Eskapistisch-verträumt bis zur Schmerzgrenze: die Côte d’Azur als Roman
Inhalt: 4/5 Sterne (eskapistischer Sommerurlaub)
Form: 4/5 Sterne (leicht-locker, fröhlich-larmoyant)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (reflektierte Ich-Erzählerin)
Komposition: 3/5 Sterne (hölzern, überzeugend im Abschluss)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (schaurig-verschämte Urlaubsstimmung)
Mit siebzehn Jahre debütierte Françoise Sagan mit Bonjour Tristesse (1954) und gehört zu den meistverkauften Romanen der französischen Literaturgeschichte und schaffte es sogar auf den Index „der verbotenen Bücher“ des Vatikans. Im Zentrum, ähnlich angelegt wie Max Frischs Homo Faber (1957) steht nämlich ein etwas eigenartiger Lebensentwurf von einer siebzehnjährigen Tochter und ihrem vierzigjährigen Vater, nachdem die Mutter früh verstorben ist:
Mein Vater war vierzig Jahre alt und seit fünfzehn Jahren verwitwet; er war jung, voll Lebenskraft, voller Möglichkeiten […] Er war ein leichtlebiger Mensch, geschickt in seinem Beruf, immer begierig nach neuen Erlebnissen und schnell ihrer überdrüssig – und er gefiel den Frauen. Es machte mir keine Schwierigkeiten, ihn von ganzem Herzen zu lieben, denn er war gut, großzügig, fröhlich und voll Zuneigung für mich.
Skandalös in Bonjour Tristesse wirkte insbesondere das selbstbewusste, fröhliche, eigenwillige Auftreten der Ich-Erzählerin Cécile, die gerade erst durchs Examen gefallen, überhaupt nicht daran denkt, auch nur ansatzweise eine Ernsthaftigkeit zu entwickeln. Das sollen schön andere tun. Als eine Mutterfigur zu ihnen in den Sommerurlaub tritt, besagte Anne Larsen, unternimmt sie alles, eine Heirat zwischen dieser und ihrem Vater zu verhindern, um weiterhin das Leben der Bohème, des Leichtsinns, der Unerwachsenheit zu führen, unbekümmert und frei:
Ich dachte nicht an ihn, als ich den Plan faßte, Anne wieder aus unserem Leben zu verstoßen. Ich wußte, daß er sich trösten würde, wie er sich über alles tröstete. Ein Bruch würde ihm weniger schwerfallen als ein geregeltes Leben; wirklich treffen, wirklich zerrütten konnten ihn nur die Gewohnheit und das ewige Einerlei – genau wie mich. Wir gehörten zur gleichen Rasse, er und ich: zu der schönen, reinen Rasse der Nomaden. – Aber ich dachte nicht immer so, manchmal nannte ich sie auch: die arme, abgestumpfte Rasse der Genußmenschen.
Bonjour Tristesse formuliert den Widerstand gegen soziale Normen und soziale Verpflichtungen, gegen jedwede Form irgendwelchen sozialen Erwartungshorizonten genügen zu sollen – aber diesen Hedonismus bezahlen die Hauptfiguren teuer und hintergründig, nämlich mit einer distanzierten, sich entleerenden Melancholie, die nach und nach in ihnen Einzieht und sie von der Welt trennt, in der auf eine Weise geliebt und mit Intensität geredet und interagiert wird, die ihnen fehlt. Der Dandyismus vollendet sich in einem zarten Rückblick der Trauer.
Nur im Morgengrauen, wenn ich in meinem Bett liege und nichts höre als das Geräusch der Autos in den Straßen von Paris, wird mein Gedächtnis mir manchmal zum Verräter: Der Sommer kehrt wieder mit all seinen Erinnerungen. »Anne, Anne!«
Immer wieder sage ich diesen Namen sehr leise und lange Zeit ins Dunkel hinein. Dann steigt etwas in mir auf, das ich mit geschlossenen Augen empfange und bei seinem Namen nenne: Traurigkeit – komm, Traurigkeit.
Auf seine Weise außerordentlich genau konstruiert, das Komplement zu J.D. Salingers Der Fänger im Roggen (1951), eine psychologisch-reflektierende Konsequenz des Sartreschen Existentialismus, der hier, noch konsequenter als Albert Camus in Der Fremde (1942) oder Der Fall (1956) ausspricht, was ihn auszeichnet: die Hoffnung, im Nicht-Dazugehören dazuzugehören, was nicht gelingt und Melancholie und Verdruss endet. Bei Françoise Sagan in Bonjour Tristesse immerhin bittersüß.
———————————
———————————
Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
———————————
———————————
Inhalt: ●Hauptfiguren von Bonjour Tristesse: Ich-Erzählerin Cécile (IE), 17 Jahre alt, Tochter von Raymond (R), Halbwaise (seit 15 Jahren), nachdem ihre Mutter verstorben ist, und führt eine Sommerliebe mit Cyril (25 Jahre – CY); Raymond: Vater von Cécile, 40 Jahre alt, hat eine Affäre mit der Sängerin Elsa Mackenbourg (E) (28 Jahre) und verliebt sich in Anne Larsen (A), Mode-Designerin (42 Jahre alt).
● Kurzinhaltsangabe: Cécile und ihr Vater leben ein sorgenloses Leben an der Côte d’Azur. Cécile bandelt mit einem Studenten der Rechtswissenschaften an, Raymond mit der Sängerin Elsa. Beide verfolgen keinerlei ernsthafte Absichten. Es sticht Anne Larson zu ihnen, eine Art Mutterersatz, die das Leben ordnet. Cécile will sich aber nicht einengen lassen und schmiedet ein Komplott gegen sie, als sie Raymond bereits für eine Heirat begeistert hat. Sie lässt Elsa und Cyril eine Affäre vorgaukeln, die Raymond eifersüchtig werden lässt. Es kommt zum Eklat, als Anne Raymond und Elsa im Wald küssen sieht. Überstürzt reist sie ab und kommt bei einem Unfall ums Leben.
● Detaillierte Inhaltsangabe von Bonjour Tristesse:
Erster Teil: (Sommerurlaub – Anne Larsen reist an – führt ein strengeres Regime ein – Cécile beschließt sie aus ihrem und das Leben ihres Vaters zu vertreiben)
1. C fährt mit ihrem Vater, nach dem sie durch das Examen gefallen ist, in den Sommerurlaub ans Mittelmeer, an die Côte d‘Azur. Er hat seine Geliebte E mit dabei. Es kündigt A an, die nach dem Tod Cs Mutter zeitweise eine Mutterfigur innegehabt hat. Else zieht sich Sonnenbrand zu und schält sich.
2. A kommt an, erschrickt darüber, dass R nicht allein, sondern mit E in den Sommerurlaub gefahren ist. Sie erscheint mit dem Auto, nicht mit dem Zug, wie R und C angenommen haben. E schämt sich für ihre Haut. C räsoniert über das Zusammenleben mit ihrem Vater.
3. A zwingt C fürs Examen zu lernen, nachdem sie bereits einmal durchgefallen ist. C will nicht. Sie will den Sommer mit ihrem Flirt CY verbringen, einen Studenten der Rechtswissenschaft, statt in Bergson zu lesen.
4. Eifersuchtsdrama A versucht E auszustechen, die nichts davon ahnt. Nachmittagsschlafszene. Sie besuchen CYs Mutter. C will nicht, dass CYs Mutter über den Klee gelobt wird, da sie nur ihrer Rolle entsprochen habe (eigenartige Szene).
5. Ausflug nach Cannes, ins Casino. A und R kommen sich näher. E sieht ein, dass sie fünftes Rad am Wagen ist und verschwindet.
6. A und R überlegen zu heiraten. Dieser Plan stürzt C in die Ambivalenz, einerseits mag sie das freie Leben mit dem Vater, andererseits mag sie die Sicherheit und Verlässlichkeit, die A ausstrahlt. A erwischt C und CY in den Fichtennadeln und tadelt sie. Nachdem A sie zwingt, sich von CY fernzuhalten, beschließt C, A aus ihrem Leben und das ihres Vaters zu vertreiben.
Zweiter Teil:
1. C störrisch, verweigert zu essen, wird immer dünner.
2. E zu Besuch, um sich ihre Koffer abzuholen. C intrigiert gegen A und appelliert an E, R wieder zurückzuerobern, sich an A zu rächen. Es gelingt. E soll so tun, als wäre sie mit CY zusammengekommen, um R eifersüchtig zu machen
3. CY will C heiraten, unterbreitet ihr einen Heiratsantrag. C, wankelmütig, malt sich ständig andere Zukünfte aus. A versucht C zu trösten, als sie E und CY fröhlich auf dem Boot sehen und A denkt, C müsse untröstlich sein. A kann nicht wissen, dass das alles inszeniert ist.
4. C simuliert das Lernen, hört heimlich nur Platten, gibt nur vor Kant und Pascal zu lesen. Sie geht mit C heimlich aus und schläft mit ihm. Vor Aufregung vermag sie es nicht, sich eine Zigarette anzuzünden, A hilft ihr.
5. Nachdem herauskommt, dass C über ihr Lernen lügt, erhält sie Hausarrest und wird eingesperrt. Ihr Vater ermahnt ist. C spielt die resignierte, sagt, sie wolle verzichten, wohlwissend, dass das ihren Vater provoziert, der selbst nicht erwachsen werden will.
6. Auf einem gemeinsamen Spaziergang sehen C und R E und CY in den Fichtennadeln liegen. R eifersüchtig auf CY. C dagegen stellt sich ein friedliches Leben mit CY in Paris vor.
7. Sie fahren nach St. Raphael, das Ehepaar Webb zu treffen. C richtet es ein, dass E und CY auch dort erscheinen. C fast im Streit mit Madame Webb.
8. Soziales Umfeld von A und R sehr verschieden, A gesetzt, R dandyhaft, verschrobene Hedonisten. C verabscheut Ruhe, Ernsthaftigkeit und Verantwortungsgefühl.
9. Über den Vater, Charakterisierung, ein Haudegen, Lebemann; A verlangt, dass er seinen leichtsinnigen Lebenswandel aufgibt, erwachsen wird. C hat ein schlechtes Gewissen, den Leichtsinn zu unterstützen.
10. E und R verabreden sich. Sie küssen sich in den Fichtennadeln, A beobachtet das auf einem Spaziergang, völlig entsetzt reist sie ab.
11. R untröstlich, C und R überlegen, wie sie A zurückholen können, schreiben herzerweichende Liebesbriefe, das Telefon klingelt. A ist mit dem Auto verunglückt. Unklar ob Selbstmord oder Unfall. C und R betrinken sich.
12. Beerdigung in Paris, ein Monat Trauer, dann kehrt das alte Leben zurück, und es deutet sich in C eine Art Trauer und Melancholie an.
… schnell erzählte Seifenoper, als es noch keine Seifenopern gab, aber hier mit klarer, sich langsam zusammenziehende Intensität, folgerichtig, reduziert, überzeugend, spannend, und insbesondere durch die Ich-Erzählerin plausibel, die ein Trauma berichtet, nämlich wie sie, um sich keine Zwänge auferlegen zu lassen, an dem Tod von Anne Larsen mitgewirkt hat. Eine Art Tristesse überkommt sie, hier und da, wohlwissend, dass Anne ihr ein stabiles, substanzielles Leben ermöglicht hätte, dass sie aber nicht wollte. Sie wollte frei und ungebunden sein. Der Preis aber lautet: soziale Desintegration. Interessant, spannend, relevant für die Figur, durchweg intensiv erzählt. Ein Gegenstück zu J.D. Salingers Ein Fänger im Roggen, nur noch reflektierter, sentimentaler. Fast antikisch, mit dem Damoklesschwert der Leere, des Verhängnisses über der Hitze des Sommers. Keine 5 Sterne, da es sehr kurz und an manchen Stellen nicht auserzählt wirkt, zu schnell. –> 4 Sterne
Form: Einfache, aber leichte Sprache des Urlaubs, der Sonne, Wiederholungen der Stille, Strand, Licht, Fichtennadelduft, Andeutungen. Sehr gelungene weiche, unanstrengende Erzählart, gelungen, als siebzehnjährige Erzählerin adäquat. Die Lockerheit, die Souveränität zeichnen diesen Stil aus. Aber keine Innovationen, und auch keine Verselbständigung des Sprachmaterials. –> 4 Sterne
Erzählstimme: Im Rückblick reflektierende, sich in Frage stellende, melancholisch-sentimentale, etwas ängstliche Ich-Erzählerin, deren Situation nicht völlig geklärt ist. Wie alt ist sie jetzt? Sie kann sich nicht gut erinnern. Sie verdichtet, deutet an, unterscheidet klar die Zeitebene. Konsequent, in der Perspektivierung nie übergriffig. –> 5 Sterne
Komposition: Die Komposition wirkt flach und etwas arg an den Haaren herbeigezogener Elektra-Komplex – Jungs komplementäres Bild von Ödipus-Komplex. Nur hier spielt der Hedonismus, die Hitze, der Sommer, der Unwille mit herein, zu funktionieren, im Sinne einer verpflichtenden, seelenlosen Arbeitswelt (kein Examen, keine Mutter, sich den Gefühlen hingeben). Selbstvergessenheit in der Jugend, als Jugend, dennoch schematisch und fast gewollt, ein wenig anzüglich, pikaresk, nicht glaubwürdig, in dem Sinne, genau dort, wo die Erzählerin sich psychologisiert. Das Ende jedoch ist gelungen. Es fällt alles zusammen, nur die Mitte des kurzen Buches, also drei Fünftel, wirken etwas läppisch. Besonders die Figuren Elsa und Cyril. –> 3 Sterne
Leseerlebnis: Das Buch besitzt eine irritierende Qualität, die fast unheimlich wirkt. Fast ein Kriminalfall, ein Schuldbewusstsein, aber nur fast, aber eine Trauer, der Widerstand, das Leichte-Überflüssige-Lockere kommt sehr gut durch. Eine Art Limbo, Jenseits, Zeitlosigkeit, enthoben allen Sorgen, gleicht das Buch sehr einem Urlaub. Es irritiert nur selten, am meisten in der Szene mit Cyrils Mutter, wodurch eine gewisse Frontstellung gegen die Mutterfigur schlechthin zu Tage tritt. –> 4 Sterne
