Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Im ersten Licht von Norbert Gstrein erzählt die Geschichte eines 1901 geborenen Mannes, der zwei Weltkriege und das Ende des Kalten Krieges erlebt und bis 1988 wartet, jemandem von seinen Erinnerungen zu erzählen. Sein Name lautet Adrian Reiter, begeisterter Kriegshistoriker und Kavallerie-Forscher, und erinnert von den Lebensumständen her betrachtet an John Williams Stoner oder auch an den Butler Mr. Stevens aus Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrigblieb. Es handelt sich eher um stille, sich zurücknehmende männliche Charaktere, die sich ihrer jeweiligen Umwelt anpassen oder anpassen müssen und so stets im Hintergrund zu versinken drohen. Als Archetyp können solche Figuren von Harry Haller, der Hauptfigur aus Hermann Hesses Der Steppenwolf (1927), zehren. Adrian Reiter zeichnet im Gegensatz zu den genannten jedoch eine gewisse Kriegs- oder Kavallerie-Begeisterung aus:
Adrian hätte an diesem Tag selbst gern mitgespielt. Er war nicht im Krieg gewesen, aber [die Kriegsversehrten] waren alle fast gleich alt wie er, nur wenige Jahre älter, und er fühlte sich ihnen in einer paradoxen Sehnsucht zugehörig und hätte noch Jahre später im Schlaf ihre Namen aufsagen können, kaum dass er sie einmal gehört hatte, natürlich bloß die Nachnamen, wie es beim Militär üblich war, sechs an der Zahl […] War es Loyalität? War es bloß sein schlechtes Gewissen? War es Begeisterung? Ein jeder von ihnen hatte seine Schreckensgeschichte, die Adrian erspart geblieben war, und er konnte nicht sagen, warum er jeden einzelnen als seinen Bruder empfand.
Norbert Gstrein aus: „Im ersten Licht“
Inhalt/Plot:
Mit Adrian Reiter beackert Gstrein ein eigenartiges Gelände, das sich zwischen Todessehnsucht und der Anziehung zum Adligen, zu einem vermeintlich Höheren hin aufspannt, zu dem dann Adrian letztlich auch durch die Kriegsversehrten in der Ellerschen Villa Zugang findet. Insbesondere die englische Nobilität begeistert ihn, das Stille, Friedliche und Edle, das er durch Frau Eller kennenlernt, die über die Spaziergänge in den Downs schwärmt:
Adrian ahnte, dass sie von England, er ahnte, dass sie von den Downs sprechen würde, noch bevor sie damit anfing, weil sie es so oft getan hatte, aber es war ihm noch nie aufgefallen, wieviel Selbstzerstörerisches in ihrer Sehnsucht lag. Sie hatte sich ein Plaid übergelegt und schien darunter zu zittern. »Wissen Sie, was das Schönste auf der Welt ist?« Er antwortete nicht. »Ein Pferd über die Downs laufen zu sehen.«
Im ersten Licht beschreibt das Leben eines Mannes, der Reiter heißt, aber nie geritten ist, der sich vom Krieg begeistern lässt, ohne ihn je erlebt zu haben, der sich in Bücher wühlt, um alles über die Kavallerie und den Ersten Weltkrieg in Erfahrung zu bringen in der Hoffnung, sich irgendwann seiner Jugendfreunde würdig fühlen können, und von der Herrschaftlichkeit des Englischen zu träumen beginnt, ohne mit diesem in Berührung gekommen zu sein. Er führt das Leben als Rezeptionist in einem Hotel, hat eine Freundin namens Karla, die bald selbst eine Gastwirtschaft übernimmt. Doch diese Art des Lebens reicht für seinen schwärmerischen Charakter nicht hin. Ihn treibt die Größe, das Erhabene, das Edle, das ihn an den Kriegsversehrten fasziniert, die aber im Laufe der Jahre, die Verletzungen und Umstände der Nachkriegszeit nicht ertragend, mehrheitlich Selbstmord begehen. Diese Selbstmordserie belastet Adrian, verhindern jedoch nicht, dass er das ländliche Leben samt seines Vaters und Karlas hinter sich lässt und Frau Ellers Einladung nach Wien folgt, wo er studiert, um später auf einer ebenfalls von Frau Eller vermittelten Stelle in Salzburg als Gymnasiallehrer Englisch und Geschichte zu unterrichten. Dort stößt er besonders bei einem Martin Baumgartner auf offene Ohren für seine Kriegsbegeisterung, der gar nicht glauben will, so realitätsnah, wie Adrian über den Krieg zu berichten weiß, dass Adrian ihn niemals aus nächster Nähe miterlebt hat:
»Aber Sie können doch nicht alles nur aus Büchern und aus Zeitungen haben«, sagte [Martin Baumgartner]. »Man hat das niedergeworfene Land nach einer Schlacht vor Augen, wenn man Sie erzählen hört. Man sieht ganze Straßenzüge in Ruinen und brennende Gehöfte in der Ferne. Man kann den Pulverdampf riechen, der sich noch nicht verzogen hat, und hört die Stille, die sich nach einem tagelangen Bombardement in alle Himmelsrichtungen ausbreitet wie eine anhaltende Bedrohung. Man hat den Verwesungsgestank aus dem Niemandsland in der Nase.«
Martin Baumgartner und Adrian verbindet daraufhin eine ungesunde Begeisterung, Scham und Angst, insbesondere als Baumgartner im Zweiten Weltkrieg zum Täter wird, Adrian einen Aufsatz über »Der Führer im Weltkrieg« auslobt und aus einer sich selbst auferlegten Schweigespirale daraufhin nicht mehr herauskommt. Er gerät hierdurch mehr und mehr in die soziale Isolation, der er später nur noch durch seine Sommerurlaube nach England in die Downs entkommt. Dort findet er Anschluss bei einer Wiedergängerin von Frau Eller, Vivian Stephens, die mit ihrer Schwester zusammen einen Gasthof führt und die Hinrichtung ihres Bruders Teddy auf dem Feld bei Ypern betrauert und moniert.
Narrativ gesehen handelt es sich bei Im ersten Licht um eine Biographie eines unbekannten Postbeamtensohnes, der unfreiwillig in die Tiefen und Untiefen des Jahrhunderts gezogen wird, mit den kommunikativ anspruchsvollen Themen wie Krieg, Tod, Leiden und Scham nicht zurande kommt und angesichts der kleinsten Widerstände stets den leichten Weg des Opportunismus wählt. Statt eines Entwicklungsromans beschreibt Norbert Gstrein also eher einen gescheiterten Läuterungsprozess, den Stillstand eines Traumas oder die Bemühung eines Mannes, sich von einer selbstauferlegten kaiserlichen und königlichen Zugehörigkeitssehnsucht zu befreien:
Eine Welt, die nicht Adrians Welt war, doch er hatte Sehnsucht danach, eine richtige k. und k. Sehnsucht, wie er sie später nannte, als müsste er sie von seiner englischen Sehnsucht unterscheiden, 1910 oder 1911 noch einmal vielleicht, selbst um den Preis, dass es dann wieder eine Herrschaft geben würde, wie es sie jetzt nicht mehr gab oder jedenfalls nicht mehr geben sollte. Der Sohn eines Postbeamten, ja, aber ein Krieg von diesem Ausmaß, nach dem kein Stein mehr auf dem anderen wäre, war damals nicht einmal denkbar gewesen.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Freundschaft mit Plot: Aussteiger/Duldsamkeit
Stil/Sprache/Form:
Gestrein schreibt in Im ersten Licht in einer sehr gemäßigten und angenehmen Diktion, die die teilweisen großen Lücken in der Lebensgeschichte Adrian Reiters so zu glätten versteht, dass diese erst im Nachgang deutlich werden und den Roman in der Retrospektive überraschenderweise in eine inkohärente Form verwandeln. Der erste Eindruck des gelungen zusammenkomponierten, symbolisch teilweise überfrachteten Materials verpufft so schlagartig und hinterlässt ein unübersichtliches, äußerst lose zusammengewürfeltes Potpourri. Diese Wirkung derart aufzuschieben, als eine formal-ästhetische Variante des Verdrängens, das sich erst im Nachgang bahnbricht, nachzuahmen, illustriert die sprachliche Energie und erstaunliche syntagmatische Geschlossenheit von Gstreins Stil, der derart beruhigt und beschwichtigt, dass sich das Geschehen zu einem angenehmen und einlullenden Singsang zusammenschließt:
Die Welt von der anderen Seite, und Adrian brauchte sich ihr gar nicht besonders zugehörig zu fühlen, um mit einem wohligen Schauder der Unzugehörigkeit auf seine eigene Welt zurückzublicken. Er war auf einer Insel, und der Kontinent, der bei Schönwetter von den Anhöhen aus mit freiem Auge zu sehen war, könnte sich jederzeit aus seiner Verankerung reißen und im aufziehenden Nebel mit Adrians österreichischem Leben in eine Drift geraten und sich mit dem ganzen Plunder von Erinnerungen, den er zu Hause angehäuft hatte, immer weiter und mit immer größerer Geschwindigkeit von ihm entfernen.
Die Disparatheit der Figur wird durch eine Nah- und Fernsichtsekletik gekittet und durch Szenen zusammenmontiert, die, je länger der Roman fortdauert, um so blitzlichthafter, zusammenhangsloser und auch beliebiger erscheinen, ohne dass dies während der Lektüre unbedingt bewusst werden müsste, bspw. dass die Frauenfiguren in diesem Roman keine Abschiedsszenen erhalten, ja kommentarlos in der Versenkung verschwinden, als hätte es sie nie gegeben, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Sprache als betäubende Macht vorzuführen, gelingt Gstrein Im ersten Licht durchaus, nur fehlt leider die dynamische Brechung, um den Stil als eine bewusste, gegenüber dem Material eingenommene Geste zu verstehen und nicht als Immunisierung und psychohygienische Distanznahme zum Erzählten schlechthin, auf die der letzte Abschnitt mit dem Titel „Anfang und Ende: Der Autor“ jedoch ziemlich unumwunden hindeutet.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Adrian Reiters Pate im Unglück heißt William Stoner aus dem gleichnamigen Roman von John Williams. Adrian, geboren 1901, Stoner, geboren 1891, erleben beide den Ersten Weltkrieg nur aus der Ferne, studieren Englisch, unterrichten Literatur und führen ein zurückgezogenes Dasein, geprägt von unglücklicher Liebe, Isolation, Missverständnissen und Zurückweisungen. Kompositorisch steht in beiden Romanen der Konflikt zwischen einem Kriegsrückkehrer und der jeweiligen, von den Folgen des Krieges verschonten Hauptfigur im Vordergrund: bei Williams Stoners Probleme mit seinem Vorgesetzten Finch und den von diesem protegierten Schüler Charles Walker; bei Gstrein die zwanghafte Verbindung von Adrian mit seinem ehemaligen Schüler Martin Baumgartner. Beide Hauptfiguren verlassen ihre Eltern auf dem Lande und ziehen in die Stadt. Beide suchen ihre Rettung im Versuch, die soziale Leiter hinaufzusteigen, in den akademischen Elfenbeinturm: Adrian vom Postbotensohn zum Salzburger Gymnasiallehrer, hin zu den Downs, in die milde englische Landschaft; Stoner vom Farmersohn in Missouri zur Dozentur an der Columbia und in die Salons des Finanzadels von St. Paul. Scham und Stolz reißen beide Figuren in ihrem Patriotismus und Männlichkeitsbild hin und her, insbesondere angesichts des Krieges und dessen Folgen:
Ein anderer Teil von [Stoner] aber fühlte sich von ebenjenem Inferno außerordentlich angezogen, vor dem er zugleich zurückschreckte. Er entdeckte in sich eine Fähigkeit zur Gewalt, von der er bislang nichts geahnt hatte: Er sehnte sich danach, dabei zu sein, sehnte sich nach dem Geschmack des Todes, der galligen Freude des Zerstörens, dem Geruch des Blutes. Er empfand Scham und Stolz, vor allem aber eine bittere Enttäuschung über sich selbst sowie über die Zeiten und Umstände, die ihn möglich machten.
John Williams aus: „Stoner“
Die Romane unterscheiden sich trotz ihrer beinahe stofflich gesehen identisch angelegten Figuren jedoch maßgeblich darin, dass Williams in Stoner durchweg personal, bescheiden und privatim unallegorisch erzählt und die romantisch-angehauchte Figur durch äußere Umständen in Mitleidenschaft gezogen wird, wohingegen Gstrein in Im ersten Licht distanziert über Adrian berichtet, ihn an sich selbst und an seiner Inkommunikativität scheitern lässt und zudem auktorial bedeutungsreiche Nuancen in seinen Roman einstreut, bspw. die Faustische Gestalt von Martin Baumgartner, die Adrian versucht, dessen Name bedeutungsschwanger an Adrian Leverkühn aus Thomas Manns Doktor Faustus gemahnt; oder Österreichs mehrfach angesprochener Verlust des Meeres, das Ingeborg Bachmanns Gedicht Böhmen liegt am Meer herbeizitiert und so wiederum auf Adria und die Hauptfigur Adrian verweist. Gstrein geizt nicht mit Anspielungen und symbolischen Bedeutungsräumen, drückt aber hierdurch die Hauptfigur zunehmend an die Wand, die am Ende zum Symbol der österreichischen und deutschen Schweigespirale wird und darauf hofft, von einem Engel der Geschichte gerettet zu werden:
Anders verhielt es sich mit dem »Engel« im Schlafzimmer … Ein Engel mit riesigen Schwingen, die aus seinen Schultern wuchsen, der über einem Gefallenen auf dem Schlachtfeld kniete und mit brennend schwarzen Augen auf ihn niederblickte, während in seinem Rücken die Sonne aufging. Siebenundachtzig Jahre alt, ein Jahr älter als der Kaiser bei seinem Tod, und einen Engel im Schlafzimmer, der zu spät gekommen war, wie sollte er das jemandem erklären?
Der große Unterschied zwischen Stoner und Was vom Tage übrigblieb, die beide von Opportunisten, also sanften und konfliktscheuen Männern handeln, zu Gstreins Im ersten Licht besteht in der Empathie, die die ersten für ihre Figuren aufbringen, letzterer aber seiner Figur verweigert. Die Distanznahme gegenüber Adrian zeigt sich in der unaufgeklärten Erzählperspektive, den ironisch-gebrochenen Kommentaren, dem teilweise süffisanten symbolischen Beiwerk und dem am Ende, in dritter Person auf sich hinweisenden Selbstbezug des Autors durch Erwähnung seines Debüts Einer, der hinter der Maske eines Versprechens also von einer Figur, hier Adrian, erzählt hat, die er weder kannte noch kennenlernen wollte. Konsequent heißt es auch in diesem Erstling von Gstrein:
[…] und was hieße das, später, Vergangenheit, wenn er sich nicht einmal daran erinnerte? In der Stadt mochte er zuweilen darüber nachgedacht haben, aber es war müßig, weil man immer nur von einer Grenze zur nächsten kam, und dahinter? Er mußte glauben, was die anderen erzählten, oder erfand die eigene Geschichte, oder er trank und versuchte, alles zu vergessen, oder scherte sich wenigstens keinen Deut darum, was einmal gewesen wäre.
Norbert Gstrein aus: „Einer“
Im ersten Licht gewährt im Rückblick eine ambivalente Lektüre. Gstreins Roman besticht durch seine Sprache und glättende Erzählweise, die scheinbar mühelos Disparates zusammenbringt, jedoch den Figuren, vor allem seiner Hauptfigur, kaum Leben einzuhauchen versteht. Kompositorisch als Triptychon angelegt, zusammengehalten durch den Vorwurf eines politischen Schweigens, fallen die einzelnen Szenen am Ende auseinander wie ein Alptraum. Das Erzählen hinter vorgehaltener Hand stellt weder Fragen noch gibt es Antworten. Es wirkt wie ein selbstgenügsames Spiel, wie ein souveränes Abarbeiten einer ungern übernommenen Pflichtaufgabe, die aber noch auf eine intensive Auseinandersetzung wartet und so weiterhin durch den Text und über ihn hinaus in die Öffentlichkeit wabert. Von dieser Warte aus betrachtet ist Norbert Gstrein mit Im ersten Licht ein sich in den eigenen Abgrund versenkendes, sich selbst desavouierendes, unheimliches Mahnmal gelungen.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere Rezension:
lesefalten
In den nächsten zwei Wochen, bis zur Verkündigung des Leipziger Buchmessepreises 2026, bespreche ich die Titel auf der Shortlist und gebe eine kurze Einschätzung am Tag der Auslobung, am 19. März:
Katerina Poladjan: „Goldstrand“
Elli Unruh: „Fische im Trüben“
Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“
Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“
Die Kurzversion findet sich hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

Die Ähnlichkeit mit Stoner ist mir gar nicht aufgefallen. Danke dafür. Und ja, ich fand Adrian auch sehr unnahbar. Für mich ist auch viel zu viel Krieg im Roman. Das kannte ich von Gstrein bisher nicht. Überhaupt liegt eine düstere Atmosphäre über dem Ganzen, sogar über der Liebesgeschichte im Alter.
Viele Grüße!
Die äußere Ähnlichkeiten sind frappierend und zudem wird ein fast gleich verlaufendes Sozialleben (das des Aufsteigers) beschrieben, der sich aber nicht wohl in seiner Haut fühlt. Bei Adrian führt es zur Starre, Stoner hat ja die Kunst, die Literatur, für die er sich begeistert und bleibt warmherzig. Für mich stürzt Gstrein genau da ab, wo du die düstere Atmosphäre verortest, in England. Was mich wirklich aber ärgert, dass es nicht mal einen Abschied von Vivian gibt. Ein Autounfall und aus die Maus? Kein Urlaub, keine Gespräche, keine Briefe mehr. Bittere soziale Dynamik. Es hat mich sehr verdrossen gemacht, das Buch. Weiß nicht, ob ich von Gstrein noch etwas lesen möchte.