Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik“ (i: Hegels Kunstbegriff)

Die Vorlesungen über die Ästhetik (1835) von Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehören zu den maßgeblichsten Abhandlungen des ästhetischen Feldes der Neuzeit. Zusammen mit Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft(1790), Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie (1970) und Umberto Ecos Das offene Kunstwerk (1977) spannen sie einen begrifflichen sehr differenzierten Raum auf, in welchem noch die verschiedensten Gemischlagen ästhetischer Interventionen ihren Platz zu finden vermögen. Hegel selbst bricht in diesem Raum eine Lanze für das synthetisierende, harmonisch-dynamische Kunstwerk, wohingegen Kant das sittlich-statische bevorzugt und Adorno den selbstimmunisierend-autonomen und Eco dem verspielt-kaleidoskopisch postmodernen Werken das Wort redet. Im folgenden will ich in der Reihe meiner Bemühungen, das bisherige ästhetische Feld in seiner vollumfänglichen Begrifflichkeit zu umreißen, den Hegelschen Kunstbegriff vorstellen, seine Maßstäbe des artistischen Gelingens und die Stufen und Paradigmen der ästhetischen Entwicklung. Als Ausgangspunkt nehme folgendes Zitat aus Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830):

Die Gestalt dieses Wissens [das der Kunst] ist als unmittelbar (das Moment der Endlichkeit der Kunst) einerseits ein Zerfallen in ein Werk von äußerlichem gemeinen Dasein, in das dasselbe produzierende und in das anschauende und verehrende Subjekt; andererseits ist sie die konkrete Anschauung und Vorstellung des an sich absoluten Geistes als des Ideals, – der aus dem subjektiven Geiste geborenen konkreten Gestalt, in welcher die natürliche Unmittelbarkeit nur Zeichen der Idee [ist], zu deren Ausdruck so durch den einbildenden Geist verklärt ist, daß die Gestalt sonst nichts anderes an ihr zeigt; – die Gestalt der Schönheit.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus: „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“

Hegels Kunstbegriff

Die Tatsache, dass ein Kunstwerk erscheint, verleiht diesem eine Endlichkeit. Es besitzt einen Rahmen, eine Ausdehnung in Zeit oder Raum oder beidem, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. In diesem Sinne besitzt es keine in sich offene, immer über sich hinauswachsende Unendlichkeit wie bspw. der schaffende, schöpferische kosmische Evolutionsprozess, den Hegel Weltgeist nennt und das unendlich offene Absolute sich selbst Erschaffende darstellt. Das Kunstwerk, als Endliches, wird erschaffen, erschafft sich nicht selbst, und betrachtet und steht der Allgemeinheit zur Verfügung als Ding, als Etwas. Es ist endlich.

Bis hierhin also unterscheidet sich das Kunstwerk von keinem produzierten, hergestellten Gegenstand. Hegel expliziert deshalb, dass das Kunstwerk den absoluten Geist als Ideal konkret veranschaulicht. In seiner Ästhetik umschreibt er das Ideal wie folgt:

Die in sich konkrete Idee […] trägt das Prinzip ihrer Erscheinungsweise in sich selbst und ist dadurch ihr eigenes freies Gestalten. So bringt erst die wahrhaft konkrete Idee die wahre Gestalt hervor, und dieses Entsprechen beider ist das Ideal.

Georg Friedrich Hegel aus: „Vorlesungen über die Ästhetik

Das Ideal also entsteht dadurch, dass eine Gestalt ihr eigenes Entstehungsprinzip zur Erscheinung bringt. Das, was erscheint, erscheint auf eine stimmige, sich zusammenschließende, harmonische Art und Weise derart, dass es so, wie es ist und erscheint, abgeschlossen, fertig und als lebendiges Ganzes unveränderbar und auf sich selbst bezogen zufrieden wirkt. Ein Kunstwerk lässt sich vor diesem Hintergrund nur zerstören, nicht verbessern. Es erscheint in diesem Sinne als notwendig und in sich rundend und sich auf sich selbst beziehend singulär. Hegel hat hier wohl das Ideal der klassischen Kunst vor Augen, die Skulptur der klassischen Antike, die er als Höhepunkt des Ästhetischen schlechthin begreift. Rainer Maria Rilke fasst es in seinem berühmten Gedicht vom Archaïscher Torso Apollos (1908) wie folgt:

Aber/ sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,/ sich hält und glänzt. […]
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,/ die dich nicht sieht.

Rainer Maria Rilke aus: „Neuen Gedichte“

Die Skulptur selbst verweist auf den Geist, der den Körper belebt, auf das gespeicherte, sinnliche Erleben einer sich seiner selbst bewusst werdenden Individualität. Von dieser Form spricht Hegel, sobald der Begriff Ideal fällt, die geistige Durchdringung des Materials, die Verfeinerung und Durchformung des Groben in der mit allen seinen Details und Einzelheiten harmonierenden synthetischen Gesamtgestalt, die die Realität idealisiert.

Ebensosehr aber setzt das Ideal seinen Fuß in die Sinnlichkeit und deren Naturgestalt hinein, doch zieht ihn wie das Bereich des Äußeren zugleich zu sich zurück, indem die Kunst den Apparat, dessen die äußere Erscheinung zu ihrer Selbsterhaltung bedarf, zu den Grenzen zurückzuführen weiß, innerhalb welcher das Äußere die Manifestation der geistigen Freiheit sein kann. Dadurch allein steht das Ideal im Äußerlichen mit sich selbst zusammengeschlossen frei auf sich beruhend da, als sinnlich selig in sich, seiner sich freuend und genießend.

Im Eingangszitat noch folgt jedoch eine weitere Einschränkung, nämlich dass die Idealität nur als Zeichen der Idee verwirklicht wird. Das Kunstwerk erscheint als verkörpertes Wissen, also als eine endliche Form, als Ding, das im Sinne des Ideals, also der Durchformung der in sich belebten, sich entfaltenden beseelten Materie gestaltet wird. Dieses Ideal nun, als Unmittelbarkeit, vermag die Belebtheit nicht aus sich heraus zu verwirklichen, denn das Ding, als Endlichkeit, besitzt keine Lebendigkeit. Es besitzt die Idee als Ideal, indem es sich als schöne Gestalt sich verwirklicht hat und durch Schönheit eben eine Art Funken des Lebens mit sich führt, der an die Idee gemahnt, aber vom Betrachter, „dem verehrenden Subjekt“ erschlossen werden muss.

Hegels Begriff des Schönen

Hegels Begriff des Schönen basiert auf dem sinnlichen Erscheinen der Idee, lässt sich also nur durch seinen eminenten Begriff der Idee verstehen, der als Schlüsse und zugleich als Paradoxon seiner gesamten Logik zugrunde liegt. Er begreift die Idee wie folgt:

Idee nun überhaupt ist nichts anderes als der Begriff, die Realität des Begriffs und die Einheit beider.

In der Idee selbst verwirklicht sich das bewegende, trennende Prinzip, der urteilende Begriff, durch den allein die Wirklichkeit ihre Endlichkeit, auch das Kunstwerk selbst, überwindet, nämlich als Verwandlung und Durchformung eines sich explorierenden kosmischen Ganzen. Diese Überwindung vermag die Kunst nicht zu leisten. Das Kunstwerk selbst erinnert mit seiner Schönheit an die geistige Kraft, die sich in ihm implizit aufzeigt und die sich, Harmonie und Synthesis erzeugend, mittels des materiellen Kontinuums selbst erforscht und nach Selbstbewusstheit und Selbstgewissheit strebt. Die Schönheit setzt er als Inspiration, die alle Gegensätze zeitlich überwindet und über sich hinaus, zu neuen Stufen formend, versöhnt.

Das Schöne bestimmt sich dadurch als das sinnliche Scheinen der Idee.

Im Schönen erblickt der Geist seine eigene Freiheit, seine Wahrheit, sein dynamisches, gestalterisches Sein als Zeichen. Das Absolute im Hegelschen Sinne selbst vermag das Kunstwerk nicht vollends zu fassen, da es an der Erscheinung, an die Sinnlichkeit gebunden bleibt, sich also nur augenblickhaft verwirklicht, keine Beständigkeit besitzt, stets nur immer wieder aufs Neue durch geistige Betätigung durch Betrachtung oder Rezeption evoziert werden kann. Das Kunstwerk selbst bedarf zur Entfaltung oder Verwirklichung der Schönheit der sich über sich hinweg hebenden Erinnerungsarbeit des Geistes, und deshalb betont Hegel, dass Schönheit selbst nur als begriffliche, als Spurenlesung, vollends verwirklicht werden kann:

So bleibt der Verstand stets im Endlichen, Einseitigen und Unwahren stehen. Das Schöne dagegen ist in sich selber unendlich und frei.

Hiermit sagt Hegel, dass das bloße sinnliche Genießen, das Wohlgefallen oder die konsumierende Rezeption nicht die Schönheit des Ideals erreicht. Ein Kunstwerk bleibt auf das erschließende, erinnernde, sich in die Gestalt hinein versetzende Bewusstsein als Geist angewiesen, um sich in seiner Zeichenhaftigkeit auf das Absolute hin zu verwirklichen. Es erscheint hiermit als eine Art Medium und Erinnerungsform, als Spur eines Augenblicks der Inspiration, die durch selbige wieder belebt und innerlich, im Geist, zur Entfaltung gebracht werden kann. Neumodisch gesprochen: das Kunstwerk dient als Speichermedium eines seiner Zeitlichkeit innerlich gewordenen Seins. Es komprimiert und verdichtet eine ästhetisch-kosmischen Selbsterfahrung, die über die schöne Gestalt durch die Zeit hinweg getragen und stets erneut, als Andacht, von anderen wiedererfahren werden kann. Diese Arbeit gelingt erstens nicht immer und jedem und muss stets aufs neue, bei jedem Rezeptionsakt geleistet werden – die Endlichkeit der Kunst heißt hier, das Schöne blüht nur für einen kurzen Moment, bevor es stirbt, und muss immer wieder wiederbelebt werden.

Hegels Begrenzung  des Schönen aufs Menschliche

Im Gegensatz zu Immanuel Kant, der das Naturschöne bevorzugt, betont Hegel in seiner Ästhetik das Kunstschöne. Nur in diesem liegt die Aktivität der je individuellen Schaffenskraft, die in sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermittelt und hierdurch kraft einer dem inspirierten Subjekt innewohnenden Phantasie zu einem Kunstwerk idealisiert. Für Kant verbleibt das ästhetische Wohlgefallen in einer Art sittlichem Gemeinwohl und passiv behaglichem Einvernehmen, insbesondere angesichts des Naturspektakels wie eines Sonnenuntergangs oder eines Felsmassivs. Für Hegel ergibt sich darin zwar ebenfalls eine Art Wohlgefühl. Seiner geistigen Anspannung bedeutet jedoch selbst das imposanteste Naturschauspiel nichts, wie er in seinem Tagebuch Juli und August 1796 schreibt:

Weder das Auge noch die Einbildungskraft findet auf diesen formlosen Massen irgendeinen Punkt, auf dem jenes mit Wohlgefallen ruhen oder wo diese Beschäftigung oder ein Spiel finden könnte. Der Mineralog allein findet Stoff, über die Revolutionen dieser Gebirge unzureichende Mutmaßungen zu wagen. Die Vernunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art von Erhabenheit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponiert, das ihr Staunen und Bewunderung abnötigte. Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so. 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus: „Tagebuch der Reise in die Berner Oberalpen“ (1796)

Durch die vorgestellten Begriffe wird klar, weshalb Hegel sich von der Natur selbst nicht inspiriert fühlt. Sie erscheint als vergänglich, bröckelig, als dem Wind und Wetter ausgesetzt. Die Steine, die Bäume, die Blumen vergehen. Diese Vergänglichkeit strebt Hegel an zu durchschreiten. Das Kunstschöne, im Gegensatz zum Naturschönen, stellt die Zeit still durch das der Zeit enthobene Kunstwerk, also durch das Verabsolutieren eines gelungenen kosmischen Moments. Der Geist jedoch, als Mnemosyne, als Innewerdung eines Gesamtprozesses, stellt die Zeit nicht still, sondern vermittelt sich durch die Zeit hinweg als Totalität und erkennt die Lebendigkeit in der Bewegung, den Begriff, weshalb Hegel die Kunst nur vor Vorform, den Begriff, die Philosophie als formales Weltgedächtnis, als Muster, das Muster schafft, aber als Versöhnung des Individuums mit dem Kosmos und seiner Gesamtbewegung begreift. Dass der Prozess der Idealisierung, also der ästhetischen Durchformung, auch über den Menschen hinaus den ganzen Kosmos um- und ergreifen könnte, bspw. als ihrer selbst bewusst gewordenen Technologie, auf diese ästhetische Idee kommt Hegel durch seinen anthropozentrischen Blick nicht:

Das echte Ideal aber bleibt nicht beim Unbestimmten und bloß Innerlichen stehen, sondern muß in seiner Totalität auch bis zur bestimmten Anschaulichkeit des Äußeren nach allen Seiten hin herausgehen. Denn der Mensch, dieser volle Mittelpunkt des Ideals, lebt, er ist wesentlich jetzt und hier, Gegenwart, individuelle Unendlichkeit, und zum Leben gehört der Gegensatz einer umgebenden äußeren Natur überhaupt und damit ein Zusammenhang mit ihr und eine Tätigkeit in ihr.

Über den Menschen hinaus reichts nichts, da für Hegel nur im Menschen das vollendete Gedächtnis, im abstrakten, der Bauplan des Weltgewebes existiert. Wie sich nun zeigen wird, legt Hegel für das Gelingen der Kunst konsequenter stets menschliche Maßstäbe an: der Höhepunkt der symbolischen Kunst erscheint als die Sphinx, der aus dem Stein sich herausarbeitende Mensch; der der klassischen die menschliche heroische Gestalt, bspw. die Zeus-Statue des Phidias; und schließlich der der romantischen, die Magie der Hautfarbe, das Inkarnat und die handelnden Charaktere in der dramatischen Poesie wie in Sophokles‘ Antigone.

Zusammenfassend lässt sich nun sagen, dass Hegels Kunstbegriff auf dem subjektiven, individualisierten Vereinigen und Vermitteln eines inspirierten Moments mit einem Medium beruht, derart, dass die Inspiration idealisiert zu einem Zeichen der Idee wird, das Ideal, das an die über die Zeit und den Raum hinaus strebende Kraft des Geistes gemahnt, die Vergänglichkeit selbst zu überwinden und sich in seiner einsichtigen Macht zu befrieden. Das Kunstwerk gelingt es, die Schönheit eines Augenblicks zu speichern, in der Dialektik von Inhalt und Form.

Morgen, 28. März 2026, erscheint der zweite Teil meiner Besprechung von Hegels Ästhetik.

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