Quentin Tarantino: „Es war einmal in Hollywood“

Pathologisches aus erwartbarer Richtung … Spiegel Belletristik-Bestseller (26/2021)

Quentin Tarantino ist mit „Es war einmal in Hollywood“ unter die Romanschriftsteller gegangen. Die Protagonisten dieses Buches lauten Rick Dalton, ein abgehalfterter Western- oder Actionfilmstar, und Cliff Booth, sein Stuntdouble. Der Plot lässt sich in wenigen Worten umreißen. Rick Dalton hat den Sprung in den engen Kreis der Hollywoodstars nicht geschafft und versucht, sich neu zu erfinden. Am Ende erlangt er durch einen Zufall zur erneuten Berühmtheit. Cliff und Rick töten drei Hippie-Einbrecher, die in sein Haus eingedrungen waren, unter anderem mit einem Übungsflammenwerfer, und machen in allen Medien Schlagzeilen. Im Großen und Ganzen geht der vierhundert Seiten lange Roman um Rick Daltons Schaffenskrise, Selbstzweifel und Versuche, aus der Sackgasse seiner Filmkarriere zu gelangen. Rund um diesen Minimalplot spinnen sich diverse Nebenhandlungen. Roman Polanskis Ehekrise, Charlie Mansons Träume, ein Rockstar von Kaliber Bob Dylans zu werden, und eben Hollywood 1969 – wie der Umschlagtext besagt: „Du hättest dabei sein sollen“.

All dies erinnert an einen sehr berühmten Song von Bryan Adams namens „Summer of ´69“, in welchem es um die Nostalgie eines gealterten Mannes geht, der sich zurück in seine Jugend wünscht:

Oh when I look back now
That summer seemed to last forever
And if I had the choice
Ya – I’d always wanna be there
Those were the best days of my life

Tarantinos Buch liest sich sehr ähnlich, nur ohne jede Teenagerromantik, ohne Unschuld, Fröhlichkeit, ohne den Sonnenuntergang im Rücken und die Freiheit vor der Nase. In „Es war einmal in Hollywood“ wird vielmehr das Filmschaffen als Gründerjahre eines US-amerikanischen Mythos gefeiert. Für Tarantino scheint Hollywood Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre so etwas zu sein, wie für viele Deutsche das Berlin der 1920er Jahre, als der Expressionismus aus den Ruinen des Ersten Weltkrieges Kunstwerke erschuf und das Bauhaus die Architekturszene beherrschte, als die erste Welle der sexuellen Befreiung durch die Kneipen der damaligen Hauptstadt Berlins wehte, Großkinos entstanden, der Bär steppte, eine Art Berliner Broadway mit Jazz, Charleston und diversen Kleinkünsten die Menschen, Heimkehrer, und Abenteurer unterhielt.

Tarantinos Buch ergeht sich aber nicht einfach nur in Nostalgie. Eine Art Mythologie soll erschaffen werden, indem ununterbrochen Details die Seiten füllen, die nebensächlichsten Informationen aufgeführt werden, wie von wem, unter welchen Schwierigkeiten ein Film, eine Serie, ein Serienpilot abgedreht wurde, wer mit wem und wo sich wer in die Haare bekam, was unter welchem Vorwand zum Scheitern dieses oder jenes Projekt führte, Geld verdient und aus dem Fenster heraus geschmissen wurde.

Wendkos [Ricks Lieblingsregisseur] war dabei, einen Film für eine kleine britische Produktionsfirma mit Namen Oakmont Productions vorzubereiten, die einen internationalen Vertriebsvertrag mit MGM hatte. Oakmont war auf im Zweiten Weltkrieg angesiedelte Action-Abenteuer mit überschaubarem Budget spezialisiert, die (größtenteils) in den Londoner Pinewood Studios gedreht und mit Engländern besetzt wurden, abgesehen vom Hauptdarsteller, der meist aus dem Fernseh bekannter amerikanischer Schauspieler war. Beispiele dafür waren Boris Sagals »Alarmstart für Geschwader Braddock« mit Christopher (»Rat Patrol«) George, »Moskito-Bomber greifen an« mit David (»Solo für O. N.C. E.L.«) McCallum, Billy Grahams »Tauchfahrt in die Hölle« mit einem James Caan zwischen »Der Pate« und »El Dorado«, Walter Graumans »The Last Escape mit Stuart« (»Der Marshall von Cimarron) Whitman und Wendkos’ »Sturm auf die eiserne Küste« mit Lloyd (»Abenteuer unter Wasser«) Bridges. […] 

Quentin Tarantino aus: „Es war einmal in Hollywood“

Diese Stelle ist charakteristisch für den gesamten Roman. Über weite Strecken liest sich das Buch wie eine Art Opernführer aus einer Zeit, als es kein Internet gab, keine Zeitschriften und Programmhefte, als man sich ein kleines dickes Buch mitnehmen musste, um den Überblick zwischen den verschiedenen Verdi-Rossini-Bellini-Berlioz-Bizet-Opern und anderen Operetten, Namen, Sängerinnen, Tenoren, Sopranistinnen, nicht zu verlieren. Eigenartigerweise sind jedoch jedwede Form von Nachschlagwerke: Atlanten, Lexika, Opernführer, Reiseführer, Wörterbücher, Enzyklopädien usw. durch das Internet vollends überflüssig geworden. Das gesamte Schlagwort- und Faktenwissen der Menschheit hat sich mittlerweile in Bits-und-Bytes historiographisiert und benötigt keine gedruckten Handbücher mehr. Das Ansinnen Tarantinos, die Fakten aus wikipedia und der independent movie data base (IMDB) zusammenzutragen, bleibt schleierhaft. An anderer Stelle wird jedoch noch ein weiteres Motiv erkennbar.

Die Episode der dreizehnten Staffel [von Rauchende Colts], in der James Stacy auftrat, trug den Titel »Schrei nach Rache«. Sie wurde von Calvin Clements, einem der großen Westernserienautoren seiner Zeit, geschrieben und von Richard C. Sarafian verfilmt, einem talentierten Serienregisseur, der kurz vor dem Sprung ins Filmfach stand und später Kultklassiker wie Fluchtpunkt San Francisco und Ein Mann in der Wildnis drehen würde (Barry Newman ist in Fluchtpunkt San Francisco mit weißem Hemd und Jewfro solide als Kowalski, der Fahrer des Dodge Challenger, aber James Stacy wäre deutlich heißer und deutlich cooler gewesen).

Quentin Tarantino aus: „Es war einmal in Hollywood“

Nicht nur werden zahllose Details gegeben. Zahllose Filme, Schauspieler, Regisseure, und Autoren, Produzenten, Agenten werden nach und nach feinsäuberlich beurteilt mit „groß“, „Kult-“, „talentiert“, „solide“, „heiß“ und „deutlich cooler“. Die Reihungen nehmen ein Ausmaß an, dass einem die Haare zu Berge stehen. Der Roman lässt hierbei etwas Interessantes deutlich werden, und erlangt hierdurch beinahe einen erkenntniskritischen Charakter, dass nämlich Urteile, Bewertungen, Likes, und Wertungen aller Art so gut wie gar nichts über das Bewertete sagen, nur über den Bewertenden, und bei all den diversen Fakten und Details die beschriebene Zeit, der gesamte Handlungsrahmen, in den Hintergrund, Quentin Tarantino aber den Vordergrund tritt, wie er souverän, einem Dompteur gleich, mit den Fakten der großen Filmgeschichte jongliert wie wenige, wenn überhaupt einer, neben ihm.  Was man aber nach dem Buch weiß, ist, wie man sich bei Quentin Tarantino Pluspunkte verschaffen kann. Man erwähne Steve McQueen, Paule Revere und die Raiders, Charles Bronson, und David Carradine, und Crosby, Stills und Nash (aber nicht Young), um nur einige zu nennen.

Eine Art „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ des 1969er Hollywoods zu schreiben, misslingt vollends dort, wo es dem Autor nicht gelingt zu beschreiben. Eine Person „cool“ zu nennen, sagt wenig darüber aus, solange man nicht weiß, was „cool“ sein soll, eine Sonnenbrille, Wortkargheit, ein nüchterner Gang, ein Achselzucken, alles zusammen, oder kess, oder nichts von all dem müsste spezifiert werden. Geradezu ironisch wird es bei nichtssagenden, oder zumindest völlig unbestimmten Neologismen wie „Zapata-“, „Custer-“, „Zen-“, „Nurejew-mäßig“. Komprimiert man den Wortschatz noch um die Beschimpfungen, diversen Bezeichnungen des weiblichen Geschlechtsorganes, nimmt noch „verdammt“, „Steve McQueen“, „cool“, „sexy“, „lange Beine“, und „Minirock“ heraus, bleibt nicht mehr viel übrig. Beinahe hilflos wirkt der Autor, sobald er auf Beleidigungen und Kraftmeierei verzichten muss.

Aber jetzt, wo er [Rick Dalton] sich ein bisschen daran gewöhnt hat, etwas herumgelaufen ist (die Stiefel fühlen sich gut an) und sich in dem Western-Schaufenster inmitten einer Wildwest-Szenerie spiegelt, findet er: Dieser Look ist gar nicht übel. Den Hut hat er von Anfang an gemocht, aber es ist die braune Hippie-Jacke, die ihm allmählich richtig ans Herz wächst. Die Fransen an den Ärmeln sind ziemlich stark. Er fängt an, auf Dinge zu zeigen und mit den Armen zu gestikulieren und den Effekt in dem spiegelnden Fenster zu begutachten. Die Art und Weise, wie die baumelnden Fransen seine Bewegungen unterstreichen, ist ziemlich klasse. Damit kann er gut arbeiten. Gar nicht so schlecht, Rebekkah, denkt Rick. Außerdem denkt er: Es sieht nicht nach mir aus. Aber vielleicht hat Sam recht, und das ist gar nicht so übel.

Quentin Tarantino aus: „Es war einmal in Hollywood“

Sobald Tarantino die reine Urteilsverkündigung und Bewertungsmaschinerie verlässt, gerät der Motor ins Stocken. Wie nämlich die Fakten aus dem Hollywood der 1969er Jahre einfach nur aneinandergereiht werden, so wird alles aneinandergereiht, ohne eine Spur von inhaltlichem Zusammenhang, deskriptiver Motivation und erzähltechnischer Relevanz.

Der Butler stellt das Tablett vor seinem Dienstherrn ab, und Jay nimmt das Service vor ihm in Augenschein. Es beinhaltet ein schickes silbernes Teekännchen, eine Teetasse aus Porzellan samt Untertasse, ein Schälchen mit Zuckerwürfeln, einen kleinen Silberkrug mit Kaffeesahne, ein warmes Croissant auf einem Teller, ein kleines Tellerchen mit einem Stück Butter, eine Reihe verschiedener Marmeladen in winzigen Gläschen und eine langstielige Rose in einer schlanken silbernen Vase.

Quentin Tarantino aus: „Es war einmal in Hollywood“

Die erzählerische Armut findet keine Kompensation. Sie rührt im alltäglichen Einerlei und bringt kaum etwas zu Tage.

»Good Morgan, Boss Angeles!« In den Sechzigern und frühen Siebzigern pulsierte ganz Los Angeles zum Beat von 93 KHJ. Es war als Boss Radio bekannt, und es war bekannt dafür, die Boss-Sounds der Boss-Jocks von Boss Angeles zu spielen. Zumindest, wenn man nicht in Watts, Compton oder Inglewood lebte.

Quentin Tarantino aus: „Es war einmal in Hollywood“

„Es war einmal in Hollywood“ gerät zum Schenkelklopfer und erinnert an die Liebes- und Reiseromane aus dem Mittelalter, an die Minnen- und Gesangsdichtungen in Tavernen, die beim Trinken und Raufen für die akustische Untermalung sorgten. Ein besonders markantes Exemplar ist „Mai und Beaflor“ aus dem 13. Jahrhundert und ist wahrscheinlich in der Steiermark entstanden. Wer diesen Roman verfasst hat, weiß man nicht. Eine von vielen möglichen Stellen, die Tarantinos Stil illustrieren, sei gegeben:

die frowen all zů hofe riten,
die ritter teten nach ritters siten
vnd ritten ritterleich mit jn.
aus: „Mai und Beaflor

Der Unterschied jedoch liegt darin, dass „Mai und Beaflor“ lustig sein möchte und mit Alliterationen und Assonanzen spielte und von sich keine Stilsicherheit behauptete, noch Kritik an anderen Werken verlautbaren ließ. Von Quentin Tarantinos Roman bleibt jedenfalls nicht mehr viel übrig. Selbst genaues Hinsehen offenbart keine Sprachbemühungen, kein Hineinversetzen in die Figuren, keine psychologische Nachzeichnung der Arbeitsatmosphäre, der Ängste, der Konkurrenzgefühle. Man darf getrost den Autor mit einem quasi-Fazit selbst zu Wort kommen lassen.

Cliff lächelte, aber der Franzmann versicherte ihm: »He, das ist schwieriger, als es sich anhört. Du kannst sie nicht so ficken, wie du deine Freundin fickst. Du kannst sie nicht so ficken, wie du die Freundin deines besten Freundes fickst. Du kannst sie nicht so ficken, wie du die Geliebte deines Vaters fickst. Die fickst du zum Spaß. Das hier ist Arbeit. Ihre Arbeit ist, Freier gegen Geld zu ficken. Deine Arbeit ist, sie gegen Geld zu ficken. Und glaub mir, die sind anspruchsvoller. Wenn du sie bei der Stange halten willst, dann sieh zu, dass du sie gut fickst, und sieh zu, dass du sie reichlich fickst […]

Quentin Tarantino aus: „Es war einmal in Hollywood“

Wer Tarantino möchte, der bekommt mit „Es war einmal in Hollywood“ Tarantino ungeschminkt. Nicht unerwähnt sollten die vielen Stellen bleiben, in denen höchstproblematische Gewalt gegen Frauen beschrieben, Flirten, Sex, Vergewaltigung mit minderjährigen Frauen gepriesen, Roman Polanski als Genie in Szene gesetzt, Sympathie für Charlie Manson erzeugt, und Mord und Totschlag gegen Frauen gutgeheißen wird. Als Pate stehen hier viele Autoren mit Rang und Namen, Johann Wolfgang von Goethe beispielsweise in „Faust. Der Tragödie erster Teil“ sei stellvertretend genannt:

MEPHISTOPHELES.
[…] Es ist ein gar unschuldig Ding,
Das eben für nichts zur Beichte ging;
Über die hab‘ ich keine Gewalt!
FAUST.
Ist über vierzehn Jahr doch alt.
MEPHISTOPHELES.
Du sprichst ja wie Hans Liederlich […]
FAUST.
Mein Herr Magister Lobesan,
Lass‘ Er mich mit dem Gesetz in Frieden!
Und das sag‘ ich Ihm kurz und gut:
Wenn nicht das süße junge Blut
Heut nacht in meinen Armen ruht,
So sind wir um Mitternacht geschieden.

Johann Wolfgang von Goethe aus: „Faust. Der Tragödie erster Teil

Insofern hat Quentin Tarantino versucht, sich in die lange Reihe jener Prominente zu stellen, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen gutheißen, indem er ein achtjähriges Mädchen wie eine Erwachsene sprechen lässt, auf dem Schoß von Rick sitzt und sich sagen lässt, wie erwachsen sie sei, beschreibt, wie Frauen durch Dreck kriechen, eine Vierzehnjährige vergewaltigt wird, Frauen nackt bei Fremden einbrechen müssen, unter Druck gesetzt, benutzt und beleidigt, und weniger als Hunde wertgeschätzt werden. Bezüglich Goethes hat in diese Richtung Friedrich Theodor Vischer 1862 alles gesagt:

Das Abgeschmackteste
Hier wird es geschmeckt  
Das Allervertrackteste  
Hier ward es bezweckt
Das Unverzeihliche  
Hier sei es verzieh’n  
Das ewig Langweilige  
Zieht uns dahin.

Friedrich Theodor Vischer aus: „Faust. Der Tragödie dritter Teil

Am Ende ist Langeweile also nicht einmal mehr der Hauptkritikpunkt. Schade eigentlich.

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