Nach seinem Skandalerfolg Madame Bovary (1856), der sogar zu einer Gerichtsverhandlung ob der freizügigen, unterstellt verherrlichten Darstellung des Ehebruchs führte, veröffentlichte Gustav Flaubert sechs Jahre später Salammbô, das ebenfalls beim Publikum ein Bestseller, von der Kritik u.a. Charles-Augustin Sainte-Beuve aber eher kühl aufgenommen wurde. Salammbô stellt sich in die Tradition der historischen Romane, in die fiktionalisierte Gestalten eingebaut werden, wie Sir Wilfred of Ivanhoe in Walter Scotts Ivanhoe (1819) oder der Mönch William von Baskerville in Umberto Ecos Der Name der Rose (1980). Flaubert dramatisiert in seinem zweiten Roman die Ereignisse des nach dem Ersten Punischen Krieg in Karthago entflammenden Söldneraufstandes um eine erfundene Hauptfigur, besagte Salammbô:
In hundert Sprachen machten sich ihre wilden Lüste Luft. Immer wilder wurde der Lärm. In der Dunkelheit brüllten die verwundeten Löwen. Plötzlich leuchtete der Palast auf seiner höchsten Terrasse auf. Die mittlere Tür öffnete sich, und auf ihrer Schwelle erschien in schwarzen Gewändern Hamilkars Tochter. Sie stieg die erste Treppe hinab, die schräg am ersten Stockwerk entlangführte, dann die zweite, die dritte und blieb auf der letzten Terrasse, oben an der Treppe mit den Galeeren stehen. […] Sie ließ einen langen, entsetzten Blick über sie gleiten, dann zog sie den Kopf zwischen die Schultern, breitete die Arme aus und wiederholte mehrere Male: »Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Und doch hattet ihr alles, was euch ergötzen konnte, Brot, Fleisch, Öl und alles Malobathrum, das die Speicher bargen.«
Gustave Flaubert aus: „Salammbô“
Inhalt/Plot:
Salammbô, die einzige Tochter des karthagischen Hauptmannes Hamilkar Barca, der sich auf Beschluss des Höchsten Rates auf Sizilien den Römern ergeben musste, blickt fassungslos auf die Verwüstungen in ihrem Palast. Die Söldner verlangen den von Hamilkar versprochenen Lohn, aber Karthago vermag ihn nicht zu entrichten. Eine Revolte bricht los, die letztlich, im Zuge weiterer Punischer Kriege, den Untergang vom karthagischen Reich einläutet. Dieser Söldneraufstand findet um Karthago selbst und die drei neutralen Städte Utica, Hippo-Zaryte (Bizerte) und Tunis statt und reißt fast ganz Nordafrika ins Chaos:
Es waren nicht die Libyer aus der Umgebung von Karthago – seit langem schon bildeten sie das dritte Heer -, sondern die Nomaden von dem Barca-Plateau, die Banditen vom Kap Phiscus und vom Vorgebirge Derne, die aus Pazzana und der Marmarika. Sie waren durch die Wüste gezogen und hatten aus den brackigen Brunnen getrunken, die mit den Knochen von Kamelen gemauert sind. Auf Quadrigen waren die mit Straußenfedern bedeckten Zuaecen gekommen. Die Garamanten, das Gesicht mit einem schwarzen Schleier verhüllt, ritten auf buntbemalten Pferden, auf Eseln oder Wildeseln, auf Zebras oder Büffeln, und andere schleppten mit ihren Familien und ihren Göttern das schaluppenförmige Dach ihrer Hütte mit sich. Man sah Ammoniter, deren Glieder durch das heiße Wasser der Brunnen runzlig geworden waren, Ataranten, welche die Sonne verfluchten, Troglodyten, die ihre Toten lachend unter Baumzweigen begruben, und die häßlichen Auseer, die Heuschrecken, die Adhyrmachiden, die Läuse aßen, und die Gysanten, die sich mit Zinnober bemalten und Affen verspeisten.
Der Konflikt dreht sich dennoch hauptsächlich um die nordafrikanische Vorherrschaft Karthagos, dem letztlich sogar der Erzfeind Rom zur Hilfe kommt, um weitere und andere Sklaven- und Söldneraufstände zu verhindern. Die Söldner werden von Matho, einem Libyer, angeführt; die Karthager von Hannon, später von Hamilkar selbst. In einem beständigen Auf und Ab reiben sich die verfeindeten Armeen gegenseitig auf und kämpfen auch gegen Verrat aus den eigenen Reihen, so intrigiert der Sufet Hannon gegen Hamilkar und der numidische Söldner Narr’Havas gegen Matho. Als Zankapfel wie Helena in der Ilias tritt Salammbô in Erscheinung, in die sich Narr’Havas und Matho gleichermaßen verlieben. Matho aber wird von seiner Leidenschaft innerlich zerfressen:
»Nein!« rief Matho. »Sie ist anders als alle Menschentöchter! Hast du ihre großen Augen unter den geschwungenen Brauen gesehen? Wie Sonnen strahlen sie unter Triumphbögen! Erinnere dich: Als sie erschien, verblaßte das Licht der Fackeln. Zwischen den Diamanten ihres Halsbandes leuchtete die Haut ihrer Brust. Hinter ihr fühlte man den Duft eines Tempels, und aus ihrem Wesen strömte etwas, das süßer ist als der Wein und schrecklicher als der Tod. […] Ich muß sie besitzen! Ich sehne mich nach ihr! Bei dem Gedanken, sie in meine Arme zu schließen, erfaßt mich wilde Freude, und doch hasse ich sie, Spendius. Ich möchte sie schlagen. Was soll ich tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr Sklave zu werden.«
Salammbô fühlt Mathos Blick und Begehren, und Mathos fühlt Salammbôs Neugier und Furcht. Um ihre Gunst zu erringen, stiehlt Mathos aus den geheimen Gemächern den Schleier der Liebesgöttin Tanit, den Zaimph, als er diesen in Salammbôs Schlafzimmer bringt, ruft sie die Wachen. Der Vorfall besiegelt jedoch den Verdacht der Karthager, das Salammbô mit den Söldnern unter einer Decke steckt. Um das Gegenteil zu beweisen, stiehlt sie den Zaimph zurück, muss sich aber dafür Mathos hingeben, indes das kriegerische Grauen und blutrünstige Abschlachten um sie herum seinen Höhepunkt erreichen.
Detaillierte Inhaltsgabe
- Die Söldnerarmee genießt ein Gelage im Garten Hamilkar Barcas (HB), der abwesend ist. Die Söldner erwarten eine Entlohnung für die Kriege, die sie gegen Rom im Namen Karthagos geführt haben. Sie befreien aus Lust an der Laune Sklaven, u.a. den polyglotten Spendius (SP), der sie anstiftet, geheiligte Tassen der Heiligen Legion zu verlangen. Gisco (G), ein Hauptmann der Karthager, erscheint und lehnt die Bitte ab. Die Horde beginnt zu marodieren, und Salammbô (S), die Tochter von HB, erscheint und bittet die Söldner um Anstand. Narr’Havas (NH), ein numidischer Hauptmann, und Matho (M), ein lybischer Hauptmann, werfen ein Auge auf sie. SP wirft sich an M heran.
- Die Karthager versprechen, die Söldner in Sicca auszuzahlen, und ziehen dorthin. M träumt von S, während sie auf die Entlohnung warten. Nach einigen Tagen erscheint der Suffet Hanno (H), dessen Ansprache SP bewusst falsch übersetzt, um die Horde anzustacheln. Hinzu tritt Zarxas zur Horde, der von einem Massaker an zurückgebliebene Söldner in Karthago berichtet. Unruhe bricht aus. H hat kaum Geld bei sich, wird angegriffen und muss fliehen. Die Revolte bricht aus.
- S in ihrem Gemach, will den Schleier, Zaimph, der Göttin Tanit (des Mondes) sehen. Der Priester Schahabarim (SCH) verbietet es ihr, denn eine Berührung des Schleiers führe zum Tod.
- Belagerung Karthagos beginnt. G wird als Unterhändler geschickt, aber die Söldner verlangen zu viel und zudem noch Hs Kopf, angestiftet von SP und M, der vor Liebe zu S entbrannt ist. Söldner nehmen G gefangen. Krieg wird unvermeidbar. SP und M schleichen sich in die Stadt.
- In der Stadt unterbreitet SP M den Plan, den Schleier der Tanit zu stehlen. Es gelingt. M vermag der Versuchung nicht zu widerstehen und schleicht sich danach in das Schlafgemach von S, die die Wachen ruft. Mit dem Schleier auf den Schulter vermag M unbeschadet Karthago zu verlassen. SP hat sich über die Küste zurückgeschlichen.
- NH schließt sich M an, nun, wo dieser den Schleier besitzt, der die Stärke Karthagos repräsentiert. M wird Hauptmann der Söldner, NH schließt sich ihm an. Er schickt NH Verstärkung zu holen, SP soll die neutrale Stadt Utica einnehmen, Autharit vor Tunis lagern, und M selbst will Hippo-Zaryte erobern. H erhält den Auftrag, im Namen Karthagos die Söldner zu besiegen und besiegt SP vor Utica, kurzzeitig, bevor M und NH zur Hilfe eilen und H fliehen muss, zurück nach Karthago, das Hamilkar Barca (HB) zur Hilfe ruft.
- HB will Kartago zuerst nicht helfen und streitet sich mit dem Rat der Ältesten, insbesondere mit H, der S verdächtigt, mit M geschlafen zu haben. Als aber HB sein verwüstetes Anwesen sieht, nimmt er das Oberkommando an, derweil er seinen heimlichen Sohn (Hannibal) in Sicherheit wähnt.
- HB zieht mit Elefanten im Schlepptau gegen die Söldnerarmee, will sie umgehen, trifft wiederum auf SP, den er empfindlich besiegt, ohne jedoch nachzusetzen.
- HB schickt seine Gefangenen nach Karthago, wo sie hingerichtet werden, wird aber von den vier Hauptmännern (SP, M, NH und AU) belagert, die ihre Frauen wegschicken, um Nahrungsmittel zu schonen. HB sieht die abgemagerte Gestalt von G. Karthago kommt aber nicht zur Hilfe. Barbaren mit dem Schleier der Tanit im Besitz sind geduldig und hungern HB und seine Truppen aus.
- Die Python von S ist krank, Spross des Urschlammes. SCH beeinflusst S, den Schleier von M zurückzuholen. Als S einwilligt, belebt sich die Schlange, mit der sie einen ritualisierten Tanz vollführt.
- Durchs verheerte Land streifend, erreicht S das Lager von M, wird in sein Zelt geleitet. Sie will den Schleier, aber das Liebeswerben von M dringt durch und sie gibt sich M hin. Am nächsten Morgen unterlässt sie es, ihn zu töten. Ein Feuer bricht auf, er wacht auf und stürmt davon. G kriecht in das Zelt und beschimpft sie, dass sie Karthago entehrt habe. Sie nimmt den Schleier und flüchtet zum nahegelegenen Zelt ihres Vaters. Derweil schließt sich NH HB und seinen Truppen an. Die Söldner werden empfindlich geschlagen.
- Völlig am Boden nach der Niederlage rächen sich die Söldner an ihren Gefangenen. Karthago unterstützt aber nicht HB, sondern H, und der entscheidet sich mit den neutralen Städten Utica und Hippo-Zaryte falsch, die wie Tunis sich mit den Söldner zusammentun. SP flößt den Söldnern wieder Kampfeswille ein, und sie beginnen wieder Karthago zu belagern, zerstören das Aquädukt.
- Die Belagerung der Stadt ist erfolgreich. Die Bevölkerung Karthagos hungert und hat Durst, und verfällt dem Wahnsinn, fällt von der Göttin der Liebe, Tanit, ab und unterwirft sich Moloch. Ein Kinderopfer soll stattfinden, selbst SCH wendet sich von seiner Göttin ab. S behütet den Sohn von HB, den er vor dem Opfer schützt, indem er ein Sklavenkind als seinen Sohn ausgibt. Kinderopferbeschreibung. Wahnsinn grassiert.
- Nach dem Opfer fällt Regen und lindert etwas die Qualen. HB entschlüpft der Belagerung und lockt die Söldner in eine Falle, wo er sie verhungern und sich gegenseitig auffressen lässt. Dann, mit einem Friedensangebot lockend, metzelt er sie nieder. M ist nicht unter ihnen, der verhandelt in Tunis. Karthago unterstützt wieder H. NH in Karthago, wo er S verspricht, M zu töten. Alle drei ziehen nach Tunis, um die Stadt zu erobern. H wird gefangen genommen und gekreuzigt. M flieht, HB erobert Tunis, das in Ruinen liegt. Nach Monaten kehren die Söldner nach Karthago zurück. M fordert ein entscheidendes Duell mit HB, 7219 Männer gegen 14000 von HB. M gewinnt beinahe, aber dann stürmen die Zivilisten Karthagos zur Verstärkung heran, zusammen mit verletztem Elefant, und besiegen M. Die letzten Söldner werden von freigelassenen Löwen gefressen.
- Hochzeit von NH und S, und der Folterlauf durch Karthago von M. Er schafft es bis zum Thron von S, fällt dort herab, schaut sie an. S schaut zurück. M stirbt, und dann stirbt sie.
Stil/Sprache/Form:
Flauberts Erzählstil lässt sich als romantisch-ornamentale, überbordend-pompöse, an Kitsch grenzende Schreiblust bezeichnen, die jedoch durch das feinaustarierte pathetische Moment an keiner Stelle platt und einfallslos wirkt. Die Faszination für den Orient erlaubt den beschriebenen Dingen eine eigenartige geheimnisvolle Distanz, etwas Unnahbares, das den Text mystisch unterwandert. Die Bemühung, das Schöne, das Ineinanderwirken darzustellen, bestimmt den zurückhaltenden Duktus und so ergibt sich aus diesem Grunde keinen phraseologischen Lobeshymnen. Flauberts Salammbô erhält melancholisch-kosmische Züge, die zuvor Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (Novalis) in Heinrich von Ofterdingen in der Figur Zulima gestaltet hat:
Heinrich setzte sich [Zulima] gegenüber und vernahm ihre von häufigen Thränen unterbrochne Erzählung. Vorzüglich hielt sie sich bei dem Lobe ihrer Landsleute und ihres Vaterlandes auf. Sie schilderte den Edelmuth derselben, und ihre reine starke Empfänglichkeit für die Poesie des Lebens und die wunderbare, geheimnißvolle Anmuth der Natur. Sie beschrieb die romantischen Schönheiten der fruchtbaren Arabischen Gegenden, die wie glückliche Inseln in unwegsamen Sandwüsteneien lägen, wie Zufluchtsstätte der Bedrängten und Ruhebedürftigen, wie Kolonien des Paradieses, voll frischer Quellen, die über dichten Rasen und funkelnde Steine durch alte, ehrwürdige Haine rieselten, voll bunter Vögel mit melodischen Kehlen und anziehend durch mannichfaltige Überbleibsel ehemaliger denkwürdiger Zeiten.
Novalis aus: „Heinrich von Ofterdingen“
Flauberts Erzähler schwelgt im Gegensatz zu Novalis nicht einzig in Sentimentalität oder Idealisierung. Er gestaltet auch die Gegenseite der beschriebenen Intensität und bindet blind-getriebenen Vitalismus in die Erzählung ein. Die Erzählstimme bleibt, angesichts dieses scharfen Dualismus von Eros und Thanatos, von Liebes- und Todestrieb, zurückhaltend und enthält sich meist jeglicher Kommentare und offensichtlicher Beurteilung seiner Figuren. Die meiste Zeit schweift sie im großen Abstand über das Getümmel und kümmert sich auch nicht um das Innenleben. Nur hier und da, um zu zeigen, dass der Erzählstimme alles offenliegt, werden die Gedanken exponiert:
Matho hörte nicht. Er betrachtete sie, und für ihn wurden die Kleider eins mit dem Körper. Das Schimmern der Stoffe war wie der Glanz ihrer Haut etwas Besonderes und gehörte nur ihr allein. Ihre Augen, ihre Diamanten funkelten. Der Glanz ihrer Nägel setzte die Feinheit der Steine fort, die ihre Finger bedeckten. Die beiden Agraffen ihres Gewandes, die ihre Brüste ein wenig hoben, näherten sie einander, und in Gedanken verlor er sich in den engen Spalt, in den ein Faden herabhing, der eine Smaragdplatte hielt, die man etwas tiefer durch die violette Gaze hindurch sah. Als Ohrgehänge trug sie zwei kleine Waagen aus Saphir, die eine hohle, mit einem flüssigen, wohlriechenden Stoff gefüllte Perle trugen. Durch die Löcher der Perle fiel in kurzen Zwischenräumen ein Tropfen auf ihre nackte Schulter. Matho sah den Tropfen fallen.
Wohlaustariert verbleibt die Beschreibung zumeist im Sichtbaren, auch für Salammbô Erkennbaren, nur andeutungsweise („für ihn wurden die Kleider eins mit dem Körper“) wird das Innenleben, das durch das Äußere stimuliert wird, preisgegeben. Diese respektvolle Distanz ein- und den krassen Dualismus zwischen Eros und Thanatos aushaltend, verbleibt Salammbô ästhetisch ruhig, diskret und souverän in seiner Diktion.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Schlüsselsequenz von Flauberts Roman bleibt Salammbôs überraschender Tod. Unerklärlich, mitten aus dem Zusammenhang gerissen sinkt sie angesichts Mathos Tod nieder und stirbt fast im selben Atemzug wie er. Diese Koinzidenz, die textlich unglaubwürdig bleibt, denn keinerlei Anzeichen werden angeführt, dass Salammbô, jung, vital und in der Blüte ihrer Kraft stehend, sterben könnte, markiert den allegorischen Gehalt von Flauberts Roman, der eben nicht allein auf der Textebene gelesen werden kann (auf ihr nämlich bleibt der Tod absurd). Eine weitere Ebene muss hinzutreten: die göttliche, nämlich der die Lebenskraft bestimmende Widerstreit zwischen Ordnung und Chaos, der sich symbolisch nur durch ein Geheimnis, also ein Tabu befrieden lässt. Für dieses Geheimnis steht der Schleier, der Zaimph, das Tabu im Inneren Karthagos, das seine ganze Kraft enthält:
Von Haß erfüllt, wandte sich das Volk dem menschenmordenden [Gott] Moloch zu und löste sich von [der Göttin] Tanit. Nachdem die Rabbet ihren Schleier verloren hatte, war ihr gleichsam ein Teil ihrer Kraft genommen. Sie verweigerte die Wohltat ihrer Wasser, sie hatte Karthago verlassen. Sie war eine Überläuferin, eine Feindin. Um sie zu beleidigen, warfen manche Steine nach ihr. Aber wenn viele sie auch schmähten, so sehnten sie sich doch nach ihr und beklagten sie. Man liebte sie immer noch und vielleicht tiefer denn je. Alles Unglück kam einzig aus dem Verlust des Zaïmph.
Der Schleier reißt eine Lücke zwischen dem Sichtbaren und Denkbaren. Diese Lücke dient der Beherrschung der Triebe, die durch sie auf andere symbolische Strukturen abgewälzt werden können. Die Ordnung des Staatswesens Karthago basiert auf dieser Transposition. Als aber Karthago Rom den Krieg erklärt, ohne über genügend Soldaten zu verfügen, heuert es staatenlose, marodierende Söldner an, die über keinerlei ritualisierte Impulskontrolle, aber dadurch über ungeminderte Kampfkraft verfügen. Dieser Schritt ebnet die Ordnung in Karthago ein, denn die ungeminderte Kampfkraft richtet sich plötzlich gegen Karthago selbst als repressive Entsublimierung:
Willst’s am Ende/ Gar nicht lassen?/ Will dich fassen,
Will dich halten,/ Und das alte Holz behende/ Mit dem scharfen Beile spalten.
[…]
Wehe! wehe!/ Beide Teile/ Stehn in Eile
Schon als Knechte/ Völlig fertig in die Höhe!/ Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
[…]
Herr, die Not ist groß!/ Die ich rief, die Geister/ Werd’ ich nun nicht los.
Johann Wolfgang Goethe aus: „Der Zauberlehrling“
Die Geister in Salammbô aber sind nur allzu real und brandschatzen das Land entzwei. Um die Ordnung im Äußeren (auf Sizilien) zu bewahren, opfert Karthago die im Inneren durch das Anheuern der barbarischen Söldner, die sich Karthago weder symbolisch noch politisch oder kulturell verpflichtet fühlen. Genauso muss Salammbô, um den Garant der Unschuld, das Zaimph, zurückzuholen, ihre Unschuld opfern, und das Resultat stellt Gustave Flauberts Erzählstimme klar vor Augen: weder konsolidierte Ordnung noch wiedererrungene Unschuld, sondern unaufhaltsamer Niedergang. Als Rahmenwirkung stehen die Löwen, Raubtiere, um Karthago, die die Söldner auf ihrem anfänglichen Weg nach Sicca sehen:
Im Gipfel eines Johannisbrotbaumes glaubten [die Söldner] etwas Außergewöhnliches zu sehen: aus den Blättern schaute ein Löwenkopf hervor. Sie eilten herbei. Es war wirklich ein Löwe, der wie ein Verbrecher gekreuzigt war. Der große Kopf hing ihm auf die Brust, und die beiden Vorderbeine verschwanden halb in der Fülle seiner Mähne. Sie waren weit auseinandergerissen wie die Flügel eines Vogels. Unter der gespannten Haut zeichneten sich scharf die Rippen ab. Seine Hinterbeine, die aufeinandergenagelt waren, waren nicht ganz gestreckt. Über sein Fell rieselte schwarzes Blut, das am Ende seines Schwanzes, der senkrecht am Kreuz herabhing, Stalaktiten gebildet hatte.
Der Löwe, gekreuzigt, steht für die in Bann gehaltene grausame Natur. Der Rechtsstaat existiert und kreuzigt die Verbrecher im Sinne seines Gesetzes und zum Schutze der Bürger. Am Ende von Salammbô jedoch, nach Jahren des Krieges, der sich überall im Lande auftürmenden Leichenberge, hat sich die Zahl der Löwen wieder gesteigert und sie laufen, menschenfressend umher:
Seit den drei Jahren, die der Krieg nun schon dauerte, hatten sich die wilden Tiere, besonders die Löwen, sehr vermehrt. Narr‘-Havas hatte eine große Treibjagd veranstaltet. In der weiten Ebene lagen [nun] Löwen und Leichen, und die Toten bildeten mit den Kleidern und Rüstungen ein wildes Durcheinander. Fast alle hatten kein Gesicht mehr, oder es fehlte ihnen ein Arm. Manche schienen noch unberührt. Andere wieder waren vollkommen vertrocknet, und zu Staub gewordene Schädel füllten die Helme. Fleischlose Füße ragten aus den Beinschienen, Skelette waren noch in ihren Mantel gehüllt. Von der Sonne gebleichte Knochen bildeten im Sand leuchtende Flecken.
Dass die Löwen allegorisch für Verbrechen stehen, mag vielleicht unfair sein, aber klar gestaltet Flaubert in Salammbô den Zusammenbruch eines Rechtsstaates und einer Liebe, die sich nicht instrumentalisieren lassen, ohne zu verderben. Das Geheimnis muss unberührt bleiben. Der Gott der Sonne, das Wissen, führt zum Moloch, und nur Tanit, die Göttin des Mondes, die das Wesen verdeckt, erlaubt den Frieden. Dass diese dualistische Gestaltung auf den ersten Blick auf die Kritiker unbefriedigt gewirkt hat, mag damit zusammenhängen, dass sie nicht zu schätzen wussten, wie der Roman selbst das dualistische Ensemble als blinder Fleck zusammenhält. Die Erzählweise, in ihrer Darstellung, betreibt jene Impulskontrolle, die den Figuren abhanden gekommen ist.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein Ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen.
Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.

Ich bin von deiner Löwendeutung und deren Weiterführung über den Dualismus begeistert. Habe jetzt eine Weile gebraucht das für mich weiter zu denken und ich würde gerne Lacan ins Spiel bringen.
Die Macht des Signifikanten bleibt auch über den Tod des Löwen hinaus bestehen. Das Subjekt befindet sich nach wie vor in seinem Schatten. Und der scheinbare Dualismus ist das Möbiusband. Thanatos- Eros – Matho – Salammbo.
Thanatos wird gebannt: Der gekreuzigte Löwe. Das Opfer ist Salammbo. Sie steht für den gekreuzigten Löwen. Ihr Ideal kann nur durch Opfer und Unterdrückung aufrecht erhalten werden.
Matho ist der Löwe der sich vermehrt, in seiner wilden Natur das Chaos bringt. Der Bann hält nicht.
Thanatos ist Eros Bedingung seiner Möglichkeiten. Der Löwe steht für beide Seiten. Mit Mathos Tod, hat der Signifikant seine Bestimmung bekommen, in der Salambo nicht aufgehen kann, da sie nur in der Bewegung, dem Gleiten der Signifikanten existiert.
Sie fällt aus der Ordnung heraus. Sobald die Bewegung stoppt, fällt sie ins Nichts.
Ja, und Flaubert der als blinder Fleck zusammenhält. Seine Hypersymbolik verschiebt sich nämlich. Sie ist nicht starr. Wir haben sehr viele Möglichkeiten der Bedeutung. Deshalb kann der Text unter der Last seiner „Ordnung“ aufbrechen und das Chaos frei legen – die Wollust, den Exzess. Nur dass er im Gegensatz zu seinem Romanfiguren die Impulskontrolle hat. Ein kontrollierter Zusammenbruch. Der Löwenkäfig.
Danke 😀 ich war auch sehr glücklich über diesen roten Faden der gekreuzigten Löwen – Flauberts Schreibweise als Löwenkäfig gibt dem Symbolischen den letzten Schliff. Ich müsste das jetzt mal an den Versuchungen des heiligen Antonius erproben. Vielleicht gibt es auch ähnliche Metaphern. Die Selbstannihilation des Todestrieb scheint Flauberts Thema gewesen zu sein. Ich denke, von hier aus, lässt sich viel über seine Schreibtechniken verstehen. Mit Lacan lässt sich sehr gut das Gleiten der Signifikanten verstehen, sowieso, nur wo ist die Zeit, könnte eine Psychoanalyse der Sprache von Flaubert total interessant sein. Sartre hat dies in „Der Idiot der Familie“ ansatzweise getan, aber mit Freud, mit Lacan wäre es bestimmt noch interessanter geworden. Viele Grüße!
Den Spaß der Analyse nach Lacan gönne ich mir in Zukunft, wenn ich die Schriften durchgearbeitet habe. Das Gleiten der Signifikanten war nun mal direkt Thema des ersten Seminars. Da musste ich einfach zuschlagen, hehe. Denke auch, dass Flaubert ein extrem ergiebiges Studienobjekt abgibt. Die Versuchung des heiligen Antonius wollte ich bald lesen. Ich werde ein Auge auf die Metaphorik haben 🤓.
Juten Start ins Wochenende!