Kalenderwoche 28/29: Lesebericht.

Kalenderwoche 28/29: Lesebericht
Eine Reise durch die literarische Nacht …

Die letzten beiden Wochen standen nicht nur unter dem Zeichen krasser Sommerhitze und Arbeit, Blitzen, Donner und Regengüssen. Der Zusammenstoß zwischen Natur und Gemüt, Somnambulie und Reflexion, wurde zudem befeuert von Bachmanns Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit und Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten. Beide Texte haben mich auf ihre eigene Weise in Beschlag genommen. Werde ich bei Bachmanns Aufzeichnungen das Gefühl nicht los, ungefragt in ihre Privatsphäre einzudringen, gibt mir Jelinek das Gefühl, dass es so etwas wie Privatsphäre gar nicht gibt oder geben kann, dass im Grunde immer alles offenliegt. Jelineks Buch hat mich letztlich sehr viel Kraft gekostet. Seit Jahrzehnten habe ich es lesen wollen und wusste doch immer, nach zwanzig, dreißig Seiten, dass die Zeit einfach noch nicht kommen war. Nun, nach der erneuten Lektüre von Malina, passte es. Unterwegs lesend, jeden Satz studierend, gegen die Ohnmacht der barocken Allegorien ankämpfend, bahnte ich mir einen Weg durch dieses Mammutsatzgewucher. Nicht ohne Freude, aber auch nicht ohne Schrecken. Sie hat alles in die Waagschale geworfen und man merkt es:

„Die Kinder der Toten“ ist sicher mein wichtigstes Werk. Es enthält alles, was ich sagen wollte; es hätte eigentlich genügt, dieses eine Buch zu veröffentlichen.

Elfriede Jelinek aus: „Interview mit profil“ (2004)

Für Spiegel Belletristik-Bestseller gab es schlicht keine Zeit. Jelinek hat alles niedergewalzt, so dass die Schriften, Gedichte und Werke von Bachmann fast wie eine heile Welt erscheinen.  

Gekauft:

Ingeborg Bachmann: »Male oscuro« – das Buch ist grenzwertig. Ich habe lange überlegt, es überhaupt zu kaufen. Die geplante, über sechzig Bände (?) umfassende Ausgabe ihrer Werke erscheint mir fast zu ausführlich, aber wer weiß. Sie hatte zu wenig Zeit, mehr zu publizieren, dennoch hat sie das meiste nicht zur Veröffentlichung freigegeben, und irgendwie scheint mir, will das was heißen. Im vorsichtigen Nähern lässt sich vielleicht doch ein Licht auf den seltsamen Weg ihres dichterischen Verstummens werfens (ähnlich, nur ganz anders, Arthur Rimbaud):

Wenn der Traum anfängt, weiß ich schon, dass ich verrückt bin. Die Welt ist nicht mehr die Welt. Es sind noch Elemente von ihr da, alle Details, aber in einer Zusammensetzung, die irre ist. Alles ist farbig, Autos rollen heran, Menschen tauchen auf, stark überfärbt, grinsen im letzten Augenblick, wenn ich an sie herankomme, fallen um, sind Strohpuppen, alles hat trotzdem eine unglaubliche Konsequenz, die Bilder, die Farben, die Gegenstände, mein Herumgehen in dieser Welt […]

Ingeborg Bachmann aus: „Male oscuro“ (20.2.1966)

Wieder der Wunsch, sie hätte mehr geschrieben, weiter geschrieben, würde noch immer schreiben. Zumindest eine Entschuldigung dafür, ihre Traumnotizen zu lesen – ähnlich wie jene von Simone Weil.  

Ingeborg Bachmann: Das Buch Goldmann – ebenfalls Teil dieser Neuausgabe. Wie Der Fall Franza ein Fragment aus dem Todesarten-Projekt. Ich harre der Dinge. Ungewiss, wann ich dies lesen werde. Sehr viele Editions- und Versionsanmerkungen.

Günther Anders: Die molussische Katakombe – wollte ich mir schon lange kaufen und steht im Zusammenhang mit meinen Hannah Arendt-Lektüren, die etwas ins Stocken geraten sind, insbesondere aufgrund ihres sehr dicken Wälzers Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Anders ist Arendts Ex-Ehemann. Er hat sich mit demselben beschäftigt:

Die Rede von der Kraft der Wahrheit ist die Lüge der Lüge. Denn in Wahrheit beruht die Kraft der Lüge auf der Macht des Lügenden. Die Lüge ist fest gegründet. Lügen heißt: fest stehen; heißt: Lüge sich leisten können; heißt: Mitlügner herstellen können, Mitlügner, die, überwältigt von der Macht, gegen ihr eigenes Interesse mitlügen. Hätten wir recht, der Wahrheit Macht zuzusprechen, dann wäre ihre Machtergreifung überflüssig; es wäre sinnlos, dass sie noch einmal siegte, da sie ja ohnehin Sieger ist, immer schon und vor dem Siege.

Günther Anders aus: „Die molussische Katakombe“

Anders und Arendt haben viel und gar nichts miteinander gemein. Sie parallel und gegeneinander zu lesen, erzeugt Verwirrung.

Toril Brekke: Ein rostiger Klang von Freiheit – nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag stroux edition und Birgit Böllinger zugesandt bekommen. Schon die ersten Seiten haben mich interessiert:

Wir saßen im Sonnenschein und lasen das amerikanische Theaterstück. Im Nachhinein weiß ich weder, wer es geschrieben hatte, noch wovon es handelte, ich erinnere mich nur an meinen Hunger auf neue Freundschaften, neue Gesichter, die ich verstohlen zwischen den Repliken studierte, das Funkeln in den Augen, Kais Melancholie […]

Der Schwung bleibt im Buch bestehen, Übermut, Draufgängertum, Hoffnung und Enttäuschung geben sich die Hand. Momentan empfinde ich es als sehr passendes Sommerhitzebuch. Schöne Rezension von Kulturbowle und Zeichen & Zeiten.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste:

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  2. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  3. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  4. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  5. Die Toten von Fleat House – Lucinda Riley
  6. Milde Gaben Donna Leon
  7. Der Markisenmann – Jan Weiler
  8. Affenhitze – Volker Klüpfel; Michael Kobr
  9. Morgen kann kommen – Ildikó von Kürthy
  10. Der Geschichtenbäcker- Carsten Sebastian Henn
  11. Der Buchspazierer – Carsten Henn
  12. Lonely Heart – Mona Kasten
  13. Der Papierpalast – Miranda Cowley Heller
  14. Schreib oder stirb – Sebastian Fitzek; Micky Beisenherz
  15. Violeta – Isabel Allende
  16. Man vergisst nicht, wie man schwimmt – Christian Huber
  17. Die Diplomatin – Lucy Fricke
  18. Tête-à-Tête – Martin Walker
  19. Sieben Tage Sommer – Thommie Bayer
  20. Das Reich der Vampire – Jay Kristoff

How to kill your family habe ich jetzt nun doch nicht gelesen. Vielleicht entscheide ich mich nach Toril Brekke noch für den neuen Roman von Isabel Allende.

Aus- und angelesen:

Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – ein Leseereignis für mich. Eine Besprechung folgt wahrscheinlich noch diese Woche. Noch fehlen mir etwas die Worte:

Land ist ein guter Futterverwerter, es versöhnt sich jeden Tag aufs neue mit sich selbst. Denn es war Fleisch von seinem eigenen Fleisch, das es, das Land der Hämmer Zukunftsreich, geopfert hat, und auch heute muss es seine Kunden am Leben erhalten, die da kommen wollen, um wieder unter uns zu wohnen oder uns zumindest zu besuchen in unserer Großfleischerei, in der wir schon ganz andre mit unsren Zeitmessern dauerhaft bearbeitet haben.

Elfriede Jelinek aus: „Die Kinder der Toten“

Meine These: Der Protagonist des Romanes stellt das Lesen des Romanes selbst dar. Außergewöhnlich.

Sybille Lengauer: Mottengedanken – Lengauers Buch hat entschieden dazu beigetragen, dass ich Jelineks Buch angefangen habe zu lesen. Die Stimmung, die Wucht, die Intensität ähnelt sich sehr:

Ich war.
Zitternder Stahl.
Eisenfrustrot.
Tief ins Herz hinein.
Trug sich die vibrierende Furcht.
Ich war.
Sechshundert Grad.

Ich war.
Zehntausend Gräben.
Schwefelangstgelb.
Durch Mark und Bein.
Grub sich die nagende Sorge.
Ich war.
Nah an der Grenze.

Sybille Lengauer aus: „Mottengedanken“

Das Buch beschäftigt mich aufgrund seiner unmittelbaren den Schmerz mit der Sprache umzugraben. Eine längere Besprechung folgt noch.

Zu schreiben:

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel
Sibylle Lengauer: Mottengedanken
Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten
Max Frisch: Montauk, Blaubart
Simone Weil: Das Fabriktagebuch
Ingeborg Bachmann: Frankfurter Poetik-Vorlesungen
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter [Kurzrezension]
Hari Kunzru: Red Pill [Kurzrezension]

Ich freue mich über Anmerkungen, Vorschläge, und weitere Lesehinweise, denen ich nachgehen könnte. Vielen Dank und eine fröhliche sonnige und nicht allzu hitzige Woche!

10 Antworten auf „Kalenderwoche 28/29: Lesebericht.“

  1. Die Entdeckung deines Blogs erst vor kurzem empfinde ich als überaus großen Gewinn in meinem Leben.
    Es ist mir allerdings ein Rätsel, wie du es schaffst, so viel zu lesen und dazu nicht nur ausführlich und tiefgreifend zu kommentieren, sondern auch noch zahlreiche, treffende Querverbindungen – mit Zitaten illustriert – zu schaffen. Du baust damit neue Literatur in einen Kosmos von länger vorhandener ein, machst Lust, solchen Linien neu oder wieder nachzuspüren.
    Du legst beständig Spuren zu neuem Leseglück.
    So, das musste ich jetzt mal so sagen.

    1. Oh, vielen Dank für diesen netten Kommentar. Genau das versuche ich. Das Neue mit dem Alten zu verknüpfen, die Parallelen, Stile, Eigenarten miteinander kommunizieren zu lassen. Wie gut oder schlecht dies im Einzelfall gelingt, weiß ich im vorhinein nie. Deshalb ist das Schreiben der Leseberichte ein Abenteuer für mich. Schön, wenn beim Lesen etwas davon übrigbleibt. Auch hilft das alles sehr gegen das Vergessen. Mir fallen so viele Bücher ein, die ich vor Jahren gelesen habe – und an die ich ohne diesen Blog und den vielen anderen Blog und Anmerkungen, die sich ergeben, wahrscheinlich nie mehr gedacht hätte. Ein solches gemeinsames Lesen und Entdecken und Wiederentdecken gibt dem Abenteuer Literatur für mich wieder einen besonderen Schwung! Ich hoffe, es ergeben sich noch einige Spuren zum neuen Leseglück!! Fröhliche Feierabendgrüße!

      1. Danke für deine ausführliche Antwort. Habe leider keine Zeit für ebensolche Ausführlichkeit – muss jetzt lesen 😉

  2. Vor deiner Jelinek-Lektüre ziehe ich den Hut. Ich hab das Buch schon mehrfach angefangen, immer wieder abgebrochen, ich glaube, ich packe es einfach nicht, obwohl ich weiß, dass ich dadurch etwas verpasse…

    1. Ja, ich kann ein Lied davon singen. Der Brocken lag bei mir seit Jahren im Regal und rumorte im Hinterkopf. Ich benötigte aber diese lange Anlaufzeit. Die Lektüre wäre sonst vergebens gewesen, und ich denke, ein Buch wie dieses, benötigt seine Eigenzeit. Jelinek lässt sich schlecht nebenher lesen – zumindest geht mir das so. Sie zieht alles in ihren Bann. Empfehlen kann ich es trotzdem vorbehaltlos! Viele Grüße!

    1. Alles hat seine Zeit – ich habe Phasen, in denen ich auch nicht viel lese und gelesen habe. Danke fürs Vorbeischauen. Ich bin auch immer offen für Lesevorschläge und Assoziationen, irgendwelche Querverbindungen, die sich beim Lesen vielleicht ergeben. Das macht aus dem Leseprozess etwas viel Lebendigeres! Viele Grüße!

  3. Im Potsdamer Buchladen legte mir der Buchhändler mit Andacht alle Bachmann Bücher auf den Tisch, befreite sie aus der Schutzfolie. Ich wollte aber Malina.
    Ich konnte nicht widerstehen und habe das Buch Goldmann mitgenommen. Ich bin dir für Malina sehr dankbar, nun bin ich in einem Bachmann Sog.
    Etwas anderes: ich bin sehr gespannt, wie du dieses Buch von Ursula Priess besprechen wirst. Ich hatte beim Lesen das Gefühl nicht wirklich Distanz zu haben.
    Liebe Grüße Xeniana

    1. Ja, ich lese auch gerade sehr viel in diesen neuen (hinterlassenen) Texten von Bachmann. Ich bin sehr gespannt auf das Goldmann-Buch, muss aber noch die anderen Fragmente und Gedichte lesen. Sie hatte sehr viel zu sagen. Ich kann ihre Texte immer wieder lesen und finde Neues und andere Perspektiven. Zu Ursula Priess habe ich mir noch keine wirkliche Meinung gebildet. Ich lese es sehr stark an „Montauk“ heran, vielleicht bespreche ich beides zusammen. Es wirkte sehr selbst-therapeutisch auf mich, und in den Passagen, die sie bereute, wie sie mit Max Frisch auseinandergegangen ist, hat sehr viel bei mir hinterlassen. Viele Grüße!!

      1. Was ich n dieser Frisch Bachmann Geschichte besonders finde: sie hat ihn am am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Ihr Freiheitsdrang muss enorm gewesen sein, seine Eifersucht auch.
        Sie hat seine Sprache bemängelt, seine Unernsthaftigkeit.
        Eigentlich hat sie-so scheint es-ihn nicht geliebt.
        In dem Moment als er sich dieser jungen Studentin zuwandte, versank sie in Depressionen.
        Ich frage mich oft beim Lesen was sie da so zerstört hat. Die Kränkung? Geliebt hat sie Celan, Henze… Frisch war ihr fremd… wenn man den Biografinnen Glauben schenken will.

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