Christian Kracht: „Air“

Dass eine Parallelwelt in einer erzählten Welt auftaucht, gehört zu den üblichen Weisen in der Literatur, Allegorien zu schaffen oder symbolische Vermittlungsversuche zu bewerkstelligen. Mark Twains Ein Yankee aus Conneticut an König Artus‘ Hof verarbeitet bspw. die Konfrontation von der Moderne mit dem Mittelalter, wenn er einen US-amerikanischen Vorarbeiter und Ingenieur einer Waffenfabrik in Hartford, Conneticut, die gesellschaftlichen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert dem 6. Jahrhundert überstülpt. Ein anderes Beispiel wäre Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz, in der die Konfrontation mit der Sterblichkeit durch den Tod in einer Parallelwelt vollzogen wird. Christian Krachts neuer Roman Air betreibt ein ähnliches Zwei-Welten-Unterfangen und bezieht sich explizit auf Lindgrens Roman:

Dort war schon das steinerne, weiß getünchte Haus mit dem Grasdach, die alte rote Telefonzelle daneben, die zur Gratisbuchhandlung umfunktioniert worden war – man nahm sich ein Buch, und wenn man Zeit hatte, stellte man ein anderes wieder hinein. Es war meistens nur Schund, dennoch hatte [Paul] neulich Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren gefunden, eine schöne englische Erstausgabe, und sie mitgenommen, aber kein neues wieder nachgefüllt, und er fühlte deshalb eine unbestimmte Schuld.
Christian Kracht aus: „Air“

„Christian Kracht: „Air““ weiterlesen

Thomas Hettche: „Sinkende Sterne“                         

Verzagte Polemik und Bauernromantik … SWR-Bestenliste 11/2023

Sinkende Sterne von Thomas Hettche liest sich vor allem als Roman über Romane, als Literatur über Literatur, als das Erzählen übers Erzählen. Diese Verweisstruktur bringt Gefahren mit sich. Umberto Ecos ausschweifendes Das Foucaultsche Pendel oder auch Passagen in Die Insel des vorigen Tages spielen auf der Klaviatur des Zitats und der Permutationen des Gelesenen, also sekundär Erinnerten, und ufern zum Teil aus. Popliteratur insgesamt verliert oft den erzählerischen Rahmen und sprengt alles zugunsten einer kulturellen und universell-gültigen Verweisstruktur auf. Oft bleiben nur Assoziationen, nur Fragmente, Bruchstücke eines Erzählens übrig, so auch bei Hettche in Sinkende Sterne:

Was geschehen sei, als die Frist abgelaufen war, wollte [Marietta] wissen. Ich freute mich so sehr, sie wiederzusehen, dass es mir ganz unnötig schien, jetzt davon zu sprechen. ‚Männer sind sinkende Sterne‘, dachte ich. Isabelle Huppert hat diesen Satz, der mir sofort einleuchtete, vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt.

Thomas Hettche aus: „Sinkende Sterne“
„Thomas Hettche: „Sinkende Sterne“                         “ weiterlesen
Die mobile Version verlassen
%%footer%%