Albert Camus: „Der Fall“

Der Fall von Albert Camus. Literaturnobelpreis 1957.

Kurz nach Veröffentlichung von Der Fall 1956 erhielt Albert Camus den Nobelpreis für Literatur. In der Begründung heißt es u.a. für die hellsichtige Ernsthaftigkeit, mit welcher er die Probleme des menschlichen Gewissens illuminiert habe. Aus den Kreisen der Existentialisten im Zuge der Veröffentlichung seines Buches Der Mensch in der Revolte 1951 ausgestoßen, fand er 1956 zurück zu seiner Stimme. Sein letzter abgeschlossener Roman widersetzt sich bis heute einer einfachen Rezeption. Im Folgenden versuche ich einige Gründe dafür anzugeben, weshalb sich der hastig in wenigen Wochen niedergeschriebene Text bis heute einer konsistenten Interpretation entzieht. Im Zentrum steht die kalte hoffnungslose Welt eines ins Abseits geratenen Anwalts, Johannes Clamans:

Keine Entschuldigung, nie und für niemand, das ist der Grundsatz, von dem ich ausgehe. Ich lasse nichts gelten, weder die wohlmeinende Absicht noch den achtbaren Irrtum, den Fehltritt oder den mildernden Umstand. Bei mir wird nicht gesegnet und keine Absolution erteilt. Es wird ganz einfach die Rechnung präsentiert […] Mein Lieber, Sie sehen in mir einen aufgeklärten Befürworter der Knechtschaft.
Albert Camus aus: „Der Fall“

Inhalt/Plot:

Auf der Handlungsebene reduziert sich Albert Camus‘ Der Fall als eine angedeutete Kriminalgeschichte. Zwei Unbekannte, der Ich-Erzähler und ein bis zum Ende namenlos bleibender Tourist, begegnen sich in einer Amsterdamer Bar und trinken zusammen. Der Ich-Erzähler entpuppt sich bald als ein Rechtsberater für zwielichtige Gestalten aus dem Amsterdamer Rotlichtmilieus, unter anderem für einen Gemäldedieb. Nach vier gemeinsam verbrachten Abenden besucht der Unbekannte den an Fieber erkrankten Ich-Erzähler in seinem Unterschlupf, wo dieser ihm das gestohlene Gemälde von den Unbestechlichen Richtern aus dem Genter Altar präsentiert. Der Ich-Erzähler hält es für den brummigen Barkeeper in Gewahrsam, der es im Tausch für Alkohol von einem seiner Gäste erhalten hat. Zur Enttäuschung des Ich-Erzählers, der nach seinen gestandenen Untaten im Gefängnis büßen möchte, erweist sich der Unbekannte aber nicht als Polizist sondern nur als Anwalt.

Ich hoffe nämlich immer, dass einer meiner Gesprächspartner sich einmal als Polizist entpuppen und mich für den Diebstahl der Unbestechlichen Richter verhaften wird. Sonst, Sie verstehen, gibt es keine Möglichkeit, mich festzunehmen. Dieser Diebstahl jedoch fällt unter die Bestimmungen des Strafgesetzbuches, und ich habe nichts unterlassen, um mich zum Mitschuldigen zu machen. Ich bin der Hehler dieses Bildes und zeige es vor, sooft ich nur kann.

Dieser narrative Faden zieht sich mit wenigen Andeutungen durch den kurzen Roman, der hauptsächlich monologisch den Ich-Erzähler, Johannes Clamans, zur Sprache kommen lässt, wie er vor dem Unbekannten seine Lebensgeschichte ausbreitet. Es handelt sich um eine Art Bußrede und Selbstanklage, die im besagten Geständnis seiner Mittäterschaft beim genannten Gemälderaub gipfelt, in der Hoffnung, für andere Verfehlungen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Für diese steht zentral, dass er eines Nachts, als er in völliger Übereinstimmung mit sich und der Welt durch Paris flanierte, eine Selbstmörderin nicht an der Durchführung ihres Vorhabens hinderte:

Ich hatte schon etwa fünfzig Meter zurückgelegt, als ich das Aufklatschen eines Körpers auf dem Wasser hörte; in der nächtlichen Stille kam mir das Geräusch trotz der Entfernung ungeheuerlich laut vor. Ich blieb jäh stehen, wandte mich jedoch nicht um. Beinahe gleichzeitig vernahm ich einen mehrfach wiederholten Schrei, der flussabwärts trieb und dann plötzlich verstummte. In der unvermittelt erstarrten Nacht erschien mir die zurückgekehrte Stille endlos. Ich wollte laufen und rührte mich nicht […] und fühlte, wie eine unwiderstehliche Schwäche meinen Körper überfiel.

Albert Camus‘ Der Fall dynamisiert die Beichte dieser beiden Ereignisse: die Mittäterschaft beim Kunstraub soll den Anlass geben, ihn endlich für sein eigentliches Verbrechen, die unterlassene Hilfeleistung auf der Brücke, zu bestrafen. Die Bußrede ereignet sich an insgesamt fünf Abenden:

  1. Kennenlernen in der Bar Mexico City und Spaziergang zum Amsterdamer Hafen. Allgemeines Schwadronieren über die Brutalität der Welt.
  2. Wiedersehen in der Bar Mexico City. Erinnerung an die glanzvollen Tage in Paris. Bericht von einem unheimlichen Lachen auf der Pariser Brücke Pont des Arts.
  3. Spaziergang in Amsterdam. Schwadronieren über Herrscher und Untertanen. Erinnerung an einen Streit mit einem Motorradfahrer an der Ampel, unbeantwortete Ohrfeige eines Fremden. Verletzter männlicher Stolz führt zu einer heuchlerischen Affäre. Erinnerung an die Selbstmörderin auf der Brücke.
  4. Spaziergang auf der Insel Marken. Erinnerung an seine verbalen Provokationen. Rückfahrt mit dem Boot. Bericht von exzessiven Nächten des Rauschs, Reise nach Griechenland, von dem unheimlichen Lachen nun auf einer Seereise. Ankunft in Amsterdam. Anekdoten über Jesus Christus‘ Schuldgefühle.
  5. Treffen in Clamans’ Unterschlupf. Erinnerungen an die Résistance, an sein Papsttum in einem Strafgefangenenlager in Nordafrika. Beichte, im Besitz des gestohlenen Gemäldes zu sein.

Clamans dringt in seinem Monolog mehr und mehr in seine eigene Vergangenheit vor. Auffällig ist hierbei, dass er sich am wohlsten in der halböffentlichen Bar fühlt, am schlechtesten in der abgeschlossenen Privatheit bei sich Zuhause und unwohl, gemischt in der breiten Öffentlichkeit beim Spaziergang. Diese Problematik gibt Aufschluss über sein zugrundeliegendes Problem, das der Doppelheit/Ambiguität seiner Existenz:

Mein ganzes Leben habe ich unter einem Doppelzeichen gestanden, und oft war ich gerade an meinen folgenschwersten Handlungen innerlich am wenigsten beteiligt. War es im Grunde nicht gerade dies, was ich mir, um das Maß meiner Dummheiten voll zu machen, nicht verzeihen konnte, was mich dazu brachte, mich mit der größten Heftigkeit gegen das Gericht, das ich in mir und um mich her am Werk spürte, aufzubäumen, und was mich schließlich gezwungen hat, einen Ausweg zu suchen?

Es gibt eine Kluft zwischen Schein und Sein, die er nicht erträgt, also zwischen dem, was andere sehen, und dem, was nur er selbst in sich fühlen und erkennen kann. Die von anderen als gut eingestuften Taten reichen ihm nicht, solange er sie nicht auch in sich als notwendig und unausweichlich erkennt. Nachdem seine öffentliche Rolle ihm durch erwähnte Erfahrungen unglaubwürdig geworden ist, er also die Einheit mit seiner sozialen Rolle verliert, sucht er sein Heil im privaten Exzess, in der Betäubung, im Rausch, in Orgien, aber auch hier erlebt er eine Grenze – seine Leber spielt auf Dauer nicht mit. Nicht nur begrenzt seine Psyche mit ihren Geheimnissen die soziale Ich-Erfahrung, auch der Leib zieht dem privaten Selbstgenuss enge Grenzen:

Endlich hätte ich in diesem glücklichen Lotterleben Frieden und Erlösung finden können. Aber auch hier wieder wurde ich mir selbst zum Hindernis. Diesmal lag es an meiner Leber und einer so furchtbaren Müdigkeit, dass ich sie heute noch nicht losgeworden bin. Da spielt man den Unsterblichen, und nach ein paar Wochen weiß man nicht einmal mehr, ob man sich bis zum nächsten Tag zu schleppen vermag!

Clamans kann weder im Selbst noch in seiner Person aufgehen. Nach Harmonie strebend bleibt ihm nur noch, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen: seine selbst empfundene Schäbigkeit zur Grundlage seines öffentlichen Auftretens zu machen. Hieraus erklärt sich der Schritt, Paris zu verlassen, nach Amsterdam zu ziehen, um dort im Rotlichtmilieu Hehler, Räuber und Diebe in Rechtsfragen zu beraten. Nun fehlt nur noch das öffentliche Anerkennen seiner Einheit, die darin besteht, als Krimineller verhaftet und vor Gericht gestellt zu werden. Sich selbst stellen, kommt wieder nicht in Frage, da das wiederum seine Harmonie, völlig verdorben zu sein, antasten würde. Die Inhaftierung muss ein Gnadenakt sein. Er will das Bild von außen aufgezwungen bekommen:

Angenommen, Sie verhaften mich, das wäre schon ein guter Anfang. Vielleicht würde man sich dann auch mit allem Übrigen befassen und mich beispielsweise enthaupten; ich aber hätte keine Angst mehr vor dem Sterben und wäre gerettet. Dann würden Sie meinen noch lebenswarmen Kopf über das versammelte Volk erheben, auf dass es sich in ihm erkenne und ich es abermals beispielhaft beherrsche. So wäre denn alles vollbracht, und ich hätte meine Laufbahn als falscher Prophet, der in der Wüste ruft und sich weigert, sie zu verlassen, ganz unversehens beendet.

Der knapp 120 Seiten lange Roman endet mit der Enttäuschung darüber, dass der Unbekannte ebenfalls nur Anwalt ist, aber dennoch mit dem kleinen Genuss, dass dieser offenkundig seine Existenzprobleme teilt, weshalb hätte er ihm sonst so lange und immer wieder Gehör geschenkt.

Stil/Sprache/Form:

Bei Der Fall von Albert Camus handelt es sich um einen theatralen, aber in sich gebrochenen Monolog. Der Ich-Erzähler spricht zu einem Gegenüber, das selbst nicht zur Sprache kommt. Seine Antworten und Reaktionen lassen sich nur vage aus dem vom Ich-Erzähler Gesagten erschließen. Der Duktus bleibt aufgrund des Monologcharakters konsequent in der Alltagskommunikation verhaftet. Teilweise bedient sich Clamans gespreizter Formulierungen und gibt sich Mühe, auf den Unbekannten literarisch einzuwirken. Die Sprache stellt bei Camus dennoch keine produktive Sinnebene dar. Er nutzt sie unpoetisch, nahezu instrumentell und nüchtern. Formalästhetisch zentraler wird die Inszenierung der Erzählstimme, die die Ich-Erzählung rahmt wie bei Joseph Conrad in Lord Jim oder Das Herz der Finsternis, wodurch hier und da in Der Fall eine sehr intensive, authentische und glaubwürdige Atmosphäre erzeugt wird:

Aber mir scheint, die Flut setzt ein. Unser Schiff wird gleich fahren, der Tag geht zur Neige. Schauen Sie, dort oben versammeln sich die Tauben. Sie drängen sich aneinander, sie bewegen sich kaum, und es dunkelt. Wollen wir schweigend diese etwas unheimliche Stunde auskosten? Nein? Ich interessiere Sie? Zu gütig von Ihnen. Übrigens besteht jetzt die Möglichkeit, dass ich Sie wirklich interessiere.

Im Unterschied jedoch zu Conrad wird der Zuhörer selbst nicht Teil des Romans. Conrad lässt einen Ich-Erzähler, der aus der dritten Person beschrieben wird, einer Figur namens Charles Marlow zuhören, der in der Ich-Perspektive von den Ereignissen berichtet, und zwar so, dass über weite Strecken des Buches der eigentliche Ich-Erzähler hinter dem gehörten Ich-Erzähler verschwindet. Das gerade passiert bei Camus nicht. Die Illusion der direkten Ansprache entsteht, wird aber empfindlich durch Zeitsprünge zerstört. Die Lücken füllen sich nicht. Es bleibt ein theatraler und dadurch gewollt wirkender, gebrochen auktorialer Monolog, der sich selbst nicht über den Weg traut, anders lässt sich die unmotivierte Aufteilung in Tage nicht verstehen. Der Monolog von Clamans hätte auch Stunden, eine ganze Nacht dauern können und hätte, vergleichbar dem in Herz der Finsternis von Marlow, in seiner Intensität und Glaubwürdigkeit dadurch nur gewonnen:

»Ich dachte, das Haus breche über mir zusammen, ehe ich entweichen könnte, der Himmel stürze auf mich nieder. Doch nichts geschah. Der Himmel stürzte nicht ein wegen solcher Nichtigkeiten […]«
Marlow verstummte und saß da: abgerückt, undeutlich und schweigend, in der Haltung eines meditierenden Buddha. Eine Weile rührte sich niemand. »Wir haben den Beginn der Ebbe verpaßt«, sagte der Direktor plötzlich. Ich hob den Kopf. Die Flußmündung war von einer schwarzen Wolkenwand verhängt, und die ruhige Wasserstraße, die bis an die äußersten Grenzen der Erde führt, strömte düster unter einem bewölkten Himmel dahin – schien hineinzuführen ins Herz einer unermeßlichen Finsternis.
Joseph Conrad aus: „Das Herz der Finsternis“

In Albert Camus‘ Der Fall irritieren die Lücken, die den Monolog zerreißen und unterbrechen, fast persiflieren. Sie lassen das Gesagte im freien Raum schweben als eine Art Rede- und Antwortspiel mit einer abwesenden anonymen Instanz (die Öffentlichkeit, deus absconditus?). Die Dopplung auf der narrativen Ebene findet sich also auch in der Erzählperspektive wieder: Ein Ich-Erzähler, der durch eine schweigend, unterbrechende, im Text unreflektierte auktoriale Instanz sprechen gelassen und gleichsam brutal zum Schweigen verurteilt wird.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Ohne Zweifel gilt der Fall als schwieriger Text. Das liegt vor allem an der sehr komplex-verdichteten Figur von Clamans, in der viele eine Mixtur aus Albert Camus und Jean-Paul Sartre sehen wollen, genauer: eine Karikatur dessen, wie Jean-Paul Sartre Camus nach ihrem Streit Sommer 1952 gesehen hat. Anlässlich einer Rezension von Camus‘ Der Mensch in der Revolte in Sartres Zeitschrift Les Temps Modernes hat es ein Rede- und Antwortspiel gegeben, das mit einem Bruch zwischen den beiden endete:

Sie [Camus] bedauern mich [Sartre] – übrigens ganz zu Unrecht – wegen meines schlechten Gewissens, aber auch wenn ich vor Scham umkommen müßte, würde ich mir weniger entfremdet und disponibler vorkommen, als Sie es sind: denn um Ihr Gewissen rein zu halten, sind Sie gezwungen zu verurteilen; Sie brauchen einen Schuldigen; sind Sie es nicht selbst, ist es die Welt. Sie fällen Ihre Richtersprüche, und die Welt hält still; aber Ihre Verurteilungen werden hinfällig, sobald sie irgendwo auftreffen, und Sie müssen ständig von neuem beginnen: hielten Sie inne, könnten Sie sich selbst sehen; Sie haben sich dazu verurteilt, zu verurteilen, Sisyphos.
Jean-Paul Sartre aus: „Krieg im Frieden 2“ (August 1952)

Diese autobiographischen Aspekte führen in den Dschungel des Intellektuellen-Konflikts rundum die sowjetischen Gefangenenlager, die GULags, deren Existenz die Öffentlichkeit in den 1950er Jahren in ganz Europa entzweite. Von den biographischen Bezügen abgesehen hat Camus viele innerliterarische Verweise in Der Fall eingearbeitet, von den Höllenkreisen aus Dantes Die göttliche Komödie, über die Schuldfrage und Gewissensbisse einer unterlassenen Hilfeleistung in Conrads Lord Jim zu diversen biblischen Motiven wie Johannes, den Täufer und philosophischen Anspielungen, hauptsächlich auf Camus‘ eigenem Text Der Mensch in der Revolte. Dieses Potpourri aus vielen Bezügen, Intertextualitäten, biographischen Anekdoten, Anspielungen und Vorwürfen sprengen den narrativen Rahmen des allzu knappen Romans. Er gerät zur Satire eines selbstgerechten Pariser Intellektuellen:

Paris ist eine wahre Fata Morgana, eine großartige Kulisse, die vier Millionen Schatten beherbergt. So? Nach der letzten Volkszählung sind es nahezu fünf Millionen? Na, dann haben sie eben Junge gekriegt. Das wundert mich übrigens nicht. Es wollte mir schon immer scheinen, unsere Mitbürger frönten zwei Leidenschaften: den Ideen und der Hurerei. Kunterbunt durcheinander, möchte man sagen. […] Ein einziger Satz wird [den zukünftigen Historikern] zur Beschreibung des modernen Menschen genügen: Er hurte und las Zeitungen. Mit welcher bündigen Definition der Gegenstand, wenn ich so sagen darf, erschöpft wäre.

Die Figur Clamans zersetzt sich im Laufe des Romans. Er zieht alles mit sich in den Abgrund, zieht alles durch den Dreck ohne Skrupel und Selbstzweifel. Selbstherrlich schaut er von größter Höhe auf das Treiben der Menschen herab und spricht sich für Raub, für Diebstahl, für Sklaverei und Exzess, für Lüge und universelle Knechtschaft aus. Sein Auskommen erhält er durch Geld aus Verbrechen, die er nicht selbst begeht, nur verteidigt, was ihm aber ein komfortables Leben als Buß-Richter zu führen erlaubt. Seine Figur zeichnet Camus derart zynisch und mit emotionaler Härte und erbarmungsloser Gehässigkeit, dass die narrative Glaubwürdigkeit leidet und schließlich zersplittert. Am Ende des Romans erscheint dieser mehr wie ein Pamphlet gegen die Pariser Intellektuellen gerichtet, das Gleiches mit Gleichem vergeltet, ohne ein Schritt vorwärts zu kommen. Seine Verachtung gilt der Moral der Ambiguität, wie sie Simone de Beauvoir in ihrem gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1947 formuliert hat:

Ich bin keineswegs in der Lage, derartige Entscheidungen [auf Leben und Tod] hinsichtlich jedes beliebigen Menschen zu treffen; das Beispiel von dem Unbekannten, der sich in die Seine stürzt und bei dem ich zögere, ob ich ihn herausfischen soll oder nicht, ist völlig abstrakt; wenn ich keine konkreten Beziehungen zu diesem Verzweifelten habe, wird meine Entscheidung stets nur zufällige Faktizität sein. […] Wir lehnen es also ab, die im Interesse eines gültigen Zieles begangenen Gewalttaten a priori zu verurteilen oder zu rechtfertigen. Sie müssen konkret legitimiert werden.
Simone de Beauvoir aus: „Soll man de Sade verbrennen?

Camus nimmt das Beispiel aus Beauvoirs berühmten Essay heraus, in welchem sie durch und durch die revolutionäre Gewalt gutheißt, solange sie der Freiheit der Menschen dient. Der Fall von Camus antwortet auf diesen und andere Stellungnahmen aus dem Kreis der Existentialisten. Er schreibt in seinem Tagebuch vier Monate nach seinem öffentlichen Zerwürfnis mit Jean-Paul Sartre:

14. Dezember [1952]. Abfahrt. Existentialismus. Wenn sie sich selbst Vorwürfe machen, können wir sicher sein, dass es immer darum geht, andere zu überwältigen. Büßende Richter“.
Albert Camus aus: „Carnets III“

Mit anderen Worten, Clamans, der Buß-Richter, steht für einen existentialistischen Intellektuellen, bspw. Sartre oder Beauvoir. Vier Jahre nach Camus‘ öffentlichen Zerwürfnis mit ihm und durch Die Mandarins von Paris wachgerüttelt, schmettert Albert Camus der Pariser Öffentlichkeit die Antwort entgegen, zu der ihm damals Kraft, vielleicht auch Mut gefehlt haben, aber leider nur hinter der Maske eines unglaubwürdigen Scharlatans, der wirr und komödiantisch von Freiheit, Schuld, Verantwortung, Büßertum und Gnade faselt. Clamans soll also nicht überzeugen, er soll bloß karikieren. Das erklärt auch die Schwierigkeiten, die Der Fall in der Rezeption macht. Albert Camus‘ Roman ist zynisch und nicht auf Verständnis und Kommunikation hin ausgelegt, und so lässt sich Der Fall dem Stoff Diskurs und konsequenterweise dem Plot Aktivistisches Agit-Prop zuordnen.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Nächste Woche am 17.12.2024 auf Kommunikatives Lesen:
wahrscheinlich von Caroline Peters Ein anderes Leben.

Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

3 Antworten auf „Albert Camus: „Der Fall““

  1. birgit matter – Zürich – #pilotprojekte #keinebrotlosekunst #daskleinebuch #transkription #saltcreeping #kunsttalks #diekunst #luf visual arts - art - scientific re-search _ arthistory contemporary performance art projects
    matter birgit sagt:

    hervorragend

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Danke, ich hoffe, es gab Denkanstöße … ich fand den Text recht schwierig, wie man merkt. Viele Grüße!

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