Gustave Flaubert: „Salammbô“

Salammbô von Gustave Flaubert. Impulskontroll-Drama.

Nach seinem Skandalerfolg Madame Bovary (1856), der sogar zu einer Gerichtsverhandlung ob der freizügigen, unterstellt verherrlichten Darstellung des Ehebruchs führte, veröffentlichte Gustav Flaubert sechs Jahre später Salammbô, das ebenfalls beim Publikum ein Bestseller, von der Kritik u.a. Charles-Augustin Sainte-Beuve aber eher kühl aufgenommen wurde. Salammbô stellt sich in die Tradition der historischen Romane, in die fiktionalisierte Gestalten eingebaut werden, wie Sir Wilfred of Ivanhoe in Walter Scotts Ivanhoe (1819) oder der Mönch William von Baskerville in Umberto Ecos Der Name der Rose (1980). Flaubert dramatisiert in seinem zweiten Roman die Ereignisse des nach dem Ersten Punischen Krieg in Karthago entflammenden Söldneraufstandes um eine erfundene Hauptfigur, besagte Salammbô:

In hundert Sprachen machten sich ihre wilden Lüste Luft. Immer wilder wurde der Lärm. In der Dunkelheit brüllten die verwundeten Löwen. Plötzlich leuchtete der Palast auf seiner höchsten Terrasse auf. Die mittlere Tür öffnete sich, und auf ihrer Schwelle erschien in schwarzen Gewändern Hamilkars Tochter. Sie stieg die erste Treppe hinab, die schräg am ersten Stockwerk entlangführte, dann die zweite, die dritte und blieb auf der letzten Terrasse, oben an der Treppe mit den Galeeren stehen. […] Sie ließ einen langen, entsetzten Blick über sie gleiten, dann zog sie den Kopf zwischen die Schultern, breitete die Arme aus und wiederholte mehrere Male: »Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Und doch hattet ihr alles, was euch ergötzen konnte, Brot, Fleisch, Öl und alles Malobathrum, das die Speicher bargen.«
Gustave Flaubert aus: „Salammbô“

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David Wonschewski: „Blaues Blut“

Lebensfrohe Selbstbeschimpfung …

Sich in Selbstmitleid ertränkende Männer stehen in der Gegenwartsliteratur hoch im Kurs. In Heinz Strunks Es war immer so schön mit dir stellt ein solcher einer magersüchtigen Schauspielerin nach und gerät in einen Mahlstrom der Selbsterkenntnis. Michel Houellebecq inszeniert in Vernichten das Regredieren aufs Minimalniveau kurz vor dem Tod. Und Quentin Tarantino will die Welt nicht so, wie sie ist, und flüchtet sich in Es war einmal in Hollywood mit seinem Protagonisten in das Hollywood der 1970er Jahre. Zu nennen seien noch Yoga von Emmanuel Carrère, Das Traumbuch von Martin Walser und Maxim Billers Der falsche Gruß. Bis auf Walsers beinahe nur als Lyrikband zu bezeichnende Sammlung von Prosatexten eignet all diesen eine gewisse Verdrossenheit, anämische Resignation an. David Wonschewski schüttelt diesen etwas bleiernen Diskurs mit Blaues Blut ordentlich durch und lässt kaum einen Stein auf den anderen:

Weil dein Boss vor allen Kollegen ‚Das ist mein Maaaannn‘ gerufen und mit dem Zeigefinger auf dich gedeutet hat, während die erblassenden Kollegen um dich herumgestanden und hemmungslos auf dich einapplaudiert haben. Und du, der nie zuvor einer Massenvergewaltigung beigewohnt hat, kniest am Abend deiner gloriosen 11,25-Performance in bester Blowjob-Haltung vor dem Klo, bläst aber nicht, sondern reiherst dir die Eingeweide aus dem Leib. Vor Scham, vor Ekel, vor Abgegriffenheit. Bist du Arbeitnehmer, bist du Dirne, denkst du, als du den Klodeckel nach deiner Reiherarie kraftlos zurück auf den Sitz fallen lässt.

David Wonschewski aus: „Blaues Blut“
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