Christoph Hein: „Guldenberg“

Ein besorgter Bürger bemüht sich redlich … (Spiegel Belletristik-Bestseller 17/21)

Christoph Hein verarbeitet mit seinem Roman „Guldenberg“ gegenwärtige politische Diskurse über Abwrackprämien, Altersarmut, über Migranten, Fremdenfeindlichkeit, über Karrierewahn in den öffentlichen Institutionen und die seiner Meinung nach zu bedauernde Beschleunigung in allen Bereichen der Gesellschaft. Sein Städtchen Guldenberg dient als Kondensationspunkt vieler Probleme, die einzelne beklagen und derer sie sich ausgeliefert fühlen. Niemand hört auf irgendwen. Der Unternehmer betrügt und wird betrogen. Der Politiker wirbt und wird umworben. Der ‚kleine Mann‘ schimpft und wird beschimpft. Die Migranten beleidigen und werden beleidigt. Das ganze Städtchen ist ein einziges, heilloses Durcheinander von Opfern und Tätern, von Missverstandenen für sich selbst und denen, die andere in die Pfanne hauen, ohne mit der Wimper zu zucken. Niemand gönnt irgendwen irgendetwas, und niemand traut irgendwem eigentlich über den Weg. Mit anderen Worten, Hein beschreibt trocken und teilnahmslos ein soziales System kurz vor dem Kollaps:

„Guldenberg war in den vergangenen Jahren sichtbar aufgeblüht. Die Straßen der gesamten Innenstadt waren erneuert oder zumindest ausgebessert worden, nur in den Randbezirken gab es noch Straßen mit aufgerissenem Asphalt und Schlaglöchern, doch auch hier hatte die Stadt Zusagen für Gelder vom Land erhalten. Die Fassaden und Dächer der Gebäude waren innerhalb eines Jahrzehnts in Ordnung gebracht worden.“

Christoph Hein aus: „Guldenberg“

Er beschreibt die Situation mit sachlicher Beiläufigkeit, als lese man ein Amtsnachrichtenblatt, oder das monatliche Journal des besorgten Autofahrerverband, in welchem der Zustand hiesiger Straßen beklagt und angemahnt wird. Der Roman ähnelt vom ersten bis zum letzten Wort einer nüchternen, harten, etwas zerfahrenen Berichterstattung, Christoph Hein als Vertrauensmann des langsam heraufziehenden totalen Überwachungsstaates. Wie eine Drohne fliegt und springt und beobachtet die Erzählung von einer Episode zur nächsten, was die Bürger und Bürgerinnen so treiben, und versucht auf diese Weise, ein Gesamtbild zu erzeugen. Sie surrt über Guldenberg hinweg, brummt und zoomt in das Büro des Bürgermeisters, stellt die Lauscher in Richtung Kneipe, wo stets drei Bier und drei Korn bestellt werden, und die Migranten an allem Schuld sind, außer an dem heraufziehenden Bankrott der hiesigen Töfli-Werke, denn daran trägt ja der Unternehmer, ein arroganter Schnösel, so der O-Ton, nun einmal selbst schuld, hätte er sich doch nicht diese protzige Villa am Stadtrand bauen müssen. Das Geschehen wechselt hin und her. Verbrechen finden statt. Ränkespiele um Macht. Verletzungen, eine Vergewaltigung, überforderte Sozialarbeiterinnen und eine uralte und bauernschlaue Seherin, die mit den Toten redet.

„Das dort ist ein Konvektionstrockner, er ist erst fünf Jahre alt, also fast wie neu, aber eigentlich müsste ich ihn verschrotten und gegen einen energiesparenden Trockner austauschen. Doch er hat sich noch nicht amortisiert, folglich muss ich ihn noch mindestens zwei, drei Jahre einsetzen. Ein neuer Trockner kostet Zehntausende, der alte verursacht durch den hohen Energieverbrauch monatlich etwa zweihundertfünfzig Euro zusätzlich.“

Christoph Hein aus: „Guldenberg“

Beinahe unlesbar, gegen jeden Lesegenuss gerichtet, schreibt Hein weiter über Details eines Örtchens, in denen niemand fühlt, liebt, weint, sich freut, in denen es bei allen nur um die harten und nackten Tatsachen geht, nur ums Überleben, den nächsten Scheck, die nächste Wahl, das nächste Bier, die Amortisierung des Konvektionstrockners, und wer nun wirklich das vierzehnjährige Mädchen geschwängert hat, und wieso die Polizei denn die minderjährigen Migranten schützt, die kaum ein Wort Deutsch können, wer also Schuld an der miserablen Lage trägt, unter der alle Bürger und Bürgerinnen Guldenbergs so inbrünstig leiden. Heins erbarmungslose Antwort ist von Anfang an klar: Alle. Die Drohne fliegt und urteilt über die Köpfe hinweg und gewährt ungewollte Einblicke in das Privatleben anderer, einen biederen, barocken Voyeurismus, der dennoch Voyeurismus bleibt.

„Kurz nach acht erschien Alexander Fuschel bei Lichtenberger. Er begrüßte ihn und seine Frau und gab den beiden Kindern die Hand, die bereits bettfertig in ihren Schlafanzügen im Flur standen. Er folgte Lichtenberger, der ihm im Wohnzimmer einen Sessel am Couchtisch anbot. Auf dem kleinen Tisch stand eine geöffnete Weinflasche, zwei Gläser und eine Schale mit Nüssen. Bevor Walter Lichtenberger sich setzte, füllte er die beiden großen Kristallgläser.“

Christoph Hein aus: „Guldenberg“

Nichts passiert, aber die Privatsphäre wird verletzt, weil das Erzählen mitleidlos über die Figuren hinwegrollt, ein Erzähler nicht mitten im Geschehen von dem Geschehen ergriffen wird, sondern als Kommentar im Jenseits zu Protokoll gibt, was in Guldenberg so passiert, was die sich da mal wieder alle leisten, schwach, ängstlich, voller Ranküne und Aggression gegeneinander. Es mutet hier nur seltsam an, dass Hein von seinen eigenen Erfindungen so denkt, sich also für seine eigenen Figuren so gar nicht interessiert, sie nur wie Schachfiguren durch die Satzstrukturen hin und her schiebt, um die Moral der Geschichte zu präsentieren: Wer die Hölle auf Erden will, der bekomme sie nun einmal auch.

„»Das nennt man geschmeidig sein, Walter.«
»Wieder deine Ironie? Nein, Konstantin, für mich heißt das, das Leben zu verstehen und zu verstehen, das Leben zu leben. Ich bewundere Mandela, aber ich bin kein Held.«“

Christoph Hein aus: „Guldenberg“

Helden aber, so Hein, sollten wir sein. In „Waldbruder Lenz“ schrieb er 1981 folgende Zeilen, um die DDR dem französischen Feuilleton näherzubringen:

„In solch verzweifelten Zeiten [in welchen es um den Fortbestand des Menschen als Gemeinwesen geht] hat, wie die Geschichte zeigt, sich die Poesie diesem umfänglicheren Kampf aufzuopfern und sich mit ihrer Sprache der kämpfenden Partei unterzuordnen. Sie muss schlau werden und listig, kühl und kalkulierend und auf Wirkung bedacht, sie muss sich selbst aufgeben. Ihr (zeitweise) völliges Verstummen ist ein Mangel ihrer Tugend: die Unfähigkeit zum Kompromiss.“

Christoph Hein in: „Die wahre Geschichte des Ah Q. Stücke. Essays.“

In solchen Zeilen herrscht ein martialischer Ton. Es wird „etwas gezeigt“. Es „muss etwas getan werden“, und es gilt „sich aufzuopfern“ und „sich unterzuordnen“, um der großen Sache zum Sieg zu verhelfen. Nun, Christoph Hein hat in seinem Roman „Guldenberg“ sein möglichstes unternommen, jedwede Poesie, Lyrizität, jedwedes Gefühl und Sentimentalität in die Schranken zu weisen. Es ist offenkundig schlicht nicht die Zeit. Der Zeitgeist ruft. Sie, die Poesie, muss sich kompromittieren, um einen Kompromiss zu finden. Von „Ornament und Masse“ eines Siegfried Kracauers und „Der Verzauberung“ von Hermann Broch keine Spur. Hein redet Tacheles, wie es nur jemand kann, der sich scheinbar nur über selbst entfremdete Distanzierung von allem und jedem zu helfen weiß. Sich selbst anheimgestellte Objektivität zum Trotz, vermochte er noch zu Zeiten der DDR ganz anders zu schreiben. Beispielsweise aus „Der fremde Freund“:

„Die Bemerkungen von Herrn Ebert [einstiger Sportlehrer der Protagonistin] träufelten auf uns wie eine klebrige, alles verschmierende Masse, die uns starr und leblos machte. Dass seine Ausdrücke uns tiefer verletzen sollten als nur in unserem sportlichen Ehrgeiz – „Matschpflaumen“ waren ausschließlich die Mädchen, „Saftsack“ galt für die Jungen-, begriffen wir erst später. […] Jeder hatte seinen Herrn Ebert, jeder spürte noch Jahre nach der Schule den festen schmerzlichen Griff, die ätzenden Bemerkungen. Ich glaube jetzt, meine Generation ging in den Turnhallen ihrer Schulen so nachhaltig auf die Matte, dass es uns noch immer in allen Gliedern steckt […] Natürlich ist das alles von mir übertrieben, zugespitzt, subjektiv, unhaltbar. Eine verstiegene, private Ansicht, ohne ausreichende Kenntnis der wirklichen Probleme, Schwierigkeiten und Erfolge. Natürlich fehlt mir die Einsicht, um solche Erlebnisse richtig einschätzen zu können. Mir fehlt die Übersicht, weil ich noch immer auf der Matte liege.“ (Fremde Freund, p137)

Christoph Hein aus: „Der fremde Freund“

Hier besaß Hein Einfühlvermögen, einen Rhythmus in der Sprache, Zeit, Emotionen zu erfassen, zwischen den Zeilen eine Atmosphäre entstehen zu lassen, die einen Eindruck von dem Leben der Protagonistin erzeugt. Die Trostlosigkeit findet ihre Darstellung, aber nicht ohne Witz und individuelles Aufbegehren, nicht ohne Selbstkritik und Selbstrelativierung.

Heins frühere Novellen und Erzählungen zeichnen eine trostlose DDR-Zeit voller Verfolgungswahn, Unterdrückung und Enge, aber in vielen Momenten eben eine Widerständigkeit, einen lyrischen Hoffnungsschimmer durch Kunst, Musik, durch Jazz und Blues den Verhältnisse trotzen zu können, insbesondere beispielsweise in „Der Tangospieler“. In „Guldenberg“ deutet jedoch darauf nichts mehr hin. Karge, krasse, kakophonische Beschreibungen und einsame, unter der eigenen Bedeutungslast zusammenbrechende Wortwitze lassen die Lektüre ins Beliebige, Leere, Bedeutungslose entgleiten:

„Der Bericht des namentlich gekennzeichneten Journalisten, Arnulf Deutschmann, war mit dem sonderbaren und befremdlichen Titel Mit Dissonanzen durch Dissonanzen in Dissonanzen überschrieben.“

Christoph Hein aus: „Guldenberg“

Wessen Bericht, wessen Schicksal, wessen Schmerz spielt keine Rolle mehr, schon gar nicht, wer denn Arnulf Deutschmann ist. Die Bürger und Bürgerinnen von Guldenberg versagen auf ganzer Linie und der Autor, scheinbar von seinem eigenen Machwerk in Mitleidenschaft gezogen, gleich mit. Eigenartigerweise verwirklicht sich auf diese Weise eine selbst-erfüllende Prophezeiung des Autors auf ganz andere als von ihm erwartete Weise. In „Lorbeerwald und Kartoffelacker“, einer Gastvorlesung an der Universität in Jena 1981, sagt er:

„Ästhetik, so genutzt [unpoetisch, unlebendig, zur Pose im Kleinbürgersalon], wird zum Algorithmus der Beliebigkeit, die so verfertigten Texte stehen mit dem Rücken an der Wand, gesichert aus der Tradition, vermeintlich genau und der Wirklichkeit auf der Spur, weil erfolgreich gewordene Rezepte der Vorväter kolportierend.“

Christoph Hein in: „Die wahre Geschichte des Ah Q. Stücke. Essays.“

Günter Grass und Heinrich Böll nachahmend überholt er sich, ohne sich einzuholen, und überlässt stets anderen als sich selbst das letzte Wort. So endet jener Aufsatz:

„Ich will Heinrich Heine das letzte Wort geben. Im Anschluss an seine Prophetie vom Untergang einer ungerechten Welt und dem sie begleitenden Untergang der Kunst schreibt er: »Ich rede zuviel, jedenfalls mehr, als mir die Klugheit und das Halsübel, woran ich jetzt leide, erlauben möchten.«“

Christoph Hein in: „Die wahre Geschichte des Ah Q. Stücke. Essays.“

Würde er es nur nicht ernstmeinen, aber um den Zweifel daran auszuräumen, einen höheren Sinn von Humor zu verfolgen, schließt er in einem anderen Aufsatz 1983 über „Öffentliches Arbeiten“ wieder mit den Worten eines anderen:

„»Wenn sie so gütig sind«, schreibt Lessing an Ch. G. Heyne in Göttingen, »und glauben, dass ich wohl etwas Besseres hätte schreiben können: so vergessen Sie nicht, dass ein Bibliothekar nichts Besseres schreiben soll

Christoph Hein in: „Die wahre Geschichte des Ah Q. Stücke. Essays.“

Über diese Haltung kann man geteilter Meinung sein, und die entscheidet dann wohl auch darüber, ob man „Guldenberg“ für lesenswert erachtet oder nicht. Schade nur, dass das Städtchen und seine Einwohner den Autor samt und sonders selbst nicht interessiert hat. Vielleicht, ließe sich vermuten, interessiert er sich für die Gegenwart auch nicht mehr so richtig.

3 Antworten auf „Christoph Hein: „Guldenberg““

    1. Ja, das ist ein seltsames Alterswerk. Verglichen mit den vielen anderen Texten … es erschien beinahe wie eine lieblose Auftragsarbeit. Ich bin gespannt auf die Besprechung! Meines Erachtens hat Hein sich ausgezeichnet über kurze, sehr rhythmisch kurze Sätze. Nun sind sie länger, aber ohne Zug.

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