Ayn Rand: „Atlas Shrugged“ (i: das Genre)

Widersprüchlich gegen Widersprüchlichkeit … mit Schwung übers Ziel hinausgeschossen.

Mit „Der freie Mensch“ liegt Ayn Rands Roman „Atlas Shrugged“ in einer neuen, dem Verlag nach, zeitgemäßen Übersetzung von Michael und Thomas Görden vor. Er ist ihr literarisches Hauptwerk, erschien 1957, und ist bis heute das enfant terrible der Literaturkritik geblieben. Zu erfolgreich, um ignoriert zu werden. Zu eigensinnig, um sich gefällig auf eine der vielen Seiten zu schlagen. Zu kitschig für den vermeintlich gehobenen Anspruch und viel zu lang für den Gelegenheitsleser. Und doch: Der Roman ist bis heute über allen Maßen erfolgreich mit Auflagen in Millionenhöhe und gehört zu den meistgelesenen und einflussreichsten Romanen der US-Literatur. Es ist nicht einfach ein Buch. Es ist das Zeugnis einer in sich zerstrittenen, janusköpfigen Welt und das Buch des US-amerikanischen Traums schlechthin:

Sein Chefingenieur sah ihn dort, die Axt in der Hand, allein über dem breiten Fluss, mit der Sonne, die hinter ihm in jenem Westen unterging, wo seine Strecke verlaufen sollte. Er arbeitete dort die ganze Nacht. Am Morgen hatte er einen Plan ausgearbeitet, was er tun würde, um die richtigen Männer zu finden, die Männer mit unabhängigem Urteilsvermögen – um sie zu finden, um sie zu überzeugen, um das Geld aufzutreiben, um die Brücke weiterzubauen.

Ayn Rand aus: „Atlas Shrugged“

Der Fluss, von dem die Rede ist, ist der Mississippi, und die Brücke die-Taggart Brücke, die von Nat Taggart, der Begründer von Taggart Transcontinental, einer Eisenbahngesellschaft, entworfen und gebaut wurde, um die Ost- mit der Westküste der USA zu verbinden und die reibungslose Versorgung New Yorks zu gewährleisten. Die Taggart-Brücke ist einer der Dreh- und Angelpunkte des Romans. Sie symbolisiert den technologischen Fortschritt, den Ideenreichtum, die Tatkraft des Menschen, die Natur zu beherrschen, sich selbst von dem mächtigsten Fluss der USA, dem Mississippi, nicht einschüchtern zu lassen, sondern Tunnel gegen Gebirgsmassive einzusetzen und Brücken über Abgründe zu spannen, geradlinig, ohne Ausreden und direkt. Der aufrechte Gang und der Sieg über die Natur werden in „Atlas Shrugged“ wortreich gefeiert. Die Eisenbahn steht für die Beherrschung der Naturkräfte, die mit James Watt ihren Anfang nahm, als er Thomas Newcomens Dampfmaschine wettbewerbsfähig gegen traditionelle Beförderungsmethoden machte, indem er eine Kondensationskammer einführte, um Wärmeverluste zu verringern. Die Liebe zur Eisenbahn beherrscht die Familie Taggart, insbesondere Dagny Taggart, die Protagonistin von „Atlas Shrugged“, eine zielstrebige, selbstbewusste Frau, die sich von nichts und niemandem aufhalten lässt, das größte Eisenbahnnetz der USA zu managen, zu optimieren, um den größtmöglichen Profit zu realisieren.

Sie [Dagny Taggart] hatte nie versucht zu erklären, warum sie die Eisenbahn liebte. Was immer andere auch empfinden mochten, sie wusste, dass sie etwas Einzigartiges fühlte, für das andere nichts Vergleichbares besaßen. Sie empfand etwas Ähnliches in der Schule beim Mathematikunterricht, dem einzigen Fach, das sie liebte. Sie fand es spannend, Aufgaben zu lösen, unverschämtes Vergnügen eine Herausforderung anzunehmen und sie mühelos zu bestehen, Begeisterung sich noch härteren und anspruchsvolleren Aufgaben zu stellen. Und gleichzeitig empfand sie einen wachsenden Respekt vor ihrem Widersacher, einer Wissenschaft, die so sauber war, so streng, nur der Vernunft gehorchend. Bei der Beschäftigung mit Mathematik spürte sie immer sofort: »Wie großartig, dass Menschen das können« und »Wie wunderbar, dass ich so gut darin bin.«

Dagny gibt nichts auf Scham, Bescheidenheit, Zurückhaltung. Sie zeigt und exponiert sich und begegnet jedweden Angriffen und Kritiken mit offenem Visier. Sie will den offenen Schlagabtausch, sucht den Wettbewerb und genießt den Rausch, die Beste in allem, was sie anpackt, zu sein. Ihr steht der Sinn nach technologischer Transzendenz. Es gibt nichts Unmögliches. Der Griff nach den Sternen, der Wunsch, noch die letzten Geheimnisse der Natur zu lüften und auszunutzen, jede Schwäche des Gegners auszubeuten, darin besteht für sie der Sinn des Lebens. Sich selbst und dadurch auch alle anderen bis zum Letzten zu treiben, nicht innezuhalten, die Produktionskräfte zu entfesseln, nicht auszuruhen, nur das Beste von sich zu verlangen und keine Herausforderung zu scheuen, verlangt sie von sich und ihren Mitmenschen auf der Arbeit, im Privatleben, im Sport, wie beim Hobby, wie in der Familie und in der Liebe. Eigenartigerweise erinnert dieser Aufbruchsgestus, diese ungebremste Euphorie sehr den frühen Liedern der Arbeiterbewegung wie „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, umgedichtet von Leonid Petrowitsch Radin, die Hymne politischer Gefangener bei ihrer Rückkehr aus der sibirischen Verbannung:

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Licht empor!
Hell aus dem dunklen Vergangnen, leuchtet die Zukunft hervor.

Seht, wie der Zug von Millionen, endlos aus Nächtigem quillt,
bis eurer Sehnsucht Verlangen, Himmel und Nacht überschwillt!

Hermann Scherchen aus: „Lieder Archiv

Die ganze unversöhnliche Dialektik von „Atlas Shrugged“ spiegelt sich in der Ähnlichkeit und Fremdheit wider, die der Text zu den klassischen Werken des sozialistischen Realismus und Suprematismus besitzt, und zwar indem sie all seine Werte umgekehrt, invertiert, ja auf den Kopf stellt. Ihr Zug ist der der Maschinen, nicht der Menschen. Ihr Glück ist das des Dollarzeichens und des Profits, nicht das der Solidarität und der Gemeinschaft. Sie setzt auf den einsamen Wolf, nicht auf das Kollektiv. Dennoch, die Umkehrung aller Werte lässt diese Werte auf eine eigentümliche Weise unbeschadet. Sie werden nicht einmal groß verzerrt oder gedehnt oder verwaschen. Wie ein Bild zwar den Charakter, aber nicht seine Farben, Formen und Stimmung verändert, sobald man es auf den Kopf dreht, so verbindet die gebürtige Russin Alisa Zinov’evna Rozenbaum mehr mit dem Klassiker und Idealtypus des sozialistischen Romans als mit den modernen Romanen der westlichen Welt. Als Beispiel sei „Wie der Stahl gehärtet wurde“ genannt, von dem russischen Autoren Nikolai Alexejewitsch Ostrowski 1934 geschrieben, der einen ganz anderen Ton als beispielsweise John Dos Passos in „Manhattan Transfer“ anschlägt.   

Langsam kroch der Zug dahin. Die überladenen, altersschwachen Eisenbahnwagen ächzten und knarrten in allen Fugen. Draußen begann es graublau zu dämmern, dann verhängte die Nacht die offenen Fenster mit ihrem schwarzen Schleier. Im Waggon war es dunkel. Rita schlummerte, den Kopf auf dem Rucksack, vor Ermüdung ein. Pawel saß am Rande der Bank, ließ die Beine baumeln und rauchte. Auch er war müde, konnte sich jedoch nirgends hinlegen. Erfrischende Nachtluft wehte durchs Fenster. Ein Stoß ließ Rita erwachen. Sie bemerkte die glimmende Zigarette Pawels. Der ist imstande, bis morgen früh so dazusitzen, dachte sie.

Nikolai Alexejewitsch Ostrowski aus: „Wie der Stahl gehärtet wurde“

Die Glorifizierung von Mut, Tatendrang, von Durchsetzungsfähigkeit und Zähigkeit, das unnachgiebige Beharren auf die Werte des jeweiligen -ismus, das rücksichtslose Bekämpfen, Verunglimpfen, Denunzieren der Gegner und Andersdenkenden verbindet Ayn Rand mit den sozialistischen Autoren wie das Schwarz das Weiß in dem Ying-Yang-Symbol des Taoismus. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein, Geradlinigkeit und Zielstrebigkeit. Sie geben sich nicht mit einem Vielleicht, einem Mittelmaß, einem Kompromiss zufrieden. Sie gehen aufs Ganze. Bei den sozialistischen Realisten ist es der Vorarbeiter, die Traktoristin, der einfache Mann und die einfache Frau aus dem Volk, die der Barbarei die Stirn bietet; bei Ayn Rand der Konzernchef, der Unternehmer, der waschechte Egoist, der kein Mitleid kennt und dessen Taten nur auf den eigenen Profit abzielen. Neben Dagny Taggart, der Vize-Präsidentin der Bahngesellschaft Taggert Transcontinental, dienen Hank Rearden, Stahlproduzent und Erfinder von Rearden Stahl, und Francisco d’Anconia, Besitzer der größten Kupferminen der Welt, als Musterbeispiele in „Atlas Shrugged“. Beide buhlen um Dagny, erkennen sich aber gegenseitig ihren Wert an.

Rearden blickte Francisco an – und sah ein Gesicht, das seine Vorstellung davon, was die Reinheit eines einzigen Ziels mit einem menschlichen Antlitz anstellen konnte, übertraf: Es war das gnadenloseste Gesicht, das man erleben konnte. Er hatte sich selbst für rücksichtslos gehalten, aber er wusste, dass er diesem ebenen, nackten, unerbittlichen Blick, der für alle Gefühle außer der Gerechtigkeit tot war, nicht gewachsen war. Was auch immer sonst mit ihm los war – dachte Rearden – der Mann, der so schauen konnte, war ein Gigant.

Ayn Rand aus: „Atlas Shrugged“

In „Wie der Stahl gehärtet wurde“ sind es die Agitatorin Rita Ustinowitisch und der furchtlose Angestellte Pawel Kortschagin, der in der Bahnhofswirtschaft arbeitet und sich mit ihr über ein Buch unterhält:

»Nein, Rita, im Prinzip nicht. Ich bin nur gegen die überflüssige Tragik des qualvollen Herumexperimentierens mit der eigenen Willenskraft. Ich bin jedoch für das Grundsätzliche in der ›Stechfliege‹: für das Mutige, für die grenzenlose Standhaftigkeit, für diesen Typ eines Menschen, der zu leiden versteht, ohne es immerfort zur Schau zu tragen. Ich bin für diesen Typ eines Revolutionärs, für den das Persönliche gegenüber der Allgemeinheit völlig in den Hintergrund tritt.«

Nikolai Alexejewitsch Ostrowski aus: „Wie der Stahl gehärtet wurde“

Ayn Rand beschreibt in „Atlas Shrugged“ eine dystopische Welt, in der die Leistungsbereiten, die Produktiven, die Erfinder, die Ingenieure, die Fleißigen mehr und mehr die Lust verlieren, sich weiterhin für eine Gesellschaft einzusetzen, die auf ihre Kosten lebt und sie ausbeutet. In einer früheren deutschen Übersetzung lautet der inhaltlich viel angemessenere Titel des Romans „Der Streik“ statt „Der freie Mensch“ – denn es streiken die Millionäre, die Konzernchefs, die Immobilienbesitzer, Finanzmagneten und Rohstoffbesitzer. Es streiken die Starken, die die Schwachen satthaben, es satthaben, sich weiterhin knebeln, fesseln, am Fortschritt hindern zu lassen, die mehr mit sich und ihrem Leben vorhaben, als anderen andauernd helfen, durchfüttern und hinter sich herziehen zu müssen. Sie überlassen die Mehrzahl sich selbst und schauen zu, wie sie sich im Streit um das Zurückgebliebene gegenseitig zerfleischen. Eine Schlüsselszene spielt sich in der Familie von Hank Rearden ab, als seine Mutter, seine Ehefrau und sein Bruder ihn anflehen, sie nicht der Armut zu überlassen:

Sie hatten genau gewusst, welche Gefahr ihnen drohte; sie hatten lange vor ihm begriffen, welcher einzige Weg zur Befreiung und Erlösung ihm noch blieb; sie hatten die Hoffnungslosigkeit seiner Situation als Industrieller begriffen, die Vergeblichkeit seines Kampfes, die unerträgliche Bürde, die auf ihm lastete; sie hatten erkannt, dass ihm, aus Selbstachtung und zur Selbsterhaltung nur noch ein Ausweg blieb, nämlich alles hinzuwerfen und wie die anderen Industriellen zu desertieren. Und doch versuchten sie, ihn an sich zu binden, ihn weiter im Ofen der Selbstaufopferung schmoren zu lassen, ihn im Namen der Barmherzigkeit, der Vergebung und der brüderlich-kannibalischen Liebe bis aufs Mark auszusaugen.

Ayn Rand aus: „Atlas Shrugged“

Hank Rearden überlässt sie sich selbst, verschwindet und will mit der Gesellschaft, die seine Werte nicht teilt, nichts mehr zu tun haben. Er schließt sich den streikenden Industriellen an und sieht voller Hohn auf eine Menschheit, die sich nicht von allein ernähren kann. Korn verrottet. Kraftwerke gehen vom Netz. Hochöfen schmelzen, und Eisenbahnen entgleisen. Tunnel stürzen ein, und wichtige Versorgungswege gehen verschütt. Antithetisch zu üblichen sozialutopischen Ideologien spricht Ayn Rand der Masse die Fähigkeiten ab, sich selbst zu helfen. Sie sind auf die Unternehmer angewiesen. Nur die Unternehmer, die nach Profit streben, nur der eiskalte, unbarmherzige Wettbewerb stellt sicher, dass das Beste sich durchsetzt, Qualität obsiegt, Fleiß und Innovation belohnt werden. Wieder dreht sie den sozialistischen Realismus um, wenn Ostrowski beispielsweise von Pawel schreibt:

Im Geist erlebte er die bitteren Uralfröste und die Schneestürme mit, die die Menschen wie Rudel toller Wölfe überfielen. Der Wind heulte, aber Nacht und Schneesturm trotzend, setzte ein Trupp Komsomolzen der zweiten Generation beim Schein der Bogenlampen Glasscheiben in die Dächer der Riesenbauten ein, um die ersten Gebäude dieses gigantischen Kombinats vor Schnee und Kälte zu schützen. Winzig klein schien dagegen der Streckenbau im Wald, bei dem die erste Generation der Kiewer Jungkommunisten einst gegen den Schneesturm gekämpft hatte. Das Land war gewachsen, gewachsen waren auch die Menschen. Am Dnepr durchbrach das Wasser die stählernen Dämme und überflutete Maschinen und Menschen. Abermals waren es Jungkommunisten, die sich den Naturgewalten entgegenstemmten und nach erbittertem zweitägigem Kampf die entfesselten Elemente wieder in ihre stählernen Schranken zurücktrieben. In diesem grandiosen Kampf marschierte die neue Generation der Komsomolzen an der Spitze.

Nikolai Alexejewitsch Ostrowski aus: „Wie der Stahl gehärtet wurde“

Die Ähnlichkeiten liegen auf der Hand. Ayn Rands „Atlas Shrugged“ ist entgegen seinem Anspruch dennoch ein Hauptwerk des sozialistischen Realismus verblieben. Ayn Rands harsche Distanzierung misslingt interessanterweise und teilt dessen Stärken und Naivität, dessen Hoffnung und auch Feindseligkeit. Sie verbreitet Angst und Schrecken in der Hoffnung zu überzeugen. Wie in allen klassischen Werken des sozialistischen Realismus dominiert ein äußerst vereinfachtes Feindbild: bei Ostrowski die Ausbeuter, bei Ayn Rand die Plünderer; bei Ostrowski die Egoisten, bei Ayn Rand die Altruisten. Aus diesem Grund verlaufen die Handlungsstränge äußerst geradlinig und schachbrettartig konstruiert. In jeder Szene wird sofort klar, wer gut, wer schlecht ist, wer gewinnen, wer verlieren wird. Die Debatten bekommen holzschnittartige Züge. Für Humor ist keine Zeit und erst recht, trotz zweitausend Seiten, kein Platz.

Auf Kosten der Komplexität gelingt aber eine teilweise erschreckende Intensität, die Satz nach Satz verdichtet, Worte glühen, Begriffe leuchten lässt. Die Überzeugungen transportieren sich durch konvulsivische Erregung, schonungslose Offenheit, durch sich emporwindender Anpreisung und schwindelerregendem Anspruch auf Wahrheit und Eineindeutigkeit, die Höhepunkte geschlossener Eintracht und Verbrüderung im Kollektiv oder zwischen einzelnen feiern. Rhetorik gelingt durch den Mut maßlos zu übertreiben. Ayn Rand bezieht sich oft auf Aristoteles als einzig relevanten Philosophen neben ihr selbst und Thomas von Aquin (die drei großen A der Philosophiegeschichte). Aristoteles schreibt in seiner Schrift über „Rhetorik“:

Ein weiterer Topos steht dem, der eine übliche Verdächtigung vorbringen will, zur Verfügung: Bedeutungsloses ausführlich zu loben und Dinge von Bedeutung in stilistisch gedrängter Weise (konzise) zu tadeln oder nach vorhergehender Aufzählung vieler guter Qualitäten das eine, was in direktem Zusammenhang zu dem vorliegenden Sachverhalt steht, tadelnd herabzuwürdigen. Redner, die dergleichen tun, sind solche, die die rhetorischen Fertigkeiten am besten beherrschen und beim Unrecht-Tun die geringsten Skrupel haben; denn es liegt in ihrer Intention, durch Vorbringen guter Qualitäten zu schaden, indem sie sie mit dem Bösen vermischen.

Aristoteles aus: „Rhetorik“ (Übersetzung: F.G. Sieveke)

In „Atlas Shrugged“ wird Ideenreichtum, Fleiß, Motivation und Einsatzbereitschaft nur mit den Figuren verknüpft, die dafür auch Anerkennung, Unterwürfigkeit, Respekt und Würdigung von ihren Mitmenschen erwarten, von Figuren also, die nur nach Ruhm und Profit streben, unabhängig von der Fröhlichkeit und Leichtigkeit und Unabhängigkeit ihres eigenen Könnens. Das eigene Tun zählt nicht, solange ihm nicht applaudiert wird, denn am Ende zählt nur das gegenseitige Lob, die Anerkennung, mit der sich die Männer das Du anbieten und sich dafür gegenseitig bedanken:

Francisco straffte sich und richtete sich auf, als stimme er sich auf eine Aufgabe ein, die er als große Ehre betrachtete. Sein Gesicht war ernst, das Lächeln blieb nur in seinen Augen. »Ich habe Ihnen viel zu sagen«, sagte er, »aber würden Sie bitte zuerst ein Wort wiederholen, das Sie mir einmal angeboten haben und das ich … zurückweisen musste, weil ich wusste, dass ich nicht frei war, es anzunehmen?«
Rearden lächelte. »Welches Wort, Francisco?«
Francisco neigte den Kopf zur Annahme und antwortete: »Danke, Hank.« Dann hob er den Kopf. »Jetzt werde ich dir das sagen, was ich in jener Nacht, als ich zum ersten Mal hierher kam, sagen wollte, aber nicht zu Ende gebracht habe. Ich denke, du bist jetzt bereit, es zu hören.« »Das bin ich.« Draußen vor dem Fenster schoss das grelle Licht eines Abstichs in den Himmel. Stahl ergoss sich aus einem der Hochöfen. Ein rotes Glühen strich langsam über die Wände des Büros, über den leeren Schreibtisch, über Reardens Gesicht, wie zum Gruß und zum Abschied.

Ayn Rand aus: „Atlas Shrugged“

Die Vehemenz schmiedet unaufhörlich bis zum Schmerz Innovation und Motivation an den Geltungsdrang, so lange, bis diese beiden Dinge scheinbar nur eine Seite ein und derselben Münze bilden. Auf die Rhetorik fällt nur herein, wer vergisst, dass Figuren narrative Konstrukte sind, und all diese Eigenschaften und Ideen auch von ganz anderen Figuren vertreten werden könnten. Als Beispiel wurden Rita und Pawel aus „Wie der Stahl gehärtet wurde“ genannt. Ayn Rand widerlegt mit Dagny Taggart nicht Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“. Sie verschmilzt Dystopie mit der Utopie, bis ein Konvolut aus Ideen und Ängsten, aus Hoffnungen und Enttäuschungen entsteht, aus dem es dann nach fast zweitausend Seiten irgendwann kein anderes Entkommen mehr gibt als ein bedächtiges Kopfschütteln, das Tatendrang und Geselligkeit ohne Streit kennt, nicht Gegnerschaft mit Feindschaft verwechselt, und Atlas sein eigenes, selbstgewähltes Kreuz tragen lässt.

„Atlas Shrugged“ ist ein Buch für alle und niemanden. Ayn Rand hat ihre Persönlichkeit in Worte gegossen und so aus sich selbst einen Götzen erschaffen. Widersprüchlich bis ins Mark, spricht sie allem Widersprüchlichen die Realität ab. Sie ist der gelebte Widerspruch und hat trotz der digitalen Wende kurioserweise noch nicht an Aktualität verloren.

4 Antworten auf „Ayn Rand: „Atlas Shrugged“ (i: das Genre)“

    1. Nun, ich wusste von ihm und kannte den Titel des Buches – vielleicht über Peter Weiss oder Stefan Heym, diese Tagebücher von Volker Braun oder die Ästhetik von Lukacs. Ich weiß es nicht mehr so recht. Ich war dann selbst erstaunt, als ich im Internet den Volltext fand, wie gut das zu meiner Ahnung passte, dass sie diesen Klassiker im Grunde persifliert. Vollständig gelesen habe ich das Buch nicht. Ich kannte nur Auszüge.

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