Elfriede Jelinek hat sich von der Romanprosa seit über zwei Jahrzehnten abgewendet. Gier, im Jahr 2000 erschienen, blieb bislang der letzte, als Roman konzipierte Text, von dem Online-Projekt Neid (Privatroman) einmal abgesehen, das letztes Jahr in Buchform gebracht worden ist. Auch Unter Tieren weist sich nicht als Roman aus, und ist auch offiziell keiner, sondern die Grundlage für ein Theaterstück mit selbem Titel, wobei zwischen Buchveröffentlichung (19. Juni 2026) und Premiere (16. August 2026) etwa zwei Monate anberaumt wurden. Jelinek setzt hier auf das Erfolgskonzept von Angabe der Person, das ebenfalls vor der Theateraufführung veröffentlicht wurde (15. November 2022) und etwa einen Monat später Premiere hatte und seitdem im Spielplan verblieben ist und mehrere Preise als Theaterstück zugesprochen bekommen hat. Wie auch bei Angabe der Person steht in Unter Tieren Geld im Zentrum des Geschehens, Geld und Kapital und die Problematik, was Wert hat, wie etwas Wert bekommt:
Das Eins, das Sein, es ist nun mal Eins und gleichzeitig Vieles und werdend und vergehend, was geschaffen wurde, der Wert, er entsteht, was zurückgegeben wurde, auch ein Wert, sogar ein etwas höherer, verschwindet, so wird Geld verschwendet. Indem es verschwindet. Nach einiger Zeit taucht es dann als Kredit wieder auf, vielleicht ein andres, aber ich zum Beispiel habe es sofort wiedererkannt. Es war schon mal bei mir. Warum ist es fortgelaufen? Ich weiß es nicht. Eins und Vieles, wollen Sie es gesondert oder vermischt? Notwendig. Und indem es unähnlich wird und ähnlich, muß es doch auch gleichen und nicht gleichen? JA!
Elfriede Jelinek aus: „Unter Tieren“
Inhalt/Plot:
Wie nicht anders zu erwarten, gibt sich Jelinek in Unter Tieren keine Mühe, in Sachen Geld, Finanzen, Aktien oder Wertentwicklung Licht ins Dunkle zu bringen. Im Gegenteil, sie schüttelt und rüttelt das Ganze so lange, bis es kaum noch Unterschiede zwischen den Wörtern, Begriffen und Kategorien gibt. Es erschließt sich auch nicht, weshalb sie Tiere über Finanzmärkte und politische Ökonomie sprechen lässt. In steter Abfolge treten sie auf und reflektieren über gesonderte Themen wie Versicherungen, Verzinsung, Steuervereinbarungen oder Finanzbuchhaltung, ohne dass zwischen dem Thema und der Art des Tieres ein offensichtlicher Zusammenhang bestünde, bspw. hätte das auf den Dachs und den Deutschen Aktienindex (DAX) gepasst, oder die Elster in Sachen Steuererklärung. In Unter Tieren herrscht jedoch keine Konsequenz, alle faseln und blubbern wie ihnen der Schnabel oder die Schnauze oder das Maul etc gewachsen ist, bspw. das Schaf:
Auf meinem Konto ist jetzt nichts mehr, dafür auf dem andren Konto, dem Anderkonto im fernen Land hoffentlich doppelt so viel. Und mehr, immer mehr!, so lautete das Zahlungsversprechen an mich, es wurde nicht verlautet, daß jetzt plötzlich ich selbst das alles zahlen soll. Bevor ich geschoren wurde, war ich mehr, also mehr mein Volumen, nicht wahr. Als ich zum Offenbarungseid antreten mußte, hatte ich dennoch nichts mehr anzugeben. Nur alle meine Verluste. So haben wir gewettet!
Inhaltlich passiert in den Texten so gut wie nichts. Weder treten die Tiere in einen Dialog zueinander noch entwickelt sich ein durchgängiger Stoffbezug miteinander oder würde sich eine Problematik aus der Serie an Monologen für das Publikum entfalten. Sie bleiben als Gesten im luftleeren Raum, wechseln sich ab, stellen sich nicht vor, besitzen weder Namen noch Geschichte. Einige tauchen wieder auf (Bärenklau, die Kuh). Andere verschwinden nach ein paar Seiten so plötzlich, wie sie auf den Plan getreten sind (Dachs, Wombat). Eine Struktur lässt sich jedenfalls nicht erkennen. Der Text stellt insofern eine Rohmasse für eine Aufführung dar, die als Rohmasse beliebig erweitert, gekürzt, verlängert, durchmischt oder durcheinandergewürfelt werden könnte. Jelinek sprengt hier also nicht nur die Gattungsgrenzen. Sie lässt jeden Rahmen und alle Ganzheit in einem Sprachwust implodieren:
Ist das der wahre Klassenkampf? Zwischen den Banken, die den Unternehmen ihre Kredite aufdrängen wollen, und den Arbeitern, die auch irgendwas wollen, ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was der Arbeiter will, niemand hat es je gewußt. Er sagt es zwar dauernd, von Lohnrunde zu Lohnrunde mehr, aber immer weniger mehr. Kriegen tut er dann etwas mehr als weniger. Ich weiß es trotzdem immer noch nicht, wollte er sich auf mich setzen, könnte er gleich ins Casino gehen, wo sie ihn aber wahrscheinlich gar nicht hineinlassen, auch nicht in seinem neuen Anzug.
Selbstredend haben Klassenkampf, Casino, Lohnrunden oder Kredite wenig miteinander zu tun. Kredite werden von Banken an jedweden Kreditwürdigen gewährt, Lohnkämpfe gibt es zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, und Casinos und Anzüge stehen quer dazu, nämlich eher als Freizeitvollzugsformen. Unter Tieren sammelt viele Eindrücke, mischt die Geldform und die Warenform, nimmt auf Systemtheorie Bezug und thematisiert derweil alle besonderen Konflikte aus aktuellen Nachrichtenbeiträgen, die als Stichwort in den Monologen unversehens auftauchen wie die Flüchtlingsproblematik, Leihmutterschaft, Tesla oder der Irankrieg, Waffenlieferungen an Russland usw.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Öffentliches Miteinander mit Plot: keiner.
Stil/Sprache/Form:
Wie gewohnt zeichnet sich die Prosa von Jelinek durch ausgefeilte, rhythmisierte Sprachfiguren aus. Sie nimmt Phrasen – in Unter Tieren häufig aus der Bibel –, und verwandelt diese, indem sie Bedeutungsverschiebungen vornimmt, in subversive Assoziationsfugen. Hier lässt sie selbst Kalauer zu, blödsinnige Sprachspiele, bspw. „Für und Widder“, die bewusst die Ernsthaftigkeit der Formulierungen durchbrechen. Sie mischt diese zudem, über Assonanz und Verfremdung, mit Zitaten und Weiterführungen aus Klassikern, um so nach und nach einen klingenden, semantisch schillernden Sprach- und Kulturteppich zu weben. Insbesondere im zweiten Drittel gelingt Jelinek dies in Unter Tieren wie gewohnt eindrucksvoll:
Weder als Tauschmittel noch als Wert-Gradmesser hätte Geld doch überhaupt entstehen können, wenn es nicht seinem Stoff nach, ob Wurm oder Löwenzahn oder Giftsumach, äh, Cranach, Handy oder Rolex oder Laptop mit was drauf, wurst, nein, legen Sie diese Wurst nicht auf den Lap-top, um Gottes willen!, legen Sie die woandershin!, genau, hier sind Sie richtig, das, was ist, ist für Sie jedenfalls dick belegt worden, so fallen Sie auf die Butterseite und nicht fürs Vaterland, köstlich, mjam, wenn es etwas davon, von alldem also, wenn es das alles nicht wäre, was ich vorhin gesagt habe. Was war das noch gleich?
Leider wird die Phrase rundum Geld in Unter Tieren allzu schnell repetitiv. Jelinek fährt keine hohe Komplexität auf, die sie in anderen Zusammenhängen und Stoffgemengelagen für gewöhnlich reflexionssprachlich zu erzeugen versteht, bspw. in Sachen Schuld und Mord, Lust und Sex, Strafjustiz und Geschlechterbeziehungen wie in Die Kinder der Toten oder Lust. In Unter Tieren bleibt es eher bei einer Anklage gegen Finanztransaktionen, gegen üble Machenschaften, Verbrechen und Korruption in öffentlichen Ämtern, mitsamt also nicht einmal provokante oder tabubrechende Themen. Vor allem aber lässt sie hier mit ihrer sprachzermalmenden Negativität nicht alles in einen Schlund verschwinden. Die Anklagen werden also nicht als Teil des Anklagewürdigen begriffen. Das mindert Jelineks Formarbeit herab, die früher mit Selbstparadoxalisierung glänzte und kein Außen erlaubte. In Unter Tieren verliert aber die Sprache diese implodierende Immanenz und reduziert sich stellenweise auf bloße, also nicht mehr formalästhetische getragene Gesellschaftskritik:
Nein, der Staat ist selbst nicht reich, nur seine Diener sind es, welche ihn bestahlen, der gehört vor Gericht, der Staat, der sich sowas vorsetzen läßt!, und vor ein andres Gericht gehören wiederum alle, die Sachen behaupten, die nicht stimmen, und sich Sachen nehmen, die ihnen nicht gehören, und für Sachen werben, die sie immer nur selbst sind, und Sachen kaputtmachen, die sie vorher noch nie gesehen haben.
Das wirkt kaum noch sprachexperimentell, vor allem vor dem Hintergrund, dass sich Jelinek seit Jahren mit dem Finanzamt öffentlich und privat über ihre Steuererklärung streitet.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Der naheliegende Vergleich von Unter Tieren fällt auf George Orwells Farm der Tiere (1944), in welchem ebenfalls Tiere sprechen und über sich und ihr Dasein reflektieren. Orwells vielleicht bekanntestes Werk liest sich als getreue Satire auf die ersten Jahre der Sowjetunion. Der Handlungsverlauf samt der Ereignisse, bis auf den Windmühlenbau, lassen sich eins zu eins in die historische Realität übersetzen. Eine solche Satire bemüht Jelinek in Unter Tieren nicht, obgleich die historischen Bezüge zu bspw. Elon Musk ebenfalls nicht fehlen und kaum verfremdet sind. Wie Orwells Erzählung Farm der Tiere, die, wie er selbst im Vorwort schreibt, im Grunde nur ein journalistischer Protest gegen die damalige Berichterstattung über die Sowjetunion gewesen ist, bleibt Unter Tieren ebenfalls ein eher diskursiv-politischer Traktat, der wenig eigene literaturästhetische Ambitionen hegt.
Lassen wir die Leiterin des Finanzamts zu Wort kommen, im Radio oder so, schnell, denn nächste Woche wird sie die Leiterin eines viel größeren Finanzamts sein, wir werden sie gar nicht mehr sehen, so wie Sie schon morgen vielleicht mit irgendwem im Paradiese sein werden, den Sie nicht kennen und auch nie kennenlernen wollten. Die Golfschläger wird die Dame ins Büro mitnehmen dürfen, damit jeder sie sieht, also sie und ihre Schlägertruppe. Sie erhebt sich jetzt, sieht sich um, sieht nur das Mikrofon, in das spricht sie hinein, es ist ihre Philosophie, die sie erläutert. Nachdem Sie hier soviel Philosophie ertragen haben, halten Sie diese vielleicht auch noch aus: Wir wollen für unsere Bürgerinnen und Bürger und unsere Unternehmerinnen und Unternehmer und Unternehmen eine serviceorientierte Verwaltung sein. Das sagt sie mit ihrem eigenen Mund, die Frau Direktor.
Das Zitat, nur leicht und offensichtlich abgewandelt, findet sich in der sogenannten Causa Wolf rundum den Finanzminister Schelling wieder, die in Wien in der medialen Öffentlichkeit Wellen geschlagen hat. Wer diese Affäre nicht kennt (wie ich), wird aus den gegebenen Anspielungen genauso wenig schlau, wie diese irgendeiner Aufklärung dienen könnten. Nur der Ekel der Sprechfiguren bricht sich bahn, hier, passend, der eines Wolfs. Jelinek fehlt in Unter Tieren die Selbstbezüglichkeit, die eigene Unterminierung, um die gewohnte sprachliche Subversion zu entfalten. Es fehlen zentrale Gestalten – bei Orwell wären es Boxer und Kleeblatt, die sich für die Windmühle zu Tode schuften – um eine Spannung zu erzeugen, die über die Meinungsmache hinausgehen könnte. Interessanterweise fehlt das Pferd sogar gänzlich als Tier oder Sprechrolle, und auch die Katze gibt es nicht.
[Die Tiere der Farm] waren die kleine Hügelkuppe hinaufgezogen, wo die halbfertige Windmühle stand, und einmütig lagerten sich alle hin, so als kuschelten sie sich wärmend aneinander – Kleeblatt, Muriel, Benjamin, die Kühe, die Schafe und eine ganze Schar Gänse und Hühner – eigentlich alle, bis auf die Katze, die plötzlich verschwunden war, kurz bevor Napoleon die Tiere zusammenrief. Eine ganze Weile sagte niemand etwas. Nur Boxer blieb stehen. Er tänzelte auf und ab, peitschte sich mit dem langen, schwarzen Schweif die Flanken und gab von Zeit zu Zeit ein leises, erstauntes Wiehern von sich.
George Orwell aus: „Farm der Tiere“
Hier wird die Enttäuschung über die Bestrafungsmaßnahmen literarisch versinnbildlicht. Insbesondere die Arbeitspferde Boxer und Kleeblatt tragen die Farm, versammeln die Tiere um sich und geben ihnen Kraft. Solche Figuren besitzt Unter Tieren nicht mehr. Der Fokus ist verloren gegangen. Selbst die journalistische Kritik hat sich dezentriert. Das, was alles zusammengehalten hätte, wäre eine schonungslose Selbst- und Fremdkritik der gesamten Öffentlichkeit, einschließlich auch des von den staatlichen Mitteln oft finanzierten Kunst- und Kulturbetriebes gewesen. Bspw. findet die Uraufführung von Unter Tieren im Rahmen der Salzburger Festspiele statt, die u.a. vom Salzburger Festspielfonds getragen werden. Leider erweist sich Jelinek hier ungewöhnlich beißzahm, etwas, was Ilse Aichinger damals anlässlich Jelineks Annahme des Literaturnobelpreises 2004 kritisiert hat:
Um die Intensivpflege der Nobelpreisträger kümmert sich die Welt. Thomas Bernhard hat ihn nicht bekommen, Joyce nicht, Julien Green nicht, statt dessen von Sully Prudhomme bis zur letzten, verzweifelten Preisträgerin immer wieder diejenigen, die darauf bedacht waren, Dario Fo und Günter Grass (tanzend im königlichen Ballsaal nach der Verleihung). Das Karolinska-Institut in Stockholm, zuständig für die Vergabe des Nobelpreises für Medizin, wirkt unter dem bleiernen Himmel, trotz einiger Strauchreihen und Baumgruppen, wıe eine unzureichende Fassade, fast ein Totenhaus. »Requiescat in pace«, aber welcher Friede ist gemeint?
Ilse Aichinger aus: „Nobelsonne“ [in „Unglaubwürdige Reisen“]
Aichinger hat sich mit Jelinek damals nicht überworfen und auch nicht überwerfen wollen, aber für ihre Kritik am Nobelpreisverfahren ihre Kolumne beim derStandard verloren. Es wäre Jelinek ein Text zu wünschen gewesen, der ebenfalls schlafende Hunde weckt und vor den Ofen lockt, um sie dort beim Bellen vorführen zu können. Unter Tieren jedenfalls ist ein solcher nicht. Die sprachliche Außergewöhnlichkeit vertritt hier allzu gefällig Gewöhnliches, nämlich die eigenen Interessen.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.



Habe das Buch nicht gelesen. Dafür vor Jahren ihr „Sportstück“ am Burgtheater Wien, inzeniert vom (inzwischen leider verstorbenen) Einar Schleef (der selbst da zusammen mit Jelinek auf die Bühne kam) 2x gesehen (was bei der 5-stündigen Inszenierung 10 Stunden Jelinek ausmachte! Wir sind uns einig, dass sie über gewaltige Sprachmacht verfügt. Diese kommt bei ihren verschiedenen Texten (wie auch Du sagst) mehr oder weniger zum Ausdruck.. Ich habe einen Lieblingstext „Gravity’s Rainbow“ von Pynchon, den ich Deutsch wegen Jelineks Übersetzung so mag. Mir kommt jetzt ein Gedanke: vielleicht braucht Jelinek etwas Pynchon (und andere)? Wir sind uns ja auch einig darüber, dass jede Übersetzung ein bisschen ein eigenes Werk ist? Also „Das Ende des Regenbogens“ von Elfriede Jelinek?
Beim Lesen Deiner Rezension kam mir auch Goethes „Kein Lebendiges ist ein Eins, immer ists ein Vieles“ in den Sinn.
Grüsse! Thomas