
Glaubwürdige Antipathen finden sich nicht so oft in der Literatur. Oft wird als Weg aus dem Dilemma die Satire gewählt, d.h. aber schon im Vorhinein auf Glaubwürdigkeit zu verzichten und die Überzeichnung, also Karikatur zu wählen. Hiervon gibt es viele Beispiele: Heinrich Manns Der Untertan, Maxim Billers Der falsche Gruß, Vladimir Nabokovs Lolita oder kürzlich Gaea Schoeters Trophäe. American Psycho von Bret Easton Ellis geht den schwierigeren Weg und plausibilisiert den Antipathen, ohne sich über ihn lustig zu machen und ihn bloßzustellen:
Ich gehe nach Hause, sage ›gute Nacht‹ zu einem Portier, den ich nicht erkenne (es könnte irgend jemand sein), dann Überblendung auf mein Wohnzimmer hoch über der Stadt, aus der leuchtenden Wurlitzer 1015 Jukebox (die nicht so gut ist wie die rare Wurlitzer 850) in der Ecke singen die Tokens »The Lion Sleeps Tonight«. Ich masturbiere, denke erst an Evelyn, dann an Courtney, dann an Vanden und wieder an Courtney, aber kurz bevor ich komme – ein schlapper Orgasmus – an ein halbnacktes Model in einem Trägertop, das ich heute in einer Calvin-Klein-Anzeige gesehen habe.
Bret Easton Ellis aus: „American Psycho“
Inhalt/Plot:
Der Protagonist von American Psycho heißt Patrick Bateman, ein 27-jähriger Wall-Street-Broker. Er arbeitet bei einem Unternehmen namens P&P, das in irgendeinem Zusammenhang mit seiner Familie steht. Dies erklärt auch seine großen Freiheiten, die er bezüglich seines Jobs besitzt, sein Kommen und Gehen, wie es ihm beliebt. Er steht nicht wirklich unter Leistungsdruck, bemüht sich aber trotzdem um einen gewissen mysteriösen Fisher-Account, den Paul Owen betreut und um diesen ihn Bateman beneidet, ohne dass jemand aus Batemans Bekanntenkreis Genaueres über diesen Account und die Wachstumsmöglichkeiten, die dieser finanzökonomisch verspricht, weiß. Beruflich also jagt er dem Fisher-Account nach:
Was ich zunächst als Aufgeblasenheit mißdeutet habe, ist in Owens Fall simple Trunkenheit. Als ich nach Informationen über den Fisher-Account bohre, bietet er nutzloses Material, das ich bereits kenne: daß Rothschild ursprünglich mit dem Account befaßt war und wie Owen drangekommen ist. Und obwohl ich Jean die Informationen schon vor Monaten für meine Akten habe zusammentragen lassen, nicke ich unausgesetzt, als hätten diese rudimentären Informationen Enthüllungscharakter, sage Dinge wie: »Das ist ja aufschlußreich« und lasse gleichzeitig »Ich bin ein gefährlicher Irrer« und »Ich liebe es, Mädchen zu zerstückeln« einfließen.
Die Frustration, an keine Information zu gelangen, entlädt Bateman mit wilden Gewaltphantasien, die er auch im betrunkenen und mit Drogen vollgepumpten Zustand verbal von sich gibt. Seine Freunde halten ihn dennoch für harmlos und freundlich, insbesondere seine Freundin und später Verlobte Evelyn Richards nimmt ihn gerne in Schutz, obwohl er sie unhöflich behandelt und mit Courtney Lawrence, ihrer besten Freundin, betrügt.
»Oh, laß Patrick in Ruhe«, schaltet sich Evelyn ein. »Er ist der nette Junge von nebenan. Das ist Patrick. Du bist kein Trottel, nicht wahr, Schätzchen?« Evelyn ist ganz woanders, und ich gehe zur Bar, um mir noch einen Drink zu machen.
Später fahren Bateman und sie in die Hamptons, verbringen dort den Sommer. Bateman langweilt sich fürchterlich und trennt sich von Evelyn. Auch mit ihrer besten Freundin Courtney, die viele Anti-Depressiva nimmt, läuft es nicht gut. Trotz vieler Treffen will sie sich nicht von ihrem Freund Luis Carruthers trennen. Bateman fühlt sich in seiner männlichen Ehre gekränkt. Wie Paul Owen zwischen ihm und dem Fisher Account steht, steht Luis zwischen ihm und der zugedröhnten Courtney. Er beschließt Luis auf der Herrentoilette physisch zu demütigen, was dieser aber als Flirtversuch missversteht. Es zeigt sich, dass Luis schon länger ein Auge auf Bateman geworfen hat und insgeheim mehr auf ihn als auf Courtney steht, woraufhin Bateman panisch die Flucht ergreift. Über die Dauer des Romans gibt Luis jedoch nicht auf, Bateman zu umwerben, aber ohne Erfolg:
»Patrick, wir müssen uns unterhalten«, brüllt er durch den Verkehrslärm. Er rennt mir nach, erwischt mich am Mantelärmel. Ich fahre herum, das Springmesser schon geöffnet, ich stoße es drohend nach Luis und warne ihn, mir vom Leib zu bleiben. Leute weichen uns aus, ohne stehenzubleiben.
»Hey, hoppla, Patrick«, sagt er und weicht mit erhobenen Händen zurück. »Patrick …«
Ich zische ihn an, das Messer noch immer auf ihn gerichtet, bis ein Taxi, das ich heranwinke, schleudernd anhält. Luis versucht, näher zu kommen, die Hände noch immer erhoben, und ich bedrohe ihn mit dem Messer, fahre damit durch die Luft, während ich die Taxitür öffne und rückwärts einsteige, noch immer fauchend […]
Weder das berufliche noch soziale Umfeld geben Bateman Stabilität oder interessieren ihn. Er benötigt Drogen, Alkohol, Kokain, um bei Laune zu bleiben. Lust und Freude zieht er aus dem Konsum von Gewalt- und Pornofilmen, sowie aus seinem Fitnesstraining, seinen Ernährungsprogrammen und der Fernsehsendung ‚The Patty Winters Show‘, die er sich täglich ansieht und ihm Gesprächsthemen und Gedankenanstöße gibt. Reicht dieser Input nicht, ereignen sich im Empfinden und Erleben Batemans gräuliche Gewaltexzesse, die minutiös beschrieben und American Psycho zeitweilig auch auf den Index gebracht haben.
Stil/Sprache/Form:
Bret Easton Ellis schreibt in einem sehr plakativen Stil. Die Sprache bleibt durchweg illustrativ, einem Thriller abgeschaut, so dass auf der symbolisch-poetischen Ebene wenig Überraschendes stattfindet. Die Erzählperspektive wird in der Ersten Person Singular durchgehalten, bis zum Showdown, als Bateman entweder imaginiert oder wirklich von der Polizei gejagt, durch New York rennt und Amok läuft:
[… dann] verliere ich vollends die Kontrolle über den Wagen, und das Taxi schleudert in einen koreanischen Deli, neben einem Karaoke-Restaurant, das sich Lotus Blossom nennt und in dem ich schon mit japanischen Kunden gewesen bin, und als das Taxi Obststände niederwalzt, eine Glaswand durchbricht, der Körper eines Kassierers dumpf auf die Kühlerhaube prallt, versucht Patrick, den Wagen zurückzusetzen, aber nichts geschieht, er taumelt aus dem Taxi, lehnt sich dagegen, es folgt eine nervtötende Stille, er murmelt »reife Leistung, Bateman«, schleppt sich aus dem Laden, der Körper auf der Motorhaube stöhnt, Patrick ohne jeden Schimmer, woher der Bulle kommt, der von der anderen Straßenseite auf ihn zurennt, der brüllt etwas ins Walkie-Talkie, denkt, er hat Patrick kalt erwischt, doch Patrick überrascht ihn mit einem Ausfall, noch bevor der Bulle seine Waffe ziehen kann, und er schlägt ihn nieder auf den Bürgersteig …
Diese Verfolgungsszene hebt sich nicht nur durch den Erzählperspektivenwechsel stark vom Rest des Textes ab. Hier brechen Sätze ab, rutschen Satzteile ineinander, um ein rasantes Tempo zu simulieren. Deutlich wird der Action-Film-Charakter hervorgehoben, all die Actionfilme, die Bateman sich aus der Videothek leiht und nächtelang konsumiert; genauso, nur nicht in der schnellen, harten Schnitttechnik, die Sexszenen mit Prostituierten, die er brutal tötet, filmisch inszeniert erscheinen, plakativ, überdeutlich, unverhohlen, und schlagwortartig. Diese Kulminationen durchbrechen den trägen, öden Gang durch Batemans Konsum- und Berufs- und sozialer Umwelt seiner Freunde, die stets über dasselbe reden, dieselben Klamotten tragen, dieselben Gadgets aneinander neiden, nur um am Ende des Abends wieder und immer wieder nach Drogen Ausschau zu halten.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Genau gelesen lässt American Psycho im Grunde keinen Zweifel daran, dass Bateman keine Gewalttaten begeht. Bateman wird durchweg auf der Ebene des plottechnischen Hergangs als harmloser, steifer, etwas verklemmter, aber netter Mitmensch beschrieben, der gerne zu den Großen und Angesehenen gehören würde, es aber schlichtweg nicht schafft, sich durchzusetzen. Markant steht hier die Visitenkartenszene:
Ich weiß nicht, woher McDermott Alain so gut kennt – vielleicht Cecelia? – und das nervt mich ein bißchen, deshalb zeige ich allen meine neue Visitenkarte, um einigermaßen gleichzuziehen. Ich hole sie aus meiner Brieftasche aus Gazellenleder (Barney’s, 850 Dollar), klatsche sie auf den Tisch und warte auf Reaktionen.
Der Versuch, Eindruck zu schinden, misslingt aber. Price, sein bester Kumpel, wartet mit einer eigenen Visitenkarte auf:
»Aber wartet …«, sagt Price. »Das ist überhaupt nichts …« Er holt seine Karte aus einer Jackettinnentasche, dreht sie langsam, dramatisch um, damit wir sie inspizieren können, und sagt: »Meine.«
Selbst ich muß eingestehen, daß sie grandios ist. Plötzlich erscheint das Restaurant weit weg, gedämpft, der Lärm entfernt, ein bedeutungsloses Murmeln, im Vergleich zu dieser Karte, und wir alle hören Prices Worte: »Erhabene Schrift, blasses Nimbusweiß …«
Es gibt viele für Bateman demütigende Situationen. Er schafft es nicht Bethany, seine Ex-Freundin, zu beeindrucken, nicht an die Informationen über den Fisher Account heranzukommen, noch Courtney Luis auszuspannen, noch Evelyn in das angesagteste Restaurant der Stadt auszuführen, das Dorsia. Insbesondere die Bethany-Szene zeigt, wie isoliert sich Bateman fühlt:
»Was ist los?«
»Ich habe nur keine Lust über …« Ich breche ab. »Über die Arbeit zu reden.«
»Warum nicht?«
»Weil ich sie hasse«, sage ich. »Jetzt sag mal, hast du Pooncakes schon ausprobiert? Ich finde, Miller hat es unterbewertet.«
»Patrick«, sagt sie langsam. »Wenn dich die Arbeit so anwidert, warum hörst du nicht einfach auf? Du mußt doch nicht arbeiten.«
»Weil ich«, sage ich und starre sie direkt an, »weil … ich … dazugehören … will.«
Rein auf Textebene hinterlässt keine Gewalttat von Bateman ein Resultat. Mit anderen Worten, der Text erlaubt es, die Gewalttaten als reine Imaginationsausbrüche, Tagträume, Gewaltphantasien Batemans zu interpretieren. Virtuos verknüpft Easton Ellis die Realitäts- und Imaginationsebene, die im Wahrnehmungs- und Empfindungsprozess des Ich-Erzählers ohnehin zusammenfließen. Bis zum Ende des Romans bleibt unklar, ob eine der Figuren, die Bateman umgebracht zu haben meint, wirklich vermisst wird, bis tatsächlich Paul Owen, den er in seinen Gedanken monströs zerhackstückt hat, in London von seinem Anwalt gesehen wird, der insofern das Geständnis, das Bateman ihm auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, als schlechten Scherz angenommen hat:
»Ich will ja nicht meckern, der Witz war gut, aber er hatte einen kleinen Schönheitsfehler: Bateman ist so ein beschissener Arschkriecher, so ein … Schleimscheißer, daß ich es nicht ganz schlucken konnte. Sonst war’s sehr amüsant.«
In dem Gespräch kommt auch heraus, dass nicht Bateman, sondern Evelyn Schluss gemacht hat, wie zuvor auch Bethany:
Ich habe die Augen weit aufgerissen, fühle mich aufgedreht, obwohl ich gar keine Drogen genommen habe. »Wovon redest du? Bateman ist was?«
»Oh, lieber Himmel, Mann, warum sollte ihn Evelyn Richards sonst abservieren? Also wirklich. Er würde es kaum schaffen, eine Hosteß aufzureißen, geschweige denn, sie … was soll er angeblich mit ihr gemacht haben?« Harold sieht sich immer noch zerstreut im Club um und winkt einem anderen Paar zu, hebt sein Champagnerglas. »Ach, ja, ›zu zerhacken‹.« Er lacht wieder, doch diesmal klingt es gezwungen.
Was American Psycho beeindruckend ausführt, lässt sich nur in der Ich-Perspektive realisieren. In dieser Erzählweise lassen sich Imagination und Realität nicht immer unterscheiden, insbesondere nicht unter Wahn und Drogeneinflüssen, im Zustand beständiger Videofilm-Berieselung und Entbindung von jedweder beruflichen und sozialen Verantwortlichkeit. Bateman nämlich muss keinen Geboten, Regeln Folge leisten. Seine Eltern, wie sich im Laufe des Romans herausstellt, besitzen so viel Geld, dass er nicht arbeiten muss. Er arbeitet nur, um sich abzulenken, und hieraus entsteht keine relevante Erdung und Wechselwirkung mit einer ohnehin sehr entfremdeten Umwelt.
Nichts verschaffte mir Erleichterung. Bald wurde alles schal: noch ein Sonnenaufgang, Heldenleben, große Liebe, Krieg, Entdeckungen, die Menschen übereinander machen. Das einzige, was mich nicht langweilte, war natürlich, wieviel Tim Price verdiente, doch die Selbstverständlichkeit dessen langweilte mich auch wieder. In mir war kein klares, greifbares Gefühl außer Gier und vielleicht noch grenzenloser Abscheu. Ich hatte alle äußeren Kennzeichen eines menschlichen Wesens – Fleisch, Blut, Haut, Haare –, aber meine Entmenschlichung war so gravierend, reichte so tief, daß die Fähigkeit zur Anteilname abgetötet, einem schleichenden, zielstrebigen Verfall zum Opfer gefallen war. Ich imitierte einfach die Wirklichkeit, die grobe Karikatur eines menschlichen Wesens, und nur ein düsterer Winkel meines Hirns blieb in Betrieb. Etwas Schreckliches ging vor sich, doch ohne daß ich begreifen konnte, warum […]
Bret Easton Ellis spielt in American Psycho die Erzählperspektive als Möglichkeit aus, den Realitätsverlust illustrativ durch Gewaltphantasien vorzugaukeln. Auf diese Weise werden diese teilweise monströsen Beschreibungen dennoch gefiltert, reflektiert und literarisch angemessen verarbeitet, ohne den Roman in Pulp Fiction zu verwandeln oder auf das Niveau von Dreigroschen-Sensationsromanen zu drücken. Das Erstaunliche an diesem Roman beweist sich in der durchgehaltenen Perspektive, die als Kennzeichen des konsistenten Erzählens, selbst den billigsten Gegenständen standhält und diese literarisiert. Bret Easton Ellis zeigt insofern Friedrich Nietzsches berühmtem Aphorismus in Jenseits von Gut und Böse seine Grenze auf, wo es nämlich heißt:
Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.
Friedrich Nietzsche aus: „Jenseits von Gut und Böse“ [146]
Easton Ellis demonstriert, dass es eine Weise gibt, dem Abgrund standzuhalten, und der liegt in der konsistenten, in sich stimmigen literarischen Erzählperspektive. Ein überraschendes, jede Satire überbietendes Ergebnis.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein Ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen.
Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.


Ich stelle wieder fest, dass ich mit Nietzsches Gequatsche nichts anfangen kann. Klingt ja fast wie ne Binse. Da hält jemand nicht dem Abgrund stand. Der Abgrund ignoriert Bateman. Ich liebe dieses Buch gerade deshalb, weil es egal ist was er tut. Juckt niemanden.
Der Abgrund ist auf Shoppingtour und kauft für 200 Dollar Cremes. Der kann grad nicht zurückblicken…hihihi.
Schön deine Rezension zu lesen. Ich habe das Buch damals nur als Hörbuch gehört. Wollte es immer mal lesen. Mach ich jetzt demnächst! 🤗
Das Buch hat mich völlig auf dem falschen Fuß erwischt und ich bin froh, dass du es mir nahegelegt hast. Ich werde es auch nochmal lesen, und auch anderes von Bret Easton Ellis. Die Komposition ging verrückt gut auf – insgesamt. Die Nietzsche Binse passte für mich sehr gut zu den formalen Anstrengungen von Easton Ellis den Abgrund eben zu durchschreiten. Es ist eine sehr autonome Geste, und das Buch gehört zu den eindrucksvollsten und interessantesten, ästhetisch, narrativ gesprochen, das ich in der „erweiterten“ Gegenwartsliteratur kenne. Top. 😁🙃✌️Danke für den Kommentar!