Jenny Erpenbeck: „Kairos“

Eine „Ästhetik des Widerstandes“ der Gegenwart … Spiegel Belletristik-Bestseller 40/2021

Die Nacherzählungen allgemeiner Geschichte enden allzu oft in sehr nüchternen, fragmentierten, blitzlichtartigen Zusammenstellungen und Kollagen von Ereignissen, die entweder weitestgehend bekannt sind oder unbekannt im Zusammenhang mit solchen stehen. Ein Beispiel ist Gerd Loschütz und sein Rechercheroman „Besichtigung eines Unglücks“ oder Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“, oder klassisch unwiederholbar in Trockenheit und Masse und Detailreichtum Thukydides „Der Peloponnesische Krieg“.  Geschichte, ob als Kollage oder Roman, lebt von Details, von vielen winzigen Einsprengseln verdichteter Temporalisierungsbemühungen. So auch Jenny Erpenbecks neuester Roman „Kairos“, benannt nach dem rechten Maß, die gute Gelegenheit, dem günstigen Augenblick. In ihrem Roman findet sie tatsächlich die Balance, das richtige Maß zwischen Persönlichem und Allgemeinem, zwischen Intimen und Politischen, zwischen Zeitgeschichte und Alltag eines mittlerweile verschwundenen Staates: die DDR.

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Dirk Rossmann und Ralf Hoppe: „Der Zorn des Oktopus“

Harmlos-naive Zeitreise in das Niemandsland der politischen Phantasie … Spiegel Belletristik-Bestseller 41/2021

Es gibt Bücher, über die kann man ohne schlechtes Gewissen reden und urteilen, selbst ohne sie gelesen zu haben. Die Werbekampagnen, die Berichterstattungen, die allgegenwärtigen Kommentaren geben genügend, schon formalen, Anlass, skeptisch auf Distanz zu bleiben. Ein Multimillionär, der die Welt zu retten versucht, indem er Romane schreibt; ein Konzernchef, der seine politische Vision in Stenographie zum Besten gibt und eine Werbung nach der anderen zur besten Sendezeit schaltet, um ausreichend Aufmerksamkeit für seinen Text zu sichern, reichen möglicherweise aus, um sich eine, meist ablehnende, Meinung zu bilden. Im Folgenden nun eine Leseerfahrung von Dirk Rossmanns und Ralf Hoppes sechshundert Seiten langen Roman „Der Zorn des Oktopus“, der sich in der 41. Kalenderwoche Platz 1 der Beststeller-Listen gesichert hat und darum automatisch auf meine Leseliste gekommen ist.

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Florian Illies: „Liebe in Zeiten des Hasses“

Kulturjournalistisches Futurum II einer unverbindlichen Geschichtsschreibung … Spiegel Sachbuch-Bestseller 42/2021

Sprachlich versierte Zuhörer und Zuhörerinnen können im Rheinland eine neue Erzählzeit und Erzählform erlauschen, das narrative Futurum II des Rheinländers, der beispielsweise „dort gewesen sein wird, ohne sich etwas dabei gedacht zu haben, um es sich dort dennoch ordentlich hat gutgehen lassen können.“ Florian Illies gelingt ein ähnliches Kunststück, ein Zwischen-den-Zeiten-Journalismus, der über Vergangenes redet, als wäre es noch nicht eingetreten, und so Geschichten erzählt, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Ein Niemandsland zwischen Feuilleton und Literatur, schwerelos zwischen Vergangenheit und Fiktion, ein Hauch von Dokumentation, die sich den Spaß am Fabulieren dennoch nicht nehmen lassen möchte, und nicht nehmen lassen kann, denn „Liebe in Zeiten des Hasses“ ist keine Geschichtsschreibung und keine Literatur und auch kein Bericht. Es ist eine Loseblattsammlung von Zitaten, die von einer mehr oder weniger hilflosen Begleitstimme zusammengehalten wird.

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Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“

Eine Odyssee zwischen Mut und Ohnmacht … Deutscher Buchpreis 2021

Auktoriale Romane über Gewaltverbrechen pendeln notgedrungen zwischen den Extremen: zwischen Voyeurismus und Verzweiflung. Die meisten beuten das Geschehnis aus. Das Skandalon, die physische und psychische Gewalt obsiegt und bedient die Sensationslust. Die anderen ergeben sich zumeist der Ohnmacht und gleichen einem Stoßgebet, es möge Gerechtigkeit auf Erden herrschen, es möge sich nicht wiederholen. Die einen nehmen also für sich in Anspruch, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, um das pädagogische Potenzial des Schreckens und Erschreckens zu entfachen (als hervorragendes und fehlgeleitetes Beispiel hier: „Der Heimweg“ von Sebastian Fitzek); die anderen appellieren an die emotionale Macht der Sprache, um gegen Gewalt Einspruch zu erheben, um Kommunikation zu ermöglichen, wo Stummheit die Opfer nur ein weiteres Mal verwunden würde (so schmerzhaft in „Raum“ von Emma Donoghue vorexerziert). Von allen typischen Varianten gelingt Antje Rávik Strubel mit „Blaue Frau“ der bestmögliche Ausweg aus einer selbstgewählten Unmöglichkeit und ausweglosen Aufgabe: das Metalyrische.

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Maxim Biller: „Der falsche Gruß“

Über Lügen im außerliterarischen Sinne … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2021)

In der Wahl der Erzählposition steckt der Schlüssel zu einem jeden geschriebenen Werk. Es gibt derer nicht sehr viele. Da wäre der allwissende Erzähler, der von weit entfernt auf die Handlung herabsieht, die Figuren durchschaut und sie entlarvt. Da wäre das personale Erzählen, das sich von außen in die Perspektive einer Figur hineinfühlt, ohne diese Figur jedoch entblößen zu können. Das Erzählen bleibt auf Distanz. Da wäre auch das Ich-Erzählen, in welcher ein Text für ein Ich gesprochen, geschrieben wird. Diese Ich-Erzählung kennt zumeist keine Distanz. Sie steht in der Fülle der Eindrücke, aber in einer unbekannten Welt, während das personale oder allwissende Erzählen das Ich nicht kennt, aber die Welt. Maxim Billers neuester Roman „Der falsche Gruß“ ist aus einer schizophrenen Ich-Perspektive geschrieben. Er will die Welt und das Ich zugleich erkennen und in Szene setzen und scheitert deshalb, bereits erzähltechnisch, an beidem.

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Eva Menasse: „Dunkelblum“

Gähnende Abgründe im Burgenland … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2021)

Eva Menasses Roman „Dunkelblum“ handelt von den Ereignissen und Geschichten in einem fiktiven österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze. Die Lokalisierung des Dorfes zeigt bereits, dass das Dorf zwar fiktiv, aber dennoch in die europäische Realität und Geschichte eingebettet ist. Anhand der Geschicke fiktiver Figuren wird das zwanzigste Jahrhundert Mitteleuropas aufgerollt. Schnittstellen, Schmerzhaftes kommt zur Sprache. Als Romangegenwart wählte Menasse das Jahr 1989, als die ersten DDR-Bürger über die österreichisch-ungarische Grenze fliehen und sich das Ende der DDR anbahnt. Vor diesem Hintergrund werden nun alle Fäden aufgenommen, lässt der Roman noch einmal alles Revue passieren, was gemeinhin als zeitgenössische Geschichte bezeichnet wird. Leicht und überschaubar bleibt dabei nichts.

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Hervé Le Tellier: „Die Anomalie“

Heiter weiter … Prix Goncourt 2020

Die französische Avantgardeliteratur nach dem Surrealismus, also seit den 1950er Jahren, hat viele Stilblüten und Sonderbarkeiten hervorgebracht. Man denke an die Besessenheit, Temporalisierungen aufzuheben, eines Michel Butor, oder szenische Filmdichtungen in einer Villenlandschaft zu kreieren wie Alain Robbe-Grillet, oder die Welt zu unterminieren, Subversion in dramengetriebener Rundum-sprachlichkeit zu demonstrieren, wie Marguerite Duras, oder das vollendete „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès, das dem Geheimnis der Kommunikation nachspürt. Neben poetologischen Revolutionen und aufgebrachten Sprachrevolten zog als Antwort auch der Strukturalismus in die Gefilde der Romanlandschaft ein und es entstand eine Art Formalliteratur rundum die Gruppe Oulipo (L‘Ouvroir de Littérature Potentielle). Hervé Le Tellier ist einer von ihnen, und es liegt ein neuer Roman von ihm vor: „Die Anomalie“.

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Valerie Fritsch: „Winters Garten“

Zeitlos im Fluss der Zeit .. Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015

Ein wenig aus der Reihe, aber inspiriert von einer Rezension des Romans „Herzklappen von Johnson & Johnson“ aus dem Jahr 2020, ein Roman von der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015: Valerie Fritsch „Winters Garten“. Die Apokalypse bleibt en vogue. Sie ist es seit dem Gilgamesch-Epos. Die Welt geht unter. Die Titanen zerstören, was sie erschaffen. Die Götter nehmen, was sie geben, und das Ende von Dantes „Commedia“ gipfelt im weißen, kleinen, sternklaren Punkt des nichtigen Nichts eines ewigen und erlösten, erleuchteten Jetzt. Auch Valerie Fritschs Roman handelt von der Apokalypse. Sie handelt von Werden und Vergehen eines Individuums, und vom Ende der Welt insgesamt. Die Erzählung beginnt mit einem Hirtengesang alter bukolischer Schule Vergilischer Provenienz. Anton Winter, der Protagonist, ist jung, angstlos, ein Kind, das beobachtet, erlebt, heranwächst und staunt:

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Kazuo Ishiguro: „Klara und die Sonne“

aus Liebe zu den Dingen … Spiegel Belletristik-Bestseller (17/21)

Schon die ersten Zeilen des Romans „Klara und die Sonne“ von Kazuo Ishiguro verweisen darauf, dass man es mit einem besonderen Werk zu tun. Es ist das neueste Buch des britischen Nobelpreisträgers für Literatur von 2017. Eine Stimme erklingt, und sie erklingt sofort als neu, als ungewohnt, als sanft und zurückhaltend. Der Roman beginnt nicht mit einem Paukenschlag. Er drängt sich nicht auf. Ja, man hat beinahe das Gefühl, dass der Roman einen im Grunde nicht einlädt, aus Neugier weiterzulesen. Er reizt nicht. Die Sprache ist spröde. Sie ist einfach. Sie ist beinahe stillos. Sie zielt nicht auf das Hohe, Tiefe, Weite und Bedeutsame. Sie spreizt sich nicht auf. Sie nennt die Dinge einfach, ohne Grund und Notwendigkeit. Sie behauptet sich nicht in einer schnellen und lauten Welt. Sie versucht es nicht einmal. Es ist ein sehr stilles und sentimentales Buch.

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Daniela Krien: „Der Brand“

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug durchs eigene Problembewusstsein … Spiegel Belletristik-Besteller (32/2021)

Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel heißt es, er habe gesagt, dass die Rätsel der alten Ägypter ebenso Rätsel für die Ägypter selbst waren. Also, nicht nur für uns. In Bezug auf die Rätsel der alten Ägypter sitzen wir also mit den Ägyptern im selben Boot. Von dem Roman „Der Brand“ der Autorin Daniela Krien lässt sich Ähnliches sagen. Nicht ohne Grund beginnt der Roman mit einem Zitat von Ernst Cassirer: „Der Widerspruch ist ein Grundmoment des menschlichen Daseins.“ Der durchgehaltene Widerspruch jedoch kann in einem unglücklichen Bewusstsein enden, oder durchschritten, als aufgehobener, im Wachstum münden. In Daniela Kriens Roman läuft alles aufs Unglück hinaus. Er handelt von einem Ehepaar, Peter und Rahel, das Haus und Hof einer Familienfreundin, Edith, in der Uckermark hütet, während diese mit ihrem Ehemann Viktor in einer Reha-Klinik weilt, nachdem Viktor einen schweren Schlaganfall hatte.

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