Proleterka (2002) gehört zu den wenigen, etwas längeren Prosaarbeiten von der schweizerischen Autorin Fleur Jaeggy (*1940), die momentan eine erhöhte Aufmerksamkeit durch eine Werkwiederauflage erfährt, u.a. durch ihre Coming-of-Age-Novelle Die seligen Jahre der Züchtigung (1989) und ihren Erzählband Die Angst vor dem Himmel (1997). Jaeggy arbeitet eher mit stillen, verdichteten, aufs höchste kondensierten literarischen Mitteln, die sich treffsicher zwischen Poesie und Prosa ansiedeln. Proleterka zeigt sich als eine Form von Vater-Tochter-Märchen, das als eigenständig vermittelte artistische Versöhnung und Synthetisierung von Ingeborg Bachmanns Malina und Max Frischs Homo Faber gelesen werden kann und zwar ästhetisch im Stile eines Robert Walsers aus Jakob von Gunten. Interessanterweise verarbeitet sie die etwas dunklen Stoffe zu einer reflexiv offenen Immunisierungsgeste, so dass Proleterka zur Stimme einer Tochter gerät, die sich durch eine selbstarbeitete Souveränität von ihren sich streitenden Eltern freispricht:
„Fleur Jaeggy: „Proleterka““ weiterlesenIn gewisser Weise lassen manche [Kinder] ihre Empfindungen, ihre Gefühle fallen, als wären es Gegenstände. Mit Entschlossenheit, ohne Trauer. Sie werden Fremde. Manchmal Feinde. Sie sind nicht mehr die im Stich gelassenen Wesen, sondern sie selbst treten innerlich den Rückzug an. Und gehen fort. In eine finstere, fantastische und jämmerliche Welt. Und doch tragen sie manchmal Glückseligkeit zur Schau. Wie ein Seiltänzerkunststück. Die Eltern sind nicht notwendig: Wenig ist wirklich notwendig. Manche Kinder regieren sich selbst. Das Herz, ein unverderblicher Kristall.
Fleur Jaeggy aus: „Proleterka“
