Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (iii: Resümee)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Im ersten Teil der Besprechung von Lew Tolstois Roman Anna Karenina (1877) betonte ich die Inhaltsstruktur mit dem Dreh- und Angelpunkt des Fürsten „Stiwa“ Oblonski, indes ich im zweiten Teil auf den kompositorischen scharfkonturierten Dualismus zu sprechen kam, der sich durch die Böse-Gut-, Untreu-Treu- oder Ungeduldig-Geduldig-Struktur aufdrängt. Die beiden Hauptfiguren des Romans, Lewin und Anna, erweisen sich als unausgeglichen in Beschreibung und Verdichtung. Erscheint Lewin als sich entwickelnder Mann, der über sich hinauswächst und zu einem neuen Sinn und Glauben findet, so verbleibt Anna Karenina in einer Starre von Eitelkeit und Begehren, die zusammen Annas Untergang besiegeln. Im dritten Teil möchte ich nun auf das kommunikativ-literarische Resümee hinaus und bringe die verschiedenen Aspekten mit der Erzählanlage in Verbindung, die von Tolstoi kommentierend-allwissend angelegt worden ist:

Und das »Amen« des nicht sichtbaren Chores ergoß sich abermals durch die Kirche. »Der du die Getrennten zusammenführst und sie durch das unzerreißbare Band der Liebe vereinigst« – welch tiefe Bedeutung liegt doch in diesen Worten, und wie genau entsprechen sie meinen Gefühlen in diesem Augenblick, dachte Lewin. Ob sie wohl das gleiche empfindet wie ich? Er sah Kitty an und begegnete ihrem Blick. Aus ihrem Augenausdruck schloß er, daß sie alles ebenso auffasse wie er. Doch das traf nicht zu: Sie hatte den Sinn der Worte beim Gottesdienst fast gar nicht verstanden und während der Trauung selbst nicht einmal auf sie geachtet. Sie war außerstande, auf die Worte zu hören und sie zu verstehen, weil ein einziges Gefühl [endlich das Leben mit ihrem Mann zu teilen] ihre ganze Seele erfüllte und immer stärker wurde.
Lew Tolstoi aus: „Anna Karenina“

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Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (ii: Komposition)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Nach dem ersten Teil meiner Lesebesprechung von Lew Tolstois Roman Anna Karenina (1877), in welchem ich die grobe inhaltliche Struktur des Romans rekonstruiert habe, widme ich mich im zweiten Teil seinen kompositorischen Eigenschaften. Insbesondere will ich auf die Schnitt- und Montagetechnik wie auch auf den dadurch implizit kommentierenden, sich einschaltenden auktorialen Erzähler eingehen. Middlemarch (1871) von George Eliot, das ein paar Jahre früher im viktorianischen England entstand, besitzt eine ähnliche Erzählinstanz, aber eine völlig verschiedene Komposition. Im Gegensatz zu Tolstoi bemüht sich Eliot (Mary Ann Evans) um eine ausgewogene balancierte Beschreibung, wohingegen Tolstoi teilweise schon brutale Montagen und tendenziöse Gegenüberstellungen wagt, die nicht nur erzählkommentierend, sondern auch die formale fiktionale Illusionen empfindlich stören. Wie im ersten Teil der Besprechung ausgeführt, stellen Anna Arkadjewna Karenina und Konstantin Dmitritsch Lewin die Hauptfiguren. Tolstois Erzählinstanz führt Anna wie folgt ein:

Anna wirkte nicht wie eine Salondame oder Mutter eines achtjährigen Sohnes; nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihrer Frische und der ihrem Gesicht innewohnenden Lebhaftigkeit, die sich einmal in einem Lächeln, dann in einem Blick äußerte, hätte man sie eher für ein zwanzigjähriges junges Mädchen halten können, wenn nicht der ernste, zuweilen wehmütige Ausdruck ihrer Augen gewesen wäre, der Kitty faszinierte und anzog. Kitty fühlte, daß sich Anna völlig natürlich gab und nichts verbarg, daß es aber in ihr eine andere, höhere Welt gab, von komplizierter und poetischer Art, die Kitty nicht zugänglich war.
Lew Tolstoi aus: „Anna Karenina“

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Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (i: Inhalt)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Neben den außerordentlich zahlreichen Erzählungen, Dramen und philosophischen Texten schrieb Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828 – 1910) lediglich – wird die Urfassung von Krieg und Frieden (1867) als Rohform der späteren, längeren Form von 1868 betrachtet – drei Romane. Anna Karenina (1877) bildet von den dreien das Mittelstück, und die Auferstehung (1899) den Abschluss. Für viele versöhnt Tolstoi in Anna Karenina das, was in Krieg und Frieden zu breit und abstrakt, in Auferstehung zu moralisierend-predigend verkürzt wirkt: die auktorial-literarische Darstellung des Individuums im Spiegel seiner Zeit und der diversen sozioökonomischen Konflikte. Anders als in Gustave Flauberts Madame Bovary, in welchem die Exzessivität Emma Bovarys im Zentrum des Geschehens steht und den Tenor des Romans bestimmt, schickt Tolstoi die ebenfalls untreue Ehefrau Anna Arkadjewna Karenina eher als Kristallisationspunkt auf die Reise, um anhand ihres Lebens die Welt des zaristischen Russlands um das Jahr 1870 herum zu beleuchten:

Da fahre ich schon wieder in diesem Wagen! Jetzt wird mir alles wieder klar, dachte Anna, sobald sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte und leise schaukelnd und mit Gepolter über die kleinen Pflastersteine fuhr […] daß der Kampf ums Dasein und der Haß das einzige sind, was die Menschen miteinander verbindet … Nein, ihr bemüht euch vergeblich, wandte sie sich in Gedanken an eine Gesellschaft, die in einem Viergespann offenbar zu einem Vergnügen außerhalb der Stadt fuhr. Auch der Hund, den ihr mitgenommen habt, wird euch nicht helfen. Sich selbst kann niemand entfliehen. Als sich Pjotr dann zur Seite umdrehte und sie seinem Blick folgte, sah sie, wie ein sinnlos betrunkener Fabrikarbeiter mit hin und her schwankendem Kopf von einem Polizisten abgeführt wurde. Ja, dem ist es noch am besten gelungen, dachte sie.
Lew Nikolajewitsch Tolstoi aus: „Anna Karenina“ [Übersetzt von Hermann Asemissen]

Dem umfassenden Charakter des Werkes geschuldet, werde ich drei Blogbeiträge posten, und zwar zum Inhalt (diesen), zur Form (den nächsten) und zum kommunikativen Resümee den dann folgenden letzten.

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