Christoph Hein: „Der Tangospieler“

Viele DDR-Romane thematisieren den Konflikt zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Das Öffentliche dringt in die Wohnungen ein. Unerwarteter Besuch steht vor der Tür. Fremde Personen suchen Zugang, stellen Fragen. Brigitte Reimann wählt in Franziska Linkerhand die Architektur als Rahmen, wie Planung Privates strukturiert, wie Abstraktes über konkrete Lebenslagen unabsehbare Entscheidungen trifft, und Werner Bräunig lässt in Rummelplatz die Arbeit und das Familienleben ineinander übergehen, wie der Tagebau der Wismut die sozialen, freundschaftlichen und romantischen Verhältnisse prägt und umschreibt. Bescheidener, sprachlich und vom Umfang her, jedoch intensiv und mit selbiger Thematik fängt Christoph Hein in seiner romanlangen Erzählung Der Tangospieler aus dem Jahr 1989 eine ähnliche Endzeitstimmung ein:

Er war nicht in die Stadt zurückgekehrt, die er damals, vor zwei Jahren, verlassen hatte. Es war eine fremde Stadt mit für ihn fremden Menschen, und es gab für ihn, der nicht bereit war, an sein früheres Leben anzuknüpfen, keine Möglichkeit, in diese alte Stadt zurückzukehren.

Christoph Hein aus: „Der Tangospieler“
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Stendhal: „Rot und Schwarz“

Rot und Schwarz von Stendhal. Die Überfülle des Allegorisch-Zeitgenössischen.

Marie-Henri Byle, bekannt als Stendhal, ein Pseudonym, das er sich wahrscheinlich wegen seiner Verehrung für Johann Joachim Winckelmann, geboren in Stendhal, zugelegt hat, veröffentlichte kurz vor der Juli-Revolution 1830 seinen Restaurationsroman Rot und Schwarz. Scharfe Zungen behaupten, dass Stendhals Roman schlagartig überholt gewesen sei, da er just zu einem Zeitpunkt erschien, als die beschriebene Gegenwart, nämlich die Regierung und Restaurationsversuche der Bourbonen, durch die erneute Machtergreifung des Bürgertums in Frankreich endgültig verschwand. Diese rein polithistorische Lesart übersieht, dass die Restauration nur eines von vielen Beispielen für ein Leben unter dem Ennui abgibt:

Seit Napoleons Sturz war in den kleinen Städten und auf dem Lande auch die geringste Galanterie streng verpönt. Das hätte Kopf und Kragen kosten können. Die Schelme krochen hinter die Röcke der Geistlichkeit, und die Heuchelei trieb sogar in liberalen Kreisen die schönsten Blüten. Die Langeweile nahm überhand. Man mußte sein bißchen Vergnügen in den Freuden des Landlebens oder in Büchern suchen.

Stendhal aus: „Rot und Schwarz“
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Heinrich Mann: „Der Untertan“

Der Untertan von Heinrich Mann. Wilhelminisches Gruselkabinett ersten Ranges.

Der Untertan von Heinrich Mann gehört zu den bekanntesten Satiren der deutschsprachigen Literatur. Neben Jean Paul in Siebenkäs, Karl Kraus in Die Dritte Walpurgisnacht und Erich Kästner in Fabian – Die Geschichte eines Moralisten verwendet auch Mann diese literarische Form als ästhetisches und soziales Korrektiv, bestimmte herrschende Zustände anzuprangern. In Der Untertan wird der wilhelminische Geist der Jahrhundertwende karikiert und konnte, obzwar bereits 1914 beendet, wegen der Schärfe der Kritik und Polemik erst 1918 nach Aufhebung der kaiserlichen Zensur erscheinen, traf sodann jedoch den Zeitgeist und avancierte zu einem der erfolgreichsten Nachkriegsromane mit einer Auflage bis 1931 von über 260000 Exemplaren1. Heinrich Manns Satire überzog das bereits untergegangene Kaisertum nochmals mit beißender Häme:

Diederich schwenkte den Hut, er brüllte auf, daß die Herren im Wagen ihr Gespräch unterbrachen. Der rechts neigte sich vor — und sie sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt prüfend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund ließ er ein wenig herab. Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen, immer schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie, indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.

Heinrich Mann aus: „Der Untertan
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Johanna Adorján: „Ciao“

Überholen, ohne einzuholen…
Spiegel Belletristik-Bestseller (29/2021)

Der Roman „Ciao“ von Johanna Adorján antwortet auf die aktuelle Diskussion um das Stichwort „cancel culture“ herum. Es kann mit Sicherheit als Antwort auf „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber und „Über Menschen“ von Juli Zeh gelesen werden. In diesem Sinne würde es als eine liberale Antwort eine Form von Mitte suchen, Gegensätze vermitteln, beide Seiten zur Sprache kommen lassen, ohne die eine gegen die andere Seite auszuspielen. „Ciao“ kann in dieser Hinsicht glücklicherweise als gescheitert gelten, denn es enthebt sich aller diskursiven, argumentativen Mühen, pocht darauf, Fiktion zu sein, und nimmt eine Außenposition an, nämlich die, reine Unterhaltung zu bleiben und sein zu wollen, einen Slapstick aufzuführen, bei dem niemand sich schlecht fühlen muss, und sich sogar eine Art Happy End erlaubt.

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