Kalenderwoche 19: Lesebericht.

Frühmorgens, wenn man in Berlin selbst die Vögel hört, lässt sich der Tag gut an. Wenig Regen in Berlin, dezente Straßengeräusche, viel weniger Sirenen. Neben der alltäglichen Arbeit glücklicherweise Zeit gefunden, Gotthard Günthers Geschichts-Rundumwasch zu lesen, dies mit Gustave Flauberts Briefen und Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand zu garnieren, und mir zum Nachtisch die transzendentale Analytik Kants zu Gemüte zu führen. Insbesondere das Amphibolie-Kapitel hat sehr viel Zeit gefressen, da ich es gleich vier Mal lesen musste, um das gespannte Verhältnis zu Leibniz zu beruhigen. Nun aber die drei Kategorien: Gekauft, an- und weitergelesen, ausgelesen.

Gekauft:

David Wonschewski: Blaues Blut und Zerteiltes Leid – die Auszüge, die David in seinem Blog präsentiert, ließen mich neugierig werden, insbesondere der Auszug über den Hammer-Handwerker-Mann. Der ähnliche Sound zu Thomas Bernhard ist nicht zu überlesen, bekommt aber eine ganz eigene Note von in sich ruhender Verzweiflung:

Und so hockst du auf der Matratze, seelenruhig, tiefenentspannt, begegnest der Weglosigkeit. Nicht der Ausweglosigkeit, nein, das ist etwas anderes. Die sogenannte Ausweglosigkeit ist das genaue Gegenteil von dem, was es vorgibt zu sein. Eine klare Zielvorgabe ist die sogenannte Ausweglosigkeit, ein Aufruf zur überhasteten Aktion.

David Wonschweski aus: „Blaues Blut“

Ilya Prigogine und Isabelle Stengers: Dialog mit der Natur und Das Paradox der Zeit – die Bücher wollte ich seit längerem kaufen. Nun hatte ich endlich die Ruhe und sie schließen gut an die Gotthard Günther Lektüre der nicht-aristotelischen Logik an. Prigogine versuchte den Begriff der Emergenz und des dynamischen Gleichgewichts in die Welt der Naturwissenschaften zu verankern. Mit Sätzen, wie den folgenden, war ihn aber trotz Nobelpreises für Chemie 1977 keinen Erfolg beschieden:

Was können wir von der Welt sagen, die den gegenwärtigen Wandel der Wissenschaft hervorgebracht hat? Es handelt sich um eine Welt, die wir als eine natürliche verstehen können, sobald wir verstehen, dass wir ein Teil von ihr sind, eine Welt, aus der sich jedoch die alten Gewissheiten verflüchtigt haben. […] Überall beobachten wir vielfältige Experimente, deren Ergebnis ungewiss ist und von denen einige gelingen, während andere nur von kurzer Dauer sind.

Ilya Prigogine und Isabelle Stengers aus: „Dialog mit der Natur“

An- und weitergelesen:

Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand – ein außerordentlich komplexer, in sich geschwungener, melodiöser Roman.

Die Glocken läuteten immer noch, ohne Ende, ohne Ende schwang sich der Vogelschwarm Klangschwarm Angstschwarm ins Blaue hinauf und fiel traurig zurück, und wenigstens die Straße, sah Franziska, hatte der Frieden verzaubert und jedes Haus mit Weiß bedeckt und Brüstungen und Fenstersimse beschneit.

Jeder Satz ein Genuss. Ich lasse mir mit Reimanns Roman Zeit.

Gustave Flaubert: Briefe (Herausgegeben von Helmut Scheffel) – ich lese seine Briefe sehr gerne, und zwar in allen Lebenslagen. Flaubert ist voller Intensität und Fröhlichkeit, selbst wenn er schimpft, zetert und verbal um sich schlägt:

Die Zukunft ist das Schlimmste an der Gegenwart. Die dem Menschen hingeworfene Frage: Was wirst du sein? ist ein vor ihm sich öffnender Abgrund, der näherkommt, je weiter der Mensch geht. Außer der metaphysischen Zukunft (die mir egal ist, weil ich nicht glauben kann, dass unser Körper aus Dreck … dessen Instinkte niedriger sind als die des Ferkels … etwas Reines und Immaterielles enthält, wenn alles, was ihn umgibt, unrein und gemein ist), außer dieser Zukunft gibt es die Zukunft des Lebens. Glaube nicht, dass ich wegen der Wahl eines Berufes unentschlossener wäre. Ich bin fest entschlossen, keinen auszuüben, denn ich verachte die Menschen zu sehr, um ihnen Gutes oder Böses zu tun.

Gustave Flaubert: Brief vom 24. Februar 1839

Passte insgesamt gut zur Wonschewski-Lektüre und Emile Ciorans Notizbücher, die ich ebenfalls weitergelesen habe.

Gotthard Günter: Die amerikanische Apokalypse – er erforscht die Tradition der Fernost-Sehnsucht des Abendlandes und durchmisst keine Metaphysiken, die keine Grenzen und Schranken in den Ähnlichkeiten kennen:

Denn Bilder sind Erinnerung. Aber keine Seele hat die Abstürze jenseits von Lehte jemals durchmessen und erinnert. Nur die wortlose Klage der Proserpina steigt manchmal in verhallenden Lauten aus der absoluten Schwärze jener Tiefen herauf – so sagen wenigstens die Bewohner der Oberfläche.

Teils sehr altmodisch, aber sehr nach vorne blickend schreibt und schwelgt Günther in der sich öffnenden Weite einer heraufziehenden transplanetaren Kultur.  

Spiegel Bestseller-Recherche:

Aus der gegenwärtigen Spiegel Belletristik-Bestseller Liste, die wie folgt lautet:

  1. Affenhitze – Kobr, Michael; Klüpfel, Volker
  2. Eine Frage der Chemie – Garmus, Bonnie
  3. Lonely Heart – Kasten, Mona
  4. Tête-à-Tête – Walker, Martin
  5. Schreib oder stirb – Micky Beisenherz, Sebastian Fitzek
  6. Morgen kann kommen – Kürthy, Ildikó von
  7. Der Geschichtenbäcker – Henn, Carsten
  8. Was im Verborgenen ruht – George, Elizabeth
  9. Der Buchspazierer – Henn, Carsten
  10. Der Verdächtige – Grisham, John
  11. Der Markisenmann – Weiler, Jan
  12. Stay away from Gretchen – Abel, Susanne
  13. Die Enkelin – Schlink, Bernhard
  14. RCE – Berg, Sibylle
  15. Hast du uns endlich gefunden – Selge, Edgar
  16. Das Mädchen mit dem Drachen – Colombani, Laetitia
  17. Das mangelnde Licht – Haratischwili, Nino
  18. Der Papierpalast – Cowley Heller, Miranda
  19. Man vergisst nicht, wie man schwimmt – Huber, Christian
  20. Ein Haus für viele Sommer – Hacke, Axel

Von den zwanzig Titel habe ich bislang nur drei Titel gelesen. Ich habe mich diese Woche für Sybille Bergs neuen Roman RCE entschieden, dabei liegt noch Dietmar Daths Gentzen zum Lesen bereit.

Ausgelesen:

Kristine Bilkau: Nebenan – die Besprechung dieses Mystery-Thrillers ohne Mystery findet sich hier.

David Wonschweski: Blaues Blut – die Besprechung folgt noch diese Woche.

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