Johanna Adorján: „Ciao“

Überholen, ohne einzuholen…
Spiegel Belletristik-Bestseller (29/2021)

Der Roman „Ciao“ von Johanna Adorján antwortet auf die aktuelle Diskussion um das Stichwort „cancel culture“ herum. Es kann mit Sicherheit als Antwort auf „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber und „Über Menschen“ von Juli Zeh gelesen werden. In diesem Sinne würde es als eine liberale Antwort eine Form von Mitte suchen, Gegensätze vermitteln, beide Seiten zur Sprache kommen lassen, ohne die eine gegen die andere Seite auszuspielen. „Ciao“ kann in dieser Hinsicht glücklicherweise als gescheitert gelten, denn es enthebt sich aller diskursiven, argumentativen Mühen, pocht darauf, Fiktion zu sein, und nimmt eine Außenposition an, nämlich die, reine Unterhaltung zu bleiben und sein zu wollen, einen Slapstick aufzuführen, bei dem niemand sich schlecht fühlen muss, und sich sogar eine Art Happy End erlaubt.

»Moment«, rief Emma. Sie stellte sich breitbeinig vor den Esstisch, Hände in die Seiten gestemmt, Kinn gesenkt. Henriette startete die Musik [am Laptop] noch mal neu und rannte hinter Emma. Sie stellte sich genauso hin wie ihre Tochter, guckte wie sie ernst zu Boden. Mit Einsatz einer Melodie [Afrohouse], die ein Instrument spielte, das Hans nicht erkannte (Dudelsack?), begannen beide, mit dem, von Hans aus gesehen, rechten Fuß zu wippen und zeitversetzt ihre Köpfe zur Seite zu drehen [also zu twerken]. Erst guckte Emma nach rechts, dann Henriette, dann Emma nach links, dann Henriette. Dann nahmen beide ihre Hände von den Hüften, hielten die Hände übertrieben affektiert nach vorne, und machten im Rhythmus schnelle Bewegungen mit den Beinen, die wahrscheinlich synchron sein sollten, aber sehr unterschiedlich ausfielen.

Johanna Adorján aus: „Ciao“

Mit anderen Worten, der Roman „Ciao“ nimmt sich in der Tat nicht wirklich furchtbar ernst. Er handelt von Henriette und Hans Benedek und ihrer Tochter Emma. Emma ist rebellisch, Henriette einst Lyrikerin, dann Hausfrau, dann Yoga-Lehrerin geworden, und Hans ein erfolgreicher Kulturrezensent der Berliner Zeitung „Die Zeitung“. Am Anfang des Buches trifft Henriette die erfolgreiche Social-Media-Aktivistin Xandia Lochner, die den Gedichtband Henriettes über den Klee lobt. Das Treffen fällt für beide fürchterlich aus. Henriette erzählt Hans von dem Abend mit Xandia, der sofort die Chance sieht und beschließt, endlich ein zeitgemäßes Thema als nächstes Projekt zu wählen, und zwar ein Langzeitporträt über das Internet-Phänomen Xandia Lochner.

Von diesem Zeitpunkt an geht alles schief im Leben von Hans Benedek getreu dem Motto be careful what you wish for you might get it. Man kann dem Roman von Adorján viel vorwerfen, bspw. die etwas pubertäre Idee Hans den Nachnamen „Bene-dek“, von seiner Chefredakteurin als „Bene-dick“ falsch ausgesprochen, und seiner Muse Xandia den dazu passenden „Lochner“ zu geben, oder dass die Sprache sehr glatt, sehr unspektakulär und retortenartig daherkommt, Klischees an Klischees aneinandergereiht werden, lieblose, oberflächliche Beschreibungen sich die Hand reichen und eine gewisse Tiefendimension in der Charakterbildung, -beschreibung und Handlungsentwicklung fehlt. Das mag alles zutreffen. Hier jedoch handelt es sich um eine poetologische Entscheidung. Der Roman weigert sich bewusst, tiefer in seine Figuren einzusteigen, und nach einigen Seiten und Minuten des Lesens wird einem das auch bewusst.   

Es war ein grauer Morgen. Die Sorte Grau, die es nur in Berlin gab, jetzt mal abgesehen von Warschau. Kein strahlendes Dior-Grau wie in Paris, das jedem Tag Glanz verlieh. Auch kein Londoner Grau, das einem freundlich unter dem Regen hindurch zuzwinkerte. Und schon gar kein New Yorker Grau, das sowieso immer nur ein kurzes Zwischenspiel war. Das Berliner Grau lag dicht über der Erdoberfläche. Es kam kein Licht hinein. Es gab kein Licht ab. Es schluckte Licht. Wenn Depression eine Farbe war, dann Berliner Grau.

Johanna Adorján aus: „Ciao“

Wie das Berliner Grau alles Licht schluckt, so lässt sich auch in die Handlungen der im Roman beschriebenen Figuren kein Licht bringen. Im Grunde geraten sie alle windschief aneinander, weichen sich aus, um dann in einer Schubumkehr und Kehrtwende doch wieder aufeinander zuzurasen und ungebremst miteinander zu kollidieren. Die völlig fehlende Anspruchslosigkeit des Textes passt sich mimetisch den Denkprozessen der Figuren an. Die Sätze sind kurz. Die Themen schnell abgehandelt. Das Tempo hoch. Der Text bleibt aber rhythmisch, humorvoll, wie eine Slapstick-Komödie ohne Anspruch, aber auch ohne die Figuren zu entlarven oder sie gar zu demütigen, den moralischen Zeigefinger zu erheben. Zwischen den Zeilen schimmert stets ein wenig Empathie durch, stets dieser kleine leise Humor, dass eben doch irgendwie alles komplizierter ist, auch wenn niemand nach diesem Grundsatz handelt, niemand sich daranhält, und deshalb alle von einer Katastrophe in die nächste stapfen.

Der Weg auf den Heiligenberg [in Heidelberg] stieg steil an, er [Hans] war völlig aus der Puste. Unbegreiflich, dass ihm als Kind nie aufgefallen war, wie dörflich es hier war, dachte er, eigentlich wie in den Bergen. An den Hängen wuchs Wein, auf dem Gehweg trat man alle paar Meter in matschige Pflaumen, er war an mehreren Gärten vorbeigekommen, in denen Hühner gehalten wurden. Inzwischen war es hell, viel heller als um diese Uhrzeit in Berlin. Oder überhaupt jemals.

Johanna Adorján aus: „Ciao“

„Ciao“ nimmt sich an keiner Stelle ernst. Die Erzählhaltung bleibt distanziert, selbstironisch, involviert. Von Selbstsicherheit und Selbstermächtigung keine Spur. Das Nachzeichnen von dem schwitzenden, seinem im Sterben liegenden Vater besuchenden Hans in Heidelberg zeigt eine Seite, die ganz und gar nicht zu dem possenreißenden Möchtegern-Playboy passt, den er ansonsten mimt, auch nicht, als er sich in seinem Büro unter dem Schreibtisch versteckt und von seiner Büroaffäre gefunden wird, wie er zusammengekauert darauf hofft, dass ihn niemand sieht noch anspricht, nachdem ein Twitter-Shitstorm über ihn herabgeprasselt ist.

»Hans. Deine Frau hat mich angerufen.« Sie [Niki, die Geliebte] ging neben ihm [Hans] in die Hocke, legte den Kopf schräg und streckte ihm eine Hand entgegen. Er ließ sich von ihr in eine aufrechte Sitzposition ziehen und streckte die Beine lang auf dem Teppich aus. »Deine Frau hat mich angerufen, weil sie dich nicht erreicht.« »Niki.« »Ja?« »Wusstest du, dass der Teppich gar nicht grau ist?« »Er ist grau mit blau«, sagte sie, ohne hinzusehen. »Er hat nämlich ganz viele blaue Punkte darin. Er ist wunderschön.« »Ja, das ist er«, sagte Niki, und die Art, wie sie ihn ansah, brachte Hans fast zum Weinen.

Johanna Adorján aus: „Ciao“

Das Selbstmitleid wird nicht vorgetäuscht. Hans‘ Frau mag ihn. Seine Tochter Emma mag ihn. Viele Kollegen mögen ihn. Nur er selbst kommt mit seinen Selbst- und Geltungsansprüchen nicht zurecht. Literarisch formt der Roman ein Oberflächenraunen, das Verworrenheit erzeugt, Verlorenheit, Unsicherheit. Das Tempo ist zu groß. Niemand hält mit. Die Newsticker rattern. Die Tweets fliegen nur so auf die Figuren ein. Man will Großes, Krasses, Weltbewegendes, und doch endet irgendwie doch alles nur in den Schlafzimmern von Großstadthotels, in Schwindelanfällen, und im besten Fall in Lachkrämpfen.

 Was wusste sie [Henriette] denn schon von seinen [Hans‘] Nöten. Und auf einmal hatte er ihr so leidgetan mit seinen unermüdlichen Versuchen, der Welt oder seinem Vater zu beweisen, dass er eine ganz große Nummer war. Sie sah ihn vor sich, wie er gerade wieder irgendwo langmarschierte, etwas nach vorne gebeugt, als kämpfte er gegen starken Wind an, immer in Eile, als gälte es, unbedingt vor allen anderen irgendwo zu sein, Erster zu sein. Und schon war er an ihr vorbeigelaufen, und sie sah ihn von hinten, die Schultern hochgezogen, die ausgehenden Haare …

Johanna Adorján aus: „Ciao“

Die völlige Abwesenheit soziokultureller Erklärungsversuche lassen den Roman zu einem Panorama werden. Holzschnittartig lamentieren, posieren, beschweren sich die Figuren, setzen sich in Szene, machen sich und anderen etwas von der Bedeutung dieser oder jener Vernissage etwas vor, flirten, lästern in einem fort, bis irgendwann die Autorin eine kurze Zwischensequenz aufblitzen lässt, die daran erinnert, dass das meiste nur eine Schau ist.

Er [Hans] folgte ihr [seiner Mutter] ins Wohnzimmer. Sie schloss die Tür, umschlang ihren eigenen Oberkörper mit beiden Händen, als befolgte sie die Regieanweisung »sie fröstelte«. Mit Zähneklappern. »Ist dir kalt?«, fragte er folgsam. Natürlich würde sie nicht darauf antworten, ihre Art der Kommunikation folgte ihren eigenen Gesetzen. »Wo ist Papi, wie geht’s ihm?« »Der ruht sich aus. Ich mache dir jetzt einen Kaffee, und dann gehen wir zu ihm.« Natürlich machte er dann den Kaffee, während seine Mutter mit angezogenen Beinen auf einem Sechzigerjahre-Barhocker saß und sich die Füße rieb, an denen sie immer fror.

Johanna Adorján aus: „Ciao“

Diese Momente kennen keine Wertung. Sie lassen sich nicht auslegen, politisch instrumentalisieren. Die Mutter hat kalte Füße. Sie macht nie den Kaffee, sondern reibt sich lieber und immer wieder die Füße warm. Mehr gibt es da nicht zu sagen. Die Autorin fängt mit solchen Momenten eine Atmosphäre des Unwirklichen auf. Als lebten die Figuren in einem Theaterstück, in welchen sie Regieanweisungen folgten, und manchmal eben fielen sie aus der Rolle, und reiben sich die Füße, oder treten Pflaumen matschig, oder twerken zu Afrohouse. In diesem Aus-der-Rolle-Fallen bestätigen sich die Rolle, aber visieren auch etwas anderes als eine Rolle an, etwas anderes als ein Zur-Schau-Stellen, geraten über das Klischee hinaus in eine sonderbare Form der Freiheit, die der Roman unterschwellig anbietet.

Adjorán hat mit „Ciao“ keinen Zeitroman geschrieben, eher eine kurze Atempause, eine etwas zu lang geratene Glosse. Sprachlich geeignet als Hörbuch auf dem Weg zur Arbeit gelesen zu werden, will es nichts als unterhalten, hier und da zum Schmunzeln bringen, hier und da den Klos im Hals zum Hüpfen bringen. In den guten Momenten erinnert der Roman an Heinrich Manns „Der Untertan“, wenn Diederich seinen Impulsen folgend von einem Fettnapf in den nächsten tappt.

Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte, dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefährlichsten Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder: der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. Diederich riß den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel und lachte. Diederich aus seinem Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen.

Heinrich Mann aus: „Der Untertan

Auch klingt der Humor eines Hans-Ulrich Treichel aus „Tristanakkord“ durch oder die bedenksame Fröhlichkeit von Christa Wolf in „Stadt der Engel oder The overcoat of Dr. Freud“. Vergeblichkeit, Kopfschütteln, Überforderung bildet den Ton des Geschriebenen. Ungehetzt, hoffnungslos verlangsamt, hinterher blickend, forschend, in kurzen Sätzen sich am Geschehen haltend verfolgt der Roman Hans Reise ins Verderben und lässt ihn doch nicht ins offene Messer laufen. Statt einer auswalzenden Medienkritik, eines Versuches, Debatten zum Ersticken zu bringen, statt radikale Positionen zu propagieren, und Einseitigkeit anzuprangern, verlässt sich die Autorin aufs gelassene Durchschreiten des tagtäglich Geschehenden, als hätte sie Christa Wolfs Worte im Ohr:

„So ende ich, zu Ihrer und meiner Überraschung, mit einem Lob der Torheit. Jener Torheit, die viele Gesichter hat, darunter solche, die ganz gut mit Einsicht und Erfahrung zusammengedeihen. Jener Torheit, auf deren Boden die großen Experimente gedeihen und Frivolität, Zynismus, Resignation nicht aufgehen. Die uns instand setzt, Häuser zu bauen, Bäume zu pflanzen, Kinder in die Welt zu setzen, Bücher zu schreiben – zu handeln, so anfechtbar, ungeschickt und unvollkommen, wie uns eben möglich. Was doch allemal vernünftiger ist als eine Kapitulation vor den verschiedenen, manchmal schwer kenntlich perfekten Techniken der Destruktion.“

Christa Wolf aus: „Über Sinn und Unsinn von Naivität“ in: „Fortgesetzter Versuch. Aufsätze, Gespräche, Essays.

Das einzige Manko an Johanna Adorjáns Roman ist die Eiligkeit, die Schnelligkeit, die glattgeschliffene Sprache, die nicht mehr auffängt, beschreibt, wiedergibt, als die Haltung der Autorin. Es fehlt an Sprachliebe, an Sprachlangsamkeit, an Einfühlvermögen in die Beschreibungsebene und Vernetzungstiefe der Wörter. Das Buch ist schlicht auf der Überholspur, ohne zu überholen, geschrieben worden. Im Geiste ähnelt es Heinrich Manns „Untertan“, Christa Wolfs „Stadt der Engel“ und Laurence SternesTristram Shandy“ aufs genaueste, nicht jedoch im Stil. Aktuell lässt sich noch auf Helga Schuberts „Vom Aufstehen“ angeben, das ernster, aber ähnlich freundlich zu lesen ist.

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