Henri Alain-Fournier: „Der große Meaulnes“

Der große Meaulnes … Literatur, die mit Schmerz versöhnt, ohne ihn zu verleugnen …

Wie der Bewusstseinsstrom, oder stream of consciousness, mit James Joyces Ulysses (1922) als literarisches Mittel verknüpft wird und nicht mit Édouard Dujardins Geschnittener Lorbeer (1888), so wird auch die Sequenzierung und Ineinanderüberblendung der literarischen Erinnerungstechnik von Traum und Wirklichkeit meist mit Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (1913) in Verbindung gebracht und nicht mit Henri Alain-Fourniers Der große Meaulnes (1913), der zur selben Zeit entstand und zu seiner Zeit sogar populärer gewesen ist. Wie Proust taucht Alain-Fournier tief in die Mythen und Zeitlosigkeiten der Kindheit und Jugend ein:

Alle Jahre holten wir [meine Großeltern] einige Tage vor Weihnachten an der Bahnstation vom Zug um vier Uhr zwei ab. Um uns zu besuchen, hatten sie das ganze Département durchquert, beladen mit Säcken voller Kastanien und mit Lebensmitteln für Weihnachten, die in Handtücher eingewickelt waren. Sobald sie alle beide eingemummelt, lächelnd und ein wenig schüchtern die Schwelle des Hauses überschritten hatten, schlossen wir hinter ihnen alle Türen, und eine ganze Woche voller Freude begann.

Henri Alain-Fournier aus: „Der große Meaulnes“
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Raphaela Edelbauer: „Die Inkommensurablen“

Sprachfreudige Ideologiekritik im Vorkriegswien … Longlist des Deutschen Buchpreises 2023

Raphaela Edelbauers neuer Roman Die Inkommensurablen lebt von dem Zauber, den die Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts ausstrahlte. Er steht im Zusammenhang mit dem kollektiven Unbewussten eines Carl Gustav Jungs, mit dem Geheimnisvollen der Mathematik des Unendlichen eines Georg Cantors und dem nationalistischen Zeitgeist eines Vorkriegswiens im Jahre 1914, auf das die kommenden Schrecken des 1. Weltkrieges noch warten. Sprachlich und stilistisch stellt sich Edelbauers Roman in die Tradition eines Robert Musils aus Der Mann ohne Eigenschaften, Alfred Kubins Die andere Seite und Hermann Hesses Die Morgenlandfahrer. Zwischen den Zeilen schimmert ein Unbehagen an einem selbstbezogenen ästhetisch-begründeten Hedonismus hindurch, dem David Foster Wallace auf eigenwillige Weise in Unendlicher Spaß eine Absage erteilt. Im Gegensatz zu diesem verbleibt Edelbauer aber ganz und gar klassizistisch:

Wer die Karlskirche betritt, befindet sich in zu Stein gewordenem Gedächtnis. Sie ist aber – ganz als hätte ihr Grazer Architekt auch der österreichischen Seele als Ganzem ein Denkmal setzen wollen – nicht nur ein eklektizistisches Kind eines Vielvölkerstaates. Sie ist auch ein Meisterstück abgeschlossener Vereinzelung. Fischer von Erlach orientierte sich beim Bau an den Schriften des Mathematikers Gottfried Wilhelm Leibniz, und so ist die Karlskirche, ganz wie Wien selbst, Monade: fensterlos und gegen Veränderung indifferent.

Raphaela Edelbauer aus: „Die Inkommensurablen“
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