Haruki Murakami: „Erste Person Singular“

Ein Schreiben, auf dass die Worte nicht verschwinden. (Spiegel Belletristik-Bestseller 07/2021)

In „The Great Passage“ einer japanischen Anime TV-Serie wird ein Bücherwurm verpflichtet, ein Wörterbuchprojekt weiterzutreiben, dass ein in Rente gehender Lektor begonnen hat. In einem Labyrinth der Selbstverpflichtung sondiert diese Serie in langsamen, seltsamen Unterhaltungen das besondere an Wörterbüchern, ihre eigentümliche Widerstandskraft und Persönlichkeit, die Geschichte also, die in jedem Versuch steckt, dieses und kein anderes Wörterbuch zu dieser oder jener Sprache vorzulegen. Der Protagonist, Mitsuya Majime, lebt zurückgezogen mit seiner Katze, übernimmt diese Aufgabe in sich selbst verleugnender Pflichterfüllung und findet so sein Glück, heiratet die angehende Köchin Kaguya Hayashi und lernt, spärlich, zäh, unsicher von Wort zu Wort mehr seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Angst vor Worten, vor Festlungen, Wörter, die nur schwer über die Lippen gehen, vorsichtig, bedachtsam erwogen, hin und her gedreht werden, ein „Sesam öffne dich“ der Gefühle und Träume, Utopien, verpassten Chancen und Hoffnungen auf Abenteuer, ihnen stellt sich Haruki Murakami in seinen Büchern, Kurzgeschichten, Romanen und Erzählungen. Mit „Erste Person Singular“ liegt nun ein kleiner Erzählband vor. Eine Handvoll Geschichten pendeln zwischen ereignislosen Erwägungen, Verharrungen und Erinnerungen hin und her. Nichts ist klar. Nichts ist verstanden.

Es wehte kein Wind. Ich trug ein blau-grau meliertes Fischgratjackett über einem dünnen einfarbigen Pullover und hatte eine Umhängetasche aus Leinen dabei. Die Jacke war zu neu, die Tasche zu abgenutzt. In der Hand hielt ich meinen Strauß knallroter, in Zellophan verpackter Blumen.“

Haruki Murakami

Murakami ist kein Autor der großen Töne. Wortgewalt ist ihm fremd. Sein Stil ist Bescheidenheit, Schweigen in Beredsamkeit. Das Plaudern über das, was Sprache nie ist, aber nachahmt: Musik, ein Miteinander des Klanges, ohne Bedeutung hinein geheimnissen zu müssen. Ob er über die Beatles, Jazz, über Mozart oder Mahler, ob er von Platten, Konzerten, vom Radio oder Gesang schreibt, die Sehnsucht bleibt erhalten, Nichts benennen zu müssen, lieber zartes Gestikulieren, nebulöses Beschreiben, sanftes Verneinen. Nicht er, der Autor, hat etwas zu sagen. Die Welt, sein Japan, will sprechen, aber findet nicht die richtigen Worte.

Das epochemachende Ereignis des folgenden Jahres 1965 waren für mich weder die Bombardierung Nordvietnams auf Befehl Präsident Johnsons noch die darauffolgende Eskalation des Vietnamkriegs noch die Entdeckung der endemischen Iriomote-Wildkatze, sondern der Umstand, dass ich eine Freundin hatte.

Haruki Murakami

In einer gewaltlosen Welt, die jeder Hierarchie zu entfliehen sucht, verbarrikadiert sich das schreibende Ich in einer Welt romantischer Sehnsucht. Sie will, kann aber nicht. Sie erahnt große Gefühle, traut ihnen aber nicht über den Weg. Irgendwo in der zitternden Hand dieses Schriftstellers verbirgt sich eine unangetastete Schuld nicht vergessener Aggression, ein ungesühntes Verbrechen, das die Sprache befleckt hat und nun in Bescheidenheit darben lässt. Lesend ergibt sich eine Reise durch die Zeit, gerafft zwischen Jugend und Alter, Erfolg und Misserfolg, Vergessen und Erinnerung, ein Leben, das der Zeit zu entrinnen sucht, von der Vergeblichkeit des eigenen Unterfangens aber überzeugt, Zuflucht in der Melancholie findet. Hier jedoch herrscht nur noch eines: die Hoffnung, dass das nicht alles gewesen ist, obwohl es doch, augenscheinlich, nichts anderes mehr gibt.

Dies waren lediglich zwei kleine Ereignisse in meinem unbedeutenden Leben. Im Nachhinein betrachtet, waren es nur kurze Umwege. Selbst wenn sie nicht stattgefunden hätten, wäre mein Leben wohl auch nicht anders als jetzt.

Haruki Murakami

Murakami verzichtet konsequent und erlaubt die Hoffnung auf eine Welt, in der man so gut wie vor niemandem mehr Angst zu haben braucht.

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