Iris Hanikas Roman handelt von zwei Frauen und zwei Städten, von Sophonisbe und Roxana, Dichterin und Ratgeberschreiberin, und von Berlin und New York, Kreuzberg und Manhattan. Es geht um Sinn, Enttäuschung, Liebe, Karriere, Beruf und Freundschaften. Es geht ums Reisen, um Partys, um Apple-Computer und das „Ingwer-Net“, um Gentrifizierung von Innenstädten, um Veränderungen und den gleichbleibenden Wechseln; vor allem jedoch geht es um den Versuch, seinen Platz in der Welt zu finden, um seinen Beobachtungsstandort zu kennzeichnen, ja, mittels eines solchen, eine Sprache zu finden und zu etablieren, auf dass die Dinge nicht sofort beliebig erscheinen, bar jeder Bedeutung des Inhalts beraubt und entleert werden.
„Iris Hanika: „Echos Kammern““ weiterlesenSebastian Fitzek: „Der erste letzte Tag“
Hermeneutik, Literaturwissenschaft, Exegesen, Soziologie, Philosophie behandeln immerzu die selbst gestellte Frage, das eigenst erfundene Problem, was denn Literatur von einer Gebrauchsanleitung, ein Gedicht von Prosa, Belletristik von Romanen, Unterhaltung von Kunst unterscheidet, Kitsch von Tiefe, Avantgarde von Brauchtum, Innovation von Reproduktion, Tradition, Bildung von Verblendung und Kulturindustrie. Sie bemühen Kriterien, erheben Anspruch vor Wirklichkeit, den ästhetischen Schein zum Prinzip, übergehen einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, voller Sympathie für das Einfache, und doch in rückhaltloser Parteilichkeit für das Differenzierte, Schwierige, ins Tiefe Zielende.
„Sebastian Fitzek: „Der erste letzte Tag““ weiterlesenBernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“
Bernardine Evaristo bietet mit ihrem Roman „Mädchen, Frau etc.“ eine eigenartige und bemerkenswerte Kommunikation an. Ihr Roman handelt von zwölf Frauen, verwoben, fern wie nah, verwandt, über mehrere Ecken befreundet, bekannt mit einer Theatermacherin namens Amma, die über ihren rebellischen Schatten springt und ein Theaterstück namens „Die letzte Amazone von Dahomey“ im National Theatre in London inszeniert. Dieses Theaterstück verbindet all diese Schicksale auf vielfältige Weise, bringt jene zusammen, die sich sonst nie kennenlernen oder über den Weg rennen würden: hochtrabende Intellektuelle, miesepetrige Lehrerinnen, drogensüchtige Eventmanagerinnen, abenteuersüchtige Teenager, karriere- und geldorientierte Bänkerinnen, alte wie junge Frauen und Männer aus den verschiedensten Lebenssituationen bunt zusammengewürfelt. Der Text ist so überladen, lang, in sich verknotet und verschlungen, dass er zu einer Momentaufnahme, ein Blitzlicht wird, ein kurzes Photo, ein post in einer langen Reihe von posts, eine story in der story, Gedankeneskapaden inmitten von vielen, anderen, gleichartigen, anderen, ähnlichen Erinnerungen, Eingebungen, Phantasien und Projektionen.
„Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.““ weiterlesenJudith Hermann: „Daheim“
„Daheim“ von Judith Hermann erzählt Geschehnisse an einem Küstendorf oder -städtchen, in das eine Frau um die Vierzig zieht. Sie lebt allein in einem abseitsgelegenen Haus, arbeitet bei ihrem Bruder (Sascha), der eine der Dorfkneipen führt und eine Beziehung mit einem verrückten Partygirl namens Nike führt, die über drei Jahrzehnte jünger als er ist. Nach einem sehr einsamen Winter zieht eine Künstlerin (Mimi) auf das Nachbargrundstück und eine Freundschaft beginnt. Die Geschehnisse drehen sich um Beziehungs- und Elternprobleme, um Missverständnisse und darum, wie man einen Marder fängt, der sich ins Dachgebälk eingenistet hat. Statt jedoch des Marders fängt die Protagonistin mit der Falle des Bruders ihrer Nachbarin (Arild) Katzen und Vögel, lernt aber dadurch diesen Bruder kennen und beginnt eine Affäre. Es passiert also oberflächlich gesehen nicht viel. Hintergründig jedoch behandelt Hermanns Text die Frage, wie überhaupt so etwas wie Wurzeln, ein Zuhause, wie Vertrauen, ein gefühlsmäßiges Koordinatensystem denkbar sind. Leitmotiv von „Daheim“ ist das Reisen und der Wunsch nach der Möglichkeit, anzukommen.
„Judith Hermann: „Daheim““ weiterlesenSteffen Kopetzky: „Monschau“
Steffen Kopetzkys neuer Roman mit dem Titel „Monschau“ gestattet eine narrative Zeitreise in die Eifel der frühen 1960er der Bundesrepublik Deutschland. Es geht um Alt-Nazis, Aufarbeitung der Vergangenheit, um das Wirtschaftswunder, um Wernher von Braun, um alte Männer, die zu viel essen, humpeln, Kriegsverbrechen begangen haben, um geläuterte Nazi-Ärzte und NSDAP-Mitglieder, um einen griechischen Einwanderer Nikos, der sich in Vera, eine Sartre lesende, Beauvoir zitierende Konzern-Erbin, verliebt, also um das einfache und doch so schwierige Leben der Schönen und Reichen der bunten Nachkriegszeit, die gerne Jazz hören und mit Pocken und Krankheiten nichts zu tun haben möchten. Vor allem aber geht es um eine sehr lokalisierte Pockenepidemie, die von einem Düsseldorfer Dermatologen Stüttgen samt seinem Assistenten Nikos und vielen anderen ungenannten bekämpft und mittels Impfungen zum Versiegen gebracht wird. Mit anderen Worten: Kopetzky hat einen Pandemieroman geschrieben und mit „Monschau“ vorgelegt.
„Steffen Kopetzky: „Monschau““ weiterlesenAmanda Gorman: „The Hill We Climb“
Anlässlich der Inauguration des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika trug Amanda Gorman ein Gedicht namens „The Hill We Climb“ vor. Dieses Gedicht liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Kübra Gümüsay hat den Text in die deutsche Alltagssprache übertragen und diesem dadurch eine Breitenwirkung verliehen, die sich in dem sofortigen Bestsellerstatus niederschlagen konnte. Der Text ist kurz, die intendierte Botschaft klar und die Rahmenbedingung weisen auf seine rhetorische Funktion hin. Die interessante Frage, die sich aufdrängt und die auch im Zuge der Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan diskutiert wurde, lautet: Wann ist ein Song ein Gedicht, wann eine Rede eine Novelle, wann ein Vortrag eine Performanz?
„Amanda Gorman: „The Hill We Climb““ weiterlesenHelga Schubert: „Vom Aufstehen“
In Helga Schuberts Roman „Vom Aufstehen“ erzählt eine Ich-Erzählerin aus ihrem Leben und zwar sanft, langsam, nicht chronologisch, nicht kausalisierend und effekthascherisch. Startend mit den Großeltern vor dem zweiten Weltkrieg und dem Wahlsieg der Nationalsozialisten, über Flucht, Krieg, Kriegsopfer, über Schmerz, Angst und Verfolgung, hin zu den Gründerjahren der DDR, über Hoffnungen, Enttäuschungen, letztlich zum Mauerbau, zu den siebziger Jahren, zu Gorbatschow, Glasnost, und der Wende, die erste Schritte mit dem Ehemann durchs Brandenburger Tor, eingewebt in das Erleben und Verhältnis von Tochter, Großmutter, Enkelin, Mutter bleibt das Politische ein rauschender, irritierender Hintergrund für eine fühlende, wahrnehmende, um Frieden ringende Erzählerin. Politik stößt dem Einzelnen, der Einzelnen nur zu. Zentral bleibt die eigene Empfindung, das Nagende, Schmerzende von Wörtern, Blicken, von Gesprächen und Behandlungen. Als Motto wählt die Autorin deshalb ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach.
„Helga Schubert: „Vom Aufstehen““ weiterlesenJuli Zeh: „Über Menschen“
Mit „Über Menschen“ legt Juli Zeh einen Roman über die Corona-Zeit vor. Eng am Puls der Zeit zu schreiben, ist ihr selbsterklärtes Ziel, und daher nimmt es nicht Wunder, dass sie über Toilettenpapier, über Maskenzwang, home office, die AFD, Black Lives Matter, über die finanziellen Schwierigkeiten der Kreativbranche und deren Einstufung als nicht systemrelevant schreibt. Zum Roman wird der Text, der eigentlich eine Glosse sein möchte, durch die Einführung der Figur Dora, einer Werbetexterin, die das lose Miteinander des ungleichzeitig Gleichzeitigen verknüpft.
„Juli Zeh: „Über Menschen““ weiterlesenStephen King: „Später“
Stephen King erzählt in seinem neuen Roman „Später“ die Geschichte eines Sohnes (Jamie), der Tote sehen kann, die Geschichte einer Mutter (Tia), die diesen Sohn liebt und eine Literaturagentur betreibt, und die von ihrem gemeinsamen Lebens, bis der Sohn letztlich loszieht und ein College besucht. Es ist ein Coming-of-age-Roman, der spartanisch, spätsommerlich-portugiesisch einen Sohn zu Wort kommen lässt, der geliebt wird und liebt, der die Welt bestaunt, sanft mit ihr zu Rande zu kommen versucht, zwischen Büchern und einer lesbischen Mutter heranwächst, zwischen Liebe und ersten Kuss, Grusel und Schicksal mit einer Fähigkeit des Sehens belastet zu sein, von der niemand etwas ahnt und die darin besteht, Tote wahrnehmen zu können, die kurz nach ihrem Tod noch für eine kurze Weile orientierungslos herumstehen und für ihn allein ansprechbar bleiben.
„Stephen King: „Später““ weiterlesenBenedict Wells: „Hard Land“
Im Roman „Hard Land“ von Benedict Wells durchlebt ein Jugendlicher die Höhen und Tiefen des jungen Erwachsenenlebens. Auf dem Programm stehen der erste Kuss, Sex, Probleme mit den Eltern und tragische Verluste, nicht nur der Kindheit, auch der Unschuld, Mutproben und Spiele, Sehnsüchte und das Rätsel um den Gedichtband eines Kleinstadthelden, die 49 Geheimnisse, die auf die 49 Kapitel des Buches verweisen und klar das Buch im Buch nacherzählen, einem Möbiusband gleich. Wie dieses mathematisch unorientierbar sich entfaltet und kein Ende findet so auch die Erzählung, die den Sinn in einer Rahmenwirkung zu bannen versucht, ohne ihn jedoch preisgeben zu können. Sinn nämlich gibt es nicht mehr. Sinn ist die ungestillte Sehnsucht, der geheime und fehlende Protagonist des Romans.
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