Louise Glück: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“

Rezension. Louise Glück: "Winterrezepte aus dem Kollektiv"
Weder zu laut noch zu leise, eine Poesie des Zwischenraumes … Nobelpreis für Literatur 2020.

Der Gedichtband von Louise Glück: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“, Nobelpreisträgerin für Literatur aus dem Jahre 2020, erzählt von einer fernöstlichen Ding- und Sprachsanftheit. Die Gedichte werden im Zusammenhang mit dem „Tao-Tê-King“ von Laotse, mit Karl Kraus‘ Text „Die Sprache“ und Bertolt Brechts „Svendborger Gedichte“ gelesen und besprochen. Weder schweigen noch schreien, sondern sagen und hören scheint die poetologische Devise von Glück zu sein.  

„Winterrezepte aus dem Kollektiv“, erschienen 2021, handelt offenkundig von Genesung, Rekonvaleszenz, Abschied und Verlangsamung. Als Stimmungsbild ergibt sich das Vergehen einer sanften Zeit inmitten eines asiatischen Steingartens. Die Sprache ist einfach. Die Worte schnörkellos. Das Druckbild übersichtlich, mehr Weiß, mehr Leerraum, entlastend, so dass die einzelnen Strophen wie ein Flüstern, Wispern im Wind wirken.

Das lyrische Ich befindet sich in einer Art Wellness-Tempel mit Concierge, einer Institution, in der es Lehrer fürs Malen, fürs Nachempfinden, für Kalligraphie und Tipps für eine optimale Lebensführung gibt. Gespräche mit einem Abgereisten, mit der Schwester, über die Mutter binden das lyrische Ich zurück an eine Welt, die es so nicht mehr für es gibt.

„Eine Krankheit befiel mich,
deren Ursache man nie feststellte,
obwohl es zunehmend schwierig wurde,
Normalität vorzutäuschen,
Gesundheit oder Lebensfreude –
Mit der Zeit wollte ich nur noch mit denen zu tun haben, die wie ich waren;
ich spürte sie auf, so gut ich konnte,
was keine leichte Aufgabe war,
weil sie sich alle getarnt und versteckt hatten.“

Louise Glück aus: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“

Erschöpfung, Atemlosigkeit prägen die Gedichte. Die einzelnen Szenen bleiben nur angedeutet. Blitzlichter von Erfahrungen, Überblendungen, die ihre Zeitebenen wechseln, sich auf Vergangenes, Befürchtetes, gerade erst Erlebtes beziehen. Die Sprache schiebt sich nie in den Vordergrund. Glück spielt sich nicht mit Wortaufbauschen auf. Sie inszeniert sich nicht als Wörterschmiedin und Hüterin alter oder schwer verständlicher Begriffsmassen oder dem Poetry Slam avantgardistischer Neologismen. Sie bleibt im Alltagsgespräch, sucht verständige Ohren, freundliches Zuhören, mitteilsames Zusammensein. Zwischen den Zeilen atmet es, bleibt es leer. Sie will mehr sagen, als sie vermag, und deshalb sagt sie immer weniger, um mehr Platz für das zu schaffen, was sich so nicht einfach sagen lässt.

„Während sie [die Erinnerungen] beiseitefallen, wirst du vielleicht
die beneidenswerte Leere erlangen, in die
alle Dinge einfließen, wie das leere Gefäß im Daodejing –

Alles ist im Wandel, sagt er [der Concierge], und alles ist verbunden.
Auch kommt alles wieder, doch ist, was wiederkommt, nicht,
was ging –“

Die Bescheidenheit, Zartheit des Geschriebenen lassen wuchtige Bedeutungszuweisungen nicht zu. Die Deutungshoheit wird weder bekämpft noch angestrebt, sondern unterminiert. Die Zurückhaltung und Ruhe, um dem Erahnen Raum zu gewähren, bildet sich stilistisch in einer sehr kargen, sehr einfachen Wortwahl ab. Glück hört dem unprätentiösen Alltagsgespräch zu und gibt es kondensiert wieder: das sanfte Sprechen zwischen Freunden beim Kaffee; das ruhige Gespräch während einer Autofahrt; etwas, das in einem Krankenzimmer gesagt werden kann, unterdessen die Kranken zu schlafen versuchen. Es wird leise geredet, um in den Pausen, zwischen den Worten, die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Der Verweis auf das „Tao-Tê-King“ unterstreicht die Suche nach einer asiatischen Gelassenheit. Der Concierge bezieht sich beispielsweise auf diese Stelle im elften Kapitel aus dem Buch von Laotse:

„Der Speichen dreimal zehn auf einer Nabe stehn.
Eben dort, wo sie nicht sind, ist des Wagens Brauchbarkeit.

Man knetet Ton zurecht zum Trinkgerät:
Eben dort, wo keiner ist, Ist des Gerätes Brauchbarkeit.

Man meißelt Tür und Fenster aus zur Wohnung.
Eben dort, wo nichts ist, ist der Wohnung Brauchbarkeit.

Wahrlich:
Erkennst du das Da-Sein als einen Gewinn,
Erkenne: Das Nicht-Sein macht brauchbar.“

Laotse aus: „Tao-Tê-King“ (übersetzt von Günther Debon)

Louise Glücks Lyrik besitzt weder Reime noch Wortakrobatik. Die Sprache emigriert in die Sphäre des ganz Einfachen, weil zu viele Worte zu viel verdecken, zu große Worte zu oft gebraucht worden sind, als dass der Schmerz, das Trauern, die Angst angemessen vermessen werden können. Laute Worte gibt es bei ihr nicht. Sie würden die Dinge vertreiben, die Eindrücke verkleinern, das Herz verengen. Keine Anklagen. Keine Slogans oder Phrasen. Sie knüpft mit ihrer Weise zu dichten an jene Lyrik an, die offen für die Welt ist, die mehr Zeugnis eines Zuhörens ist, als eines lauten Trompetens und Verkündens. So beendet sie das Gedicht über den Wandel mit:

„Wir sahen zu, wie du fortgingst. Die Stufen aus Stein hinunter
und in die kleine Stadt. Ich spürte,
etwas Wahres war verkündet worden,
und obwohl ich es lieber selbst verkündet hätte,
war ich froh, es zumindest gehört zu haben.“

Louise Glück aus: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“

Das lyrische Ich ist fröhlich, mitwirken, im Hören bereits partizipieren, im Verstehen begreifen, im Nachvollziehen das Schwingen der Dinge weitergeben zu können. Es tönt nicht dazwischen. Es spielt sich nicht auf. Stets ist es bemüht, am Rand, aber mit Blick aufs Geschehen, bei sich und den anderen zu bleiben, eine sanfte Rahmenwirkung zu kreieren, die dem Geschehen selbst zugutekommt. Glücks Dichten verbreitet heilsame Gelassenheit. Humor, Abschied, Trauer mischen sich im wechselwirkenden Kosmos, der keinen Anfang und kein Ende kennt, der fortdauert in freundlicher Simplizität. Ihre Dichtung erinnert an Bertolt Brechts leisere Gedichte, sobald dieser sich nach Gelassenheit sehnt, wie in dem Gedicht über die „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“:

„[Lao-tse] freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
Kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.“

Bertolt Brecht aus: „Svendborger Gedichte“

Den dünnen Gedichtband von Louise Glück liest man schnell durch. Es sind 15 Gedichte auf 35 Seiten, die jeweils in Deutsch und in Englisch abgedruckt sind, also insgesamt knapp 80 Seiten insgesamt ergeben. Das schnelle Lesen passt sich dem Stil an, lädt aber auch zum Verweilen und nochmal Lesen ein, denn erst nach dem ersten Lesen ergibt sich das Bild eines Kuraufenthalts, und langsam, hier und da, setzt sich beim Wiederlesen eine Szenerie zusammen, die mehr und mehr den Blick auf eine Tiefenschicht freigibt, die die Trauer im, aber auch das Vertrauen auf das Lebendigsein andeutet. Selbst das Querlesen, schnelle Durchblättern nimmt dem Text nichts. Textfetzen, aus dem Kontext gerissen, vermögen Louise Glücks Stil nichts anhaben, da er homogen und deeskalierend die Szenen beschreibt, ohne werten zu müssen.

„Vom Aufstehen verabschiedest du dich besser,
sagte meine Schwester. Wir saßen auf unserer Lieblingsbank
draußen vor dem Gemeinschaftsraum und tranken
ein Glas Gin ohne Eis. Sah aus wie Wasser, so dass die Krankenschwestern
dir zulächelten, wenn sie vorbeigingen,
zufrieden, wie gut du dich hydriertest.“

Louise Glück aus: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“

Abschied von einem Geliebten, die Krankheit der Schwester, das eigene Refugium in einem Tempelgarten, die Erinnerung an die Mutter, an das Sprechenlernen fügen sich ineinander und werben für einen zarteren Umgang mit den Dingen, den Menschen, mit der eigenen Ungeduld. Alles erinnert stark an Helga Schuberts „Vom Aufstehen“ und Friederike Mayröckers „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“. Das Wasser ist Gin. Der Schein trügt, aber nicht der Betrug steht im Vordergrund, sondern das Miteinander, das gekonnt dem Anschein Rechnung trägt, nämlich der Höflichkeit. Das lyrische Ich und die Schwester trinken, aber nicht provokant, sondern im Wissen, dass sie lieber Wasser trinken sollten. Mit der Wahl, Gin zu trinken, verknüpfen sie beides und entheben die Krankenschwestern der Pflicht, sie zu ermahnen. Auf ihre Weise verschönert die Sprache alles. Neue Spielräume werden geschaffen. Privates vom Öffentlichen getrennt. Höflichkeit eingeübt.

„Was mein derzeitiges Dilemma betrifft: Meine ich, dass ein Schüler kraft seiner Zweifel und seines Zorns nun ein Künstler ist,
so spreche ich. Sage mir, fügte er hinzu,
was hältst du von deiner eigenen Arbeit?
Nicht genug Nacht, antwortete ich. In der Nacht kann ich meine Seele sehn.
Das ist, was auch ich sehe, sagte er.“

Louise Glücks „Winterrezepte aus dem Kollektiv“ mischt direkte mit indirekter Rede, lässt die Übergänge fraglich und die Aussagen freischwebend zwischen den sich Unterhaltenden hängen, um sie für Interpretationen und Anschlusskommunikationen offenzuhalten. Es spielt keine Rolle, wer es gesagt hat. Es wurde gesagt und mit diesem Sagen werden neue Frage- und Antworträume geöffnet und zur Verfügung gestellt. Ihr Dichten wirbt mit Freundlichkeit. Sie stellt sich in die Tradition jener, die die Sprache als ein produziertes Gemeinsames begreifen und kein statisch Vorgeschriebenes. „Wenn die Menschheit keine Phrasen hätte, brauchte sie keine Waffen.“ Dies schreibt Karl Kraus 1937 in dem Band „Die Sprache“, zuerst erschienen im Verlag »Die Fackel«, und schreibt weiterhin im Gedicht „Man frage nicht“:

„Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.“

Karl Kraus aus: „Gedichte“

Auf dass die Worte nicht einschlafen, das freundliche Gespräch nicht verstummt, das Zwitschern und fröhliche Reden bleibt, hierfür plädiert Louise Glücks Gedichtband. Gegen das Schweigen, aber auch gegen das Schreien schreibt sie an. Es muss auch nicht direkt ein Flüstern sein. Es reicht ein Sagen und Zuhören der einfachen Art.

„Hätte ich nur, sagte er,
um die Wirkung der Worte gewusst.
Siehst du, wie diese Sache Gewicht und Bedeutung gewonnen hat,
seit ich sie aussprach?

Ich hätte das schon längst tun können, sagte er,
anstatt meine Zeit damit zu vergeuden, immer von vorn anzufangen.“

Louise Glück aus: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“

2 Antworten auf „Louise Glück: „Winterrezepte aus dem Kollektiv““

    1. Es ist ein sehr schönes Buch – das zum Verweilen einlädt. Ich habe es direkt zweimal gelesen, um die Puzzleteile sich zusammensetzen zu lassen. Die empathische Gelassenheit, die Glück versprachlicht, ist selbst eine Genesungskur für eine sprachlich teilweise sehr aufgeregte Zeit. Zwischen den Zeilen jedoch lauert wirklicher Schmerz, den auszuhalten, sie lyrisch einlädt. Ich benötigte ein Gegenstück zu der Ayn Rand-Lektüre 🙂

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: