Kalenderwoche 46-47. Lesebericht.

Kalenderwoche 46-47. Lesebericht.

Wegen Wintersmüdigkeit, Angeschlagenheit und einer allgemeinen Denkträgheit gibt es nicht viel zu berichten. Hauptsächlich beschäftigte ich mich in den letzten zwei Wochen mit Elfriede Jelineks Angabe der Person. Im Laufe der Lektüre kristallisierte sich heraus, dass vieles in Jelineks neuestem Roman auf Franz Kafkas Der Prozess verwies. Zu meinem Schrecken stellte ich aber fest, dass die Kafka-Lektüre nun schon Jahrzehnte zurückliegt und ich mich kaum noch an Details erinnerte. Nur schemenhaft geisterten die Szenen in meinem Gedächtnis herum. Erschwerend kam hinzu, dass in meinem Exemplar von Der Prozess gar keine Anstreichungen und Anmerkungen zu finden gewesen sind. Mir blieb also aus Konsistenzgründen gar nichts anderes übrig, als den Roman erneut zu lesen, um meinen Eindruck, dass dieser eng mit Jelineks neustem Roman verknüpft ist, auch am Text begründen zu können. Also las ich Der Prozess [Max Brod-Ausgabe] erneut, was, je genauer ich las, zu immer mehr Verwirrung Anlass gab, die nur kurz von narrativen Stellen wie dieser unterbrochen wurde:

An einem Wintervormittag – draußen fiel Schnee im trüben Licht – saß K., trotz der frühen Stunde schon äußerst müde, in seinem Büro. Um sich wenigstens vor den unteren Beamten zu schützen, hatte er dem Diener den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen einzulassen, da er mit einer größeren Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten, drehte er sich in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.

Franz Kafka aus: „Der Prozess“
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Elfriede Jelinek: „Angabe der Person“

Kommunikativ schweigen und doch schreiben …

Die Texte von Elfriede Jelinek changieren stets zwischen den Sprachwelten. Sie setzen sich aus Zitaten, Pastiches, aus den verschiedensten Quellen zusammen. Die Schreibende nimmt alles auf, hört Radio, sieht fern, liest Zeitung, Bücher, Theaterstücke, um sich Stichwörter geben zu lassen, mithilfe derer sie improvisierend, paraphrasierend den Rahmen ihrer Gesamtkonzeption füllt. Die Massenmedien taugen als Delphisches Orakel und fungieren wie das Soufflieren im Theater. Konsequenterweise verwirklicht ein solches Schreiben keine hermetische, zeitenthobene Form. Alles bleibt und wird Kommentar. Ob dieser sich als Theaterstück, Blogbeitrag oder Roman realisiert, erscheint nebensächlich. Elfriede Jelinek bricht also kein Schweigen, wenn sie nach 22-jähriger Abstinenz wieder einmal einen verlagsvertriebenen Roman vorlegt, denn auch ohne Roman gab es in dieser Zeit viel von ihr zu hören und zu lesen, bspw. im Theater oder auf ihrem Blog. In Angabe der Person greift sie nun nach langer Zeit wieder zur Prosaform:

Der eine Satz weiß nicht, was der andre zu bedeuten hat, sie hören nicht auf mich, sie hören nicht, was ich sage, sie fühlen nicht, was ich höre, die blöden Sätze, nein, umgekehrt, sie hören nicht, was ich fühle, sie sagen etwas, sie sagen etwas dagegen, doch was sie von mir wollen, das sagen sie nicht, das wissen sie.

Elfriede Jelinek aus: „Angabe der Person“
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Ágota Kristóf: „Das große Heft“

Vom Leben und Überleben …

finbarsgift lenkte in einem Kommentar meine Aufmerksamkeit auf die stilistisch-sprachlichen Ähnlichkeiten zwischen Fräulein Smillas Gespür für Schnee von Peter Høeg und den Romanen von Ágota Kristóf. Neugierig geworden entschied ich mich für Kristófs Roman Das große Heft. Es lässt sich als der Auftaktband einer Trilogie begreifen, steht aber in minimalistischer Wucht auch für sich allein und behandelt eine Welt, die völlig aus den Fugen geraten ist:

Er öffnet die Tür [zum Luftschutzraum] und stößt uns hinein. Es herrscht völlige Stille. Die Frauen drücken ihre Kinder an sich. Plötzlich explodieren irgendwo Bomben. Die Explosionen kommen immer näher. Der Mann, der uns in den Keller gebracht hat, wirft sich auf den Kohlenhaufen, der sich in einer Ecke befindet, und versucht sich darin zu vergraben. Ein paar Frauen lachen verächtlich. Eine ältere Frau sagt – Seine Nerven sind zerrüttet. Er hat Urlaub deswegen.

Ágota Kristóf aus: „Das große Heft“
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