Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (i: Inhalt)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Neben den außerordentlich zahlreichen Erzählungen, Dramen und philosophischen Texten schrieb Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828 – 1910) lediglich – wird die Urfassung von Krieg und Frieden (1867) als Rohform der späteren, längeren Form von 1868 betrachtet – drei Romane. Anna Karenina (1877) bildet von den dreien das Mittelstück, und die Auferstehung (1899) den Abschluss. Für viele versöhnt Tolstoi in Anna Karenina das, was in Krieg und Frieden zu breit und abstrakt, in Auferstehung zu moralisierend-predigend verkürzt wirkt: die auktorial-literarische Darstellung des Individuums im Spiegel seiner Zeit und der diversen sozioökonomischen Konflikte. Anders als in Gustave Flauberts Madame Bovary, in welchem die Exzessivität Emma Bovarys im Zentrum des Geschehens steht und den Tenor des Romans bestimmt, schickt Tolstoi die ebenfalls untreue Ehefrau Anna Arkadjewna Karenina eher als Kristallisationspunkt auf die Reise, um anhand ihres Lebens die Welt des zaristischen Russlands um das Jahr 1870 herum zu beleuchten:

Da fahre ich schon wieder in diesem Wagen! Jetzt wird mir alles wieder klar, dachte Anna, sobald sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte und leise schaukelnd und mit Gepolter über die kleinen Pflastersteine fuhr […] daß der Kampf ums Dasein und der Haß das einzige sind, was die Menschen miteinander verbindet … Nein, ihr bemüht euch vergeblich, wandte sie sich in Gedanken an eine Gesellschaft, die in einem Viergespann offenbar zu einem Vergnügen außerhalb der Stadt fuhr. Auch der Hund, den ihr mitgenommen habt, wird euch nicht helfen. Sich selbst kann niemand entfliehen. Als sich Pjotr dann zur Seite umdrehte und sie seinem Blick folgte, sah sie, wie ein sinnlos betrunkener Fabrikarbeiter mit hin und her schwankendem Kopf von einem Polizisten abgeführt wurde. Ja, dem ist es noch am besten gelungen, dachte sie.
Lew Nikolajewitsch Tolstoi aus: „Anna Karenina“ [Übersetzt von Hermann Asemissen]

Dem umfassenden Charakter des Werkes geschuldet, werde ich drei Blogbeiträge posten, und zwar zum Inhalt (diesen), zur Form (den nächsten) und zum kommunikativen Resümee den dann folgenden letzten.

Inhalt/Zusammenfassung:

In Anna Karenina erhebt Tolstoi die Geschichte dreier Ehen zum Gegenstand: die zwischen Anna Karenina und ihrem zwanzig Jahre älteren Ehemann Alexej Alexandrowitsch Karenin, die zerbricht, sowie die zwischen Konstantin („Kostja“) Dmitritsch Lewin und Katerina („Kitty“) Alexandrowna Stscherbazki, die geschlossen wird. Vermittelnd zwischen diesen Extremen wirkt Stepan („Stiwa“) Arkadjitsch Oblonskis und seiner Ehefrau Darja („Dolly“) Alexandrowna Oblonskajas Ehe, die zwar ebenfalls unter erotischen Problemen – Stepan begeht andauernd Seitensprünge – als auch unter finanziellen Nöten leiden – Stepan lebt auf zu großem Fuß für sein Einkommen – aber dennoch gemeinsame Wege finden, das Ehegebäude nicht gänzlich auseinanderfliegen zu lassen. Konsequenterweise beginnt der Roman auch damit, dass Stepan seine Schwester Anna nach Moskau ruft, um seine Ehefrau Dolly von dem lodernd-rasenden Wunsch abzubringen, sich von ihm scheiden zu lassen, nachdem Stiwas Affäre mit der häuslichen Gouvernante aufgeflogen ist:

»Natürlich, [Stepans Geliebte] ist ja hübsch, sie ist ja jung. Aber bist du dir auch im klaren darüber, Anna, durch wen ich meine Jugendfrische, meine Schönheit eingebüßt habe? Durch ihn und seine Kinder! Ich habe ausgedient, ich habe mich in diesem Dienst verzehrt, und jetzt ist ihm natürlich ein frisches, wenn auch ordinäres Geschöpf lieber. […] früher machte mir das [Muttersein] Freude, jetzt aber ist es eine Qual. Wofür arbeite ich, plage ich mich ab? Wozu überhaupt Kinder? Es ist entsetzlich, daß meine Gefühle plötzlich so umgeschlagen sind und daß mein Herz jetzt nicht mehr mit Liebe und Zärtlichkeit, sondern nur noch mit Haß, ja mit Haß gegen ihn angefüllt ist. Ich könnte ihn töten …«

Anna beschwört sie, nichts zu überstürzen. Als Schwester ihres Gatten und seriöse Ehefrau des angesehenen Alexejs, der einen hohen Regierungsposten in Moskau bekleidet, hinterlässt Anna tiefen Eindruck auf Dolly und ihre Familie, insbesondere auch auf ihre jüngste Schwester Kitty, die Anna geradezu anhimmelt ob ihrer eleganten, unnahbaren, würdigen Art. Ihre Fähigkeit zu entsagen und eine glückliche Ehe mit dem zwanzig Jahre älteren Alexej zu führen, beeindruckt Dolly so sehr, dass diese in die Versöhnung mit Stiwa einwilligt, von ihrem Wunsch nach Scheidung ablässt und sich ihrem Schicksal mit dem stets untreu bleibenden Stiwa fügt. Der Stein aber ist ins Rollen geraten, denn auf ihrer Reise von Moskau zurück nach St. Petersburg trifft sie den jungen Fürsten Alexej Kirillowitsch Wronski:

»Warum ich reise?« wiederholte [Wronski] und blickte ihr gerade in die Augen. »Sie wissen ja, daß ich reise, um dort zu sein, wo Sie sind«, sagte er. »Ich kann nicht anders.« In diesem Augenblick, gleichsam als habe er nun alle Schranken durchbrochen, fegte der Sturm den Schnee von den Dächern der Wagen, irgendwo schlug klirrend eine losgerissene Eisenplatte auf, und an der Spitze des Zuges ertönte wehmütig und finster der durchdringende Pfiff der Lokomotive. Der ganze Schrecken des Schneesturms faszinierte Anna jetzt mehr als vorher. Wronski hatte das ausgesprochen, was sie im Herzen gehofft, was sie aber mit ihrer Vernunft gefürchtet hatte. Sie antwortete nichts, und er sah ihrem Gesicht an, daß sie mit sich kämpfte.

Mit dieser Begegnung im Nirgendwo, mitten im Schneesturm beginnt die Liebesaffäre zwischen Anna und Wronski und nimmt ihren zerstörerischen, Wronski und Anna verzehrenden lauf. Vorher aber, und auch hier dient der gierige, um Aufmerksamkeit buhlende, hedonistische Stiwa als Anknüpfungspunkt, zeitgleich mit dem Besuch von Anna, trifft Stiwas Jugendfreund Lewin in Moskau ein, vom Wunsch getrieben, um die Hand von Kitty, der jüngsten Schwester von Dolly, anzuhalten, die aber zu diesem Zeitpunkt noch auf Wronskis Eheangebot hofft. Annas Ankunft zerstört diese Hoffnung. Kitty sagt Lewin ab, wird aber zum Entsetzen ihrer Mutter von Wronski zugunsten Annas wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen:

Wronski trat an Kitty heran, erinnerte sie an die erste Quadrille und äußerte sein Bedauern darüber, sie so lange nicht gesehen zu haben. Kitty blickte bewundernd der tanzenden Anna nach und wartete zugleich darauf, was Wronski weiter sagen würde. Sie glaubte, daß er sie zum Walzer auffordern werde; aber er forderte sie nicht auf, und sie sah ihn befremdet an. Er wurde rot und beeilte sich nun, sie aufzufordern; doch kaum hatte er den Arm um ihre schlanke Taille gelegt und den ersten Schritt getan, da brach plötzlich die Musik ab. Kitty blickte ihm ins Gesicht, das dem ihren so nahe war, und noch lange nachher, wenn sie sich viele Jahre später dieses von Liebe erfüllten Blicks erinnerte, mit dem sie ihn damals angesehen und den er nicht erwidert hatte, krampfte sich ihr Herz vor Scham qualvoll zusammen.

Der Besuch Anna Kareninas in Moskau hat tiefgreifende Folgen für Kittys, Lewins und Wronskis Leben. Kitty, beschämt, verletzt, in jeder Hinsicht gekränkt, flieht das Land und reist nach Baden zur Kur. Lewin, die Schmach verdrängend, stürzt sich in die Agrarwissenschaft und arbeitet sich auf seinem Gut die Hände wund, will weder von der Politik noch von der hohen Gesellschaft mehr etwas wissen und zieht sich immer weiter in sich und sein pessimistisches Weltbild zurück; und Wronski schließlich verfällt in St. Petersburg ganz und gar Annas Anziehungskraft, die ihrerseits wiederum Wronski verfällt, bis sie beide schließlich nach Italien ausbüchsen. Derweil befindet sich Kitty wieder in Russland, von ihrer Schwester Dolly nach Jerguschowo eingeladen, ganz in der Nähe von Lewins Rückzugsort Pokrowskoje, so dass sich Lewin und Kitty, etwa drei Jahre nach dem misslungenen Heiratsantrag in Moskau, wiedersehen:

[Kitty] errötete, wurde blaß, errötete wieder und blickte ihm regungslos mit kaum wahrnehmbar zuckenden Lippen entgegen. Er trat an sie heran, verbeugte sich und hielt ihr schweigend seine Hand hin. Wäre nicht das leise Zucken der Lippen und der feuchte Schimmer gewesen, der ihre Augen bedeckte und deren Glanz noch erhöhte – aus ihrem Lächeln hätte fast Ruhe gesprochen, als sie ihn jetzt begrüßte. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen!« sagte sie und legte ihre kalte Hand mit verzweifelter Entschlossenheit in die seine. »Sie haben mich nicht gesehen, aber ich habe Sie gesehen«, erwiderte Lewin mit einem glückstrahlenden Lächeln. »Ich habe Sie gesehen, als Sie von der Bahn kamen und nach Jerguschowo fuhren.« »Wann?« fragte sie erstaunt. »Sie fuhren nach Jerguschowo«, antwortete Lewin und hatte das Gefühl, als müsse er in dem Glück ersticken, das sich in sein Herz ergoß.

Es kommt nun, wie alles sich bereits von langer Hand abgezeichnet hat: Wronski vermag trotz all seines Begehrens Anna nicht treu ergeben zu bleiben, und Lewin und Kitty finden zusammen und heiraten. Verlassen von allem fährt Anna Karenina durch Moskau, im selben Gefühl wie Dolly zu Anfang des Buches, nur gibt es keine Schwester etwa eines Wronskis und so auch keine Rettung durch eine von dieser sich vermittelnden Selbstcontenance – Annas Besuch bei Dolly scheitert durch Kittys Anwesenheit. Anna verliert den Mut und bringt sich, als sie erfährt, dass sich Wronski mit einer reichen Prinzessin auf Wunsch seiner Mutter trifft, um, indem sie sich zwischen die Waggons eines Eisenbahnzuges wirft. Lewin dagegen überkommt seine Verschlossenheit, seinen inneren Nihilismus, öffnet sich für Kitty ganz und gar, als sie ihm ein Kind gebiert und vor Lebensentschlossenheit und Fröhlichkeit nur so strahlt.

[Lewin] hob den Kopf. [Kitty] hatte die Arme kraftlos auf die Bettdecke sinken lassen, lag in außergewöhnlicher Schönheit und Ruhe vor ihm und sah ihn wortlos an; sie versuchte zu lächeln, vermochte es aber nicht. Und aus der unnatürlichen, von Geheimnissen und Schrecken erfüllten Welt, in der er die letzten zweiundzwanzig Stunden zugebracht hatte, sah sich Lewin jählings in die frühere, gewohnte Welt zurückversetzt, die jetzt aber einen neuen, so überwältigenden Glanz des Glückes ausstrahlte, daß er ihn nicht ertragen konnte. Ein von Tränen der Freude hervorgerufenes Schluchzen, auf das er nicht im geringsten gefaßt war, übermannte ihn und […] unter den gedämpften Stimmen, mit denen alle im Zimmer sprachen, ertönte jetzt eine ganz andere Stimme […] das hemmungslose, dreiste, auf nichts Rücksicht nehmende Geschrei eines neuen, weiß Gott woher aufgetauchten Menschengeschöpfs.

Eine detaillierte Inhaltsangabe findet sich hier.

Inhaltliche Struktur oder: Die Oblonskis als Dreh- und Angelpunkt:

Interessanterweise erweist sich nach genauer Analyse von Tolstois Anna Karenina, die Familie Oblonski als Dreh- und Angelpunkt des Romans. Die Oblonskis stellen in keiner Hinsicht etwas Besonderes dar. Sie führen eine sehr durchschnittliche Ehe voller Aufs und Abs und insbesondere der Fürst Stiwa Oblonski will im Grunde nur von allen gemocht, unterhalten, gesponsert und verwöhnt werden. Tolstoi zeichnet ihn nachgerade als einen ehrlichen, sympathischen Taugenichts: Er zecht, trinkt, prahlt und versucht sich auf jede erdenkliche Weise, Geld und Ansehen zu erschleichen.

Hier [in St. Petersburg, dachte Stiwa] sah man ein, daß ein Mann sein eigenes ungebundenes Leben haben muß, um es so zu führen, wie es sich für einen gebildeten Menschen gehört. Der Dienst? Auch der Dienst war hier nicht jene unablässige, hoffnungslose Tretmühle, die einen in Moskau zermürbte; hier war der Dienst interessant. Man kam mit Menschen zusammen, erwies dem einen oder anderen eine Gefälligkeit, gab einen Witz zum besten, verstand es, andere Personen auf komische Art nachzuahmen – und machte im Handumdrehen Karriere, wie zum Beispiel Brjanzew, den Stepan Arkadjitsch gestern getroffen hatte und der jetzt ein hoher Würdenträger war.

Mit seiner Art aber bringt Stiwa durch sein durchtriebenes Begehren ständig Bewegung in das Leben der anderen, an ihrem Umfeld zu ersticken drohenden Figuren: Er reißt Anna aus St. Petersburg und aus der tristen Ehe mit Alexej hinaus, und auch Lewin motiviert er, endlich wieder etwas zu riskieren, statt sich auf seinem Landgut in Agrarforschungen zu vergraben, und genauso wirken die Oblonski auf Kitty ein, die sich lediglich in ihrem Selbstmitleid in Karlsbad baden will. Stiwa, völlig in seinem Hedonismus verstrickt, lässt sich nie die Laune Verderben:

Ja, ja, wie war das doch gleich? Er versuchte, sich das eben Geträumte ins Gedächtnis zu rufen. Wie war es denn? Ja! Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in Darmstadt, irgendwo in Amerika. Ja, aber jenes Darmstadt, das lag in Amerika. Ja, Alabin gab ein Diner auf Tischen aus Glas, ja, und die Tische sangen: »Il mio tesoro«, oder nein, nicht »Il mio tesoro«, sondern etwas Schöneres … und dann diese kleinen Karaffen, die zugleich auch Frauen waren … Die Augen Stepan Arkadjitschs leuchteten freudig auf, und er lächelte versonnen. Ja, das war sehr schön, sehr schön. Noch vielerlei vortreffliche Dinge gab es dort, doch beim Erwachen kann man das nicht in Worten ausdrücken, und sogar die Gedanken lassen sich nicht aussprechen. Als er nun den Lichtstreifen bemerkte, der am Rande des Tuchvorhangs durch eines der Fenster ins Zimmer drang, setzte er die Füße mit einem übermütigen Schwung auf den Fußboden, angelte mit ihnen nach den goldschimmernden Saffianpantoffeln, die seine Frau bestickt und ihm im vorigen Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte, und streckte, ohne aufzustehen, den Arm aus alter, neunjähriger Gewohnheit in die Richtung, in der im Schlafzimmer sein Schlafrock hing.

Mit der Figur Stiwas setzt Tolstoi ein poetologisches Prinzip um, dass später ein Michel Serres in Der Parasit als ein systemtheoretisches Paradigma schlechthin in die Soziologie einführt: der Mittler zwischen den Arbeitenden und den Besitzenden, der Vermittler, der speisen, trinken, leben will, ohne zu besitzen noch zu arbeiten, lediglich als kommunizierende Instanz wirkend, die sich zum allgemeinen Amüsement dazwischen schaltet:

Die Tätigkeit des Parasiten besteht darin, sich an die Beziehungen heranzumachen. Er macht sich instinktiv an die Vermittlungen heran und besetzt alles. Er intrigiert. Dieser Dritte, man kann es nicht anders sagen, ist eingeschlossen. Er wird vom Herrn und dessen eigenem Haus eingeschlossen, er wird jeweils in sämtliche Beziehungen eingeschlossen. Er zapft sämtliche Beziehungen zwischen sämtlichen Positionen an. Er schleicht sich in sämtliche Ströme ein. Er ist der eingeschlossene Dritte. Das ist absurd, das ist die Absurdität schlechthin, und dennoch ist es so. Und zugleich ist es die Auflösung. Auf dem Höhepunkt der Handlung ist Tartuffe alles, steht er auf allen Positionen.
Michel Serres aus: „Der Parasit“

Tartuffe, der den wohlhabenden Orgon in Molières Komödie Tartuffe oder der Betrüger (1664), täuscht, besitzt in Stiwa Oblonski seinen Wiedergänger. Konsequenterweise beginnt Tolstoi das Buch mit Stiwa, endet aber, nachdem er sein Werk vollendet hat und wohl arriviert sein Leben genießt, mit Lewin, der durch die Eskapaden zurück zum Glauben an Gott und die Sinnhaftigkeit der Welt gefunden hat.

»Nun, über diese Einmütigkeit läßt sich noch manches sagen«, meinte der Fürst. »Nehmen wir zum Beispiel Stepan Arkadjitsch [Stiwa], meinen Herrn Schwiegersohn, den Sie ja kennen. Er bekommt jetzt einen Posten als Komiteemitglied der Kommission für … ich weiß nicht mehr genau, wie sie sich nennt. Zu tun hat er dort nichts – laß mich doch, Dolly, es ist ja kein Geheimnis! –, aber das Gehalt beträgt achttausend Rubel. Fragen Sie ihn doch mal, ob sein Posten irgendeinen Zweck erfüllt, und er wird Ihnen nachweisen, daß er unumgänglich notwendig ist. Dabei ist er ein wahrheitsliebender Mensch, aber er kann sich natürlich nicht eingestehen, daß achttausend Rubel unnütz ausgegeben werden.«

Stiwa, dem es blendend als Ausschussmitglied der Vereinigten Agentur für gegenseitigen Kredit der Südrussischen Eisenbahnen geht, dient mit seiner Frau Dolly als Dreh- und Angelpunkt des Romans, der dagegen für Wronski, der in den Serbisch-Osmanischen Krieg von 1876-1877 zieht, und Anna, die sich umbringt, desaströs endet. Auf diese Weise fungiert Moskau (Oblonski) als Mittler zwischen dem traditionellen ländlichen Russland (Lewin) und dem aristokratischen St. Petersburg (Karenin/Wronski), indem Kitty vor einer Ehe mit Wronski bewahrt und dem stille Lewin vom Lande sein Glück zuteil wird.

Im nächsten Teil beschäftige ich mich nun mit den formalen Eigenschaften von Tolstois Anna Karenina.

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