Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“

Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten
Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten von Slata Roschal.

Formal experimentelle, oder wagemutige Bücher treten nicht so oft in das Licht der breiteren Öffentlichkeit. Sie gelten schnell als intellektualistische Spielerei, oder abstraktes Geplänkel mit wenig Sogwirkung und fast gar keinem Plot. In letzter Zeit schafften es dennoch ein paar Texte, bspw. Barbi Marković mit dem comicartigen, extrem restriktiven Minihorror, Iris Wolff mit dem radikal-rückwärts erzählten Lichtungen oder Teresa Präauers slapstick-filmisches-achronisches Kochen im falschen Jahrhundert. Nach 153 Formen des Nichtseins legt nun Slata Roschal mit Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten ihren nächsten Roman vor:

Durch die Pille und durch Lauras Geburt bin ich dick geworden. Nicht allzu sehr, aber ich spüre es ständig, versuche, meinen Körper nicht zufällig mit den Händen zu berühren, noch nie habe ich beide Arme gebraucht, um mich selbst zu umschlingen, nur, wenn es dringend sein muss, beim Anziehen, beim Schminken, in der Toilette. Ich habe auch keine Lust, mit dir zu schlafen, ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten.
Slata Roschal aus: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“

Inhalt/Plot:

Inhaltlich beschränkt sich Roschals Roman auf eine äußerst reduzierte Rahmenhandlung. Die Ich-Erzählerin namens Maria befindet sich auf einer Geschäftsreise in Berlin, während ihre Familie in dörflicher Umgebung in Mecklenburg weilt, ihre zwei Kinder, Laura und Eliah, und ihr Ehemann Gernot, von Beruf, ohne nähere Bestimmung, Quantenphysiker. Sie befindet sich auf einem Seminar, sitzt in Berlin in einem Hotel, trinkt Wein und schreibt eine Art Brief, statt an einer Übersetzung zu arbeiten, für die sie den Auftrag erhalten hat, nämlich eine Auswandererbriefsammlung zu transkribieren. Der Plot reduziert sich auf ihre Prokrastination, ihre Angst, ihre Sehnsucht nach Alleinsein, auf ihre Scham, Alkohol zu benötigen. Sie räsoniert:

Am liebsten ist mir die Zeit nach dem Einkaufen, abends, ich steige nämlich nicht gleich aus dem Auto, wusstest du das, sondern sitze in der Garage, manchmal fünf Minuten, manchmal eine halbe Stunde lang, drehe das Radio ab und schaue in die Dunkelheit vor mich hin, das ist so eine Stille, fast unheimlich, aber sie macht mir nichts aus, einmal habe ich eine kleine Flasche Wein gekauft, aber zuhause sagte Eliah dann, Du riechst so komisch, und ich putzte mir seitdem gründlich die Zähne und trank ein Glas Milch, bevor ich ihn küsste.

Die Ich-Erzählerin fühlt sich überfordert, innerlich entzwei gerissen. Sie liebt ihre Kinder, ihren Ehemann, aber vor allem die zweite Geburt, Laura, stürzt sie in Gewissensbisse, denn sie hadert damit, ein zweites Kind geboren zu haben, nicht ohne es zu lieben, ob der beruflichen, zeitlichen, energetischen Überforderungen, die das zweite Kind mit sich gebracht haben. In ihrem Hotelzimmer sitzend, die Zeit abwartend, sich mit selbstdestruktiven Gefühlen beschäftigend, sucht sie einen Gesprächspartner und findet ihn in einem in den 1920er ausgewanderten Deutschen, der Briefe zurück in seine Heimat schreibt, die sie übersetzt und direkt auch beantwortet, die imaginäre Zeit, die sie trennt, überbrückend:

Schön für dich, dass du einen Vater hast. Ich weiß nicht, wo meiner lebt und ob, vielleicht ist er ein Höhlenforscher geworden in den Alpen oder ein Bergarbeiter mit schwarzen Händen und schweren Schuhen, abends reinigt er sie mit einer Bürste. Allmählich komme ich durcheinander mit den Namen, welcher Joseph schreibt mir jetzt von wo. Aber du legst das Deutsche ab, du gefällst mir.

Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten handelt beinahe ausschließlich von den Reflexionen, Gedanken, von den in Worte gefassten Emotionen der Erzählstimme. Auf der Handlungsebene passiert nichts. Die Zeit steht still. Die Ich-Erzählerin sucht einen Gesprächspartner, erfindet einen Brief in einem Brief, verbindet die berufliche Übersetzungstätigkeit mit ihrer literarischen Leidenschaft, lässt beides ineinander übergehen und träumt von einer privilegierten Existenz:

Wäre ich doch als jemand anderes geboren, als Prinz oder Unternehmersohn, wären meine Privilegien, meine Bedeutung offensichtlich, dass ich mich nie zu fragen brauchte, welchen Sinn mein Dasein, wobei, selbst dann. Und dann küsste er mich auf die Wange, der Autor, links und rechts, ohne mich zu fragen, und ich küsste ihn natürlich nicht, aber tat so, als hätte ich mein Einverständnis dazu gegeben.

Ihr Monolog, der sich an eine erfundene Du-Instanz richtet, die etwas unklar Schemen ihres Gatten, aber auch einer anderen Bezugsperson erhält, dreht sich um Selbstzweifel, um Antriebslosigkeit, um klare Zeichen von Ermüdung, Perspektivlosigkeit und sich leerender, unheimlich werdender Stille. Sie hält nicht viel von sich:

Also akzeptiere ich den, der ich bin, ich brauche fünf Stunden für eine Seite Text, und dann nicht mal einen wirklich guten, nicht mal einen herausragenden, ich seufze und beiße die Zähne zusammen und lächle mich selbst schief an wie ein geschulter Sozialarbeiter, Super machst du das, eine ganze Seite hast du da geschafft, ich vergleiche dich mit keinem zu deinem Nachteil, du bist gut, wie du bist, ich akzeptiere dich so, wie du bist, eingeschränkt, faul und unfähig zu Leistung.

Im Gegensatz aber zum spärlichen erzählerischen Gehalt besitzt Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten Mut und Verve auf einer anderen Ebene, der formalen, stilistischen.

Stil/Sprache/Form:

Roschal umgeht den narrativen Firlefanz. Ihr Schreiben zielt auf eine Verknotung, eine Verkrustung ab, die gelöst werden möchte. Auf diese Weise lässt sich der Text als Befreiungsakt, als symbolische Vorwegnahme einer Handlungsfreiheit lesen, die sich sprachlich durch Regelverstöße, Gewagtheiten und Brüche manifestiert, bspw. durch unvollendete Sätze, Sätze, die einfach aufhören, Ansprechen an Unbekannte, changierende Du-Perspektiven, Sätze ohne Punkt und Komma, ineinanderfließende Motive, Zeitebenen, Traum- und Erinnerungseinschübe, Vorwegnahmen, Rückblenden, die sich erzählerisch, textlich, grammatisch nicht voneinander unterscheiden lassen:

[…] ich werde fleißig sein und Geld verdienen und Vater finden und mich kleiden wie es sich gehört so sprechen wie es sich gehört also ich, ich bin dabei und ich bin nicht kein Waschlappen ich bin nicht so wie ich bin ich kann was ich kanns auch anders. Eine Arena im Zirkus, leuchtend, auch Löwen, herbeigetragen von grünlich blauen Vögeln, die auf die Art von Akrobaten Pyramiden bilden und die Schwere der Tiere unter sich aufgeteilt auf ein erträgliches Maß reduzieren und Posaunen und wispernde Schlangen und Skorpione Skorpione!

Roschals Roman erhält eine sprachliche, entgleisende, sich stets weiterschraubende Dynamik, die mehr und mehr die Bedeutungszentren der Erzählstimme in Mitleidenschaft zieht, sie auflöst, vermischt, um neue Bewegungsräume zu erschließen. Ihre Arbeit besteht in einem psychologisch-archäologischen Wühlen im eigenen Selbst, das in den Tiefen, Schmerzen neue Auswege sucht. Die Ich-Erzählerin nimmt deshalb die Briefe der Auswanderer, formt sie um, beantwortet sie, versetzt sie in einen zeitlosen, entrückten Diskurs voller Montagen, Zitaten, Querverweisen und Selbstbezügen auf die eigene und fremde Erinnerungstätigkeit. Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten gleicht so von Absatz zu Absatz mehr einem Gewirke, einem Teppich, einer Beiordnung, die das Lineare des Textes bekämpft, die Parallelität der Gedanken einzufangen bestrebt ist, um das Auf-der-Stelle-Treten der Ich-Erzählerin einerseits dokumentiert, andererseits formalästhetisch aufzulöst:

[…] und ich ziele nehme Anlauf und schleudere ihnen Messer entgegen haarscharf am Schädel vorbei am Hals an den Rippen und Fingern trage ein samtrotes Jackett Perlen Pailletten das Publikum applaudiert die hängen bewusstlos am Rad mit tränenden Augen hängenden Köpfen und ich ich tänzle in einer eleganten Verbeugung Gloria Viktoria wide-wide-wide-witt juch-hei-ras-sa Gloria Viktoria wide-wide-witt bum bum

In dieser verbalen Geste eignet sich die Ich-Erzählerin Souveränität in der Entfremdung an. Sie erkämpft sich eigene Bedeutungshorizonte in einer Pippi-Langstrumpf-Geste, indem sie an das Kinderlied von Ein Mann, der sich Kolumbus nannt erinnert:

Ein Mann, der sich Kolumbus nannt,
widewidewitt, bum, bum,
war in der Schifffahrt wohl bekannt,
widewidewitt, bum, bum.
Es drückten ihn die Sorgen schwer,
er suchte neues Land im Meer.

Kinderlied. Verfasser unbekannt.

Die Sprache als Karneval und Zirkus, die Trapez spielenden Tiere, das Gewusel, das Spiel mit der Gefahr, aber ohne jemanden zu verletzen, evoziert eine Utopie, in der die Erzählstimme Ruhe, Kraft und Raum erhält und sich erobert, eine Welt zu imaginieren und auch zu beschreiten, die sie nicht immer weiter in die Enge und Verzweiflung und Erschöpfung treibt. Aus dieser Sicht, trotz erzählerischem Minimalismus, erscheint Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten als poetisch-literarische Befreiungsgeste.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Slata Roschals Roman greift auf die Tradition der surrealistischen Texte zurück und belebt auf diese Weise das Ringen um Ausdruck, die Versuche, die sprachlichen Mittel einer überbordenden Gegenwart anzupassen. Für das, was sie umtreibt, gibt es noch keine sprachlichen Formen:

Und #regrettingmotherhood zum Beispiel […] Ich lese ab und zu, google, registriere mich als Gast, aber wenn der Wunsch zu groß wird, etwas zu äußern, die Gedanken vor anderen auszusprechen, auszuschreiben, nehme ich mich wieder zusammen, denke, dass ich vielleicht doch irgendwie, es vielleicht doch schaffen kann, so zu tun, als wäre ich normal. Außerdem passt es nicht, bereue ich ja nichts, es gibt keine Hashtags für das, was ich sagen will.

Ihr Text reflektiert die Sprachlosigkeit. Die Erzählstimme sucht nicht nach inhaltlicher Bestimmung, nach Begründung. Ihr ist schlicht der Bedeutungszusammenhang abhanden gekommen. Auf dem Gipfel dieser Ausdrucksverzweiflung entstand auch der Surrealismus, wie ihn Walter Benjamin in seinem Aufsatz beschreibt:

Damals [in den 1920ern] aber, als [der Surrealismus] in Gestalt einer inspirierenden Traumwelle über seine Stifter hereinbrach, schien er das Integralste, Abschließendste, Absoluteste. Alles, womit er in Berührung kam, integrierte sich. Das Leben schien nur lebenswert, wo die Schwelle, die zwischen Wachen und Schlaf ist, in jedem ausgetreten war, wie von Tritten massenhafter hin und wider flutender Bilder, die Sprache nur sie selbst, wo Laut und Bild und Bild und Laut mit automatischer Exaktheit derart glücklich ineinandergriffen, daß für den Groschen »Sinn« kein Spalt mehr übrigblieb.
Walter Benjamin aus: „Der Sürrealismus

Das narrative Problem, das den Surrealismus begleitet und auch Roschals Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten auszeichnet, besteht in einer gewissen, drögen Aneinanderreihung von Einfällen, Träumen, Assoziationen, die aber einer formalen Geschlossenheit entbehren. Das sinnerschließende Erzählen geht fehlt. Es verliert sich, und die Wortkaskaden drohen sich so schnell zu entleeren, wie die Psyche, die dem eigenen horror vacui zu entfliehen sucht. Rettung bietet hier dann stets, als Akt, die Betonung des Obszönen, Verruchten des Tabu-Bruchs, die Rückkehr ins unmittelbar Körperlich-Sensorische wie bei André Breton in L’amour fou:

Hinter geschlossenen Vorhängen, verbogenen Gittern blitzen nur streichelnde Raubkatzenaugen noch wie Punkte am Himmel. Rausch und Taumel des reinen Daseins. […] Liebe, einzige Liebe, Liebe der Körper, nie habe ich aufgehört, dein giftiges, dein tödliches Dunkel zu lieben. Einst wird der Tag kommen, an dem der Mensch dich als seinen einzigen Herrn anerkennen und dich ehren wird bis in die geheimnisvollsten Perversionen, mit denen du ihn umgibst.
André Breton aus: „L’amour fou“

Die Rückkehr ins dunkelmythisch Körperliche gibt dem Text ein narratives Zentrum, eine Substanz, die er inhaltlich entbehrt. Die Sprache zirkuliert nicht mehr um einen kommunikativen Akt herum. Er entlädt sich in antizipierten Begehrungsräumen, die sprachlich nicht weiter exploriert werden. Der Ausweg erscheint kontrastierend zum formalästhetischen Akt selbst, sprachliche Freiräume zu gewinnen. Auch Roschal muss auf dieses Mittel zurückgreifen, um ihrem Roman eine fragwürdige Dringlichkeit zu verleihen:

Als Eliah noch nicht geboren, Gott ist Jahwe, ich noch nicht schwanger, da drohte ich Gernot abends auf dem Sofa zum Spaß, ihn auch irgendwann mal, er fand es zunächst komisch, ich wiederholte die Drohung einige Male, und dann, irgendwann, zog er mich ins Schlafzimmer, da waren die Vorhänge dunkler, holte eine Tube Vaseline aus dem Bad, und es war so erschreckend und rührend zugleich, sein zartes Inneres zu befühlen, ihn hilflos gekrümmt zu sehen, ich erschrocken, wie sehr er mir vertraute […]

Schon vor den Kindern herrschte eine Stille, die sie körperlich zu überkommen wussten, um sich Vertrauen zu schenken. Nach den Kindern verschwand dies, und nichts ersetzte diesen Akt. Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten strebt danach, über das Körperliche hinaus, auch eine verbale Kommunikation wieder zu etablieren. Nur fehlt die Sprache, noch. Slata Roschal jedenfalls scheint nicht die Hoffnung aufgegeben, noch den Mut verloren zu haben, sie literarisch zu entdecken und gegen die schlechte, die phrasen-, slogan- und hashtaghafte Ausdrucksweise abgrenzen zu wollen. Ihr neuester Roman dokumentiert wie auch Rhea Krčmářovás Monstrosa   dieses Unterfangen und Streben nach sprachlicher Autonomie.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Nächste Woche am 11.06.2024 auf Kommunikatives Lesen:
bespreche ich von Paul Auster Baumgartner.

Eine Kurzversion der Besprechung und noch andere aktuelle Kurzrezensionen findet sich demnächst hier

7 Antworten auf „Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten““

    1. Es ist ein seltsames, aber sehr interessantes, auf seine Weise reflektierend-literarisches Buch. Vielleicht, wie auch der Vorgänger, etwas zu kurz, aber was soll’s. Bin gespannt, was du sagst!!

  1. Muss das Buch auch lesen! Und wieder einmal eine tiefgreifende Besprechung! „…Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten gleicht so von Absatz zu Absatz mehr einem Gewirke, einem Teppich, einer Beiordnung, die das Lineare des Textes bekämpft, die Parallelität der Gedanken einzufangen bestrebt ist…“
    Möchten wir nicht alle von Phrasen und Klischess loskommen, die wirkliche Sprache finden? Ich jedenfalls liebe das Gewagte!

    1. Roschal hat eine sehr authentische Erzählstimme. Ihre beiden Bücher stechen aus dem Gegenwarts-Autofiktionalen-Genre heraus, nicht thematisch, aber in der Radikalität und Ehrlichkeit. Wenn, dann lege ich dir dieses Buch ans Herz. Ich bereue nicht, Roschal gelesen zu haben, und ich werde auch ihr nächstes Buch kaufen und besprechen 🙂

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