Paulo Coelho: „Veronika beschließt zu sterben“
Unaufrichtig auktorial erzählte Leidensgeschichte einer jungen Frau ohne Perspektive.
Inhalt: 2/5 Sterne (voyeuristisch-unausgereift)
Form: 2/5 Sterne (flüssig-gefällig-langweilig)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (versteckt-auktorial)
Komposition: 1/5 Sterne (keine, beliebig)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (zu trivial, um ärgerlich zu sein)
Coelhos Roman Veronika beschließt zu sterben findet sich auf vielen Bestenlisten, u.a. auf der im 2003 erhobenen Bestenliste des ZDF der beliebtesten Bücher aller Zeiten (Tolkien landet im Übrigen vor der Bibel auf Platz eins). Es steht aber im Rang nach Coelhos Der Alchimist (Platz 8) mit lediglich Platz 89. In ihm geht es um die vierundzwanzigjährige Veronika, aus Slowenien, die vor sich nur noch einen Berg von Zeit und keinen Sinn mehr darin sieht, ihn einfach zu durchlaufen, um am Ende doch nur wie alle anderen und alles andere auch zu sterben:
Sie hielt sich für einen vollkommen normalen Menschen. Ihr Entschluß zu sterben hatte zwei einfache Gründe, und sicher würden viele Menschen sie verstehen, wenn sie sie in einer entsprechenden Erklärung darlegte. Der erste Grund war: Ihr Leben verlief gleichförmig, und wenn die Jugend erst einmal vorbei war, würde es nur noch abwärtsgehen, sie würde altern, krank werden, Freunde verlieren. Letztlich würde Weiterleben nichts bringen, vermutlich nur mehr Leiden. Der zweite Grund war: Veronika las die Zeitungen, sah fern und wußte, was in der Welt geschah. Nichts war so, wie es sein sollte, und sie konnte nichts dagegen tun. Und das gab ihr ein Gefühl vollkommener Ohnmacht.
Um dieser tristen Lebenssituation zu entgehen, beschließt sie das Kind mit dem Bade auszuschütten, schluckt Schlaftabletten, wacht aber nach zwei Wochen aus dem Koma in einer Psychiatrie ungewollt wieder auf. Dort teilt ein Doktor ihr mit, dass sie wegen einer Nekrose am Herzen nur noch wenige Tage zu leben hat. Alle hören davon. Sie geht als Todesgeweihte durch die Säle, schön, anziehend, ein Symbol des nahen Endes. Sie wird zum Symbol der Vergeblichkeit, aber ruft auch durch ihre Schönheit und Unberührbarkeit zum Widerstand auf. Veronika wird Jesus und Maria in einem und weckt die zarten Lebensgeistern in manchen der Insassen.
Vor einigen Tagen war eine junge Frau in seinem Alter gekommen und hatte sich ans Klavier gesetzt, um die >Mondscheinsonate< zu spielen. Eduard wußte nicht, ob es an der Musik oder an dem Mädchen oder am Mond oder an der Zeit gelegen hatte, die er schon in Villete war, aber die Visionen vom Paradies begannen ihn wieder heimzusuchen. Er folgte ihr bis zur Frauenstation, wo sich ihm ein Krankenpfleger in den Weg stellte.
»Hier kannst du nicht rein, Eduard. Geh wieder in den Garten. Es wird hell, und der Tag wird schön.«
Mit denkbar einfachsten Mitteln, kitschig, verträumt, ungeordnet, wirr und in journalistisch-inspirierter, dahinplänkelnder Drehbuchsprache spult Coelho eine Jesus-Maria-Geschichte ohne Dramatik, ohne inneren Zusammenhang, ohne auch nur die Spur einer narrativen Dringlichkeit ab. Beliebige Figuren ergreifen das Wort, erleben Astralreisen und fühlen sich zu größerem Berufen, als ihren öden Jobs nachzugehen, weshalb sie in der Klinik als „Die Bruderschaft“ verbleiben. Der bürgerliche Alltag ist nichts für sie. Für Mari zu egoistisch, für Zedka zu wenig romantisch, für Eduard zu unmusisch, und für Veronika letztlich zu sinnlos.
Als Teenager fand sie es zu früh, eine Wahl zu treffen. Jetzt, als junge Frau, war sie davon überzeugt, fand sie es zu spät, sich zu ändern.
Am störendsten jedoch, neben der drögen Sprache, bleibt das Ein- und Wegschalten der hinter ihren Figuren herumschleichenden postmodernen Erzählinstanz, die belehrt, weissagt, vorhersagt, berichtigt und es schlicht besser als alle, auch die Figuren, weiß, wie bspw. auch Paul Auster in seinem letzten Roman Baumgartner . Das Wegtauchen und Nichtreflektieren kaschiert Coelho mit Verwirrtaktiken und Nebelbomben, mit einer Dopplung von Veronika, als Tochter des Arztes und Hauptfigur des Romans, aber auch mit einem Zuhörer namens Coelho, der selbst einmal laut Eigenaussagen im Text wegen schriftstellerischer Ambitionen von seinen Eltern in die Psychiatrie verfrachtet worden ist. So liest sich Veronika beschließt zu sterben schließlich ein wenig auch, als Retourkutsche, die auf verstörende Weise den Selbstanklagen in Form und Gehalt recht gibt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Veronika nimmt am 2. November 1997 eine Überdosis Schlaftabletten, um ihr leeres und sinnloses Leben zu beenden. Sie überlebt und findet sich in Villete wieder, einer Klinik für Geisteskranke. Dort eröffnet ihr der Arzt, Dr. Igor, dass sie an einem schweren Herzfehler leidet und nur noch wenige Tage zu leben hat. Im Gemeinschaftssaal lernt sie eine Mitinsassin kennen, Zedka. Sie führt Veronika in das Leben Villete ein, in der es u.a. ‚Die Bruderschaft‘ gibt, die im Grunde geheilt dennoch das Leben in der Klinik vorziehen. Zu dieser Bruderschaft gehört auch Mari. Eines Tages geht Veronika auf den vermeintlichen Anführer der Gruppe zu und ohrfeigt ihn und überrascht sich damit selbst. Sie befreundet sich mit Zedka und leistet ihr Gesellschaft bei einer ihrer Insulinschock-Behandlungen, die Zedka in ein künstliches Koma versetzen. Während des Komas empfindet Zedka eine Astralreise. Zedkas Geschichte und von ihrer Depression wird erzählt: Trotz Heirat unglücklich in eine Jugendliebe vernarrt, geriet sie in manische Zustände, bis sie bettlägerig und inkontinent und vor der Einlieferung von ihrem Ehemann gepflegt wird. Veronika geht mitten in der Nacht zum Klavier im Aufenthaltsraum und spielt dissonante Töne. Ein Geisteskranker namens Eduard gesellt sich zu ihr. Dr. Igor räsoniert über Eduard, über die Möglichkeit von intravenöser Ernährung, um weiteres Abnehmen von Eduard zu verhindern. Gespräch mit der Mutter Veronikas, die 24 Jahre alt ist. Dr. Igors These vom Vitriol. Eine Spiritistensitzung der Bruderschaft. Mari geht spazieren. Maris Geschichte wird erzählt, einst Anwältin, Reflexionen über Pilatus, Judas, Jesus, Recht und Gesetz; Mari will Menschen direkt helfen, statt in Dekadenz zu ersticken, weiter ihren öden Anwaltsberuf auszuüben. Sie bekommt Beklemmung, Herzanfälle, Nervenzusammenbrüche, erhält unbezahlten Urlaub, es wird nicht besser. Sie holt sich Hilfe in Vilette und büßt dadurch ihren Ruf als Anwältin ein und verliert ihren Job, ihr Ehemann trennt sich. Sie beschließt in Vilette, bei der Bruderschaft zu bleiben. Eduard hört Veronika beim Klavierspielen zu, oft nachts. Bereits aneinander gewöhnt, interessiert, beschließt Veronika etwas Unerhörtes zu tun, und masturbiert vor dem scheinbar stummen Eduard, beschimpft sich wild, gerät in Ekstase. Veronika bittet Dr. Igor, als ihr letzter Tag anbricht, ein Aufputschmittel zu bekommen und jede Sekunde des Tages zu genießen und freizukommen, um ihre Mutter zu küssen. Eduard kennt einen Weg, aus Vilettte zu entkommen. Er geht mit Mari spazieren. Eduard rastet aus. Veronika entsetzt, dass er sprechen kann. Eduard wird einer Elektroschocktherapie ausgesetzt. Zedka beschließt, Villete zu verlassen. Mari beschließt zu gehen. Eduards Geschichte. Eduard sollte Botschafter werden, verunglückt mit dem Rad, bekommt ein Buch mit Heiligen geschenkt, will die Vision des Paradies malen. Er gibt seine Vision auf, verfällt aber in eine depressive Schizophrenie. Am Abend fehlen Veronika, Eduard, Mari und Zedka in der Klinik. Eduard und Veronika streifen durch die Ljubljana, geheilt vom Lebensverdruss … Allegorie, Veronika als Jesus-Figur für die Insassen, ihr Leiden, ihr naher Tod, er erinnert daran, wie viel sie doch an ihr Leben hängen. Alle haben geistliche Tendenzen, wollen ein Heilsversprechen einlösen, familiäres (Zedka), soziales (Mari), künstlerisches (Eduard) und psychisches (Veronika). Sehr religiös, biblisch, auch nicht sehr zusammenhängend und auseinanderfolgend. Ein Twist, Veronika ihren eigenen Tod vorzugaukeln, makaber. Dr. Igor als Faust, spannungslos, ohne Crescendo. Wenigstens aber eine Spur von Plot durch die Todesangst, obgleich voyeuristisch in der Masturbationsszene, sehr gewollt. –> 2 Sterne
Form: Eintönige, langweilige Sprache, die sich selbst bremst, hakt, sich nicht traut. Einfallslose Sätze, Dialoge, ohne figurative Kontur, keine Sprachspiele, keine symbolische Dynamik, aber flüssig, gefällig. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Keine einheitliche Erzählstimme. Meistenteils personal erzählt, aus Veronikas, Dr. Igors, Maris, Eduards und Zedkas Sicht. Hier und da bricht aber eine Art gebremster auktorialer Erzähler durch, der Dinge hinzufügt, die die Figuren wahrscheinlich nicht denken (klare historische Fakten um Elektroschocktherapie etc …). Dieser versteckter, hinter den Figuren sein Spiel treibender allwissender Erzähler wirkt pädagogisch und unaufrichtig. –> 1 Stern
Komposition: Die Zusammenfügung von Veronikas Krankengeschichte mit den der anderen völlig oberflächlich, weder thematisch noch motivisch auseinander hervorgehend. Es könnten noch x-beliebige Figuren hinzugefügt werden, aber auch Zedka und Mari könnten vielleicht fehlen. Desaster, nur Platzfüller, reine Reihung ohne inhaltliche Dramatik, zudem fällt Veronikas Selbstmord aus dem Himmel. –> 1 Stern
Alina Bronsky: „Pi mal Daumen“
Freundlich beginnende Buddygeschichte, die sich im Sande verläuft
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 2/5 Sterne (anfänglich nette Buddygeschichte)
Form: 0/5 Sterne (ohne Wertung)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (unreflektierter Ich-Erzähler)
Komposition: 1/5 Sterne (ergebnislos)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (Buddydynamik flacht ab)
Alina Bronsky stand für Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche (2010) und Baba Dunjas letzte Liebe (2015) auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, was zumindest auf Genre-übergreifende Romane hinweist. Mit Pi mal Daumen legt sie jedoch ein klares Jugendbuch mit ein paar dunklen, verstörenden Nuancen vor. Der 16-jährige Oscar beginnt als Hochbegabter sein Mathematikstudium in Berlin und lernt dort die 53-jährige Moni Kosinsky kennen:
Moni trug keines ihrer üblichen Dschungelmuster. Sie hatte ein dunkelblaues Kleid an, das mit Pailletten besetzt war. Im Brustbereich blinkte eine Brosche in Gestalt eines Tannenbaums, an den Ohrläppchen hingen Ohrringe in Form von nicht zu kleinen Weihnachtskugeln. Das hochgesteckte Haar glänzte golden im Neonlicht. Im Vergleich zu ihrem üblichen Flimmern war die Weihnachts-Moni ein Ausbund an klaren Linien und schlichten Formen, fast so schön wie ein Tetraeder.
Moni erregt Aufsehen im Mathematikinstitut, und dies nicht nur durch ihr Aussehen. Sie löst auch schwierige Probleme in Bezug auf Polytope und zeigt durchweg eine hohe Mathematikbegabung, was der kleine Schnösel Oscar, der als Ich-Erzähler fungiert, auch irgendwann mitbekommt. Sie befreunden sich mehr und mehr und helfen sich schließlich gegenseitig mehrmals aus der Patsche: Moni, völlig überfordert zwischen drei Jobs und mit drei Enkeln, und Oscar, der mit Handschuhen, Maske und Berührungsängsten durch die Großstadt taumelt und ständig in Ohnmacht zu fallen droht und auch fällt. Alina Bronskys Roman glänzt im ersten Drittel durch die seltsame liebevolle Interaktion zwischen den beiden skurrilen Figuren:
Moni klackerte einige Schritte auf ihren Schuhen davon, raschelte und klimperte. Der Automat brummte, und nun roch ich minderwertigen Kaffee, spürte den Plastikrand des Einwegbechers an meinen Lippen. Ich nahm große Schlucke, die gleichzeitig fade und bitter waren. Moni packte in der Zwischenzeit eine riesige Brotdose aus, Salami zwischen zwei Toastscheiben, Tierkekse in einem Extrafach, eine Handvoll Trauben und Apfelschnitze.
»Ich ernähre mich vegan«, würgte ich an der Salami vorbei, die sich in meinen Mund schob.
»Deswegen bist du bleich wie ein Gespenst«, sagte Moni. »Genau wie mein Justin.«
Es ist leicht, Moni ins Herz zu schließen, nicht so leicht, Oscar zu mögen, aber im Laufe der Geschichte entpuppen sich beide als muntere Gesellen, die sich gegenseitig bei den Anlaufschwierigkeiten im Mathematikstudium unter die Arme greifen. So weit, so gut. Das Problem beginnt damit, dass das ganze sich im Nirgendwo verliert, der Plot ins Nebulöse ausufert, eine Familientragödie erwähnt wird, ohne dass diese aufgelöst wird, und ein akademischer Skandal gestreift wird, der ebenso ungeklärt bleibt.
Universität, Mathematik, die Szenerie Berlin spielen keine Rolle. Beschrieben wird nicht. Eine etwas bedeutungsschwangere Anspielung auf Ray Bradburys Gesänge des Computers und seiner Kurzgeschichte Das vierdimensionale Kind hilft dann auch nicht mehr. Das Ding implodiert leider ins komplett Inkohärente.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Hauptfiguren:
● Ich-Erzähler Oscar Maria Wilhelm Graf von Ebersdorff, hochbegabter Mathematikstudent im ersten Hochschulsemester, am Anfang des Romans fast siebzehn, am Ende des achtzehn. Sein großes Vorbild: der Fields-Medaillen-Gewinner Daniel Johannsen.
● Monika Kosinsky, Mutter von einer Tochter, Oma von drei Enkelkindern (Justin, Kevin, Quentin), mit einem unzugänglichen Lebensgefährtin namens Pit, der ihr das Leben vermiest, während sie versucht, nochmal neu anzufangen, nämlich als Mathematikstudentin, mit drei Jobs nebenher. Monika hatte einen jüngeren Bruder namens Jan. Sie blieb für ihn zweimal sitzen, um ihm durch die Schule zu helfen. Der Bruder und Daniel Johannsen, der Field-Medaillen-Gewinner, kannten sich sehr gut von den Mathematik-Olympiaden.
● Professor Alexander Herbst, einst Mentor von Daniel Johannsen und Jan Kosinsky, guter, freundlicher Dozent, der Moni und Oscar aus diversen Patschen hilft.
● Mister Brown, Mentor von Oscar, der ihn auf das Mathematikstudium vorbereitet, ihm Ratschläge erteilt, ihm Mut zuspricht und auf die Sprünge hilft. Wichtige Bezugsperson für Oscar, der hauptsächlich in seiner Erinnerung lebt, aber einst sein Kinderbegleiter, und wie sich herausstellt, wahrscheinlich der verschollene Bruder von Moni gewesen ist, nun aber mit ihm imaginäre Gespräche führt.
Inhaltsangabe. Der sozial gesehen unbedarfte, typisch-nerdige, vielleicht an einem Asperger-Syndrom leidende Oscar, der sich als kommendes Mathematikgenie fühlt, lernt am Anfang des ersten Semesters an einer Berliner Universität Moni kennen, die sich sofort seiner annimmt. Eine Freundschaft beginnt. Zuerst hilft Oscar der überforderten Moni, die wöchentlichen Übungszettel zu lösen. Moni erscheint von Anfang an als begabter und wissbegierig und motiviert, aber durch die Lebensumstände stark gehindert, das Studium absolvieren zu können, das sie vor ihrem Lebensgefährten verheimlicht. Oscar hilft ihr, dafür bemuttert sie ihn, da er nicht gewöhnt es, für sich alleine zu sorgen. Als Daniel Johannsen aus seinem Forschungsaufenthalt in Kalifornien zurückkommt, begrüßt Moni ihn. Er erkennt sie zuerst nicht wieder, aber dann stellt sich heraus, dass sie alte Bekannte sind. Oscar ist erfreut, da er sich schon sein ganzes Leben darauf eingestellt hat, Zögling von Johannsen zu werden. Als Oscar, in seinen Augen, eine ungerechtfertigte Nullpunkte-Bewertung auf einem Übungsblatt erhält, bricht er zusammen und bittet Moni um Hilfe, die ihn bei sich einquartiert, wodurch er die ganze Familie kennenlernt. Moni lebt unter beengten Verhältnissen, die ihr kaum Zeit zum Studium lassen. Von der Bildfläche verschwunden, machen sich die Eltern von Oscar bald Sorgen, und so lernen sie Moni kennen. Moni erfreut sich einer gewissen Bekanntheit im Semester und wird zur Weihnachtsfeier des Instituts eingeladen, wo sie eine schwierige Frage von Johannsen richtig beantwortet, und Oscar zusammenbricht, weil er ein kreisendes Objekt zu lange angestarrt hat. Zu Weihnachten bringt Oscar Moni Lehrbücher und verursacht Chaos. Nach der Weihnachtspause glänzt Moni mit Abwesenheit. Oscar findet heraus, dass ihr Vater einen Herzinfarkt gehabt hat und im Krankenhaus liegt. Er hilft Moni, die Klausur zu bestehen. Zu seiner Überraschung schreibt sie eine bessere Not als er. Bei der Klausurbesprechung sieht Moni ein Blatt, auf dem Oscar ihren Stammbaum festgehalten hat und fühlt sich gestalkt und rennt davon. In der vorlesungsfreien Zeit besucht Oscar Professor Herbst, der ungewöhnlich mit Moni sympathisiert. Oscar will der Sache auf den Grund gehen und erfragt sich das Recht, in alten Jahrgangsbücher des Kolmogorov-Gymnasiums zu wühlen. Er findet den Jahrgang von Johannsen, aber zuerst nicht Moni, bald aber Spuren ihres Bruders. Übermüdet vergisst er seine Fahrkarten, sein Geld im Archiv und latscht durch die Stadt, verirrt sich und landet vor Monikas Wohnhaus, wo sie nach einem Streit mit ihrem Lebensgefährten sitzt. Oscar schlägt vor, dass sie nun bei ihm wohnt. Am nächsten Tag kehrt er zum Archiv zurück und bekommt von der Sekretärin Frau Finke Monis Geschichte erzählt. Nun bei Oscar lebend, arrangieren sich die beiden, und Moni stürzt sich in das Mathematikstudium und wird mehr und mehr zur Nerdin. Auf der Geburtstagsfeier in Monis Familie lernt Oscar ihren Vater kennen, von dem er alte Unterlagen von Jan Kosinsky erhält. Oscar begreift, dass Daniel Johannsens Erfolg teilweise, wenn nicht komplett, auf den Vorarbeiten von Monis Bruder Jan beruhen. Herbst gemahnt aber Ruhe zu bewahren. Moni wird Bachelorstudentin von Johannsen, der sich aber nicht um sie kümmert, und auch nicht die Bachelorarbeit Korrektur liest. Bei ihrer Verteidigung lässt Johannsen sie eiskalt durchfallen (wegen ein paar Definitionen, die sich nicht hinterfragt hat). Oscar rastet aus. Professor Herbst versucht zu schlichten. Es bleibt unklar, ob Moni noch einen zweiten Versuch unternimmt, und auch, ob trotz angedrohter einstweiliger Verfügung Oscar Johannsen den Prozess wegen Plagiats macht. Das Buch endet mit einem Epilog zwischen Oscar und Mister Brown, dem einzigen Freund von Oscar, vor seiner Unizeit, und wahrscheinlich der verschollene Bruder von Moni.
… eine Plagiatsvorwurfgeschichte, Intrigen im akademischen Milieu, das etwas kindlich und unbeholfen beschrieben wird. Coming-of-Age-Story im Verbund mit Wiederholungszwang: Schwester begeht denselben Fehler wie Bruder, beide werden von Daniel Johannsen abgefertigt … Pi mal Daumen weist auf etwas Ungenaues, Unklares, Unscharfes hin
… und die Vier-Dimensionen, hier ist die vierte die Zeit, als Wiederholung, als Raum-Zeit-Kontinuum. Verweis auf Ray Bradburys Geschichte aus Gesänge des Computers „Das vierdimensionale Kind“. Kurzversion der Geschichte: Das Paar Horn erwartet ein Kind. Polly bringt aber eine blaue Pyramide zur Welt. Das Kind erscheint in drei Dimensionen verunstaltet, da es in vier Dimensionen lebt. Der Arzt Wolcott versucht das Kind, das durch eine unglückliche Verkettung in die vierte Dimension gerutscht ist, zurückzubringen. Ohne Erfolg. Am Ende bleibt nur der Weg, auf dieselbe Weise, die Eltern in die vierte Dimension zu schicken, wofür sich beide Eltern auch entscheiden. Sie sind nun auch nur noch als geometrische Formen zu sehen, aber glücklich mit dem Kind vereint. Bradbury verarbeitet die Tatsache, dass junge Eltern sich von ihrem sozialen Umfeld entfremden, sobald ein Kind da ist, das all ihre Aufmerksamkeit beansprucht, d.h. Polly und Peter vollziehen den Prozess der Entfremdung, entschließen sich nur für das Kind da zu sein … hier steht das Mütterliche von Moni, die Tatsache, dass es um Oscar geht, der viel Aufmerksamkeit benötigt, die Opfer für ein Kind, die Mutter Moni, die die Formen in der vierten Dimension richtig abzuschätzen weiß (Frage von Johannsen auf der Weihnachtsfeier).
… Plot-Probleme: Die Überflüssigkeit von Mister Brown, und die wahrscheinliche Tatsache, dass Mister Brown Monis Bruder Jan gewesen ist. Auch problematisch: Wieso ist Jan verschollen? Wohin ist er gegangen? Warum hat er sich nicht von Moni verabschiedet? Überhaupt wird diese ganze Geschichte nicht aufgearbeitet. Überzeugend als Buddy-Geschichte bis ins letzte Viertel hinein, danach passt nicht viel zusammen. Das offene Ende passt auch nicht zur Konzeption. Und eine Definition nicht zu begründen, in einer mathematischen Arbeit heißt nicht viel. Mathematik darf Setzungen durchführen und sich auf Setzungen berufen. Anderes Problem, die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Justin und Oscar bleibt isoliert und willkürlich und uneingebunden … wegen der guten Buddygeschichte –> 2 Sterne
Form: Kurzsatzschreibweise. Viele Dialoge, fast keine Beschreibungen, fast reines Hörspiel, Drehbuchcharakter. Viel zu viele Hilfsverben (sein, haben). Auf der sprachlichen Ebene sehr uninteressant. Eher Jugend- oder Kinderbuch, ohne dass das explizit gesagt worden wäre, daher: Ohne Wertung
Erzählstimme: Ich-Erzähler, der aus einem unbekannten situierten Jetzt über seine Begegnung mit Moni Kosinsky berichtet. Immersion in die Vergangenheit, aber klar selegiert, kennt die Gedanken und Gefühle. Zeitsprünge dadurch auch motiviert, da Ich-Erzählung im Rückblick. Etwas problematisch, das Imaginierte vom Erlebten zu trennen, sodass Mister Brown beide Züge erhält, als imaginärer Freund und reale Erinnerung. Konzeptionell passt die Erzählstimme. In der Ausführung wird aus Oskar, eine Art Schelm, der durch seine Veranlagung patzige Dinge sagen darf, unverschämt etc … und keiner nimmt es ihm übel. Diese Freiheit ohne Restriktion lässt ihn etwas unreflektiert erscheinen, was die Erzählstimme in ihrer Ich-Intensität abschwächt. Zwar stimmig, aber unreflektiert. –> 2 Sterne
Komposition: Die Komposition ergibt sich aus dem typischen Ablauf eines Studiumbeginns. Linear erzählt, bis auf eine kurze Stelle, in der die Linearität gebrochen wird, in der er Moni beim Schlafen anschaut und sich dann weitererinnert. Es läuft auf die Konfrontation bei der Verteidigung der Bachelorarbeit hinaus, das Desaster, dass Moni durchfällt, die Aufdeckung des Plagiats. Leider wird das Schicksal von Jan nicht erklärt, noch im Zusammenhang befriedigend abgerundet. Selbst wenn Jan Mister Brown ist, also Kinder beim Einstieg in die Mathematik verhilft, wieso meldet er sich nicht mehr bei seinen offensichtlichen freundlichen Verwandten, Angehörigen: bei seinem Vater, bei seiner Schwester. Geht nicht auf. Das Buch fällt bei der leisesten Skepsis wie ein Kartenhaus in sich zusammen. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Zügig, locker zu lesen, ohne Widerstände, mit ein paar Verwirrungen gespickt, sehr viele Dialoge, nicht ärgerlich, sehr freundlich, die Interaktion zwischen Oscar und Moni. Sie ist klarer Sympathieträger und Alexander Herbst. Die Mathematik steht gar nicht im Vordergrund. Etwas gruslig die Sache zwischen Justin und dem volljährigen Oscar. Viel zu harmlos, um sich zu ärgern, aber wenig Spannungsaufbau, wenig Liebe zum Detail, wenig Intensität. –> 2 Sterne
Jean-Paul Sartre: „Der Ekel“
Schleppend, unästhetisch geschriebener Dandyroman ohne Spannungsbögen: Philosophie-Literatur-Zwitter.
Inhalt: 1/5 Sterne (plotlos, Müßiggänger ohne Plan)
Form: 1/5 Sterne (hakelig, unstrukturiert, dröge)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (brüchige Ich-Erzählung)
Komposition: 1/5 Sterne (unmotivierte Tagebucheinträge)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (öde, mit Philosophie-Highlights)
1938 erschien Jean-Paul Sartres Tagebuchroman, der ein paar Wochen des Lebens von dem Einzelgänger Antoine Roquentin in der fiktiven Stadt Bouville nachzeichnet. Beeinflusst von Ernest Hemingway, Louis-Ferdinand Céline und Franz Kafka bedient er sich des nüchternen, lakonischen Duktus, um einen typischerweise dem Ästhetizismus zugeordneten Dandyroman zu schreiben. Im Gegensatz zu Célines und Hemingways Helden erlebt der Protagonist, Frührentier bereits mit 30 Jahren, nämlich so gut wie gar nichts:
Du lieber Gott! Werde ich diese Existenz eines Pilzes führen? Was werde ich mit meinen Tagen anfangen? […] Man soll mir etwas zu arbeiten geben, irgend etwas … Es wäre besser, ich dächte an etwas anderes, denn in diesem Moment bin ich dabei, mir selbst Theater vorzuspielen. Ich weiß ganz genau, daß ich nichts tun will: etwas tun heißt Existenz schaffen – und es gibt so schon genug Existenz. Die Wahrheit ist, daß ich meine Feder nicht loslassen kann: ich glaube, daß ich den Ekel bekommen werde, und habe den Eindruck, ihn aufzuschieben, indem ich schreibe. Also schreibe ich, was mir durch den Kopf geht.
Das fasst so in etwa das ganze Dilemma, in welchem sich Antoine Roquentin befindet, zusammen: lustlos strebt er nach Lust und gleitet immer mehr in ein schwarzes Loch. Ohne Freundin, ohne Arbeit, ohne Projekt oder Ziel, aber mit Geld ausgestattet, zieht er wie Harry Haller in Hermann Hesses Der Steppenwolf durch die Straßen in der Hoffnung, dass irgendetwas passiert. Es passiert aber nichts, nur dass er seiner selbst immer überdrüssiger wird, sich die Welt um ihn herum auflöst, nichts als Sinnlosigkeit übrig lässt.
Der Ekel als Romanprojekt liest sich zwiespältig. Zwar stehen die Ideen im Vordergrund, insbesondere die stilistische Verve, den Schleier von den Dingen zu reißen, was zu surrealistischen Momenten führt und literarische Intensitäten erzeugt, aber drum herum breitet sich eine unmotivierte Tristesse über eine Figur aus, die niemandem, nicht mal sich selbst, zu überzeugen versteht. Seine kleinen Schimpftiraden wirken aufgesetzt, von seinen Reisen berichtet er nicht, und die Interaktionen mit seinen Mitmenschen enden meist in Zwietracht:
Ich habe meinen Arm am Schenkel der Wirtin entlanggleiten lassen und habe plötzlich einen kleinen Garten mit niedrigen, ausladenden Bäumen gesehen, von denen riesige, behaarte Blätter herunterhingen. Ameisen liefen überall herum, Tausendfüßler und Motten. Es gab noch schrecklichere Tiere: ihr Körper bestand aus einer Scheibe geröstetem Brot, wie die, auf denen man Tauben anrichtet: sie gingen seitlich mit Krabbenbeinchen. Die großen Blätter waren schwarz von Tieren. Hinter Kakteen und Feigenbäumen aus der Berberei wies die Velleda aus dem Park mit dem Finger auf ihr Geschlecht. «Dieser Garten riecht nach Kotze», schrie ich.
Der Roman scheitert im Anspruch, einen Dandyroman ohne ästhetizistischen Anspruch zu verfassen. Der Dandyroman, wie Joris-Karl Huysmans Gegen den Strich , Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge oder Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray bestechen zwar teilweise durch Langeweile und gewollt ereignislose Sequenzen, aber eben auch durch Wollust am komplexen Sprachgebaren, sodass die Handlung nur Vorwand für die angewandte und aufgebrachte Sprachakrobatik wird (Lautréamonts Die Gesänge des Maldoror ). Sartre hingegen bedient sich der lakonischen Sachlichkeit eines Hemingways, transponiert aber dessen intensiven Plot von Kriegsschauplätzen und Stierkämpfen in die larmoyante Alltäglichkeit eines Frührentiers. Da wagt selbst Kafka mit In der Strafkolonie mehr.
Die philosophischen Höhepunkte fallen dann leider nicht mehr so stark ins Gewicht, dann lieber von Sartre Die Wörter oder die Theaterstücke wie Geschlossene Gesellschaft lesen, oder gleich selbiges Thema, aber formästhetischer vollendet im Der Steppenwolf .
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Kurzzusammenfassung. Ein dreißigjähriger Rentier, Antonine Roquentin, verbringt seine Zeit zwischen Cafés, Hotels und der Bibliothek, spaziert in Parks und in den Straßen herum, hört gerne Jazz und schreibt an einem Buch über eine historische Persönlichkeit aus dem 18. Jahrhundert, einen fiktiven Marquis de Rollebon. Nähere Bekanntschaften: der Autodidakt, der sich in der Bibliothek selbst bildet, sich der Nächstenliebe rühmt und am Ende des Buches dabei erwischt wird, wie er Schüler befummelt und mit Schimpf und Schande aus der Bibliothek geworfen wird; und Anny, die der Ich-Erzähler drei Jahre nicht mehr gesehen hat, die er in Paris in einem Hotel trifft, bevor sie zurück nach London mit ihrem ägyptischen Liebhaber fährt. Reihenfolge der Szenerien: Café Mably; Hotel Printania, wo er an seinem Manuskript arbeitet; die Bar Rendezvous des Cheminots mit der Wirtin (mit der er Sex hat, und der Kellnerin Madeleine, die seine Lieblingsscheibe auflegt: „Some of these days“); vor der Bibliothek Standbild von Gustave Impétraz; Hotelzimmer, Besuch vom Autodidakten (IE zeigt Reisebilder); Bibliothek; Sonntag, Stadtspaziergang und Restaureant Vézelise; Hotelzimmer; Rendezvous des Cheminots, Sex mit der Wirtin; Hotel, Brief von Anny erreicht ihn; Essen im Café Camille; Café Mably, Herr Georges Fasquelles vielleicht verstorben; Bibliothek; Rückkehr zum Café Mably, Angst, dass Fasquelles gestorben ist; Museum von Bouville; Hotelzimmer, bricht das Projekt Rollebon ab; Verabredung mit dem Autodidakten zum Essen, Streit über Nächstenliebe; Park, Ekel über die Wurzel; Hotel in Paris mit Anny; Bahnhof in Paris, sieht Anny und ihren Liebhaber; Bouville, letzter Tag; Autodidakt wird in der Bibliothek geschlagen, weil er Schüler befummelt hat; Rendezvous des Cheminots, Abschied von Wirtin und Madeleine, hört zweimal „Some of these days“ … Dekadenz-, Dandy-, Flaneurroman wie „Gegen den Strich“, kein Inhalt, keine besonderen Vorkommnisse, eher Vorwand, um Gedanken zu erforschen. Plot einzig das Wiedersehen mit Anny, das schiefgeht, da es nicht in einer Versöhnung endet. Einsamkeit des Rentiers, Langeweile. Auch im Plot. Keine Steigerung: Höhepunkt nur die inhaltlich entkoppelten Stellen über die Wurzel, die Straßen, mit surrealistischen Anstrichen. Es gibt keine Persönlichkeitsentwicklung, keine Interaktion, keine Spannung. Im Grunde (von der Philosophie abgesehen, die keine Handlung ist) plotlos. Sehr stark angelehnt an Hermann Hesses „Der Steppenwolf“. –> 1 Stern
Form: Hakelige, staksige, verworrene, umständliche, unklare Schreibweise. Sehr steif, hölzern, gewollt. Kurze, fiese Sätze, abgehackt, unklare Verweise, stets unbestimmte und bestimmte Artikel, die auf das Ganze oder nur Teiles eines Ganzen verweisen; sinnleeres Geschwafel, an vielen Stellen. Kein Stil, kein Duktus, eher Mühe, Anstrengung, die sich durch den Text hindurch drücken, Arbeit gegen die Sprache, nicht mit der Sprache. Öde Wörter, öde Adjektive, öde Sätze. Ziemlich dröge. Überhaupt kein Formanspruch. –> 1 Stern
Erzählstimme: Ein Ich-Erzähler, aber durch unklare szenische Gestaltungen hindurch, also ein Tagebuchroman, eine Art Reflexionsroman, mit Beschränkung auf die Selbstwahrnehmung, hier konsequent. Keine auktoriale Entgleisungen. Die Figur bleibt aber abstrakt, zerhackstückt, und das Präteritumerzählen wechselt ins Szenisch-Präsente, etwas unvermittelt und unklar, d.h. die Erzählstimme versetzt sich mal in die Situation, mal nicht, ziemlich beliebig. Hierdurch entsteht manchmal der Eindruck, es handle sich um einen Ich-erzählten Roman, manchmal, um einen Tagebuchroman, als Dokument, Zeugnis. Unklar. –> 3 Sterne
Komposition: Es gibt keine Komposition, außer dieser Wechsel von Präteritum und Präsens; diese Mischung aus scheinbar Direkt-Erlebtem und Indirekt-Reflektiertem, das aber in keinem ausgewogenem Verhältnis zueinandersteht. Die Komposition zielt auf das Beenden des historischen Werkes über Rollebon ab und der Entschluss, einen Roman, also etwas Fiktives zu schreiben, um sich so ein Stück Ewigkeit zu sichern. Auch: die Sehnsucht nach Anny, und die Enttäuschung, dass diese nicht mehr mit ihm zusammen sein will; und die Entblößung des Autodidakten, der in der Bibliothek nur sitzt, um Kinder zu befummeln. Völlig unklar bleibt die Wahl des Tagebuchromans. Das scheint eine Notlösung zu sein, eine Form der losen Kopplung, um gar nicht eine Handlung kreieren zu müssen. Das Buch damit zu beenden, ein Buch schreiben zu wollen, erscheint nur noch als mau. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Das Buch beginnt zäh, schlimm, hakelig, steigert sich dann bis zum letzten Drittel, dort, wo es als Ideen- und Reflexionsroman funktioniert, mit Bebilderung und szenischer Verdichtung, so dass es reflektorisch interessant wird. Hier hat es seine Momente: die Wurzel, bspw, und das Streitgespräch mit dem Autodidakten, auch die intensive Szene im Hotelzimmer mit Anny. Es scheint insgesamt aber zu unausgewogen, dröge, zu beliebig und auch nicht zielführend genug. Insgesamt eher schleppend, ermüdend, langweilig, bis ärgerlich. –> 2 Sterne
Bernard-Henri Lévy: „Sartre“
Rekonstruktion eines Läuterungsprozesses
Bernard-Henri Lévy gehört zu der überwiegenden Mehrzahl derjenigen französischen Intellektuellen, die sich ziemlich lautstark und vehement gegen Jean-Paul Sartres politisches und gedankliches Erbe gewehrt haben, das lange Zeit schwer auf der europäischen Öffentlichkeit gelegen hat. Lévy, im Gegensatz zu den Poststrukturalisten (Foucault, Lyotard, Derrida), die einfach ein anders gelagertes Konzept von Intellektualismus frönen, brach explizit und offiziell mit dem Marxismus und gehört so zu der sogenannten ‚Nouvelle Philosophie‘ mit André Glucksmann und Alain Finkielkraut, um nur zwei der Beteiligten zu nennen. So richtig weiß er aber auch nicht, warum er sich noch mit Sartre, fast zwanzig Jahre nach seinem Tod 1980, beschäftigt:
Die ganze Kulisse schien sich um sich selbst zu drehen, in sich zusammenzusacken. Tragende Pfeiler des Sartreschen Werkes stürzten mit ihr ein oder zerfielen mit dem Geräusch morsch gewordenen Holzes. Es war jene Zeit – liegt sie inzwischen hinter uns? -, in der man es für den letzten Kitsch gehalten hätte, wenn jemand sich für Sartre interessierte oder, schlimmer noch, ein Buchprojekt in sich reifen ließ, das an Sartre die Grundfragen des Jahrhunderts abzuhandeln gedachte. Malraux? Zweifellos. Camus? Wenn man denn darauf bestand. Aber Sartre … Nein, nicht Sartre … Auf keinen Fall Sartre …
Was nun in Lévys Sartre beginnt, lässt sich als intellektueller Exorzismus ersten Grades verstehen. Lévy rekonstruiert und strukturiert nun das Bruchwerk Sartre hin zu einem versöhnlichen Ganzen, nämlich von einer wilden Jugend im Schatten Louis-Ferdinand Céline über eine militante Erwachsenenzeit, voller Glorifizierung der Revolution, der Gewalt, des Terrorismus unter dem Zeichen des Stalinismus und Maoismus hin zu einem weiseren Alter, in welchem der Denker des Gemeinsamen die Kluft zwischen den Individuen nicht mehr mit Gewalt, sondern mit Religion zu überbrücken sucht:
Ein jüdischer Sartre? Nein, viel interessanter: ein jüdisches Denken, das im Sartreschen Denken am Werk ist; der durch die »jüdische Existenz« geführte Beweis, daß es andere Möglichkeiten als die fusionierende Gruppe gibt, das Rätsel des »Für-den-anderen-seins« zu denken; die Vorahnung eines Gemeinschaftstyps, der endlich imstande wäre, den gehässigen, klebrigen, venerösen Ansammlungen, mit denen sich das Jahrhundert zufriedengegeben hat, ein Ende zu setzen.
Lévy spricht sich klar gegen jedweden Totalitarismus aus, und auf diese Weise dupliziert er Sartres Werdegang zwischen Revolutionär und Künstler, evaluiert die Janusköpfigkeit von Sartres 1960er und 1970er Jahre und bringt den Eklat über die Interviews aus seinen letzten Jahren mit Benny Lévy unter einem Hut. Leider, wie Bernard-Henri Lévy in seiner Tätigkeit als öffentliche Person und Gegenwarts-Intellektueller, polemisiert er auf Schritt und Tritt, ohne driftige Gründe.
Seine philosophischen Exegesen bestehen aus Gemeinplätzen. Er hat offensichtlich nicht Sartres Kritik der dialektischen Vernunft gelesen noch Der Idiot der Familie , noch eingehend Die Wege der Freiheit. In diesem Sinne, obwohl mit Verve geschrieben, mit viel Intensität, Hass, Verständnis, Abscheu und Versöhnungswillen, verbleibt das Buch auf der oberflächlichen Philosophie-Journalismus-Ebene, insbesondere da, wo Bernard-Henri Lévy Exkurse unternimmt, wie beispielsweise über Martin Heidegger, die fahrlässig, unbelastbar und fast schon peinlich sind. Dennoch über weite Strecken informativ.
Henry James: „Die Kunst des Romans“
Selbstverliebtes Kritisieren mit einigen Text-kybernetischen Ansätzen
Die Kunst des Romans heißt der Titel gebende Essay des Sammelbandes und umfasst in dieser Ausgabe nur knapp 29 Seiten. Neben diesem programmatischen Aufsatz schreibt James noch über die Zukunft des Romans, über Charles Dickens‘ Unser gemeinsamer Freund, George Eliots Middlemarch, Anthony Trollope, William Dean Howells, Nathaniel Hawthorne, Ivan Turgenjew, Gustav Flaubert und Émile Zola. James hat von den genannten tatsächlich auch alle persönlich gekannt, was zu seinem schriftstellerischen Credo passt, nur von wirklich Erlebtem berichten zu wollen:
Eine Geschichte, gegründet auf solche elementaren Leidenschaften, in denen allein wir die wahre und endgültige Manifestation des Charakters suchen, muß im Geiste intellektueller Überlegenheit über diese Leidenschaften erzählt werden. Das heißt, der Autor muß verstehen, worüber er spricht. Eine so erzählte Geschichte aufmerksam zu lesen ist eine der erhebendsten Erfahrungen für den menschlichen Geist. Eine Geschichte aufmerksam zu lesen, die nicht so erzählt wird, unendlich deprimierend und ohne Gewinn.
Davon abgesehen, dass diese Imperativsätze einen unangenehmen Geschmack erzeugen, besteht James dennoch auf den Roman als offene Form. Er führt hierfür den Begriff des Prosabildes ein und bezeichnet den Roman als dynamisches Abbild des Lebens. James besteht darauf, dass es kein festes Regelwerk für etwas so Bewegliches geben kann, das darüberhinaus auch noch den menschlichen Geist in seiner Zeitverfasstheit nachzuzeichnen versucht. Zwar entsteht ein Roman aus dem ernsthaften Versuch, ein getreues Abbild der Wirklichkeit zu geben, er soll aber auch unterhalten, berühren und hat dafür alle Freiheiten der Welt. Sein Ratschlag an die Schreibenden lautet deshalb:
Wenn Erfahrung aus Eindrücken besteht, könnte man sagen, daß Eindrücke Erfahrung ›sind‹, so wie sie (haben wir es nicht gesehen?) die reine Luft sind, die wir atmen. Deshalb, wenn ich zu einem Anfänger so bestimmt sagen würde: ›Schreibe aus der Erfahrung und nur aus der Erfahrung‹, empfände ich, daß dies eher eine quälende Mahnung sei, wenn ich nicht sofort hinzuzufügen bedacht wäre: »Versuche, einer von den Menschen zu sein, die nichts gleichgültig läßt«.
Leider bleibt das programmatische Denken im Anschluss im Vordergrund, und mit ziemlicher Unnachsichtigkeit kämmt er Werke von Flaubert und Eliot über einen Kamm, als stellten sie die jeweilige Messlatte in ihren Texten nicht selbst. Hier zeigt sich eine sehr unreflektierte Form der Kritik, die dem Text von Turgenjew, Flaubert oder Eliot wenig Erschließendes beimischt. In Middlemarch verwindet er, bspw., nicht, dass Lydgate nicht mit Dodo zusammenkommt, und alle Argumente gegen die Mittelmäßigkeit des Romans laufen darauf hinaus, dass er, als Leser, nicht bekommen hat, was er sich insgeheim bis zum Schluss hin wünschte. Selbiges bei Flauberts Papagei.
Mir liegt die Absicht fern, die Bedeutung der Exaktheit -der Treue im Detail- zu schmälern. Man kann am besten von seinem eigenen Geschmack sprechen und daher wage ich zu sagen, daß das Air von Realität (die Solidität der Einzelheiten) mir die höchste Tugend des Romans zu sein scheint – das Verdienst, von dem all seine anderen Verdienste (die bewußte moralische Absicht […] eingeschlossen) hilflos und willfährig abhängen. Wenn jenes nicht da ist, sind diese alle nichts, und wenn diese da sind, schulden sie ihre Wirkung dem Erfolg, mit dem der Autor die Illusion von Leben erzeugt hat.
Henry James besteht darauf, dass die Charaktere, die Handlungsfäden plausibel bleiben, also einer inneren, konsistenten Logik genügen, d.h. aus der Erfahrung des Publikums stammen. Er besteht aber auch darauf, dass der Roman selbst als Text lebendig bleibt, und nimmt hiermit manche Einsichten eines Kybernetik gesättigten Textbegriffes vorweg, der darin besteht, den Text selbst als eigenes System mit der Sprache als Umfeld zu sehen. Leider passt das alles weniger gut bei ihm, in seinem Begriffsgerüst zusammen, denn er reflektiert nicht, dass der Realismus sein Realismus ist und interessiert sich für diesen Unterschied auch nicht. Hieraus lässt sich aus seinen Kritiken im Grunde gar nichts ersehen, erkennen noch lernen.
Henry James: „Was Maisie wusste“
Ausgefeilte ästhetische Widerspruchsstruktur. Lektüremäßige Berg- und Talfahrt.
Inhalt: 2/5 Sterne (langweilige Scheidungskindgeschichte)
Form: 4/5 Sterne (konventionell-sicher, aber dröge)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (glaubwürdige Ich-Erzähler-Spekulation)
Komposition: 5/5 Sterne (ausgefeilte Form-Inhalt-Dialektik)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (während des Lesens -3, nachher +5)
Was Maisie wusste erschien 1897 und gehört in die späte Mittelphase von Henry James‘ literarischem Werk. Maisie, die Hauptfigur, ist ein kleines Kind im Alter von sechs Jahren, dessen Eltern sich in einer Art Rosenkrieg voneinander scheiden lassen. Dort beginnt der Roman, nämlich mit der Entscheidung, dass Maisie abwechselnd bei dem Vater und der Mutter leben soll:
»Und, mein Engelschatz, hat dir dein ekelhafter Papa eine Botschaft für deine liebe Mama mitgegeben?« Und in diesem Augenblick geschah es, dass ihr die von ihrem ekelhaften Papa gesprochenen Worte erneut in ihren kleinen, verwirrten Ohren klangen, von wo aus sie, auf das Begehr ihrer Mutter hin, schnurstracks zu ihren kleinen unschuldigen Lippen und in ihre klare, durchdringende Stimme wanderten. »Er sagte, ich soll dir von ihm ausrichten«, gab sie wortgetreu wieder, »dass du eine hundsgemeine Drecksau bist.«
Henry James hält meist, im Gegensatz zum Zitat, hinterm Berg. Sein Humor schillert zwischen den Zeilen hindurch, von ganz weit her, und zwar so still und sanft, dass es ein Leichtes ist, ihn zu überlesen. Der Inhalt stellt eine öde Tristesse dar. Erwachsene reden auf Maisie ein. Maisie versteht nicht viel, aber genug, um zu verstehen, dass es nicht wirklich um sie geht, dennoch versucht sie nach Verstandeskräften mitzuhalten:
»Du bist frei – du bist frei«, fügte Sir Claude hinzu, und Maisies Rücken erfuhr sogleich einen aus Ärger und Groll geborenen Stoß, der sie wieder in die Mitte des Raumes taumeln ließ, wo sie die Blicke aller Anwesenden auf sich zog und nicht wusste, wohin sie sich wenden sollte.
Sie nahm sich zusammen und wandte sich an Mrs Wix. »Ich habe es nicht abgelehnt, dich aufzugeben. Ich sagte, ich würde es tun, wenn er –!«
»Mrs Beale aufgeben würde?«, brach es aus Mrs Wix heraus.
»Mrs Beale aufgeben würde. Wie kann man so etwas anders als edel nennen?«, wollte Sir Claude von allen wissen, die erwähnte Dame eingeschlossen, und er sprach jetzt mit einer solchen Begeisterung, als wäre gerade ein großartiges Kunst- oder Naturprodukt in ihrer Mitte abgestellt worden.
Die Heucheleien der Erwachsenenfiguren lassen sich kaum ertragen. Der Plot zieht sich zäh, aber was Henry James‘ Was Maisie wusste antreibt, ist die zugrundeliegende ästhetische Widerspruchsstruktur, die gegen die Ödnis und Tristesse des Inhalts mit vehementer Aufmerksamkeitsmonomanie glänzt, auch aus den bescheidensten Situation ein Maximum an Intensität schöpfen zu wollen. Besonders zum Ende wird die ganze ästhetische Anlage, die Schreibform von James klar. Sie emergiert von alleine und gibt einen seltsamen Zauber, der im Nachhinein schimmernd über dem Text liegt, denn: Plötzlich hat Maisie gelebt, und ihr Wissen, ja, ihr Wissen bleibt ein Geheimnis wie sie, wie vielleicht Leben überhaupt. Mysteriös, versponnen, idiosynkratisch, eine Tortur und zugleich dennoch ein literarisches Erlebnis. Ziemlich unvergleichbar, vielleicht mit Gustave Flauberts Madame Bovary durch seine Exzentrik.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Hauptfigur ist Maisie Farange. Am Anfang des Romans sechs Jahre alt, zum Zeitpunkt der Scheidung ihrer Eltern, Mr Beale und Ida. Sie streiten um Maisie und um Geld. Es wird entschieden, dass sie halbjährig beim Vater, dann bei der Mutter weilt. Bald heiraten diese aber wieder: die Mutter einen gewissen Claude; der Vater Miss Overmore, ihre Gouvernante, später genannt Mrs Beale. Die beiden Eltern führen aber auch keine gute zweite Ehe, u.a. auch deshalb weil Mrs Beale und Claude Interesse aneinander zeigen. Die Ehen gehen nach und nach in die Brüche. Die Mutter hat Affären, u.a. mit Hr Perriam, einem Lord Eric und einem Captain. Der Vater liiert sich mit einer farbigen amerikanischen Komtess. Problem überall das Geld. Faktisch kümmern sich die leiblichen Eltern nicht um Maisie, sondern Claude und Mrs Beale, sowie die Gouvernante im Hause der Mutter Mrs Wix, die ebenfalls in Claude vernarrt ist. Der eigentliche Plot lautet: wie Maisie von einem zum anderen Haushalt gereicht, wieder abgegeben wird, unter allerhand Vorwänden, und wie sie in keinem der Erwachsenen, außer in Mrs Wix, eine verlässliche Bezugsperson findet. Alle ziehen sie in ihr Ränkespiel, verstoßen sie wieder, machen Versprechungen, die sie wieder brechen. Am Ende nimmt Claude sie mit nach Frankreich, dort stößt Mrs Wix zu ihnen, gesandt von Ida, und bald holt Claude Mrs Beale nach Nordfrankreich. Es kommt zum großen Finale. Claude und Mrs Beale entziehen sich Maisie und überlassen sie Mrs Wix, die im Grunde aber gar nicht die Mittel hat, sie anständig intellektuell zu erziehen, noch finanziell zu unterstützen. Der Plot pendelt also in London, Brighton hin und her, an die Küste, nach Frankreich und dann wieder zurück. Eigentlicher Inhalt ist das langsame Erwachen von Maisie und ihr Weg, mit der Desillusion über die Erwachsenenwelt fertig zu werden.
… die Eifersüchteleien, die Ränkespiele, die Unaufrichtigkeiten sind teilweise kaum zu ertragen; das Ausweichen, Nicht-Sprechen, das Nur-Andeuten macht die Lektüre zu einer, inhaltlich gesehenen, riesigen Schaumschlägerei. Oft bleibt unklar, was passiert ist. Interesse lässt sich inhaltlich schwierig dafür aufbringen, dass Claude, oder Mrs Beale, vorgeben, Maisie sehen zu wollen, dabei wollen sie sich nur gegenseitig sehen und miteinander beschäftigen.
… der Plot besitzt keine Dynamik, am Ende, ganz kurz vor Schluss, in Frankreich passieren intensive Szenen im Hotel, zwischen Mrs Wix und Maisie, und auch zwischen Claude und Maisie, deshalb noch … (trotz gähnender Langeweile) … –> 2 Sterne
Form: Lange, wohlgerundete Sätze, die leider ihren Gegenstand umschleichen wie eine Katze den heißen Brei. Es bedarf sehr viel Aufmerksamkeit, Konzentration, nur oft, um am Ende mit leeren Händen dazustehen, denn das „etwas“ bleibt ein „das“, auf das sich alles bezieht, ein „Es“, das unbestimmt stehengelassen wird. Dennoch bilden die Sätze eine Einheit, einen Bewusstseinsfluss ab. Reiche Anspielungen, wenig Hilfsverben, klassischer Sprachstil, gerundet, gedeichselt, geschraubt, etwas snobistisch, gewollt, etwas verstaubt gehoben, aber im Rhythmus und in der Wortmelodie über jeden Zweifel erhaben.
…. keine 5 Sterne, da zu konventionell, zu sehr am Sprachideal geklebt, wenig Freiraum, wenig Poesie. –> 4 Sterne
Erzählstimme: Famose Reflektorbeschränkung. Ein Ich-Erzähler, der sich vier- oder fünfmal zu Wort meldet, berichtet aus Sicht Maisie über diese diversen Misshelligkeit ihrer Familie und Wahlfamilie. Die Erzählstimmenbeschränkung geht auf. Er ist ein glaubwürdiger Ich-Erzähler, der sich keinen wirklichen Reim auf die Wirklichkeit Maisies machen kann, der abschätzt, sich ein Innenleben vorstellt, und in diesem Versuch empathisch, interessiert wirkt. Maisie wird lebendig. Sie wird ein Figur. Sie beginnt zu leben, hin und her geschoben wie ein Gegenstand, trifft sie ein wohlwollender Blick, der klar auf ihrer Seite steht. Hiermit erscheint eine große Solidarität, die scharf von anderen Figuren kontrastiert wird mit ihrer Ignoranz. Ein formales Mittel, das den langweiligen Inhalt ästhetisch umschlagen lässt in Dramatik, die sich am Ende hin erst darbietet. –> 5+ Sterne
Komposition: Erzählstimme und Inhalt gehen eine dialektische Widerspruchsstruktur ein, die sich gegenseitig beleben, aufheben, weitertragen, im Konflikt stehenbleiben, aber im Stillstand kreisend eine psychische Dynamik der Figur Maisie ergeben. Unfassbar gelungen, die Langeweile des Inhalts, die Tortur der Wiederholung des Immergleichen mit fesselnder Aufmerksamkeit zu durchdringen, sodass die Details immer klarer hervortreten, nämlich wie Maisie in dieser Welt zu überleben gedenkt. –> 5 Sterne
Dana von Suffrin: „Nochmal von vorne“
Bewegendes, subjektiviertes Zeit- und Geschichtsbild einer Nachgeborenen (Deutscher Buchpreis-Longlist)
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 4/5 Sterne (erlebte Familientragik)
Form: 4/5 Sterne (lange, wohlgeschmiedete Sätze)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (reflektierte Ich-Position)
Komposition: 5/5 Sterne (ineinandergreifendes Erinnern)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (bewegendes Zeit- und Geschichtsbild)
Suffrin erzählt in Nochmal von vorne die Geschichte ihrer Familie väterlicherseits, eines Israelis namens Mordechai, der in den 1980ern eines Nachkriegsdeutschland umsiedelt, um in Chemie zu promovieren, Veronika kennenlernt, die ebenfalls promovieren will, sich verliebt und zwei Töchter bekommt, Nadja und Rosa. Die Verschlungenheit der Familiengeschichte erinnert an Tomer Dotan-Dreyfus‘ Birobidschan , hier aber konsequent aus einer Ich-Erzählung und Ich-Bezogenheit verdichtet, die Dotan-Dreyfus in seinem Roman gerade fehlt. Sie erinnert aber auch an Yasmina Reza Serge nur ohne die etwas aufgesetzte Komik. Rosa, Suffrins Ich-Erzählerin, reflektiert sich durchweg selbst:
[…] so saßen wir nebeneinander, ich keuchend, sie lachend, und Nadja ging mein Gehuste bald so auf die Nerven, dass sie MTV lauter stellte, und zwischen meinen Anfällen betrachtete ich das Soundgarden – Video, in dem Barbiepuppen gegrillt werden und das aus irgendeinem Grund fast den ganzen Tag lief. Obwohl mir, wie gesagt, die meiste Zeit übel war, waren die Abende, an denen wir fernsahen, Süßigkeiten aßen, heimlich rauchten und dann eine halbe Stunde lang lüfteten und eine halbe Flasche chemischen Lufterfrischer versprühten, sobald wir die Rückkehr unseres Vaters aus seinem Labor erwarteten, vielleicht die schönsten meiner Jugend.
Die sehr Ich-bezogene Erzählweise bricht sich objektiv an den historischen Einbrüche, die Erinnerungen und Rekonstruktion dessen, was Rosa von ihren Vorfahren, Großeltern und Verwandten zu wissen meint. Sie weiß nicht viel, aber was sie weiß, wird mit Verve, mit ausholenden Gesten, mit der ganzen subjektiven Verzweiflung berichtet, die ein Individuum befällt, das verstehen möchte, aber nicht verstehen kann:
Als unser [Hund] Dovid starb, an Geschwüren, an Verfettung oder an Überdruss, legte mein Vater ihn auf den Esstisch (auf den gleichen, an dem wir jetzt im Traum sitzen und spielen), dann sah er ihn lange an, und dann begann er zu schluchzen, vergrub sein hageres Gesicht in den knochigen Händen und setzte sich. Er machte den Eindruck, als wolle er den Hund sofort sezieren, aber er hob nur in einer kurzen Geste eines der kleinen schwarzen Ohren an, um es dann sofort wieder fallen zu lassen, und dieses Fallen gefiel mir, auch wenn das Ohr nur ein paar Millimeter nach unten fiel, entdeckte ich in diesem Ereignis einen ewigen Sturz, ein Verderbnis, ein Unglück, das weiß ich noch ganz genau.
Suffrins Erzählweise touchiert Kitsch hier und da, überschreitet aber nie die Grenze des Glaubwürdigen. Ihre Rosa erlebt die Welt gesättigt, voller Emotion, Zorn, Enttäuschung, erfüllt von einer unsäglichen Hoffnung, die sie antreibt, Satz an Satz, atemlos aneinanderzureihen, als gäbe es eine Welt zu retten. Diese Verve und Intensität gibt ihr den Gehalt eines Zeitzeugen, überschreitet das autofiktionale Genre und erreicht Höhen und Szenenverdichtungen, die über die Authentizitätsversuche einer Annie Ernaux hinausgehen. Suffrins Erzählweise schöpft aus dem Übervollen:
An dieser Stelle löst mein Traum sich auf wie ein Sardinenschwarm, der sich plötzlich zerstreut, weil ein Raubfisch durch die Gewässer prescht.
Die erzählerische Welt ist weit und groß, und klein, aber voller Abenteuerlust stellt sich die Erzählerin und lässt die Lebensgeschichten Revue passieren. Auf diese Weise verknüpft sie die volle, selbstbewusste Erzählhaltung einer Slata Roschal aus Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten , in welchem es aber einfach an Inhalt und Substanz des Erzählten, nicht der Erzählweise mangelt, mit der ergreifenden Verbindlichkeit eines Wolf Haas aus Eigentum , in welchem die Mutter, nicht der Vater stirbt, das aber also privatim und kurz ausfällt. In den unruhigen Gewässern modernen Erzählens hat Dana von Suffrin in Nochmal von vorne ein seltenes, scheherazadisches Gleichgewicht gefunden.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Historische Rahmung, Aufteilung der rumänischen Gebiete 1940, Großvater der Ich-Erzählerin aus Nordsiebenbürgen, nun Ungarn, Großeltern Zsazsa und Tibor. Sprung in die Gegenwart. Rosa, die Ich-Erzählerin, erhält Nachricht vom Tode ihres Vaters, während sie in der Münchener Uni, in einem Großraumbüro sitzt. Sie versucht ihre notorisch unzuverlässige Schwester anzurufen, Najda Jeruscher. Es wird nun die Lebensgeschichte von Rosa und Nadja, und ihren Eltern Veronika und Mordechai, sowie die von seinen Großeltern, besagte Zsazsa und Tibor, und seinem Bruder Arie erzählt. Erzählgegenwart: Rosa fährt zum Krankenhaus, um alle Formalitäten durchzuführen; fährt zum Apartment; organisiert dort, nachdem sie nach verstecktem Geld sucht, die Wohnungsräumung durch einen gewissen Ründiger; fährt dann zu ihrer Schwester in ein Vorort namens Schäftlarn, die bei einer Medienprofessorin Nathalie, nach einer mehr oder weniger gescheiterten Künstlerkarriere als Hausfrau lebt. Die einzelnen Geschichten der Figuren: Tibor, der Großvater stirbt früh. Mordi und Arie gehen zum Militär; Mordi geht nach seinem Militärdienst in Israel seinen Doktor in Deutschland machen, was die Mutter Zsazsa frühzeitig in ein Altersheim bringt, da Arie zu eigensinnig als Lebenskünstler lebt und keine Verantwortung übernehmen will. In Deutschland lernt Mordi Veronika kennen, die ebenfalls in Soziologie promovieren wollte. Sie wird schwanger. Sie bekommen Nadja und Rosa, verbringen ein mehr oder weniger unglückliches Leben, in welchem Veronika stets von mehr als ihrem Hausfrauendasein träumt. Als Arie die Familie besucht, verunglückt er Fürstenfeldbrück. Am Ende lässt sich Veronika scheiden, krempelt ihr Leben um, wird Trophy-Wife eines Möchtegern-Gurus, Achim, und ertrinkt, verschwindet bei einem Thailandurlaub im Meer. Mordi bekommt Krebs, von seiner ältesten Tochter Nadja alleingelassen, isoliert, stirbt. Nadja, unglücklich, unternimmt einen Selbstmordversuch, der scheitert. Rosa besucht sie am Grab. Der Roman endet von der Beschreibung zweier Gelehrte aus Rumänien, die eine Liste von allen Menschen aufstellen, die in der Shoa ums Leben kamen, wie von allen Gegenständen, die konfisziert wurden … glaubhafte, intensive Familiengeschichte in der Verzahnung durch die Zeit, hier vergleichbar Birobidschan in Thematik, aber nicht Durchführung. Plot erhält Spannung durch das hintergründige Verschwinden der Mutter, ihrer Hintergrundfamilie, die intensiven Szenen mit der Großmutter, die nicht ausgetragenen Konflikte. Es bleibt aber dennoch individualisiert, restringiert in einem sehr emotionalen Thomas Bernhardschen Raum. –> 4 Sterne
Form: Einfallsreiche, lange Sätze, die sich rhythmisch, anschließend, ineinander übergehend lesen lassen. Keine Wortschludereien. Keine falschen Wortfeldverwendungen, Abstraktionsniveau wird gehalten, keine Ausrutscher ins Unreflektiert-Banale. Schöne Verben, passend, wenig Hilfsverben, wegen Passivkonstruktionen, direkt, klar. Keine äußerst einfallsreichen Wörter aber. Wortschatz groß, wird aber nicht dynamisiert. Das Symbolische erweitert sich nicht. Es bebt nur. –> 4 Sterne
Erzählstimme: Klar komponierte Zeitverdichtungen aus Ich-Perspektive, nur gebrochen durch Anfang und Ende als Ende des Individuums, markiert durch die geschichtlichen einschneidenden Prozesse. Der Rest aber in Erzählgegenwart, motivierte Erinnerungen, klare Erinnerungsstruktur und Reflexion von Rosa, die sich als harmoniesüchtig begreift, reflektiert, in dieser Reflexivität dynamisiert und glaubhaft, authentisch wird. Proustsche Erzählweise. Vergleichbar in Konsequenz mit Der Fänger im Roggen –> 5 Sterne
Komposition: Gelungene Verschränkung von Ich-Bezogenheit, Ich-Begrenztheit, Wille zum Verständnis, aber auch Wille zur Durchschreitung und Durchdringung der Horizonte. Alle Erinnerungen besitzen Anschlusspunkte in der Erzählgegenwart, Exkurse nie lang, nie zu kurz, genau richtig in der Rhythmik und Verarbeitung des Todes des Vaters. Die Einzelheiten ergeben ein fragloses Ganzes. Es fehlt nichts. –> 5 Sterne
Caroline Peters: „Ein anderes Leben“
Das Leben der Eltern locker, mal eben, so zwischen Tür und Angel nacherzählt.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (Familiensaga ohne Twist)
Form: 1/5 Sterne (Umgangssprache-Hörbuch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (assoziierend-schweifende Ich-Perspektive)
Komposition: 1/5 Sterne (keine Erzählebenendurchdringung)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (flüssig, leicht, unanstrengend)
Der Nachruf auf das Leben einer Mutter, die sich aus dem Schatten ihrer diversen Männer herauskämpfen muss, erfreut sich großer Beliebtheit in der Gegenwartsliteratur, bspw. seien hier Maman von Sylvie Schenk und Lügen über meine Mutter von Daniela Dröscher genannt. Diese Romane sind meist in der Ich-Erzählperspektive einer Tochter verfasst, die sich nun Rechenschaft darüber ablegt, inwiefern das Leben der Mutter auf sie und ihr Leben auf das der Mutter abgefärbt hat:
Das Verhältnis zu den Toten bleibt dynamisch, hat eine buddhistische Freundin damals bei Hannas Einäscherung gesagt. […] Und so wird heute vielleicht mit Bow die tote Verrückte beerdigt, mit der Lauras und Lottas Kinder durch unsere Erzählungen aufgewachsen sind. Vielleicht entsteht jetzt eine neue tote Hanna für uns alle, mit neuen Geschichten. Und vielleicht kann auch Hannas soldatischer Vater heute endlich sterben, denke ich. Immerhin ist er schon achtzig Jahre tot, und trotzdem begleitet er uns nach wie vor.
Die Ich-Erzählerin steht vor dem Grab ihres Vaters Bow mit ihren Geschwistern Laura und Lotta, die jeweils andere Väter, aber dieselbe Mutter haben, besagte Hanna. Es handelt sich also um eine Patchwork-Familie, die über Anekdoten, Riten und Traditionen ein Mindestmaß an Zusammenhalt zu generieren sucht, aber unerfolgreich. Die Geschwister „hassen“ sich. Der Familienverbund bleibt locker:
Die Geschichte von Hanna ist aber keine lineare. Die Geschichte von Hanna ist eine Welt von Ereignissen, die wie Monde auf verschiedenen ovalen Umlaufbahnen wieder und wieder aneinander vorüberziehen. Hanna in der Mitte, um sie herum die schwirrenden Planeten: die Badeanstalt in Neiße, das vierblättrige Kleeblatt in Heidelberg, das Haus in Köln, die Flucht, die Zeit vor der Ehe, die Hochzeit in Syrakus, die Fahrradreise mit Klaus, Alsfeld, der Pranger, der Golf, die Ente.
Und genau so liest sich Ein anderes Leben, eher als kursorisches, assoziatives Ensemble freier Erinnerungstätigkeit ohne innere Perspektivierung und Selektion (der Twist, warum Peter „Bow“ genannt wird, reicht nicht). Das Geflecht bleibt lose über die Namen verbunden. Hanna, als Figur, bekommt Konturen, alle anderen bleiben aber schlichtweg farblos, u.a. auch die Ich-Erzählerin. Am Ende bleibt das Gefühl, dass nur Hanna und ihre Mutter, Oma Tita, gelebt haben:
Vor ihrer Flucht war [Oma Tita] als junge Mutter vor allem damit beschäftigt gewesen, hervorragend militärisch Dressur zu reiten. Auf uns allen unbekannte Weise hatte sie es geschafft, bei den Trainingsstunden der Einheit ihres Mannes mitmachen zu dürfen. Sie ritt mit den Burschen um die Wette, sprang über kleine und größere Hindernisse oder saß rauchend zwischen den Kerlen im Offizierskasino.
Oma Tita war unabhängiger als ihre Tochter Hanna und, so scheint es, auch unabhängiger als ihre namenlose Enkelin, die Ich-Erzählerin, die nicht nach vorn schaut, nichts wagt, und nur von dem Leben anderer zu berichten weiß, leider deshalb auch nicht wirklich interessant. Ein bisschen weniger „Mama“ und „Papa“ hätten dem Buch gut getan. Literarische Fahrstuhlmusik.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Hauptfiguren: Die Ich-Erzählerin, ihre Schwestern Lotta und Laura, ihr Vater Peter Ramspeck, ihre Mutter Hanna, der Vater von Laura Roberto, und der Vater von Laura Klaus. Erzählgegenwart (Präsens): Am Grab vom Vater erinnert sich die Ich-Erzählerin an die Mutter. Vom Grab, nach Verlesung der vom Vater verfassten Rede fahren die Trauergäste zum Leichenschmaus in den Tannenhof, mit offiziellem Teil: Suppe, Blechkuchen, Kaffee; und inoffiziellen Teil hinter einem Vorhang, nur für die Schwestern, mit großem Büffet. Ich-Erzählerin fährt danach zurück nach Berlin, vom Hauptbahnhof in ihre Wohnung. Dort erinnert sie sich an die letzten siebzehn Jahre ihrer Mutter, ein Gemälde liegt auf dem Boden und gibt ihr ein schlechtes Gewissen. Von der Erzählgegenwart aus schweift die Ich-Erzählerin in die Vergangenheit ab. Klaus und Hanna kommen aus dem Osten, Flüchtlinge, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Osten in den Westen flohen, nach Hessen. Hier bereits Thema: Vergangenheitsaufarbeitung, Trennung Ost-West, Moskau-USA. In Hessen lernen sie Peter kennen, aus einer angesehenen Familie. Sie gehen alle drei nach Heidelberg, wo sie Roberto kennenlernen. Hanna wird von Klaus Schwanger. Ihre Tochter heißt Laura. Sie heiraten, Hanna studiert weiter, und trennen sich, da sie sich beide ein anderes Leben vorstellen. Hanna kommt mit Roberto zusammen. Sie bekommen Laura, aber auch diese Ehe geht zu Ende, vor allem, weil Robertos Eltern eine wirtschaftsstrategische Verheiratung mit der Tochter eines Verlages wünschen, um ihren eigenen Verlag zu stärken. Hanna kämpft sich als Übersetzerin in Berlin durch, Alleinversorgerin der zwei Töchter. Sie trifft sich mit Peter in der Paris Bar. Sie kommen zusammen. Die Ich-Erzählerin wird geboren. Sie leben zusammen im Architektenhaus, das Peter für sie geplant hat. Nach und nach geht die Ehe in die Brüche, vor allem, weil Peter eine traditionelle Ehefrau wünscht, Hanna aber keine traditionelle Frauenrolle einnehmen will. Als die beiden älteren Töchter ausziehen, trennt sich bald Hanna von Peter, zieht in eine nahegelegene Wohnung. Die Ich-Erzählerin bleibt beim Vater, isst aber mittags bei ihrer Mutter, die Bücher publiziert und dichtet. Am Ende erkrankt die Mutter und stirbt in einer Klinik. Die Ich-Erzählerin pflegt noch ihren Vater bis zu seinem Tod. Am Grabe bereut sie, dass sie sich gegenseitig nie die volle Wahrheit gesagt haben.
… mittlerweile Standardstory über die kämpferische, missachtete Mutter, die erst nach dem Tod richtig gewürdigt wird, oder im hohen Alter. Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“; Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“; Wolf Haas: „Eigentum“; Alois Hotschnig: „Der Silberfuchs meiner Mutter“ etc … vor allem mit Dröscher zu vergleichen, da es um Lügen, um Erinnerungslücken und fatale Lebensentscheidungen geht … als Familiensaga aber nichtssagend mit kaum inhaltlicher Fokussierung. Die Fixierung der Mutter auf dem Wehrmachtspapi, für die Ich-Erzählerin Wehrmachtsopi, bleibt sehr schwach angedeutet. –> 1 Stern
Form: Die Sprache ist umgangssprachlich und teilweise im kindlichen Ton verfasst. Sehr viele „Mama“, „Papa“, „Mami“, „Papi“ … sehr kurze Sätze, sehr einfacher Wortschatz, mit teilweise falschen Verwendungen der Modi, ohne semantischen, adjektivischen, poetischen Anspruch. Keine Literatur im Sinne der Schriftsprache. –> 1 Stern
Erzählstimme: Ich-Erzählerin, die aus der Erzählgegenwart in Präsens gehalten in die Vergangenheit schweift, assoziiert, sich vorstellt, und teilweise wieder im Präteritum ins Präsens wechselt aus Bildhaftigkeit und Lebendigkeit des Erinnerten. Überzeugend. Wäre da nicht hier und da die etwas unmotivierten Zeitsprünge. Standard der Autofiktion. –> 3 Sterne
Komposition: Komposition Standard: Erzählgegenwart nimmt Anlass den Prozess bis zu dieser zu vergegenwärtigen. Keine besondere kompositorische Durchdringung, zumal der Tod der beiden Eltern als Fluchtpunkt auch noch als Ende gewählt wird. D.h. die Komposition befindet sich einfach in der Rückschau. In diesem Sinne fast mehr eine Erinnerungsliteratur, ohne aber Details der Erinnerung nachzufolgen oder nachzuvollziehen. Ohne Recherchebemühung. Aus dem Nähkästchenplaudern. –> 1 Stern
Simone de Beauvoir: „Soll man de Sade verbrennen?“
Eitelkeit als gesamtgesellschaftlicher Kitt, nicht nur für die Intellektuellen?
Simone de Beauvoir hat nicht viele philosophische, theoretische Texte verfasst. Nach einer nur äußerst kurzen Phase zwischen 1944 und 1947, der Moralphilosophie gewidmet, verstummte sie philosophisch gänzlich. In dem Sammelband Soll man de Sade verbrennen? – Drei Essays zur Moralphilosophie des Existentialismus sind die drei umfänglichsten Aufsätze von Beauvoir übersetzt, die sich allesamt, wie der Untertitel schon anzeigt, mit den moralischen Folgerungen aus der Existentialismusphilosophie französischer Provenienz beschäftigen. Vor allem versucht sie Folgendem zu begegnen:
Indessen werfen auch zahlreiche Anhänger einer nicht religiösen Moral dem Existentialismus vor, er gebe dem sittlichen Akt keinerlei objektiven Inhalt; man behauptet, dass der Existentialismus ein Subjektivismus, ja ein Solipsismus sei.
Der Solipsismusvorwurf wirkt schwer, denn er verurteilt eine philosophische Denkrichtung zur Beliebigkeit und Trivialität, da Solipsismus darin besteht, dass es keine gemeinsame Basis für Argumente zwischen je zwei Individuen gibt. Der Existentialismus, der eine tiefe Kluft zwischen den einzelnen Menschen akzeptiert, muss also einen anderen Weg für allgemeinverbindliche Aussagen finden. Exakt diesen Versuch unternimmt Beauvoir in ihren moralphilosophischen Aufsätzen und findet ihn in dem Wunsch nach Anerkennung.
Im ersten Aufsatz Soll man de Sade verbrennen? (1955) entwirft Beauvoir ein Psychogramm von Sade. Sie kommt zu dem Schluss, dass er zwar die Wahrheit der menschlichen Existenz, das Getrennt-Sein von den anderen, erfasst, aber einen einseitigen Weg einschlägt, diese Kluft zu überbrücken, nämlich die Gewalt.
Im zweiten Aufsatz Für eine Moral der Doppelsinnigkeit (1947) findet sie die Gemeinsamkeit zwischen den Individuen über die je eigene Transzendenz, die die Transzendenz des Gegenüber benötigt, um zu existieren. Nur durch die anderen, durch ihr Handeln sei das eigene Dasein gerechtfertigt. Ein Leben ohne Anerkennung sei sinnlos.
Abschließend, im dritten Aufsatz Pyrrhus und Cineas (1944) erörtert sie die Dimension des Handelns, das unvermeidliche Scheitern jedes Planes, aber die Notwendigkeit, es stets wieder zu versuchen, auch wenn es ein Pyrrhussieg bleibt.
Nicht Cineas, sondern Pyrrhus hat recht. Pyrrhus bricht auf, um zu erobern: möge er das tun. »Und dann?« Dann wird er schon sehen.
Beauvoirs Moralphilosophie steht und fällt mit ihrer Annahme, dass ein Individuum, um glücklich sein zu können, in den Augen seiner Mitmenschen gerechtfertigt sein muss. Wer diese These ablehnt oder problematisiert, wird kein Wort von dem, was sie über Gewalt, über Kunst, über Ethik und Politik in diesen Aufsätzen schreibt, einordnen, verstehen noch ihm zustimmen können. Für Beauvoir bildet die Eitelkeit, der Wunsch nach Anerkennung, die Sehnsucht nach Respekt, Verehrung und Begehren das Medium allgemeinverbindlichen Handelns. In der Eitelkeit werden die Differenzen zeitweilig versöhnt: Sie benötigt einen freien Willen, um sich in einer freiwilligen Anerkennung zu laben. Aus diesem Grunde kämpft der freie Mensch für die Freiheit aller Menschen, nämlich um ein umso größeres Publikum zu besitzen, das ihn verehren, rechtfertigen, zum Vorbild nehmen kann.
Der Zauber der Liebe, der Furcht, der Bewunderung kann einen Menschen in einen Gott verwandeln; der demütig Anbetende ist nur ein Objekt, sein Idol jedoch ist für niemanden ein Objekt; auf wen hin könnte man diese reine, höchste Freiheit übersteigen? Darüber hinaus gibt es nichts mehr.
Eine sehr stimmige, überaus krasse und ehrliche Moralphilosophie, die auf ihre Weise tatsächlich den Solipsismusvorwurf der Existentialisten zugunsten der Eitelkeit entkräftet und auch vor Legitimation von revolutionärer Gewalt nicht zurückschreckt (vor allem vor dem Hintergrund der Résistance-Erfahrungen). Dennoch nimmt es kaum Wunder, dass sie und auch Jean-Paul Sartre dieses Projekt nicht weiterverfolgt haben. Die Ehrlichkeit und unumwundene Verlautbarung der eigenen Existenzwünsche besitzt aber tatsächlich Vorbildcharakter.
Albert Camus: „Der Fall“
Pamphlet gegen intellektualistische Gottlosigkeit – mehr Essay als Roman
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (halbseiden-komödiantisches Büßertum)
Form: 2/5 Sterne (nüchterne, einfache Alltagssprache)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (Unmotiviert unterbrochene Ich-Erzählung in Echtzeit)
Komposition: 3/5 Sterne (Strukturierte Erinnerungsräume)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (verworren, zerfahren, konzeptlos)
Albert Camus erhielt u.a. explizit für Der Fall den Literaturnobelpreis 1957. In der Begründung wird von seinen klarsichtigen und ernsthaften Bemühungen gesprochen, mit seinem Werk die Probleme des menschlichen Gewissens ausgelotet zu haben. Und in der Tat wirkt Der Fall neben Der Mythos des Sisyphos und Der Mensch in der Revolte eher wie ein Essay denn wie ein Roman. Die Hauptfigur heißt jedenfalls Johannes Clamans, einst Anwalt in Paris, nun Rechtsberater im Amsterdamer Rotlichtmilieu:
Ich stieß [jene Frau] von mir und nahm sie wieder, ich zwang sie, sich mir zuzeiten und an Orten hinzugeben, die sich nicht dazu eigneten, ich behandelte sie in allen Dingen mit solcher Rücksichtslosigkeit, dass ich schließlich an ihr hing, wie etwa ein Kerkermeister an seinem Sträfling hängen mag. So ging das fort bis zu dem Tag, da sie im wilden Aufruhr einer schmerzlichen und erzwungenen Lust laut und deutlich dem huldigte, was sie unterjochte. An diesem Tag begann ich, mich von ihr zu lösen. Seitdem habe ich sie vergessen.
Clamans‘ Problem besteht darin, dass sich seine Außenwirkung nicht mit seinem Innenleben deckt. Da er sich weder liebt noch nicht liebt, da er weder gut noch böse ist, können es ihm seine Mitmenschen nicht rechtmachen. Liebt die Partnerin ihn, fühlt er sich aufgrund seiner innerlich empfundenen Schäbigkeit missverstanden; liebt sie ihn nicht, fühlt er sich beleidigt und zu Unrecht verstoßen. Seine Form des Gespräches ist der Monolog. Er hört nicht zu. Er will, dass ihm zugehört wird. Seine Selbstinszenierung gerät aber ins Schwanken, als ihm seine Feigheit und Entschlusslosigkeit vor Augen geführt werden. Er sucht Befreiung in Exzessen und Orgien, aber sein Körper hält die Ausschweifung auf Dauer nicht aus (genauer: seine Leber). Wie er moralisch nicht überzeugt, so versagt er als Partyhengst. Gescheitert auf allen Ebenen, zieht er sich in das Amsterdamer Rotlichtmilieu zurück und labert Gäste in seiner Stammbar an:
Sie verstehen nicht, was ich meine? Ich muss bekennen, dass ich sehr müde bin. Ich verliere den Faden meiner Rede, mein Geist besitzt jene Klarheit nicht mehr, die meine Freunde so hoch zu rühmen liebten. Meine Freunde sage ich übrigens dem Grundsatz zuliebe. Ich habe keine Freunde mehr, ich habe nur noch Komplicen. Dafür hat ihre Zahl zugenommen, sie umfasst das ganze Geschlecht der Menschen. Und unter den Menschen kommen Sie an erster Stelle. Der just Anwesende kommt immer an erster Stelle.
Clamans zieht seine ganze Lebenslust daraus, dahergelaufenen Unbekannten seine Lebensgeschichte aufzutischen. Leider entpuppt sich diese als denkbar unaufregend und seine moralischen Verfehlungen als ziemlich alltäglich und unproblematisch. Nach einigen Seiten im Text wird dann auch klar, dass es sich bei Clamans um eine Karikatur und bei Der Fall um eine Satire auf den Pariser Intellektuellen der 1950er Jahre handelt. Mit anderen Worten: Camus wäscht seine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit und dies durch die biographischen Details ziemlich eindeutig gegen Jean-Paul Sartre, mit dem er sich 1952 wegen einer unliebsamen Rezension seines theoretischen Hauptwerkes Der Mensch in der Revolte überworfen hat.
Wenn zwei sich streiten, so lautet also die Lektion, freut sich nicht immer der Dritte … manchmal langweilt er sich oder schämt sich sogar ein bisschen, Zeuge dieses verbalen, unter die intellektuelle Gürtellinie zielenden Schlagabtausches geworden zu sein, mit dem nachhängenden Gefühl, einer beleidigten Leberwurst das Gehör geschenkt zu haben. Unangenehm.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Detaillierte Inhaltsangabe:
Tag 1. Rahmenhandlung startet in Amsterdam, in einer Bar namens Mexico City, in der ein Ich-Erzähler einem Unbekannten anbietet, ihm bei der Bestellung seines Drinks behilflich zu sein. Danach stellt er ihm den Bar und den Barkeeper etwas vor, unter anderem verweist er auf eine leere Stelle an der Wand, wo einst ein Bild gehangen hat. Als der Unbekannte aufbrechen will und nach dem Weg fragt, stellt sich der Ich-Erzähler bereit, ihn bis zum Hafen zu begleiten, von wo das Hotel des Unbekannten in den Straßen des Damraks leicht zu finden ist. Sie spazieren durch die Straßen und trennen sich an einer Brücke. Der Ich-Erzähler bekennt, dass er des Nachts Brücken nicht mehr überqueren wolle. Sie verabreden sich für den morgigen Tag.
Tag 2. Sie sprechen weiter in der Bar Mexico City, bis sich der Ich-Erzähler verabschiedet, um ein paar zwielichtige Geschäfte in der Bar zu erledigen, u.a. für einen Gemäldehehler. Sie versprechen sich aber am nächsten Tag wieder zu treffen.
Tag 3: Am nächsten Tag fühlt sich der Ich-Erzähler nach einem Spaziergang. Sie gehen gemeinsam von der Bar los und im Abendlicht an den Grachten entlang spazieren. Der Ich-Erzähler zeigt etwas von Amsterdam, u.a. ein altes Sklavenhändler aus. Als sie zum Haus des Ich-Erzählers ankommen, verabreden sie sich, am nächsten Tag einen Ausflug zu machen, auf die Insel Marek auf der Zuydersee.
Tag 4. Sie spazieren auf der Insel bis die Flut einsetzt und ihr Schiff auf sie wartet, das sie zurück nach Amsterdam bringt. Auf dem Schiff sprechen sie weiter und betrachten die See. Sie erreichen den Hafen, aber der Ich-Erzähler will sich noch nicht vom Unbekannten treffen. Er will weitererzählen, also schlendern sie durch Amsterdam zum Unterschlupf des Ich-Erzählers und verabreden sich dort wieder für Morgen.
Tag 5. Der Ich-Erzähler liegt krank im Bett. Das Gespräch wird in seinem kärglichen Zimmer weitergeführt. Dort zeigt er ihm das Gemälde „Die unbestechlichen Richter“, das er in Verwahrung für den Barkeeper des Mexico City hält, da es aus einer Kirche in Ghent gestohlen, also Hehlerware just von dem Dieb ist, den sie am Tag zwei gesehen haben (den Braunbären).
… vom Plot erinnert Der Fall an Joseph Conrads Lord Jim, dessen Protagonist einfach ein Schiff mit hilflosen Menschen verlassen, also zu feige war zu helfen. Zentral in Der Fall ist wiederum eine unterlassene Hilfeleistung und das schlechte Gewissen, das den Protagonisten Johannes Clamans zernagt. Der starke Anfang täuscht nicht über das geschwätzige Ende hinweg. Es zerfasert ziemlich, und die Figur wird mehr als dubios und unplausibel. Spannung baut sich nicht auf, und einen Clou gibt es auch nichts. Am Ende ist alles leer und sinnlos. Weder die Figuren noch die Welt noch der Plot interessieren. –> 1 Stern
Form: Camus schreibt nüchtern und einfach. Ihm kommt es nicht auf die Sprache, auf den Stil an. Er verwendet keine klassischen Mitteln der Rhetorik oder der Literatur. Poetisches Sprachgebaren gibt es nicht. Der Text liest sich authentisch, alltagssprachlich, bruchlos. Distanz zum gesprochenen Wort gibt es fast gar nicht. Neben Bildbrüchen gibt es viele Andeutungen und ins Leere laufende Allegorien und Phrasen. Bis auf einige wenige Stellen keine Schriftsprache. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Monolog. Ein Ich-Erzähler spricht einen Unbekannten an. Diese Unbekannte kommt nicht zu Wort. Er stellt das Publikum, die abwesende Öffentlichkeit dar. Einige Antworten lassen sich durch die Entgegnungen Clamans‘ erraten, aber spielen keine große Rolle. Störend an der in Jetzt-Zeit ablaufenden Ich-Erzählung sind die Unterbrechungen. Es wirkt wie ein Ein- und Ausschalten einer Stimme, wie ein Radio, ein Hörspiel, das gehört, unterbrochen, weiter gehört wird. Das passt nicht als Erzählstimme. Es wirkt freischwebend. Die Ich-Erzählung fängt intensiv an, durch die Brüche und Unterbrechungen, verliert sie sich. –> 2 Sterne
Komposition: Die fünf Tage entsprechen einem dialektischen Wechsel zwischen Halböffentlichkeit (Bar), Öffentlichkeit (Spaziergang/Ausflug) und Privatheit (Unterschlupf von Clamans). Hier ereignen sich auch die entsprechenden Erinnerungen. Das passt und wirkt plausibel und geben dem Text eine äußere Klammer und eine innere Struktur, obgleich das Ganze ins Leere verläuft, bindet diese Abfolge und das Geständnis eine Perspektive. –> 3 Sterne
Simone de Beauvoir: „Die Welt der schönen Bilder“
Die Hölle, das sind die anderen: Widerständigkeitserwachen
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 4/5 Sterne (großbürgerliche Scheinwelten entlarvt)
Form: 3/5 Sterne (klassische, aber langweilige Diktion)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (glaubwürdiger Innen-Außen-Reflektor)
Komposition: 5/5 Sterne (Erwachungsprozess aus dem Driften)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (intensiver Höllenritt, etwas kurz)
Beauvoirs letzter Roman, erschienen 1966, markiert auch das Ende der existentialistischen Literatur der primären Gruppe rund um Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir selbst. Die Welt der schönen Bilder biegt ihre Philosophie zurück auf das Bildungsbürgertum und erforscht den Effekt, den die existentialistischen Fragen auf das Bewusstsein der handelnden Figuren hat, hier allen voran auf die Reflektor-Figur, die Werbetexterin Laurence, selbst:
Catherine zögert einen Augenblick; das Lächeln ihrer Mutter bringt sie zum Sprechen: «Mama, warum ist man auf der Welt?» […]
Laurence hat eine Eingebung: «Die Menschen sind da, um einander glücklich zu machen», sagt sie voller Schwung. Sie ist sehr stolz auf ihre Antwort.
Verschlossenen Gesichts denkt Catherine weiter nach; oder vielmehr, sie sucht nach Worten: «Aber die Menschen, die nicht glücklich sind, warum sind die da?»
Catherine, Laurences Tochter, zwölf Jahre alt, beginnt anspruchsvolle Fragen zu stellen, vor allem durch ihre neue Freundin, eine Jüdin, namens Brigitte. Laurence muss sich mit diesen von ihr seit langem verdrängten Fragen konfrontieren und beginnt einen Bewusstwerdungsprozess, der ein neues Licht auf ihre Ehe, Affäre, ihre Eltern und ihr weiteres Leben wirft. Sie fühlt sich leer und sieht verschiedene Formen in ihrem Umfeld, mit dieser Leere umzugehen: ihre Mutter wirft sich an einen sie nicht liebenden Ferrari-fahrenden Lebemann; ihr Vater verkriecht sich in klassisch-nostalgische Bildung; ihre Schwester wird religiös; und ihr Ehemann Jean Charles tröstet sich mit dem technologischen Fortschritt und dem baldigen technokratischen Paradies auf Erden. Nur für Laurence scheint keine geeignete Strategie probat:
Jetzt hat sie nicht einmal diese Sehnsucht mehr. Warum hatte sie sich entschlossen, eine Leere in ihrem Leben zu schaffen, ihre Zeit, ihre Kräfte, ihr Herz zu schonen, obwohl sie eigentlich gar nicht weiß, was sie mit ihrer Zeit, ihren Kräften, ihrem Herzen anfangen soll? Ein allzu ausgefülltes Leben? Ein zu leeres Leben? Ausgefüllt mit leeren Dingen, welche Schande!
Eindringlich, glaubwürdig, präsentisch erzählt lässt Simone de Beauvoir eine Figur entstehen, die sich nicht mehr mit Konsum, Sex und Eitelkeit zu betäuben versteht. Sie lässt Laurence bis zu diesem Punkt schreiten, ab dem die Selbstkontrolle und Freiheit beginnen, bis also an die Schwelle, ab der sie für sich neue Ziele zu setzen vermag und nicht mehr mit ihrem Umfeld lediglich den Tod entgegendriftet. Die großbürgerliche Welt befriedigt sie sich nicht mehr. Sie erscheint als eine „nature morte“:
Langsam gleiten die Auslagen vorüber. Schals, Clips, Armbänder, Schmuck für Millionäre – ein Brillanthalsband mit Rubinverzierung, eine lange schwarze Perlenkette, Saphire, Smaragde, Armbänder aus Gold und Edelsteinen – bescheidener Modeschmuck, Jade, Rheinkiesel, gläserne Kugeln, in denen das Spiel des Lichts glänzende Bänder flimmern lässt, ein Spiegel inmitten einer Sonne aus vergoldetem Stroh, Flaschen aus geblasenem Glas, dicke Kristallvasen für eine einzelne Rose, Krüge aus weißem und blauem Milchglas, Flakons aus Porzellan, Puderdosen aus Gold […]
Pastellartig, diaphan, impressionistisch begleitet der leichte, unbeschwerte Erzählton das problematische Erkennen und die schmerzhafte Bewusstwerdungsphase der Protagonistin. Es ist ein kurzes, aber intensives, durch und durch wohlkomponiertes, auf den Punkt konzentriertes Buch, das nicht nur zeitlich, sondern auch substanziell, das existentialistische Projekt beschließt und dessen Substanz preisgibt und für die Nachwelt erhält.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: 4 Kapitel, mit Laurence als Protagonisten, in 3. Person erzählt, mit Zugang zu ihren Gedanken. Es gibt drei Problemstränge:
1.) Laurences ältere Tochter Catherine beginnt sich Sorgen über den Sinn und die Welt zu machen, insbesondere durch ihre etwas ältere jüdische Klassenkameradin, Brigitte;
2.) die Affäre von Laurences Mutter mit einem Firmenleiter, namens Gilbert, der sich in die 19jährige Tochter seiner Ex-Geliebten verliebt, und wie die Mutter, Dominique, mit dem Verlust umgeht;
3.) die Affäre von Laurence selbst und wie sie sie beendet, und wie Lucien, ihr Arbeitskollege damit umgeht; und
4.) der Unfall von Laurence, bei dem sie einem unvorsichtigen Radfahrer ausweicht und ein Auto zu Schrott fährt.
Die Handlung verläuft sehr einfach: das Buch startet im 1. Kapitel direkt mit einer Salonsituation, mit Dominique als Gastgeberin, wahrscheinlich im Haus von Feuverolles. Laurence und ihr Ehemann kehren zurück nach Paris, beide zu ihrer Arbeit und mit beschäftigt mit ihren beiden Töchter, Catherine und Louise. Catherine hat Probleme zu schlafen und weint. Laurences Affäre Lucien will mehr Zeit mit ihr verbringen und bricht einen Streit vom Zaun. Laurence besucht ihren Vater, dessen Zufriedenheit sie beruhigend findet. Im 2. Kapitel gesteht Gilbert Laurence sein Vorhaben, sich von Dominique zu trennen. Sie soll ihre Mutter vorbereiten, weigert sich aber. Er vollzieht die Trennung. Sie besucht ihre Mutter, die völlig von der Rolle ist, sich aber noch Hoffnungen macht, weil er ihr seine neue Freundin nicht genannt hat. Laurence kennt die neue Partnerin, verheimlicht es ihr aber. Laurence verbringt einen Abend mit Lucien, bleibt aber nicht über Nacht. Sie streiten sich. Mona, ihre Arbeitskollegin, Kommunistin, besucht sie, um mit ihr letzte Entwürfe für eine Werbekampagne zu prüfen. Martha, ihre Schwester, will Catherine zum Kommunionsunterricht geschickt sehen. Sie führt Catherines Traurigkeit auf die Gottlosigkeit von Laurences zurück. Laurence lernt die Freundin von Catherine, Brigitte kennen. 3. Kapitel: Jean-Charles ist unzufrieden mit seinem Job und bewirbt sich beim Konkurrenten. Sie besuchen ihre Mutter in Feuverolles, wo auch Gilbert weilt, der den Urlaub mit Dominique absagt, nochmals Laurence um Hilfe bittet. Auf dem Rückweg nach Paris baut Laurence einen Unfall, als sie einem unvorsichtigen Radfahrer ausweicht. Das Auto erleidet einen Totalschaden. Jean-Charles unzufrieden mit ihr, da die Versicherung gezahlt hätte, hätte sie den Radfahrer umgefahren. Dominique ist fertig mit der Welt, weil sie befürchtet, eine verlassene Frau zu bleiben. Catherines Zeugnis fällt schlecht aus, und es wird beschlossen, sie zu einem Psychiater zu schicken. Jean-Charles macht Dominique wegen des Autounfalls Vorwürfe, schickt ihr aber Blumen, um sich zu entschuldigen, und kauft ihr ein Collier. Auf der Silvesterfeier mit einigen Freunden und Verwandten fragt Laurences Vater, ob sie ihm auf der Griechenlandreise begleiten will. 4. Kapitel: Die Griechenlandreise desillusioniert Laurences. Ihr Vater ist nicht weise, sondern ignorant. Er will die Armut Griechenlands nicht sehen. Er bleibt distanziert zum Weltgeschehen und unterstützt sie auch nicht darin, dass Catherine eine normale Phase der Welterkenntnis durchläuft. Nach der Ankunft kommen Dominique und ihr Vater wieder zusammen, als arrivierte Eheleute. Laurence verfällt in eine Depression, verweigert das Essen und beschließt, Catherine zu schützen. Sie soll die Welt erleben, wie sie ist, und verlangt, dass Catherine mit ihrer Freundin in den Urlaub fahren darf.
… typische Großbürgeratmosphäre, wie bei Marcel Proust, oder auch Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray, oder Heinrich Manns Der Untertan, auch Anleihen aus Stendhals Rot und Schwarz. Nie langweilig. Die Konflikte werden klar herausgearbeitet, sehr stringent vorwärts geschrieben, verdichtet, interessant, alles wird ständig in Relation gesetzt. Etwas kurz. –> 4 Sterne
Form: Malerisches Schreiben, teilweise nur Ein-Wort-Sätze, äußerst verkürzter Stil, aber flüssig, harmonisch ineinander übergehende Sätze, viele Aufzählungen, angelehnt an den anekdotischen Stil von Journalen, an Idealbildern, aber dann vereinzelt verdichtet durch Adjektive. Kaum Metaphern, keine Neologismen, kaum Kreativität in der Diktion, jedoch die bestehende Sprache genutzt. –> 3 Sterne
Erzählstimme: Klare, durchgängig aufrechterhaltende Erzählperspektive: Laurence als Reflektor, die von innen und außen betrachtet wird, deren Gedanken, Träume, Wünsche zugänglich sind, aber nicht die der anderen Figuren. Dieses Innen und Außen belebt die Welt, lässt Laurence vielschichtig erscheinen, gibt den Eindrücken vorübergehenden und bleibenden Charakter zugleich. Sehr erlebnisnah, glaubwürdig und konsistent. –> 5 Sterne
Komposition:Gelungener Übergang vom impressionistischen Erzählen, im Präsens, getrieben von Umständen. Laurence driftet, aber versucht sich gegen das Driften zu wehren. Hier passt die Reflektorstimme, das Außen. Eine Ich-Perspektive wäre konstruiert gewesen. Sie sieht sich von innen und außen, und so sieht es das Publikum auch. Im Bildungsgang erwacht Laurence, und plötzlich berichtet sie im vierten Kapitel im Rückblick über die Griechenlandreise, d.h. ein Reflexionsvorgang der zweiten Stufe beginnt, und der führt zu dem Entschluss, ihre Töchter nicht aufzugeben, sie nicht in Watte einzupacken, sie mit der harten Realität zu konfrontieren. Das von außen wird retrospektiv gewendet und gibt der Figur sehr viel Glaubwürdigkeit. Sie wird selbstbewusst. Sie erwacht, und das spiegelt sich kompositorisch-narrativ eindeutig wider. –> 5 Sterne
Julien Benda: „Der Verrat der Intellektuellen“
Zu einseitig und oberflächlich.
Bendas pamphletartiger Text erschien 1927 und wurde 1946 erweitert neu herausgegeben. Die erste Fassung reagiert auf die Erlebnisse des 1. Weltkrieges, auf die Schriften der italienischen Futuristen und den aufkommenden Totalitarismus in Frankreich und Deutschland. Insbesondere die deutsche Kultur kommt sehr schlecht in Bendas Text weg, nämlich als eine hochgradig kriegs- und identitäts- und polit-durchsäuerte Schriftkultur:
Der nationalistische Intellektuelle ist im wesentlichen eine deutsche Erfindung. Ein Thema übrigens, das in dieser Schrift noch häufig wiederkehren wird: Die moralischen und politischen Einstellungen, die Europas clers sich in den letzten fünfzig Jahren zu eigen gemacht haben, sind größtenteils deutschen Ursprungs; im geistigen Bereich hat Deutschland – weltweit – auf der ganzen Linie gesiegt.
Hier zeigt sich schon, leider, eine arge Beschränkung des Aufsatzes, der nämlich eher: „Einzug des Bellizismus und Nationalismus in die Welt des Geistes“ heißen sollte. Benda argumentiert sehr partikular, wenig abstrakt, wenig kategorisierend. Klar, ihm sind Fichte, Hegel, Nietzsche unheimlich, genauso wie Maurras, Barrès und Péguy oder Sorel unangenehm. Er schreibt aus einer Tradition des Universalgelehrten heraus, der sich über den Konflikt stehend wähnt, ähnlich wie heute Jürgen Habermas. Ähnlich wie auch dieser besteht er auf eine moralisch-sühnenden, läuternden Mission der Intellektuellen:
Mit anderen Worten: [der clerc] muss [den Menschen] zu verstehen geben, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist, ja dass gerade das Fehlen von praktischem Wert die Größe seiner Lehre ausmacht, und das hinsichtlich der Reiche, die von dieser Welt sind und in ihr gedeihen sollen, die Cäsarenmoral die richtige ist – nicht die Wissenschaft.
Bendas Aufsatz wettert gegen den Pragmatismus und jedweden anderen Funktionalismus des Geistes. Er spricht sich strikt gegen Politisierung aus, aber er beschreibt den Strukturwandel der Öffentlichkeit nicht begrifflich, eher intuitiv und voller Sorge. Bendas Aufsatz liest sich eindeutig als Vorgänger von Habermas gleichnamiger Schrift. Überhaupt hat Benda in diesem seinen ihm gemäßen Popularisator gefunden. Wie dieser reflektiert Benda aber nicht auf die soziokulturelle und sozioökonomische Situation des Geistesarbeiters schlechthin. Im Vergleich zu Helmut Schelskys Die Arbeit tun die anderen bleibt Benda eher oberflächlich und, noch klarer, parteilich, wie die meisten, die sich auf der Seite des Lichtes dünken:
Zusammenfassend könnte man also hinsichtlich der Geschichte konstatieren, dass – mit Ausnahme von ein paar kurzen Perioden der Erleuchtung, deren Lichtschein jedoch, wie bei manchen Sternen, noch lange nach ihrem Verlöschen die Welt erhellt – die Menschheit durchweg im Dunkeln lebt, wie auch ganz allgemein die Literatur sich im zustand der Dekadenz befindet und die Gemeinwesen in tiefer Verwirrung stecken.
Leider bleibt es bei diesen Kant-Anleihen der glückseligen Inseln stehen. Julien Benda wünscht sich eine andere Menschheit, bekommt sie aber nicht. Mit Der Verrat der Intellektuellen will er die Redlichkeit retten, ohne aber so recht zu wissen wie eigentlich.
Simone de Beauvoir: „Die Mandarins von Paris“
Kein Sprachfest, aber ein durchkomponiertes Exempel-Statuieren der Leere, die mit Politik und Sex gefüllt wird.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 3/5 Sterne (interessant, aber mit Längen und etwas aufgesetzter Kriminalgeschichte)
Form: 3/5 Sterne (sehr brave, langweilige, teilweise kitschige Sprache)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (unbalancierter Multiperspektivismus)
Komposition: 4/5 Sterne (klares, alles durchdringendes Leitmotiv: die Unaufrichtigkeit)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (am Ende fast nur unglaubwürdige Figuren)
Simone de Beauvoir hat sich explizit dagegen ausgesprochen, dass Die Mandarins von Paris ein Schlüsselroman seien. In Der Lauf der Dinge. hat sie dies unmissverständlich verlautbaren lassen. Die Figuren Henri, Robert und Scriassine seien nicht Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Arthur Koestler nachgebildet, und die Ich-Erzählerin Anne sei noch viel weniger sie, als alle annähmen. Und doch wird der Roman seit je durch die biographische Brille gelesen. Überzeugt er aber jenseits seines vermeintlichen (und nicht belegbaren) Dokumentcharakters?
Mit der Enttäuschung meines Körpers wurde ich schon fertig; aber diese Leere war kaum zu ertragen. Sie lächelten mir zu, plauderten; ich plauderte, lächelte, eine ganze Woche lang würden wir plaudern und lächeln, hinterher würde niemand mehr an mich, ich ebenso wenig an sie denken; dieses Land existierte tatsächlich, ich lebte tatsächlich, ich würde wieder weggehen, nichts hinterlassen, nichts mit mir nehmen.
Zusammengedampft handelt Die Mandarins von Paris von einem Moment der Unsicherheit und Leere: der große Feind, der deutsche Faschismus, wurde besiegt und aus Paris vertrieben. Waren vorher alle verbündet, Alliierte, bricht nun alles auseinander. Neue Feindbilder entstehen, und die Figuren sehen sich vor die Wahl gestellt zwischen dem sowjetischen Kommunismus im Osten und dem US-amerikanischen Kapitalismus im Westen zu entscheiden. Freundschaften, Liebschaften, Kollegialitäten zerbrechen: Robert hält es mit dem Osten, Scriassine mit dem Westen, Henri weiß nicht so recht, und Anne macht Nägel mit Köpfen und reist in die Höhle des Löwen, New York City, und verliebt sich in den Schriftsteller Lewis:
[Lewis] streichelte mein Haar, sagte mir einfache, liebe Worte und schob einen alten Kupferring über meinen Finger; ich betrachtete den Ring, hörte seine ungewohnten Worte; unter meiner Wange fühlte ich das vertraute Klopfen eines unbekannten Herzens. Keine Forderung wurde an mich gestellt: Ich brauchte nur so zu sein, wie ich war, und das Begehren eines Mannes wandelte mich in ein Wunder der Vollkommenheit. Es hatte etwas seltsam Beruhigendes: Wäre die Sonne mitten am Himmel stehengeblieben, eine ganze Ewigkeit lang hätte ich es nicht bemerkt.
Das Problem nur: Anne ist verheiratet und will ihren Mann, Robert, nicht verlassen. Weder Henri noch Anne können sich für ihre Liebe entscheiden, weder Robert noch Henri können sich für voll mit dem Kommunismus identifizieren, noch handeln sie gemäß ihrer eigenen Prinzipien. Die Mandarins von Paris legt beredtes Zeugnis unaufrichtiger Charaktere ab, die über weite Strecken ihr Versagen mit Alkohol ersäufen, sich belügen, betrügen und sich zudem eitel und raffgierig zeigen. Kompositorisch perspektiviert die Erzählweise die Problematik auf den nahenden Tod, das Altwerden, das eine Entscheidung einfordert: Jetzt oder nie, ein Neubeginn wird immer unwahrscheinlicher.
[Lewis] riss das Moskitonetz beiseite und warf mich auf das Bett. Als wir nackt, Körper an Körper waren, sagte er mit fröhlicher Stimme:
«Das sind unsere schönsten Reisen!»
Sein Gesicht hatte sich aufgehellt; er fühlte sich nicht mehr verloren; er war richtig da, wo er war, in meinem Körper. Und ich war nicht mehr unruhig. Frieden und Freude, die wir gegenseitig in unseren Armen fanden, sollten alles überwinden.
Simone de Beauvoirs Die Mandarins von Paris zeigt, dass die selbstberufenen Repräsentanten des Volkes im Grunde nur Sex und Party, Ruhm und Lust, Rausch und Orgien im Kopf haben. Der Rest wirkt wirr und unentschieden und leidlich durchdacht. Auf ihre Weise entzaubert sie den französischen Existentialismus bis aufs Bein. Es liest sich dennoch über weite Strecken fad und in die Länge gezogen, aber das kann der Kniff sein, die Leere, die diese Zeit kennzeichnet, nochmals poetisch-narrativ einzuholen und festzuhalten.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Zentrales Thema: Was passiert, sobald ein Krieg gewonnen wird, also das Feindbild verschwunden ist. Hier angewandt auf: das befreite Paris. Die Handlung setzt nach der Befreiung von Paris, Ende 1944, und sie endet ungefähr vier Jahre später. Der Protagonist heißt: Henri Perron.
Henris leitet zum Anfang eine Résistance-Zeitung, die Espoir, und gilt als humanistischer Schriftsteller. Er hadert mit seiner Liebesbeziehung zu Paule Mareuil, die ihn vergöttert und alles für ihn aufgibt (u.a. ihre Gesangskarriere), aber er hadert auch mit dem Ausmaß an Politik in seinem Leben. Er beschließt (Anfang 1945) nach Portugal zu fahren. Nadine, die Tochter von Anne und Robert Dubreuilh, begleitet ihn. Henris neuer Roman ist ein Erfolg, aber seine Zeitung gerät in finanzielle Nöte. Um nicht weiter von den Spenden seines Mitarbeiters Vincents, der heimlich Raubzüge gegen Kollaborateure unternimmt, abhängig zu sein, geht er auf Roberts Angebot an und bindet seine Zeitung an dessen neugegründete linkshumanistische Partei (SRL) und so an den Geldgeber Trarieux. Statt eines Romans schreibt Henri ein Theaterstück, findet aber keinen Aufführungsort. Nachdem drei Intendanten abgesagt haben, lässt er sich an Lucie Belhomme vermitteln, die Verbindungen zum Intendanten vom Studio 46 hat, und eine Tochter als Schauspielerin, Josette. Henri beginnt eine Affäre mit Josette, das Theaterstück wird aufgeführt. Die Juni-Wahlen stehen an. Der Zeitungsvorstand diskutiert darüber, ob die Espoir über die GULags in der UdSSR berichtet werden sollte. Henri setzt sich gegen Robert durch. Sie zerstreiten sich. Die Wahlen enden katastrophal für die gesamte Linke, der SRL ist zerstört und Robert zieht sich fast vollständig aus der Politik zurück. Lucie Belhomme, die mit den deutschen Besatzern kollaboriert hat, fordert von Henri, einen Meineid zugunsten ihrer Tochter zu leisten, die sich sonst umbringen würde. Henri leistet Meineid und rettet einen Kollaborateur namens Mercier vor der sicheren Todesstrafe. Robert nimmt wieder Kontakt zu Henri auf, nachdem sich der rauschgiftsüchtige Sézenac bei ihm nach Henri und dessen Verbindung zu Mercier erkundigt hat, dem Meineid auf der Spur. Bei einem versöhnlichen Treffen zwischen ihnen, beichtet Henri Robert die Lüge. Robert verspricht, ihm im Falle eines Falles zu helfen. Nachdem sie sich vertragen haben, geht Henri wieder mit Roberts Tochter Nadine aus, Paule befindet sich mittlerweile nach einem geistig-emotionalen Zusammenbruch in der Rehabilitation. Nadine wird schwanger. Sie bekommen eine Tochter. Sie beschließen nach Italien zu ziehen, auf dass Henri dort in Ruhe an seinem literarischen Projekten arbeiten kann. Unterdessen beginnt die Politik wieder Einzug in Roberts und Henris Leben zu nehmen. Henri hilft den Madagasssen, und Robert überlegt eine Wochenzeitung zu gründen und fragt Henri um Hilfe. Plötzlich taucht Sézenac auf, der sich auf der Flucht vor Vincent befindet und unter Verdacht steht, mit den deutschen Faschisten kollaboriert zu haben. Sézenac droht mit der Wahrheit über Henris Meineid herauszurücken. Henri, Anne, Robert und Nadine stellen ihn ruhig, und überlegen ihn ins Ausland abzuschieben. Mitten in der Nacht taucht Vincent auf. Er hat Sézenac im Schlaf getötet und muss nun die Leiche verbergen. Henri hilft ihm. Am nächsten Morgen beschließen Nadine und er in Frankreich zu bleiben, nicht nach Italien zu ziehen und sich weiterhin, zusammen mit Robert zu engagieren.
Neben diese Hauptstrang gibt es noch die Erinnerungen von Anne Dubreuilh, aus der Ich-Perspektive. Anne behandelt als Psychoanalytikerin Patienten, aber zweifelt an ihrem Beruf, an der Möglichkeit, Menschen in dieser Welt zu helfen. Sie zweifelt auch an ihrer Fähigkeit als Mutter. Zudem belastet sie der frühe Tod des Freundes ihrer Tochter, Diego, einen jungen Dichter, der von den Nazis in einem Konzentrationslager getötet wurde. Sie befindet sich also in einer beruflichen wie emotionalen Umbruchssituation. Sie fühlt sich alt. Sie erhält eine Einladung in die USA und benötigt eine Weile, sich innerlich wieder für die Welt zu öffnen, u.a. hat sie eine Affäre mit dem antikommunistischen Scriassine. Nachdem sie Nadine mit Lambert verkuppelt und diese ihr Chemieexamen bestanden hat und mit Robert und Henri eine Radtour an der Loire gemacht haben, fliegt sie in die USA und lernt dort einen linksgerichteten Schriftsteller namens Lewis Brogan, mit dem sie eine Affäre in Chicago beginnt. Zurück in Paris vermisst sie ihn. Nach einem Jahr fährt sie wieder zu ihm. Sie unternehmen eine Mexiko und Guatemala-Reise, kehren früher nach New York zurück. Sie streiten sich. Lewis fühlt sich kontrolliert, und Anne nimmt ihm die Hoffnung, sie könne bei ihm bleiben. Sie entscheidet sich für Robert. Ein Jahr später empfängt Lewis sie gedrückt-distanzierter. Die Liebe entflammt sich nicht mehr. Anne wird depressiv. Sie hat die Liebe in sich und von ihm verloren. Sie überlegt sich umzubringen, aber die Stimmen Nadines, Henris und Roberts reißen sie aus der Todesnähe. Sie versucht es erneut.
… im Grunde ein Résistance-Krimi mit sehr vielen Abschweifungen, da es um die Verbrechen, die Aufarbeitung der Verbrechen unter der Besatzung geht; auch ein klassischer Salonroman über Partys, Saufgelage, über Reisen von Intellektuellen und eine Stellen. Sex und Crime, ein paar Reisen, ein paar Intrigen, Affären, Betrügereien, bis dann am Ende alle mehr oder weniger wieder von vorne beginnen. Viele Reise (Portugal, Italien, USA, Mexiko, Guatemala). Viele Affären, gebrochene Versprechen, Lügereien. Der Kunstbetrieb wird entblößt. Die Figuren erscheinen aber schematisch, ohne wirkliche Vergangenheit, eigentlich nur eine Psycho-Karikatur, das gilt insbesondere für Henri. Intensivste Gestalt Paule. Viele Klischees. Etwas ausgewalzt mit vielen Überlappungen. Alkohol spielt eine große Rolle („Whiskey“ 41x, „Champagner“ 26x, „Bier“ 5x, „Cognac“ 8x, „Wein“ 16x, „Tequila“ 2x, „Sekt“ 10x, „Schnaps“ 3x –> „Anne“ 188x). Alkohol also in der Größenordnung von einer tragenden Romanfigur.
… es geht um Parteilichkeit, Verantwortung für die Welt, oder nicht. Um Kunst und ob Kunst sich mit Politik verträgt oder nicht. Es geht um die Wahl zwischen den USA und der UdSSR, zwischen Kunst oder Politik, zwischen Glück und Treue in der Liebe. Im Grunde wollen sich keine Figuren entscheiden.
… ärgerlich: fehlende Kontextualisierungen. Scriassine, Henri, Robert etc haben keine Vergangenheit, Begriffe wie „Kommunismus“, „Trotzkismus“, „Stalinismus“ bleiben einfach so stehen, als wären sie selbsterklärend. Name-Dropping ebenfalls nervig, und es wird über Lob und Kritik an Romanen gesprochen, deren Inhalt nie grob skizziert wird.
… perfektes Beispiel für die Sartresche Unaufrichtigkeit aus Das Sein und das Nichts. Langatmig. –> 3 Sterne
Form: Über weite Strecken sehr nüchterne, sehr harte Sprache, wenig Poesie, wenig Versuche, die Sprache selbst ins Laufen zu bringen. Hart in der Diktion. Aber keine Wortfeldvermischung, keine deplatzierten Fachbegriffe oder ähnliches. Einfach nur sehr selten Sprachintensität, und wenn, dann geht sie schnell ins Manieriert-Klischierte wie bei den Liebesszenen mit Lewis. Erinnerung an Ayn Rands Beschreibungen der Liebesszenen in Atlas Shrugged. Hier und da glänzen die Reisebeschreibungen, fangen Atmosphäre ein, aber für die Welt hat die Erzählweise wenig Blick. Fast ständig nur direkte Rede, Dialoge, die Welt der Menschen, nicht die Welt der Dinge. Sehr blind. Sehr menschenbezogen. Isoliert sie aus dem Hintergrund. Artiger, gefälliger, sehr unindividueller Stil. –> 3 Sterne
Erzählstimme: Zweigeteilt. Henris Erzählstrang wird aus der dritten, Annes aus der ersten Person erzählt. Henris Gedanken, Selbstgespräche geben Einblicke in sein Innenleben, seine Weltwahrnehmung, alles wird aus seiner Perspektive erzählt, vermittelt. Sehr konsequent, nur sehr sehr selten auktoriale Kommentare, die unklar bleiben und nicht ins Gewicht fallen. Annes Kapitel besitzen die Eigenart, auch ins Präsens zu führen. Es ist Anne, die schreibt, über sich, über Robert. Sie ist noch mit ihm verheiratet, in der Erzählgegenwart, ihre Gedanken gleiten ins Präsentische, in den inneren Monolog. Das passiert bei Henri nicht. Auch nicht das Abgleiten ins Präsens. Die Ich-Erzähler Anne erscheint als überzeugendste Figur. Leider erscheint die Zweiteilung der Erzählstimme nicht motiviert. Es wirkt etwas abstrakt aneinander gefügt. Die Perspektiven durchdringen sich nicht. Sie ergänzen sich auch nicht … seltsam inkonsequenter Multiperspektivismus, indem eine Perspektive dominiert. Kein Dos Passos Manhattan-Transfer. Die konsequente Durchgestaltung der Erzählwirklichkeit bleibt dennoch unangetastet. –> 4 Sterne
Komposition: Episodenroman, eigenartige Schnitte. Teilweise werden Tage und Woche übersprungen zwischen zwei Abschnitten eines Kapitels. Gerafft, die Auswahl erscheint teilweise beliebig, etwas in die Länge gezogen, aber: das ganze Buch handelt von Aufrichtigkeit, Freiheit in einer polarisierten Welt, in einer politischen Wirklichkeit, die nur Kapitalismus/Kommunismus, nur die USA/UdSSR kennt, kein Dazwischen. Die Hoffnung auf ein Dazwischen (Henris Zeitung, Roberts SRL) zerschmettern sich. Sie können nicht wählen. Sie wollen nicht wählen. Das ist das zugrunde liegende Bauprinzip, und es wird auf erotischer, politischer Ebene konsequent durchexerziert und bloßgelegt. Alle Details fügen sich zusammen, inhaltlich, nicht formal. Formal bleibt das Werk platt, inhaltlich aber interessant und gestaltend, vielsagend. –> 4 Sterne
Matthias Bauer: „Romantheorie“
Alles ist relativ, und zwar alles, eine romanlose Nicht-Theorie.
In der Reihe meiner Aufarbeitung der Romantheorie, u.a. E.M. Forsters Aspekte des Romans , George Lukacs‘ Die Theorie des Romans , Alain Robbe-Grillet Argumente für einen neuen Roman gehe ich auch klassische literaturwissenschaftliche Monographien durch. Matthias Bauer Romantheorie gehört zu diesen wie auch Matías Martínez‘ Einführung in die Erzähltheorie oder Friedrich A. Kittlers Philosophien der Literatur: Berliner Vorlesung 2002 . All jene besitzen einen akademischen Duktus und wiederholen zum x-ten Male, was ungefährlich über gewisse Begriffs- und Problemfelder gesagt werden kann, ohne auf oder aus dem Rahmen zu fallen. Bauer setzt dem ganzen noch eine Krone auf, indem er seine Monographie (in der 1. Auflage) mit folgendem Zitat beschließt:
»Die Romanciers zeichnen die Karte der Existenz, indem sie diese oder jene menschliche Möglichkeit aufdecken« (Kundera), doch jeder einzelne Roman sagt zu seinem Leser: »Die Dinge sind komplizierter als du denkst.«
D.h. er endet im Grunde mit dem Satz, dass die ganzen Bemühungen um Theorie stets nur wieder auf das bekannte Problem zurückführen, dass in der Nacht alle Katzen grau und die Wahrheit im Auge des Betrachters liegt. Daher wimmelt es in seinem Buch auch vor Relativierungen und explizit kategorie- und theoriefeindlichen Überlegungen wie:
Oft sind es gerade die feinen Nuancen und Differenzierungen der gewohnten Optik, durch die ein Roman Wirkung zeigt. Eben diesen feinen Unterschieden kommt man jedoch nicht bei, wenn man alle konkreten Unterschiede von vornherein in abstrakte Kategorien aufhebt, die zwar universal sein mögen, eben wegen ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Universalität aber auch nur selten wirklich informativ sein können.
Oder:
Festzuhalten ist als Zwischenbilanz jedenfalls, dass die idealtypischen Erzählsituationen und Vermittlungssysteme, auf die es Stanzel und die meisten seiner Kritiker abgesehen haben, in ihrer Zurückführung aller narrativen Möglichkeiten auf einige wenige Oppositionspaare dem poetischen Spektrum der narrativen Optik nicht gerecht werden, und dort, wo sie mit ontologischen Grenzziehungen einhergehen, eher Verwirrung als Klarheit stiften.
Wenn aber die Klarheit sich nur in den feinen Nuancen ergibt, worin bestehen diese – was wären die „narrativen Möglichkeiten“, die durch Stanzels Idealtypen verunklart werden? Überhaupt umschifft Bauer jedwede Definitionen. Alles ist offen. Die Kunst ist frei, und die Gedanken über sie noch mehr. Schade, dass es dann bei einer Monographie von über 200 Seiten, die auch noch Romantheorie heißt, bei diesen „Kernwahrheiten“, dass wir im Grunde alle nur wissen, dass wir nicht wissen, bleibt. Ein wenig Kursorisches über Bachtin, den der Autor mag, über Wittgenstein, dem der Autor etwas suspekt ist, Genette und Pipapo werden genannt. Ja, der Roman: ein weites Feld eben.
Wer nur ein wenig begriffliche Schärfe fordert, kann Sätze wie diese kaum ertragen:
Das Phänomen der Stimmen-Interferenz, die Tempus-Paradoxien, die Verschachtelung von Fiktion und Realität sowie der paragrammatische Umgang mit der literarischen Tradition weisen den Roman als eine hybride Konstruktion aus.
Interferenzen bedürfen Frequenzen, die moduliert werden, aber Frequenzen bedürfen Maßeinheiten, und wie sind diese hier gegeben? Zudem, worin gründen sich Tempus-Paradoxien, wenn eine Erzählstimme über ihre Erzählung verfügt? Wo liegt das Paradox? Vor allem aber wie lassen sich „Fiktion“ und „Realität“ verschachteln? Fiktion verarbeitet, erweitert auf imaginäre, mediale Weise Erfahrungen, die real sind. Wie kann sich „Fiktion“ mit einem Baum verschachteln? Und was sagt das alles aus: nur, dass der Roman ein Hybrid ist, aber aus welchen Bestandteilen? Fiktion und „Realität“?
Nein. Ich kann Romantheorie, das weder von Romanen handelt (anscheinend gibt es nur Cervantes, Flaubert und Dostojewski) noch von Theorie, auf irgendeine Weise empfehlen. Schade eigentlich. Als nächtes lese ich von Jochen Vogt Aspekte erzählender Prosa: Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie . Ich freue mich dennoch drauf!
Fleur Jaeggy: „Die seligen Jahre der Züchtigung“
Fesselnd und stimmig, gegen Ende aber etwas ziellos lose gestrickt.
Inhalt: 4/5 Sterne (mumienhaftes Aufwachsen „höherer“ Töchter)
Form: 5/5 Sterne (präzise, abwechslungsreich, stimmig)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (Ich-Erzählerin, retrospektiv, nüchtern)
Komposition: 2/5 Sterne (längerer Text, etwas ziellos)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (atmosphärisch, immersiv)
Fleur Jaeggy, geboren 1940, schreibt in der Tradition von Ingeborg Bachmann und Clarice Lispector. Mit Die seligen Jahre der Züchtigung stellt sie sich zudem neben anderen Coming-of-Age-Romanen wie Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß und Robert Walsers Jakob von Gunten , die das Leben von Jugendlichen in Erziehungsanstalten bearbeiten. Bei Jaeggy geht es um das Appenzeller Bausler-Institut der 1950-60er:
Ich suchte die Einsamkeit und vielleicht das Absolute. Aber ich war neidisch auf die Welt. Es war eines Tages während des Mittagessens. Wir saßen alle auf unseren Plätzen. Ein Mädchen erschien, eine Neue. Sie war fünfzehn, ihre Haare waren so glatt und glänzend wie Klingen und ihre Augen streng, starr, beschattet. Die Nase war scharf und gebogen, und ihre Zähne, wenn sie lachte – und sie lachte wenig -, waren spitz.
Das Mädchen heißt Frédérique, und sie wird eine Art Mythos für die Ich-Erzählerin, die sich hingezogen und zugleich abgestoßen von ihr fühlt. Mythos wird sie, weil in Frédérique ein gefährliches Freiheitsversprechen existiert, das aus der Enge der Rollenbilder, der Erwartungshorizonte führt, aber deshalb auch ins Unbekannte, Leere und noch Unerforschte:
Ich befinde mich in einem in die Leere gemeißelten Zimmer. Ich spüre die Eiseskälte. Es ist ein Rechteck mit einem Fenster am Ende und vergilbten Wänden. »J’habite ici.« Ich stand im Raum. [Frédérique] nahm einen Topf, schüttete Spiritus hinein und zündete ihn an. Wir blieben stehen und betrachteten das Feuer auf dem Boden, den Kampf und die Agonie der letzten züngelnden Flammen.
Mit nüchterner, harter Sprache evoziert Jaeggy eine unheimliche Atmosphäre des Aufwachsens ins Nichts hinein, denn die Ich-Erzählerin fühlt sich weder vom Klerikalen Frédériques noch vom Mondänen Michelines, noch vom Bodenständigen ihrer deutschen Mitbewohnerin, deren Namen sie sogar vergessen hat, angezogen. Sie bleibt außen vor. Die seligen Jahre der Züchtigung beschreibt die Suche nach einem Weg jenseits dieser Vorstellungen:
Ich stehe vor dem Internatsgebäude. Zwei Frauen sitzen auf einer Bank. Ich nickte ihnen zu. Sie reagierten nicht. Ich öffnete die Tür. Eine Frau sitzt an einem Tisch. Eine andere steht. Sie fragt mich, was ich wolle. Ich erkundigte mich nach dem [Bausler-]Internat […] Ich wiederholte noch einmal den Namen des Internats. Ich irrte mich, sagte sie. Ich entschuldigte mich. Dies, sagte sie, sei eine Klinik für Blinde. So ist das jetzt. Eine Klinik für Blinde.
Das Institut führt die Folgsamen und die Gehorsamen, die nicht durch den Verblendungszusammenhang schreiten oder schreiten wollen, durch das Leben. Vertrauen macht blind. Die Ich-Erzählerin jedoch, die stimmig, mit Intensität, berichtet, hat jedes Vertrauen in die Welt verloren. Sie liegt in Scherben, die Welt als Bruchstücke um sie herum. Die seligen Jahre der Züchtigung sammelt die Scherben zwar auf, aber kreiert kein perspektivisches Bild aus ihnen. Es bleibt ein Bruchwerk, ein Raunen, aber ein gänsehauterzeugendes, und in diesem Sinne schließt sie an Robert Walsers Jakob von Gunten gekonnt an, steht zwischen Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek, in der Sphäre einer Ágota Kristóf aus Das große Heft und einer Ariane Koch aus Die Aufdrängung
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Jugend einer Vierzehnjährigen in der Schweiz in der Nachkriegszeit in den 1950er. Die Ich-Erzähler bleibt namenlos, die Mutter lebt in Brasilien, der Vater besucht sie hier und da. Sie verbringt auf Wunsch ihrer Mutter ihre Jugend in zwei Internaten, im Bausler-Institut bei den Erzieherpaar Hofstetter, und dann am Zuger See, bei Mater Hermenegild. Im Bausler-Institut wirbt eine junge Schülerin um sie, Marion, während die Ich-Erzählerin die neue und geheimnisvolle Schülerin Frédérique anhimmelt. Sie befreunden sich. Als Micheline, eine extrovertierte Tochter eines reichen Vaters, auftaucht, kühlt sich das Verhältnis ab, da die Ich-Erzählerin sich zu Micheline hingezogen fühlt. Als Frédériques Vaters stirbt, verlässt sie das Internat. Die Ich-Erzählerin trifft sie zweimal wieder, einmal in Paris im Zusammenhang mit einem Kinobesuch. Die Ich-Erzählerin stellt fest, dass Frédérique in einem nahezu leeren Zimmer schläft; und zum weiten Mal, nachdem Frédérique das Haus ihrer Mutter in Brand gesetzt hat und kurz vor der Einweisung in eine Irrenanstalt steht. Marion unterdessen blüht auf und wird selbstbewusst und extravagant, und Micheline feiert einen Ball, auf den auch die Ich-Erzählerin erscheint. Des Weiteren gibt es die Tochter eines afrikanischen Präsidenten, die besondere Aufmerksamkeit der Hofstetters erhält.
… vgl. Robert Walsers Jakob von Gunten, Anspielungen auf sein Werk, und hierdurch auch auf Robert Musils Zögling Törleß, siehe auch Sylvia Plaths Die Glasglocke und die Romane von Clarice Lispector, bspw. Die Sternstunde.
… Zwiespalt der Rollenvorstellung, so disparat, so verworren, dass eine Grabesstille entsteht, ein Ägyptizismus als Rollenmumie, narrativ, reflektorisch eingeholt. Der Schmerz, die Intensität stellen sich mittelbar, zwischen den Zeilen ein, eine Art gruseliger Zwangszusammenhang senkt sich, Atemlosigkeit, und dadurch wird die Atmosphäre dicht, immersiv und überzeugend, die in solchen Erziehungsanstalten geherrscht haben mag, vielleicht etwas allzu gedrängt. –> 4 Sterne
Form: Abwechslungsreich, verdichtet, schriftsprachlich und poetisch. Kaum Phrasen, abwechslungsreicher Satzbau, interessante Verben, wenig Hilfsverben. Allegorische Bilder, mutige Paraphrasen und sprachliches Hinauswachsen in den Moment eines erstrebten Ausdrucks. Todesversessen. Starr. Nüchtern. Kalt. Weniger getragen, aber vergleichbar mit Lispectors Die Sternstunde und Ingeborg Bachmanns Malina –> 5 Sterne
Erzählstimme: Ich-Erzählerin, die aus dem Rückblick die Ereignisse ihrer Jugend re-imaginiert. Erzählgegenwart nur assoziativ vorhanden, die Ich-Erzählerin situiert nicht ihr Schreiben, nur ihr Erinnern, auch zeitliche Distanz unklar (aber mehr als 20 Jahre). Im Erinnern Wechsel von Präteritum und Präsens möglich, sehr dynamisch, selbstvergewissernd, Reflexionen im Text durch Klammern eingebaut. Sehr assoziativ, der Erinnerungsraum zeitlos. Plausibilisierung der Schreibposition: Versuch, einen Abschluss zu finden. –> 5 Sterne
Komposition: Die Schwachstelle der Novelle, die keine ist. Die Gattungsbezeichnung trifft es nicht. Es ist eine längere Erzählung ohne Ereignis, der kein Roman ist. Perspektivisch tritt der Text auf der Stelle. Er weiß nicht wohin mit den Ereignissen, formt sie nicht. Lässt sie bestehen. Aber durchformt die Erzählstimme ihre Form nicht. Sie hat die Sprache, den Inhalt, die Stimmigkeit, aber rundet es nicht ab. Es bleibt eine Form loser Betrachtung, die poetisch, überzeugend, aber unvollendet scheint. –> 2 Sterne
Louis-Ferdinand Céline: „Krieg“
Intensive Verarbeitung eines Kriegstraumas zuerst, dann flach-klischierte Zuhälterstory.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 3/5 Sterne (intensiv zuerst, dann klischierte Zuhälterstory)
Form: 4/5 Sterne (sprachlich innovativ, zackig, ruppig)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (starke Ich-Erzählung, konsequent)
Komposition: 2/5 Sterne (inkohärent, unausgewogen)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (zum Ende hin gewollt, überzogen)
Als Kollaborateur musste Céline am Ende des Zweiten Weltkrieges fliehen und etliche Manuskripte zurücklassen. Einige haben sich nun aufgefunden, und eines von diesen Manuskripten, die noch nicht zur Veröffentlichung eingereicht wurden, besitzt den Titel Krieg. In diesem wird eine Lücke aus Reise ans Ende der Nacht gefüllt, nämlich die Ereignisse rundum die Verletzung und die Verleihung der Tapferkeitsmedaille, und das nahende Ende des Ersten Weltkrieges. In Krieg werden die Geschehnisse nun dargestellt:
Wenn ich denken wollte, auch nur ein Stückchen, mussste ich mehrmals ran, wie wenn man auf einem Bahnsteig miteinander redet, wenn ein Zug durchfährt. Ein Gedankenstückchen, schön laut jedes Mal, eins nach dem anderen. Die Nummer macht einen ganz schön fertig, glauben Sie mir. Mittlerweile habe ich Übung darin. Zwanzig Jahre, da lernt man. Mein Grips ist hart, wie ein Bizeps. An Leichtigkeit glaube ich nicht mehr.
Ferdinand, der Ich-Erzähler, wird nach schwerer Verletzung am Arm und Kopf, in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort macht er mit einer Krankenschwester namens L’Espinasse herum, lernt einen Zuhälter namens Cascade/Bébert kennen und verstrickt sich in dessen Machenschaften. Derweil besuchen ihn noch die Eltern, und er lässt einiges Misanthropisches vom Stapel:
Na prima, dachte ich, der Wind steht günstig, Ferdinand, mach dein Schifflein bereit, lass die Arschlöcher in der Scheiße sitzen, lass dich treiben, glaub an nichts mehr […] Schlaf oder schlaf nicht, stolpere, posaune, schwanke, kotze, schäume, eitre, fiebre, zerquetsche, verrate, verliere dich nicht, es kommt drauf an, wie der Wind weht, du wirst niemals genauso grässlich und durchgeknallt sein wie die ganze Welt.
Das Manuskript ist weit gediehen, aber noch nicht auserzählt. Es blieb Fragment. Figuren, Orte, Szenerien, Handlungsfäden wechseln überstürzt, bleiben unaustariert, losgelöst und gewollt hinein montiert. Überzeugend wirkt eigentlich nur die Anti-Kriegshaltung der beiden Hauptfiguren Bébert und Ferdinand. Der Rest erscheint wie das zusammengeschriebene Gefasel eines kriegsversehrten Betrunkenen. Es schließt eine kleine Lücke von Reise ans Ende der Nacht, aber keine wesentliche, und scheint als stilistische Übung zum Spätwerk, auf das es mich nun neugierig gemacht hat.
Für sich allein stehend, erscheint mir der Text im Grunde für nicht markttauglich, wie fast alle Fragmente, die nicht von letzter Hand redigiert und weitergegeben wurden, und dadurch Tür und Tor für alle möglichen Spekulationen eröffnen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Nach 15% in Reise ans Ende der Nacht erscheint der Protagonist plötzlich mit einer Tapferkeitsmedaille in Paris. „Krieg“ schließt diese Lücke. Beginn des Romans: Mitten im Krieg. (Dort Erinnerung an Claude Simons Die Route in Flandern.) Der Protagonist Ferdinand verletzt sich am Arm, am Kopf. Sein Konvoi, sein Regiment, wurde angegriffen und ausgehoben. Er bleibt übrig. Er trifft auf einen Engländer (Großbritannien und Frankreich waren Verbündete). Völlig umnebelt gelangt er in ein Sanatorium. Zwischendurch halluziniert der Protagonist. Im Krankenhaus Parfaite-Miséricorde in Peurdu-sur-la-Lys beginnt er eine Art Affäre mit der Krankenschwester Aline L’Esparnasse, die ihn vor einer sehr risikoreichen Kopfoperation rettet. Die Eltern besuchen ihn in der Rekonvaleszenz, danach die Krämerladenbesitzerin von seinem ehemaligen Regiment, der er Geld schuldet und die es bei den Eltern eintreibt, woraufhin der Vater zum Sohn zurückkehrt und sich bei ihm beschwert. Im Lazarett, im Saint-Gonzef-Saal lernt er Bébert kennen, einen 19jährigen Schönling, der sich ein Leben als erfolgreicher Zuhälter erträumt. Mit ihm büchst er aus in die Stadt, lernt die Kellnerin Destinée Amandine Vandercotte kennen, vermag es, seine Ehefrau Angèle aus Paris nach Peurdu zu bringen. Seine Träume zerschlagen sich, derweil erhält nach einer Unterredung mit dem Kriegsrat Récumel Ferdinand statt einer Bestrafung eine Tapferkeitsmedaille. Grund zum Feiern. Entfernte Arbeitskollege des Vaters, Harnaches, dort streiten sich aber vor allen Augen Bébert (auch Cascard) mit Angèle, die verspricht, sein Geheimnis auszuplaudern, dass er sich nämlich selbst in den Fuß geschossen hat, um der Front zu entkommen. Cascard überkommt die Angst, will sich ertränken, schafft es aber nicht, kann nicht mehr schlafen und wird von der Polizei festgenommen, die ihn zum Erschießungskommando bringt (standrechtliches Erschießen wegen Selbstverstümmelung). Ferdinand bandelt mit Angèle, die in ihm einen Verbündeten sieht. Sie lässt sich von Ferdinand beim Akt mit einem Schotten erwischen, der sich aber aus dem Ganzen nichts macht (sie wollten ihn eigentlich erpressen). Beim zweiten Versuch gelingt es beim Mayor C.B. Purcell, der auch General V.W. Purcell sein könnte, der aber bekommt Mitleid und verspricht beide zu retten. Er verspricht beide nach London zu bringen. Angèle zuerst, dann Ferdinand, der nach Boulogne aufbrechen soll. L’Espinasse will ihn nicht gehen lassen, er aber erpresst sie mit ihrer Nekrophagie. Er schafft es zum Schiff und fährt nach London, nachmal an Destinée Amandine Vandercotte denkend.
vgl. wie andere Schelmenromane Grimmelshausen, Salinger, Plenzendorf leidet dieser an der Beliebigkeit der Reihung. Etwas sprunghaft, teilweise ermüdend, weitesgehend interessant, stark Henry Miller vorgreifend; idiotische Tabubrüche (Nekrophagie). –> 3 Sterne
Form: Bruchstückhafter, radikaler, fragmentierter. Viele Kurzsätze. Steno-Literatur, so zackig, ruppig. Viele Punkte, Auslassungen, Fehlen von Personalpronomen, hauptsächlich „ich“; sehr viele appositionelle Konstruktion „machte ihn wütend, den Bébert“
… im Stil verloren, verliert sich im Geschehen, hier vorausahnend Claude Simon „Die Route in Flandern“, andere moderne Erzählweisen, Robbe-Grillet „Die Jalousie“. Fragmentierter Psychologismus. –> 4 Sterne
Erzählstimme: Ich-Figur, die sich kaum reflektiert. Erzählgegenwart dennoch präsent, wird thematisiert („Zwanzig Jahre, da lernt man.“ nach den Ereignissen, also 1934). Allgemeine Reflexionen, Bilanzziehung, ohne die Erzählgegenwart zu motivieren. Es wird aus dem Nähkästchen erinnert, geplaudert. Surrealistische Zusammenziehung von Traum und Erinnerung (besonders in erster Hälfte.) Kommuniziert mit dem Publikum. („Wahrscheinlich würden Sie diese Stadt gern besser kennenlernen, Peurdu-sur-la-Lays.“) Spekulation sind klar markiert. Konsequent umgesetzt, nur ärgerliches Sendungsbewusstsein, in Sachen Urteilen, Verallgemeinerungen. Ein bisschen gewollt. –> 4 Sterne
Komposition: Die Komposition weist deutliche Mängel auf. Nicht nur wechseln Namen (Cascade <-> Bébert), Militärgrade General <-> Major, oder die Szenerie des Krankenhaus, von Parfaite-Miséricorde <-> Virginal Secours; und der Ortsname ist auch nicht klar: Noirceur oder Peurdu … davon abgesehen, erste Hälfte, authentische Ich-Erzählung der Verstörung, im zweiten Teil plötzlich narrative Kriminalgeschichte um Bébert, gegen den sich die Prostituierten verbünden, und ihn zur Strecke bringen, indem sie ihn anschwärzen. Eigenartig die Konstellation mit den Eltern, mit Amandine, nicht zu Ende erzählt mit L’Espinasse, abrupte Abreise nach London. Es ist ein Fragment.–> 2 Sterne
Louis-Ferdinand Céline: „Reise ans Ende der Nacht“
Phantasmagorisch-poetisches Entfliehen aus einer Welt in Trümmern
Inhalt: 5/5 Sterne (Reise durch die menschliche Niedertracht)
Form: 4/5 Sterne (wildes Beschreiben, einfallsreich)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (konsequentes Ich-Erzählen)
Komposition: 5/5 Sterne (poetisch-radikaler Realismus)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (teilweise doch zu redundant)
Louis-Ferdinand Céline hat mit seinem Debütroman die Welt der französischen Literatur erschüttert, entsetzt und zugleich dennoch inspiriert. Seine ungekünstelte Schreibweise, die die Alltagssprache der Straße nachahmt, die harten, tabulosen Beschreibungen, die sich vor keinen Details scheuen, die unfertigen Sätze, die ein Ich-Erzähler nur so aus sich heraus schleudert, haben wenig mit der gepflegten, salonfähigen Eleganz der sonstigen französisch-literarischen Schriftsprache gemein:
Lügen, ficken, sterben. Was anderes zu tun war seit kurzem verboten. Erbittert wurde gelogen, über alle Begriffe, über Lächerlichkeit und Absurdität hinaus, in den Zeitungen, auf den Plakaten, zu Fuß, zu Pferde und im Wagen. Alle machten mit und logen um die Wette. Bald gab es in der ganzen Stadt keine Wahrheit mehr.
Thema des Romans bleibt: der Hass auf den Krieg, auf das, was der Krieg aus den Menschen macht, was der Krieg in den Menschen bewirkt und zum Erscheinen bringt. Die Erlebnisse rundum den Ersten Weltkrieg werden für den Ich-Erzähler zum Ausgangspunkt seiner Reise, wobei „das Ende der Nacht“ wohl für den Tiefpunkt, die völlige Desillusion, das Ablegen jedes Skrupels steht, die Menschen also endlich ungeschönt so zu beschreiben, wie sie sich für den Ich-Erzähler in ihrer ganzen Melodramatik darstellen:
Nur dass Krach und Erregung nie aufhören, man kann nie wissen, wie weit einen die Ehrlichkeit zu gehen zwingt … Was die Menschen einem noch verbergen … Was sie einem noch zeigen werden … Wenn man lang genug lebt … Wenn man weit genug kommt mit ihrem ungereimten Zeug … Man steht immer wieder ganz am Anfang.
Mit ungezügelter Sprache, mit Verve gegen alles und jeden, mit Freude am Fabulieren, Lügen, Dichten und Verdichten schreit sich Céline aus der Geschichte der menschlichen Zivilisation hinaus und schließt an poetisch-literarische Bemühungen eines Lautréamont in Die Gesänge des Maldoror und Joseph Conrad Das Herz der Finsternis an, und zwar mit einem Jargon, einem Erzählton, der dort beginnt, wo Francois Villon und Die lasterhaften Balladen und Lieder im 15. Jahrhundert einst aufhörten.
Sein Roman schwebt daher über den Zeiten und bleibt doch mittendrin. Er passt zu Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Simplicissimus aus dem Dreißigjährigen Krieg genauso gut wie zu Henry Millers New-York-Eskapaden aus Wendekreis des Krebses . Was hier überzeugt, schreibt und singt, das ist das Ich, das sich aus einer Welt in Trümmern zu befreien sucht:
All das kann man vögeln. Es ist sehr angenehm, diesen Augenblick zu berühren, in dem die Materie zu Leben wird. Man erklimmt sogar die unendliche Ebene, die sich vor den Menschen ausdehnt. Man stöhnt laut auf, mehrfach! Man spritzt drauf ab, so viel man kann, und es ist wie eine große Wüste …
Dass das Projekt der Selbstbefreiung zu scheitern vermag, lässt sich an der Biographie Louis-Ferdinand Célines erkennen. Was aber bleibt, ist die Energie, der Intensität des Versuchs, aus dem Schlamm herauszukommen, selbst wenn ihm dieser dennoch am Ende wieder bis zum Hals steht und darüber hinaus wieder in sich aufnimmt. Reise ans Ende der Nacht kennt viele Enden, und die sind bei weitem noch alle nicht geschrieben oder gar gelebt, Célines Leben, also das von Louis Ferdinand Auguste Destouches, selbst ist nur eines davon.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Ferdinand Bardamus, Ich-Erzähler, berichtet von den Jahren zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Seine Reise beginnt in Paris, wo er sich freiwillig für den ersten Weltkrieg meldet. Der Krieg schockiert ihn mächtig. Er versucht auszubüchsen, um der Todessehnsucht seiner Vorgesetzten zu entkommen (Ortolon, Pincon). Auf der Mission nach Noirceur lernt er Léon Robinson kennen. Sie wünschen sich beide, dass sie von den Deutschen gefangengenommen werden. Klappt aber nicht. Er wird verletzt, erhält eine Tapferkeitsmedaille und wird nach Paris geschickt, dort bandelt er mit einer kriegsbegeisterten US-Amerikanerin an, Lola, die ihn aber verlässt, als sie merkt, dass er den Krieg verabscheut (er bricht auf einem Jahrmarkt vor einem Schießstand zusammen, Nervenzusammenbruch). Nervenkrank kommt er in eine Klinik, Issy-les-Moulineaux. Militärbehörde überlegt ihn auszumustern, er lernt eine Geigerin namens Musyne kennen, die ihn mit Argentiniern betrügt. Als Sirenengeheul im Viertel ausbricht, weigert sich Ferdinand sich im Keller des Metzgers zu verstecken. Musyne geht. Sie sehen sich nicht wieder. Ferdinand soll wieder an die Front, aber nach einer Untersuchung wird er in ein weiteres Hospital gesteckt, das Val-de-Grace, wo viele sich vor dem Krieg verstecken. Um an Geld zu kommen, geht er zum Juwelier Puta, trifft dann Robinson beim Versuch mit Jean Voireuse, einer Witwe Geld aus den Rippen zu leiern wieder. Ausgemustert bricht er nach Zentralafrika auf, soll dort für die Compagnie Pordurière du Petit Congo einen unzuverlässigen Mitarbeiter ablösen, der sich im Landesinneren befindet und sich als Robinson herausstellt. Er übernimmt den völlig ruinierten Außenposten, Robinson flieht, Ferdinand wird krank, lässt sich von den Afrikanern in die nächste Stadt bringen, wo er an eine Sklavengaleere verkauft wird. Er befindet sich auf dem Weg nach Amerika. In New York angekommen, verschafft er sich einen Job als Flohzähler, bis der zuständige Statistiker, ein Armenier, nach Alaska befördert wird, und der Job sich in Nichts auflöst. Mit dem wenigen Geld zieht er in ein Hotel, Laugh Calvin, verzockt, versäuft, was er hat, bis er mittellos geworden keine andere Wahl mehr hat, als Lola aufzusuchen. Die will aber von ihm nichts mehr wissen. Gibt ihm etwas Geld, mit dem er nach Detroit fährt, um dort in der Ford-Fabrik anzuheuern, was ihn so deprimiert, dass er sein ganzes Geld in einem Bordell ausgibt, in welchem er Molly kennenlernt, die ihm helfen möchte. In Detroit trifft er wieder auf Robinson, der illegal putzt. Ferdinand sieht zwar, wie viel Molly für ihm empfindet, er kann aber nicht stillhalten und muss flüchten, zurück nach Frankreich, Paris, um sein Studium der Medizin zu beenden. Nach bestandenem Studium wird er Dorfarzt in La Garennce-Rancy, wo er ziemlich unerfolgreich und arm bleibt. Hier beginnt nun eine Verwicklung: die Eheleute Henrouille wollen die Mutter des Gatten, die Alte, für unmündig erklären lassen, um das Verpflegegeld etc zu sparen. Ferdinand gibt sich dafür aber nicht hin, Robinson, der wieder auftaucht, schon. Er versucht sie sogar zu ermorden, was misslingt. Ferdinand, irgendwie verwickelt, muss nun einen Ausweg finden, den verletzten Robinson und die alte Henrouille loszuwerden, auf dass er nicht verpetzt wird. Ein Abbé hilft ihm. Robinson und die Alte gehen nach Toulouse, führen dort eine Mumienbesichtigungstour auf einem Friedhof, die gut läuft. Robinson lernt Madelon kennen, die sich in ihn verliebt. Aus Eifersucht und Gier bringt Robinson die Alte um, indem er sie von der Treppe stößt. Er merkt aber, dass er dieses Leben mit Madelon nicht will und flieht zu Ferdinand, der mittlerweile, nach einer Zeit als Statist für eine Kinomusikertruppe, in der Nervenklinik eines Professors namens Baryton gelandet ist. Der lässt sich Englischunterricht geben, wird nach England verrückt und übergibt Ferdinand die Leitung. Robinson findet bei ihnen Unterschlupf, aber Madelon findet sie. Derweil heuern sie eine Krankenschwester aus der Slowakei namens Sophie an, die vorschlägt, zu viert auszugehen. Sie fahren zu dem Schießstand, wo Ferdinand schon mal einen Nervenzusammenbruch gehabt hat, der bleibt aber aus, dafür streiten sich alle miteinander, bis Madelon auf Robinson schießt, der daraufhin stirbt.
… Plot also: zum einen, das Desertieren. Hier Ähnlichkeiten zu Die Kirschen der Freiheit von Alfred Andersch. Zum anderen, die Zeit in Afrika, in der Kolonialzeit, hier Verwandtschaft zu Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad, oder Lord Jim. In New York, die Exzesse, erinnern stark an Henry Millers Im Wendekreis des Krebses. Getragen wird der Roman durch die Freundschaft mit Léon Robinson. Ein Schelmenroman aus dem Ersten Weltkrieg wie Grimmelshausen Simplicissismus für den Dreißigjährigen Krieg. Das notdürftigste Gerüst bleibt die Geschichte um den Mord an die alte Henrouille.
… spannend, differenziert, ziehend, zügig, abwechselungsreich –> 5 Sterne
Form: Harte Alltagssprache, schnell, zackig, auf den Punkt, dennoch rhythmisch, mit langen gut gebauten syntagmatischen Sätzen. Das Einbauen, Einziehen der Kunstsprache durch das Argot, das aber wiederum durch die Rhythmik, den Fluss, eine Artifizialität und Distanz aufbaut. Viele gelungene Beschreibungen, Eintauchen in die Momente, die Augenblickshaftigkeit, wild-wuchernde Assoziationswelten, nicht immer klar differenziert, und teilweise gewollt brüchig und hart gesetzt und burschikos-aufmüpfig rotzig konstruiert, nicht vollständig durchdrungener Stil, etwas im Keim erstickt.
… vgl. die Galgenlieder von Francois Villon. –> 4 Sterne
Erzählstimme: Überzeugende, nirgendwo brüchige Ich-Erzähler aus dem Rückblick. Der Ich-Erzähler befindet sich 15 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, er kommentiert, versinkt in die Situation, springt vom Präsens ins Präteritum, kloppt Sprüche, aber fällt nie aus der Rolle. Er bleibt streng in seinem Ich, und entwickelt aus dieser Ich-Figur die Romanwelt. Er schaut nicht in die anderen Figuren, distanziert sich nicht. Ein hervorragendes Beispiel, wie J.D. Salingers Der Fänger im Roggen für eine Ich-Erzählung, die die Distanz zwischen Welt und Erzählwelt kollabieren lässt im Erzählfluss. –> 5 Sterne
Komposition: Eine Verquickung von Émile Zola Der Totschläger mit Die Gesänge des Maldorors von Lautréamont. Die Komposition gelingt mit einem Plot, mit Assoziations-Wolken und kohärenten Anschlüssen, immer wiederkehrenden Motiven, Menschenhass, Hass auf Krieg, Fluchtimpulse, Pessimismus, aber auch durch den roten Faden mit der Spiegelfigur Robinsons, und den Verbrechen, die dieser begeht. Ein wenig Liebe passt zwischen den grausamen Einzeldetails, die durchweg ein stimmiges, raunendes Ganzes ergeben. –> 5 Sterne
