Kalenderwoche 21: Lesebericht.

Zwischen Utopie und Dystopie: Celan.

Zu schnell gelesen und dann auch noch zu langsam geschrieben, oder zu viel und zu wenig, je nach dem. Ich komme mit meinen Rezensionen nicht hinterher. Viele Assoziationen liegen und fliegen umher, suchen nach Verbindung und Verknüpfung, Zitate durchstöbernd, um zumindest eine Halbordnung zu bewerkstelligen. Im Arbeitstrott leider schwer zu bewerkstelligen, und dann schießt noch der neue Uwe Tellkamp-Roman dazwischen, lenkt von Sibylle Berg ab, und lässt noch gerade das David Wonschewski-Leseerlebnis zu Wort kommen. Bei all dem Gezank lockte mich letztlich der geruhsame Ernst Bloch in seine ruhige Ecke, wo er vom Abenteuer Leben schwadronierte, ein leises, langsames, schönes Reden um den heißen Brei, das manche Glück nennen.

Der Archetyp: Höchstes Gut ist der lnvarianzinhalt des glücklichsten Staunens, sein Besitz wäre der, welcher verwandelt im Augenblick und eben als dieser Augenblick, zu seinem völlig gelösten Dass.

Ernst Boch aus: „Das Prinzip Hoffnung“

Nun wieder zu meinen Kategorien: „Gekauft“, „An- und Weitergelesen“, und „Gelesen“. Ich füge nun auch die Kategorie „Zu schreiben“ an, um mich zu erinnern, welche Leseberichte noch ausstehen.

Gekauft:

Ernst Bloch: Experimentum Mundi – und zwar in der gebundenen Suhrkamp Erstausgabe. Mein altes, völlig zerlesenes Exemplar hat viele Wasserschäden, verschmierte Anmerkungen, so dass ich ihm keine weitere Durchlesung zumuten wollte. Es lungert zwischen den anderen Bloch-Bänden und ruht sich aus. Blochs letztes Werk, die Summe aus seinem philosophischen Bemühen um die Utopie, glüht und glänzt voller Wucht zum Aufbruch:

Zum anderen, auch ist die Spannung zwischen Erscheinung und Wesen, wie sie die erscheinenden Daseinsformen auf dem Weg hält und die dialektische Weltgeschichte ausmacht, selber keine logische. Sondern die Spannung kommt aus dem intensiven, anstoßenden, insistierenden, unruhigen Faktor, diesem wirklichen Sauerteig mit dem dauernden Übersteigen der jeweils gewordenen, noch inadäquat bestimmten Daseinsform.

Ernst Bloch aus: „Experimentum Mundi“

So viel Fröhlichkeit in der Logik übersteigenden Selbst- und Fremdreflexion, wo Philosophie zu Literatur, und Literatur zu Philosophie wird – also ihre gemeinsamen Wurzeln feiern.

Peter Høeg: Die Frau und der Affe – zum Lesen gekauft, aus Interesse, und durch wunderbare Kommentare darauf hingewiesen. Ich bin sehr gespannt. Ich erinnere mich, damals, als es herauskam, in ihm herumgelesen zu haben. Die sprichwörtliche Pointiertheit ist mir jedenfalls entgangen:

Wenn es möglich gewesen wäre, wenn auch nur die entfernteste Chance bestanden hätte, damit durchzukommen, dann wäre Madelene damals, gleich beim ersten Besuch, auf das Brett mit den bekanntesten dänischen Schmetterlingen geklettert und hätte zwischen den unauffälligen, zum Beispiel zwischen Kohlweißling und Kleinem Fuchs, Platz genommen und sich selbst mit einer Nadel durch die Brust festgeheftet, und zuletzt, vor der definitiven Selbstaufgabe, hätte sie in ihrer vollendetsten Schönschrift unter sich geschrieben: »Madelene Burden, geborene Mortensen. Verbreitet und ganz, ganz gewöhnlich«.

Peter Høeg aus: „Die Frau und der Affe“

Diese Lebenslust und Renitenz steigern die Vorfreude auf das anstehende Lesen sehr.

Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren – traf mich völlig überraschend. Ich habe das Erscheinen vor lauter Emsigkeit nicht bemerkt. Der Turm wartet seit Jahren auf eine Lektüre. Mich schreckte damals das schiere Ausmaß ab. Viele lobten es, aber wirklich gelesen haben es in meinem Umfeld wenige, so staubt es friedlich in meinem Regal. Der Schlaf in den Uhren erscheint mir wie ein überbordernder Franz Werfel, dessen Stern der Ungeborenen mich genauso ratlos zurückgelassen hat, wie sich Tellkamps Science-Political-Fiction für mich momentan liest.

Den Kopf in Wandnähe, auf dem Bett und schweigend, überließ ich mich dem Kreisel, der mich aufzusaugen und zu verwandeln begann, der Oktopus aber, der ich werden würde, hatte keine Knie, die seine Erkundungen behindern würden, musste er doch, ganz aus Sinneszellen bestehend, in alle Wohnungen des Hauses Wolfsstein, durch Rohre und Elektroleitungen, Mörtelfugen, Schlüssellöcher dringen können, in alle Wohnungen des Viertels, ja der ganzen Stadt.

Uwe Tellkamp aus: „Der Schlaf in den Uhren“

Alles wirkt holistisch ausführlich. Langsam jedoch stellt sich eine etwas schizoide Schiefstellung in die Erzählebene, und ich werde von Seite zu Seite gespannter, ob es beim mikrologischen Aufzählen bleibt oder sich tatsächlich noch eine verbindende Dimension ergibt.

Jan Weiler: Der Markisenmann – meine dieswöchige Wahl aus der Spiegel Belletristik Bestseller-Liste. Das Cover machte mich neugierig – das Orange-Braun, ein wenig an Mezzo-Mix und heiße Sommer auf Omas Terrasse erinnernd.

Die anderen Lagerhallen und auch die Spedition lagen unter einer dunstigen Schwüle. Obwohl es erst zehn Uhr war, stand die Luft und war erfüllt von einem Geruch, den ich hier zum ersten Mal atmete. Ich konnte ihn erst nicht richtig zuordnen, tatsächlich bestand er aus allen möglichen Schmierstoffen, Ölen, Bremsscheiben, Muff aus Polstern und alten Schränken. Es war eine Melange aus allen denkbaren Industriearomen und natürlich aus Eisen, Rost, vergammelten Kabeln und unter den Schuhen knirschenden Scherben. Das alles roch. Es stank nicht, denn dafür war dieses Odeur viel zu wenig aufgeregt.

Jan Weiler aus: „Der Markisenmann“

Ein Lesebericht folgt noch.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste:

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Affenhitze – Kobr, Michael; Klüpfel, Volker
  2. Eine Frage der Chemie – Garmus, Bonnie
  3. Der Schlaf in den Uhren – Tellkamp, Uwe
  4. Morgen kann kommen – Kürthy, Ildikó von Wunderlich
  5. Tête-à-Tête – Walker, Martin
  6. Dann lassen wir eben die Heizdecke weg! – Bergmann, Renate
  7. Schreib oder stirb – Micky Beisenherz, Sebastian Fitzek
  8. Lonely Heart – Kasten, Mona
  9. Der Geschichtenbäcker – Henn, Carsten
  10. RCE – Berg, Sibylle
  11. Der Verdächtige – Grisham, John
  12. Der Buchspazierer – Henn, Carsten
  13. Der Markisenmann – Weiler, Jan
  14. Der Papierpalast – Cowley Heller, Miranda
  15. Was im Verborgenen ruht – George, Elizabeth
  16. Die Enkelin – Schlink, Bernhard
  17. Stay away from Gretchen – Abel, Susanne
  18. Hast du uns endlich gefunden – Selge, Edgar
  19. Milde Gaben – Leon, Donna
  20. Man vergisst nicht, wie man schwimmt – Huber, Christian

Durch viele andere und fröhliche Nebenlektüren komme ich nicht hinterher, die Bestsellerliste im Überblick zu behalten. Den Großteil werde ich einfach nicht lesen können. Vor allem, weil ich mich auf Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand freue und die Woche wohl mit Uwe Tellkamps monströsem Text draufgehen wird.

Gelesen:

Jan Weiler: Markisenmann – Lesebericht folgt.

Paul Celan: Der Merdian und Der Sand aus den Urnen – voller Interesse wiedergelesen. Texte, die man immer wieder zur Hand nehmen kann, um sich und die Welt neu zu entdecken. Der Sand aus den Urnen erinnerte mich zu sehr an Der Schlaf in den Uhren. Es musste also parallel zu Tellkamp gelesen werden.

So leg das Laub zusammen mit den Seelen.
Schwing leicht den Hammer und verhüll das Angesicht.
Krön mit den Schlägen, die dem Herzen fehlen,
den Ritter, der mit fernen Mühlen ficht.

Paul Celan aus: „Traumbesitz“

Ich wünschte, Celan würde mit Tellkamp sprechen und ich dürfte zuhören.

Zu schreiben:

Nur einen Lesebericht verfasst, dafür zwei dazu gekommen.

Sibylle Berg: RCE
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter
Hari Kunzru: Red Pill
Jan Weiler: Der Markisenmann.

Ich freue mich über Anmerkungen, Vorschläge, und weitere Lesehinweise.
Trotz kälterer Tage wünsche ich allen eine fröhliche Woche!

2 Antworten auf „Kalenderwoche 21: Lesebericht.“

  1. Schöne Auswahl. Von Bloch habe ich gerade „Das Prinzip Hoffnung“ neu gekauft, ich hoffe, ich komme bald dazu. Ic habe früher viele Rezensionen geschrieben, irgendwie komme ich aktuell gar nicht mehr wirklich dazu. So viel, das ich lesen will, so viele Gedanken im Kopf, irgendwie fehlt die Zeit, dann auch noch darüber zu schreiben. Eigentlich schade, es war ja auch immer ein nochmaliges Überdenken der Lektüre. Nun, vielleicht kommt die Lust zurück. Ansonsten beschränke ich mich aktuell auf Gedanken, die oft von Büchern begleitet werden.

    Danke für die ausführlichen Einblicke (und Verleitungen zu neuen Lektüren).

  2. Ich habe das Meiste von Bloch und zwar chronologisch gelesen. „Das Prinzip Hoffnung“ aber dann nur noch auszugsweise. Ich lasse mich gerne zu einer gründlichen Lektüre anregen, aber da liegt noch dieser Brummer von Arendt auf meinem Tisch (der sich unter der Last fast biegt). Ich werde nächste Woche bestimmt über „Experimentum Mundi“ etwas schreiben, vielleicht schiebt es dann „Prinzip Hoffnung“ nach oben im Lesestapel. Diese ganzen Bücher gehen einem ja so oder so nicht verloren – die Regale füllen sich, und manchmal denke ich, man könnte zwei völlig verschiedene Leseberichte verfassen, einen direkt danach, einen ein paar Monate später. Ich glaube, die würden sich nicht sehr ähneln, weil bei einem mehr in die Tiefe, beim anderen mehr in die Breite gegangen wird (zumindest so funktioniert mein Gedächtnis, es ufert und franst die Zeit hinter sich aus).

    Vielen Dank für deinen Kommentar und die Denkanstöße auf deinem Blog. Ich lese die sehr gern, Rezensionen postet du ja immer noch, im Gewande des geselligen Reflektierens. Viele Grüße!

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