Judith Butler: „Die Macht der Gewaltlosigkeit“

Die gute Unterhaltung, oder: Die Kunst der kritischen Vernunft.

In Judith Butlers neuem Buch “Die Macht der Gewaltlosigkeit“ werden nebst Nachwort und Vorwort hauptsächlich in vier Kapiteln Texte von Kant und Hobbes; von Klein und Fanon; von Foucault und Benjamin; sowie von Einstein und Freud besprochen. Alle Kapitel handeln von Gewalt und Gewaltlosigkeit, Trauer und Betrauerbarkeit, Individualität und Kollektivität in lokalen wie globalen Macht- und Rechtszusammenhängen. Der klare Höhepunkt wird schließlich im dritten Kapitel erreicht, als Butler namentlich die Opfer von polizeilicher Gewalt in den USA aufzählt, Frauen, die wegen Verstößen der Straßenverkehrsordnung erschossen wurden.

Ähnlich also dem Roman von Roberto Bolano „2666“, der den Femizid an mexikanischen Frauen narrativ einzuholen versucht, indem er die Rahmenerzählung unterbricht, um eine schockierende, Hunderte Seiten lange Beschreibung des Lebens und des Todes junger, wie alter Frauen zu geben, die in Mexiko den frühzeitigen, gewaltsamen Tod durch Männer fanden, kontrastiert Butler eine hochabstrakte, diskursive Analyse mit einer unumwundenen Aufzählung von Opfern und einer klaren, namentlichen Solidaritätsbekundung: „Say her name“ und „Ni una menos“, um nur zwei Beispiele herauszugreifen.

Praktiziert wird in dem zweihundert Seiten langen Buch die Hoffnung, dass Kommunikation Frieden begünstigt, Schweigen dagegen Gewalt provoziert, Begriffsmultiplikation und -transgression also Diskurse eröffnet, unilaterale Definitionen aber Diskussionen abschnürt und Deutungshoheiten etabliert. Unumwunden bestätigt Butler den Eindruck, eine Diskursethik à la Habermas zu vertreten und auf Normativität zu setzen, in der alle Leben betrauerbar werden, der Bereich der Betrauerbarkeit vergrößert, das Leben bereichert und das Leid zunehmend vermindert wird: „So, we should perhaps make a move that is, frankly, normative […]“

In einer fortdauernden Dekonstruktion webt sich ein Netz von textlich eingeholter Zwischenmenschlichkeit, in der die Begriffe Legitimität, Macht, Individualität, Körper ihre scharfen Konturen verlieren. Der quasi-pazifistische Sprachgebrauch führt zu vielen Fragezeichen, offenen Problemen, Unentschiedenheiten und Ratlosigkeiten und eben einer schleifend-schwebenden Hoffnung, auf diese Art Empathie zwar nicht zu erzwingen, was bekanntlich nicht geht, aber im dauernden Lesefluss als Schattenriss emergieren lassen zu können. Bedeutungen, Setzungen, Abgrenzungen verblassen, blenden ineinander über, fokussieren sich prozessural auf die allseitige Gemeinsamkeit, nicht nur koexistieren zu müssen, sondern auch koexistieren zu können, also alte Vorstellungen zu überschreiten und Aggressionen letztlich auf sich selbst zurückzubiegen und so zu entschärfen.

Die verwirrenden Terminologien, die Eskapaden zwischen Triebökonomie, Biopolitik, und Psychoanalyse, Globalisierung und Kapitalismus, dienen als Mimesis einer sprachlich verwirklichten Utopie einer Theorie, die sich keine Feinde macht, weil sie keine Feinde sieht, sehen kann, ohne selbst zum Feind zu werden. Eines nämlich verhindert Butlers Sprachgebrauch von vornherein: spontane Urteilsverkündigung, plakative Frontstellung, und polemischen Populismus. Ihr Schreiben schreibt sich endlos fort, in präzisen, ausufernden, mäandernden Schleifen und unterbindet jede semantische Triebabfuhr. Am Ende steht jedenfalls der Leseeindruck eines friedlichen Unbehagens und leider auch Zweifels, ob Konflikte auf diese Weise gelöst werden können, aber, so fragt Butler selbst und mehrmals im Buch: Will man in einer Welt leben, in der diese Hoffnung, Konflikte im zwanglosen Zwang des besseren Argumentes zu lösen, nicht immer wieder befeuert, bestärkt und in die Waagschale geworfen wird? Butler sagt eindeutig: Sie jedenfalls nicht.

[…] we are for one another already faulty substitutions for irreversible pasts, neither one of us ever really getting past the desire to repair what cannot be repaired. And yet here we are, hopefully sharing a decent glass of wine.”

Judith Butler in „The Force of Nonviolence“ (p97)

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