Eigentlich, erzählte sie später, sei es mit ihm sogar sehr angenehm gewesen. »Ich dachte, es – er – hat sich gefreut, gesehen zu werden«, sagte sie. »Er wirkte erleichtert.«
Salman Rushdie aus: „Die elfte Stunde“

„Salman Rushdie: „Die elfte Stunde““ weiterlesen

Georgi Gospodinov: „Der Gärtner und der Tod“

Der Gärtner und der Tod von Georgi Gospodinov
Der Gärtner und der Tod von Georgi Gospodinov. SWR Buch des Jahres 2025.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod gehört nicht zu den häufigsten Motiven der Literaturgeschichte. Wenige setzen sich literarisch ausführlich mit dem Sterben auseinander. Herausragende Beispiele gibt es dennoch, bspw. Der Tod des Iwan Iljitsch (Lev Tolstoi) oder Der Tod des Vergil (Hermann Broch), oder etwas gegenwartsliterarischer Stoner (John Williams). Essayistisch, anekdotisch und theoretisch-reflektierende Texte werden häufiger geschrieben, bspw. Tagebuch der Trauer (Roland Barthes), Unzertrennlich (Marilyn und Irvin D. Yalom) oder in Stundenbuch-ähnlicher Form Der heutige Tag (Helga Schubert). Der Gärtner und der Tod von Georgi Gospodinovs, International Booker Prize-Träger 2023, gehört durch die Coverbezeichnung „Roman“ zu den literarischen, vom Text her gesehen aber zu den essayistisch-anekdotischen Verarbeitungsformen:

‚Mein Vater ist gestorben‘ und ‚Mein Vater stirbt‘ sind zwei ganz unterschiedliche Sätze. Der erste ist eine Tatsache, ein Schluss, der zweite – ein Roman. Eine lange Geschichte, in der sich Hoffnung und Verzweiflung abwechseln, sich gegenseitig nähren und anfachen. Der Sauerstoff der einen schürt ununterbrochen das Feuer der anderen. Der Tod ist auch ein sprachliches Problem. Das Wort »stirbt« ist kurz und knackig. Da ist das »r« des letzten Röchelns und am Ende ein Kreuz im »t«. Das betonte »i« zwischen all den Konsonanten schlägt den Nagel ein, lässt keine Hoffnung mehr.
Georgi Gospodinov aus: „Der Gärtner und der Tod“

„Georgi Gospodinov: „Der Gärtner und der Tod““ weiterlesen

Thomas Pynchon: „Schattennummer“

Schattennummer von Thomas Pynchon
Schattennummer von Thomas Pynchon. SWR-Bestenliste 11/2025.

Schattennummer (2025) heißt der neueste Roman von Thomas Pynchon, dessen erster Roman V. 1963 erschien und dessen Hauptwerk 1973, Die Enden der Parabel, von Elfriede Jelinek übersetzt worden ist, und der für seine postmoderne Schreib- und Erzählweise bislang viel Lob und Kritik im Laufe seiner zehn erschienenen Romane geerntet hat. Pynchons Romane zeichnen sich durch äußerste ausgedehnte erzählerische Freiheit aus, die mittels jeden Rahmen sprengende Assoziationsform die Digression als ästhetisches Moment zu etablieren sucht. Bevorzugt siedelt er sie im Bereich der hardboiled Szene an, nüchterne, zwischen Legalität und Kriminalität in Großstädten hin und her changierende, Spionage- und Agenten- und Doppelagenten-Existenzen. In diesem Fall heißt die Hauptfigur Hicks McTaggart, Prügler des Kapitals, der nach friedlicheren Beschäftigungsfeldern sucht und in eine dubiose korrupte Zwischenwelt gerät:

Später wird Hicks bewusst, dass er tatsächlich wütend genug war, um diesen vieräugigen Störenfried auszulöschen und da liegenzulassen, wo er eben gerade fiel, ein weiteres unglückliches Opfer einer gescheiterten Beziehung zwischen Tarifpartnern. Der blasse Fleck seines Gesichts, dessen Blick nach oben gerichtet ist, wo der bleigefüllte Biberschwanz – aus MPD [Milwaukee Police Department]-Beständen, wenn auch genau genommen nicht legal – jetzt sein müsste … nur dass Hicks ihn in diesem Augenblick seltsamerweise irgendwie nicht hat, trotzdem aber fortfährt, blindlings mit der Rückhand dorthin zu schlagen, wo er den Kopf des anderen zuletzt zu sehen geglaubt hat, jedoch nichts trifft, offenbar weil der Totschläger, den er eben noch in der Hand zu halten meinte, nicht mehr da ist. Der Schwung reißt ihn mit, er verliert das Gleichgewicht, taumelt, fällt beinah hin … und bis er wieder normal ist, hat sich etwas auf geheimnisvolle Weise verändert.
Thomas Pynchon aus: „Schattennummer“

„Thomas Pynchon: „Schattennummer““ weiterlesen