Dörte Hansen: „Zur See“

Dörte Hansen: "Zur See"
Von der See und anderen Finstbarkeiten … Spiegel-Belletristik Bestseller (49/2022)

Erzählt Marie Te Navarro von einer abenteuerlustigen Schiffskapitänin in Über die See und führt Heinz Strunk in Ein Sommer in Niendorf seinen Protagonisten an die Nordseeküste, um dort wieder zu einem gewissen, wenn auch trunksüchtigen Lebensglück zu finden, entscheidet sich Dörte Hansen in ihrem neuesten Roman Zur See für ein Weder-Noch, weder Festland noch hohe See. Ihr Roman handelt von der Familie Sander, die auf einer Nordseeinsel lebt:

Auf allen Inseln gibt es einen, der die Sagen kennt, die alten und die neuen Mythen, all die wahren, halbwegs wahren, frei erfundenen Geschichten über diese See, die Menschen, ihre Schiffe, ihre Angst. Er muss sie weitersagen, ob er möchte oder nicht, denn die Geschichten suchen den Erzähler aus, nicht umgekehrt. Auf dieser Insel ist es Ryckmer Sander, der die Sagen kennt.

Dörte Hansen aus: „Zur See“

Ryckmer ist der älteste Sohn von Hanne und Jens Sander. Er ist ein Trunkenbold, der nach einer Fast-Havarie seinen Beruf als Kapitän an den Nagel gehängt hat und sich nun mehr oder weniger mit Gelegenheitsjob über Wasser hält. Hanne verdient sich ihr Geld als Museumsführerin und pflegte auch Ferienzimmer zu vermieten, bis das Gummilatschen-Geräusch ihrer Gäste sie allzu sehr genervt und sie sich aus dem Gastgeberverzeichnis streichen lassen hat. Jens, der Vater, hat sich von seiner Familie und seiner Ehefrau so sehr entfremdet, dass er sein Dasein lieber abgeschieden als Vogelwart und Möwenmann fristet, während sich sein jüngster Sohn, Henrik, als aufstrebender Künstler von Strandgut-Skulpturen einen Namen macht. Eske, das mittlere Kind, versucht mehr schlecht als recht, die Familie zusammenzuhalten, arbeitet als Krankenpflegerin, nachdem sie ihr Studium alter Sprachen abgebrochen hat. Das Heimweh nach der Insel war zu groß gewesen, da half auch die Beziehung zur Tätowiererin Freya nicht:

Wenn sie nach vier Semestern nicht zurückgegangen wäre, weil sie trotz Flemming Jespersens Archiv und Freyas Metal-Werkstatt krank vor Heimweh war. Man hat Respekt vor dieser Krankheit, wenn man auf einer Insel aufgewachsen ist. Sie konnte nicht mehr essen, als sie nach einem langen Wochenende an der Nordsee wieder in die Stadt fuhr. Erst drei Tage lang, dann vier, dann fünf, bis sie am Morgen nicht mehr aus dem Bett kam. Als sie wieder auf der Fähre stand, ging es ihr besser. Freya hat nie geglaubt an diese Heimwehkrankheit. Sie denkt, dass Eske nur zurückgegangen ist, weil sie die Sanders halten muss. An jeder Hand ein Elternteil, an jedem Bein ein Bruder.

Die Ereignisse rundum die Nordseeinsel werden nur teilweise personal aus der Sicht der einzelnen Familienmitglieder beschrieben. Zwar wechseln die Sichtweisen von Kapitel zu Kapitel und kommen je Kapitel auch ein oder zwei von den Sanders zum Sprechen, aber die Erzählebene selbst, der Ort, von dem aus die Insel und alles, was sich auf ihr abspielt, betrachtet und beobachtet wird, ist die See, das Meer, das alles beherrscht, umfasst und rührungslos duldet. Die See selbst, die stets die Insel verschlucken, alles Drama mit einer Riesenwelle unter sich begraben könnte, die dunklen Tiefen, die ozeanischen Weiten, sie erzählt, ohne zu werten, zu urteilen, ohne kleinkariert zu sein von den einzelnen Lebensschicksalen der Inselbewohnergenerationen.

Weil sich die Völker an der See wahrscheinlich alle vor den gleichen Dingen fürchten und an die gleichen Dinge glauben. Überall erzählen sie sich von versunkenen Städten und von Meeresungeheuern, von den Wiedergängern der Ertrunkenen, von Geisterschiffen und von Kindern, die man aus der Tiefe holt. Und alle wissen, dass die See nicht gut ist oder böse, sondern beides, eine unberechenbare Mutter, die man liebt und fürchtet. Die ihre Kinder wiegt und füttert und mit ihnen spielt und manchmal untertaucht und frisst.

Innerfiktional repräsentiert wird diese Mutter, die See, von Hanne, die duldsam die Eigenarten ihres Ehemanns und ihrer Kinder akzeptiert. Sie versucht nicht, sie zu ändern. Auch nicht, auf sie einzuwirken. Sie lässt sie, wie sie sind, lässt sie betrunken, in den eigenen Exkrementen im Garten liegen, eine Beziehung nach der anderen vergeigen, versorgt sie hier und da mit Kuchen und selbstgestrickten Pullovern und richtet sich ein für weitere harte Winter, für Stürme, Tränen, für Gebrüll und wehleidiges Jammern, ohne auch nur einen Augenblick zu glauben, sie könnte etwas an dem Ganzen ändern.

Hanne Sander hat die Krankheiten des Wartens immer schon im Keim erstickt, die Schwermut und die Lebensmüdigkeit, weil sie nicht eine dieser Frauen werden wollte, die sich die Haare nicht mehr waschen und mit Löchern in den Strümpfen auf die Straße gehen. Laute Selbstgespräche führen und den Mann, die Seefahrt und den Rest der Welt verfluchen. Und irgendwann die Suppe kalt aus einer Dose löffeln und die Bohnen aus dem Glas.
Man muss vom Tag so müde sein, dass man am Abend schlafen kann. Sie ist ihr Leben lang früh aufgestanden, sie kann schlafen wie ein Stein, und wenn sie aufwacht, ist es fünf. Sie braucht den Wecker nicht, um das zu wissen. Ihr Körper ist ein Uhrwerk, und das Einzige, was Hanne Sander fürchtet, ist der Stillstand.

Genauso wie Hanne Sanders bleibt die See in Bewegung. Die Winde rollen. Die Wellen brechen. Das Meer verschluckt ganze Inseln, Schiffe, ganze Erdteile. Es kann nicht gezähmt werden. Die Deiche halten nur eine Zeit. Die Hafenmauern widerstehen nur Jahrzehnte den anrollenden Wassermassen, wohingegen die See Zeit nicht in Jahren, Jahrhunderten sondern gar nicht misst. Sie ist ihre eigene Ewigkeit. Sie dauert und überdauert alles. In Hansens Roman ist es die See, die als letztes lacht:

Ein paar Jahrzehnte noch, dann wird all das verschwunden sein. Die Meeresspiegel steigen, und die Stürme werden härter. Sie [Eske] braucht die Fluttabellen ihres Bruders nicht, um das zu sehen. Kein Wellenbrecher wird die Nordseeinseln retten und kein Klimadeich, weil sie nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Nichts Vertikales hat Bestand in dieser Landschaft, nicht die Kirchen, nicht die Sünden aus Beton, auch nicht die Reetdachhäuser mit den spitzen Giebeln, nicht einmal die Bäume. Es gibt hier nichts Beständiges. Das Fließen, Strömen und Verlanden, Stürmen, Auseinanderreißen hört nicht auf. Land gewonnen, Land zerronnen. Alles will hier Horizont sein.

Aus dieser Höhe betrachtet fällt Geduld nicht schwer. Die Jahre wiederholen sich. Konflikte werden ausgefochten, bis sie ihre Intensität verlieren. Liebe kommt, Liebe geht, aber was bleibt, sind Ebbe und Flut, die Zwergseeschwalben, die Fische, die Wolken, der Sand und Strand, Mond und Sonne und der unermessliche sich in den ozeanischen Weiten spiegelnde Sternenhimmel. Zur See ist ein stoischer Roman. Über die einzelnen zwischenmenschlichen Dramen wird keinerlei Aufhebens gemacht. Sie geschehen nebenbei. Viel wird beschrieben, und vieles verheddert und überlagert sich in den pittoresken Worten der Inselwelt wie „Dämmertörns“, „Wanten“, „spiddelig“, „Fluke“, „simmernde Stövchen“ und „kabbelige“ „Reusen“, die ganze Lebensabschnitte verdichten und auf den Punkt bringen. Dreh- und Angelpunkt des Romans bleibt das schwierige Verhältnis des Menschen zur Natur. Er will ihr Freund sein, aber sie versteht diese Sprache nicht, wie auch nicht Vögel, die ihrem größten Freund und Hüter nach seinem Tod die Augen auspicken:

Die Vögel trauen ihm, der sie seit zwei Jahrzehnten liebt und schützt, kein bisschen mehr als all den anderen Menschen, die gedankenlos durch ihre Brutgebiete stolpern. Kitesurfern und Seglern, Wasserskiläufern und Dünenpicknickern, Muschelfischern, Gänsejägern, Seehundspannern.
Ein Mensch wird nie »des Vogels Freund«, selbst Ove Haaren war es nicht, der Möwenmann, den man nach seinem Herzschlag tot im Sand gefunden hat, die Augenhöhlen sauber leer gepickt.

Und auch Henrik, der die See, den Strand innig liebt und von ihren Schätzen lebt, jeden Tag in ihr badet, am Strand spazieren geht, findet kein Erbarmen:

Aber kein Mensch, kein Hund, kein Mond ist halb so treulos wie die See, die niemanden vermisst, selbst Henrik Sander nicht. Die sich so lieben lässt und keinen je zurückgeliebt hat.

Das schwierige Verhältnis lässt die Menschen in dieser schroffen Umgebung hart und geduldig werden. Sie hoffen nicht, und Hansens Stil reflektiert diese Nüchternheit. Schnelle Sätze, viele Details, geraffte Zeit wie dahinziehende Wolken erzählen vom Inselleben. Es werden in wenigen Absätzen ganze Schicksale verarbeitet. Ein Schicksalsschlag jagt den nächsten, und so passiert viel auf den Seiten von Zur See, doch nie fehlt es am Atem, denn die See beobachtet und die hat Zeit. Von den eingangs erwähnten Über die See, mit deren Schiffskapitänin Hanne Sanders viele Ähnlichkeiten besitzt, und Ein Sommer in Niendorf, das wie die Figur Ryckmer die Alkoholsucht zum zentralen Thema erhebt, erinnert viel an Ernest Hemingway Der alte Mann und das Meer und selbstredend, und nicht nur wegen des gestrandeten Pottwals, Herman Melvilles Moby Dick. Der Stoizismus jedoch klingt an Siegfried Lenz Deutschstunde an, wenn dieser über die See nach einem Bombenabwurf schreibt:

Die See verwischt die Spur der Bomben schnell, sagte er. Sicher, zuerst treiben Algen auf, Rotalgen, Braunalgen. Grünalgen nicht. Seegras und tote Fische bedecken die Oberfläche, darunter Goldbutt, Strufbutt und Seezungen, viele Dorsche. Selten Seeskorpione. Noch seltener Knorpelfisch wie Rochen oder Dornhaie. Überhaupt nicht Krebs- und Schalentiere. Das Meer nimmt diese Verluste gleichgültig hin. Nach kurzer Zeit wandert alles auseinander, sinkt und versinkt. Nach kurzer Zeit kann niemand mehr behaupten, daß da eine Bombe fiel. Das Meer tilgt alle Spuren.

Siegfried Lenz aus: „Deutschstunde“

Noch deutlicher jedoch wird die literarische Parallelführung dort, wo in Deutschstunde eine Kuh von mehreren Granatensplittern so schwer am Hals und am Rückgrat verletzt wird, dass eine Notschlachtung vorgenommen werden muss. Kein anderer als der Maler Ludwig Nansen führt diese aus, nachdem der Bauer und Besitzer der Kuh, Holmsen, es nicht über sich bringen konnte:

Der Maler wog die Axt in der Hand. Der Maler machte einen Stemmschritt, schlurfte kurz mit den Sohlen, überprüfte drehend seinen festen Stand. Sein Gesicht blieb unbewegt, als er auf das Tier hinabsah, auf den harten schweren Schädel, der sich ihm entgegenhob mit den dunklen, gleichgültigen Augen. Die verklebten Haare flohen in schwarzweißen Kreiseln über die Stirn. Aus dem Maul hing ein Schleimfaden, die behaarten Ohren waren lauschend dem Mann zugedreht. Der Maler, das erkannte man, maß die Stelle zwischen den Augen aus, wo die Axt auftreffen sollte. Dann sah er hinter sich, hob die Axt, holte aus, während wir reglos dasaßen.

Siegfried Lenz aus: „Deutschstunde“

In Zur See verendet keine Kuh, ein junger Pottwalbulle strandet und stirbt vor den Augen der Inselbewohner. Wieder ist ein Künstler, Henrik Sander, der hilft, diesen in kleine Teile für den Abtransport zu schneiden:

Neben ihnen steht der Mann, der heute Morgen barfuß kam, jetzt ragt nur noch sein Oberkörper aus der dunkelroten Masse. Henrik Sander, Fleisch und Blut bis zu den Hüften, scherzt mit den Reportern, hebt mit beiden Händen einen Brocken Fleisch und tut, als wollte er den Zeitungsmann damit bewerfen. Dann geht er wieder an die Arbeit, stößt sein Messer in den Wal, als hätte er nie etwas anderes getan.

Wie in Deutschstunde so auch in Zur See fühlen sich nur die Künstler, die die Natur verehren, ihr in Form von Skulpturen oder Malereien Ausdruck verleihen, in der Lage, dem Tod in die Augen zu schauen. Die See selbst fungiert als Ursprung und Ende, und der Pottwal als Memento Mori, dessen Skelett Hanne für ihr Museum wiederherstellen lassen möchte, und es ist auch der Blick in die Augen des sterbenden Pottwals, der Jens zurück zu Hanne ziehen lässt, denn in den Augen wird er seiner eigenen begrenzten Weltwahrnehmung gewahr, die nicht sehen kann, was sie nicht sieht, die ihren eigenen blinden Fleck nicht zu erkennen vermag:

Dieser [Pottwal] liegt allein. Sein Auge ist geöffnet, und Jens Sander hält dem Blick ein paar Sekunden stand, dann wendet er sich ab, weil er nicht weiß, was schlimmer ist: von diesem Auge angeschaut zu werden oder hineinzusehen und sich vorzustellen, wie es in tausend Metern Tiefe durch die Finsternis geschwommen ist. Was es gesehen haben mag. Die Wracks vermisster Schiffe und die Schädel von Ertrunkenen. Unterseevulkane, Seeschlangen, Riesenquallen und Laternenfische. Der Mensch weiß nichts von dieser Welt dort unten, die Tiefsee ist ihm fremder als der Mond.

Zur See handelt insofern vor allem um die Vergeblichkeit, Kontrolle anzustreben. Hanne versteht ihren Ehemann Jens nicht, weder sein Kommen noch sein Gehen. Jens versteht die Vögel nicht. Der Pastor versteht seinen Glauben nicht. Eske versteht weder ihre Eltern noch ihre Brüder, noch ihre eigenen Inselheimwehkrankheit. Sie alle fürchten sich vor dem Verschwinden und wissen doch, dass das Verschwinden kommen wird, auf diese oder jene Weise. Dörte Hansen setzt diese Idee konsequent um. Eigenarten werden nicht erklärt, Handlungen nicht psychologisiert, Konflikte nicht nachgezeichnet, sondern einfach nur konstatiert. Sie taucht nicht ein in die mögliche und ausufernde Welt von Rechtfertigungen, Schuldzuweisungen, Ursache-und-Wirkungs-Ketten. Sie bleibt außen vor wie die See und die Planeten, egal wieviel Tragik, Schmerz und Verlust sie beschreibt:

Man kann am Anfang nicht begreifen, dass die Welt sich einfach weiterdreht. Nicht einmal zuckt. Henrik Sander ist ertrunken, und die Sonne scheint, der Mond geht auf, die Sterne funkeln. Wie können sie es wagen.

Dass sie es wagen, steht außer Zweifel. Das dies aber kein Grund zum Verzweifeln ist, darüber schreibt Dörte Hansen. Sie schreibt, wie die fahrenden Gesellen im Mittelalter. Sie dichtet nüchtern, rhythmisch, stilsicher und geradeheraus mit Schwank und Gesang ins Dunkle und Geheimnisvolle des Daseins hinein.

tl; dr … eine Kurzrezension findet sich hier.

Andere Blogs haben Dörte Hansens Buch auch besprochen:
Literaturwerkstatt-kreativ /Blog
Eulenmatz
booksnotdead.de
um nur einige zu nennen.

12 Antworten auf „Dörte Hansen: „Zur See““

  1. Das hat jetzt schon ein paar Jahre Tradition, dass ich mir zu Weihnachten ein Buch schenke, das ich nicht kenne, über das ich aber schon viel gelesen habe. Jetzt habe ich mich entschieden, und du bist schuld: „Zur See“ wird auf meinem Weihnachtstisch liegen. Danke dir für deine Besprechung, ich bin sehr gespannt, wie ich das Buch lesen werde.
    Abendgrüße 🕯️🕯️🕯️🕯️❄️🍷🍪🎶

    1. Liebe Christiane, du wirst es sehr mögen. Es war Balsam für meine Leseaugen – ich konnte mich erholen, ich konnte schmunzeln und hatte hier und da Tränen in den Augen. Es ist etwas fürs Herz, und hat sehr gepasst. Ich wünsche dir viel Spaß damit!! In dieser Hinsicht bin ich gerne schuld 🙂 Danke für deine fröhlichen Worte und dir einen herzlichen Gruß zurück!!

  2. Dein Vergleich von Hanne, der gelassenen Gedulderin, mit der See gefällt mir gut, obwohl ich beim Lesen des Buches keinerlei Bedürfnis spürte, diese gewaltige Naturerscheinung zu personifizieren. Das Meer kommt ja bei Dörte Hansen als völlig gleichgültiger Zerstörer daher, willkürlich mal destruktiv mal einladend. Hanne hingegen nimmt Zerstörungen um sie herum ergeben hin, ohne zu klagen, ohne aufzubegehren. Das hat die See sie wohl gelehrt, dass Auflehnung absolut sinnlos ist. Nach Gefühlsäußerungen muss man bei den einheimischen InselbewohnerInnen lange suchen.
    All das hat Dörte Hansen in ihrem Erzählton vollkommen eingefangen, finde ich, sehr schnell lasse ich mich von der sanften Dünung ihrer Sätze tragen und wiegen, ohne großes Drama zu vermissen, das doch überall in dem Buch steckt … aber man macht kein großes Gewese darum, an der See.
    Danke für deine wieder so klugen Querverbindungen zu verwandter Literatur, Alexander. Diese schätze ich in deinen Leseberichten immer sehr.

    1. Liebe Ule, Danke für deine lieben Worte.

      In Sachen Hanne hast du recht, deshalb habe ich den Vergleich, den das Buch selbst anregt, indem es das Meer als Mutter beschreibt, auf die Ruhelosigkeit eingeschränkt. „Genauso wie Hanne Sanders bleibt die See in Bewegung. “ Aber du hast mich erwischt, denn ich habe das beim ersten Schreiben unterlassen und dann gemerkt, dass Hanne eben keine Zerstörerin ist. Das Meer beinhaltet ja beide Seiten, Ursprung und Ende.

      Ich stimme dir sehr zu, dass die Sätze von einer „sanften Dünung“ getragen werden. Sehr schöne Formulierung. Ich wollte eigentlich noch mehr auf die Dialektik Natur-Mensch, Kreativität-Tod eingehen, aber das hätte den Bogen, m.E., etwas überspannt, dafür liegt jetzt wieder „Moby Dick“ auf meinem Tisch und „Der alte Mann und das Meer“ und allein dafür bin ich Dörte Hansen sehr dankbar, nämlich das Literatur- und Kommunikationsuniversum zu öffnen und zu erweitern statt, wie andere Bücher es tun, es eher zu verkleinern und zu verengen 🙂

      Danke für dein Lesen und deinen Tipp! Ich wünsche dir weiterhin eine schöne Adventszeit, und wenn du ein spezielles Buch von Hansen empfehlen kannst, dann würde ich dies sehr gerne hören 🙂 und lesen! Viele Grüße!

      1. Es gibt ja nur zwei weitere Hansenromane, beide gleichermaßen lesenswert – diese besondere Meeressprache haben sie aber nicht, die wurde für „Zur See“ neu entwickelt.
        Auch dir schöne Advents- und Weihnachtstage, lieber Alexander.

  3. Schön, wie du die Bezüge im Buch herausarbeitest und wie du die Figuren ausleuchtest, mit denen ich nicht wirklich warm wurde, hätte ich mir doch insbesondere mehr Interaktion zwischen den einzelnen Charakteren gewünscht. Aber damit bin ich glaube ich wirklich in der Minderheit, bislang waren alle anderen Leser*innen von Hansens Figurengestaltung sehr begeistert – was mich für die Autorin ja auch sehr freut, der ich ihren Erfolg von ganzem Herzen gönne! Danke auf alle Fälle für diesen Lesebericht! LG, Marius

    1. Das Buch ist vor allem aus der Sicht der See geschrieben, würde ich sagen, deshalb wirkt das Zusammenspiel wie ein Hintergrundrauschen, wie etwas, das sich ergibt, aber ohne Geschichte – die See sieht alles, verzeiht, lässt zu und wäscht hinweg. Von dieser Warte aus gelesen besitzt dieses Buch sehr viel Ruhe, sehr viel Gelassenheit und auch Worte und Möglichkeiten über Schlimmes hinwegzugleiten, es aufzunehmen, weiterzuverarbeiten, wie der Bruder mit dem Strandgut. Bücher treffen manchmal den Ton, manchmal nicht. Aber ich stimme zu, das soziale System bleibt im Schatten einer riesigen Meereswoge, und der Wal, der herangespült wird, bringt die Verhältnisse in Gang. Ich mochte vor allem die sehr materielle Art die Dinge zu beschreiben – ich denke, die Dinge sollten das Innenleben symbolisieren, aber dafür müsste ich das Buch nochmals lesen. Danke für den Hinweis! Viele Grüße!!

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