Jacques Derrida: „Gesetzeskraft“

Ausweitung der Deutungszone …

Interpretationsmodelle (2): Die Dekonstruktion und der Poststrukturalismus haben eins der wirkungsmächtigsten Interpretationsmodelle der letzten Jahrzehnte etabliert. Im Rahmen der Reihe der Interpretationsmodelle, und als zweiter Teil, nach Theodor W. Adornos Aufsatz Skoteinos und seinem Begriff der immanenten Kritik, wird nun Jacques Derridas Buch Gesetzeskraft – Der »mystische Grund von Autorität« als Beispiel einer dekonstruktivistischen Lektüre untersucht. In diesem setzt er sich ausgiebig und detailliert mit Walter Benjamins 1921 erschienen Aufsatz Zur Kritik der Gewalt auseinandersetzt, der in einem anderen Beitrag bereits besprochen und interpretiert wurde.

Interpretationsmodell: „Dekonstruktion“

Unter „Dekonstruktion“ versteht man gemeinhin ein horizontales, sehr Text-basiertes Lesen. Statt als Meinungsäußerung, statt als Mitteilung, Botschaft oder Information wird ein Text, eine Schrift, eine Aussage als Spur rekonstruiert, als Teil eines übergeordneten, alles durchdringenden Diskurses. Die Wörter und Begriffe finden als Konstellation Beachtung, nicht als intendierte, inszenierte Repräsentation eines Aussage-Form-Verhältnisses. Die Wörter selbst stehen in einem synchronen Verhältnis zu anderen Wörtern, zu anderen Begriffen, lesen sich parallel, nehmen teil, setzen sich ab oder fügen sich in einem allgemeinen Sprachraum ein. In diesem Sinne ist ein Text kein kontrolliertes Produkt. Er besitzt eine vom jeweiligen Sprech- und Schreibakt unabhängige Eigendynamik. In Derridas Worten aus seinem philosophischen Hauptwerk „Grammatologie“ [detaillierter besprochen hier]:

Zunächst müssen wir bei diesem Problem folgende Vereinnahmung oder Überraschung stärker als bisher berücksichtigen: der Schriftsteller schreibt in einer Sprache und in einer Logik, deren System, Gesetze und Eigenleben von seinem eigenen Diskurs definitionsgemäß nicht absolut beherrscht werden können. Er bedient sich dieses Systems, indem er sich in gewisser Weise und bis zu einem gewissen Grad von ihm beherrschen lässt.

Jacques Derrida aus: „Grammatologie“

Diesem System auf die Schliche zu kommen, ist das Ziel der Dekonstruktion. Die Verselbständigung der Sprache gegen die Sprechenden enthebt das Hören jedweder hermeneutischen Aufgabe, da das Sprechen und Sagen und Schreiben keiner bewussten Intention vollends zu genügen vermag. Es spricht etwas durch den Text hindurch und dieses Etwas ist das kommunikative Zeichensystem selbst. Aufgabe der Lektüre wird nun die Rekonstruktion dieses eigenen, intentionslosen Schillern, das Freilegen des dem Text eigentümlichen Zwischenraumes zwischen Schatten und Licht, Inhalt und Form, Meinung und Information:

Die Lektüre hingegen muss ein bestimmtes, vom Schriftsteller selbst unbemerktes Verhältnis zwischen dem, was er an verwendeten Sprachschemata beherrscht, und dem, was er nicht beherrscht, im Auge behalten. Dieses Verhältnis ist jedoch nicht durch eine bestimmte quantitative Verteilung von Schatten und Licht, Schwäche oder Stärke gekennzeichnet, sondern durch eine signifikante Struktur, die von der Lektüre erst produziert werden muss.

Jacques Derrida, ebenda.

Die dekonstruktivistische Methode ähnelt einer psychoanalytischen Intervention, in welcher die Übertragung zwischen Text und Interpret zu einer heilsamen Rekonstitution des ursprünglichen Sinnes der Aussage wird. Schreiben und Sprechen geschehen innerhalb dieser Maske, die in der Perpetuierung des Wortmaterials die geheime Mission des interpretierten Textes erfüllen, und zwar im Zitat und evaluierenden Rezitativ. In gewisser Weise hält diese Lesart ihrer eigenen Meinung nach den Text durch dessen Dekonstruktion lebendig und weiht ihn so der Gegenwart. Michel Foucault, einer der Vertreter dieser poststrukturalistischen Methode, sagt dies in seiner Inauguralvorlesung klar und deutlich:

Der Kommentar bannt den Zufall des Diskurses, indem er ihm gewisse Zugeständnisse macht: er erlaubt zwar, etwas anderes als den Text selbst zu sagen, aber unter der Voraussetzung, dass der Text selbst gesagt und in gewisser Weise vollendet werde. Die offene Vielfalt und das Wagnis des Zufalls werden durch das Prinzip des Kommentars von dem, was gesagt zu werden droht, auf die Zahl, die Form, die Maske, die Umstände der Wiederholung übertragen. Das Neue ist nicht in dem, was gesagt wird, sondern im Ereignis seiner Wiederkehr.

Michel Foucault aus. „Die Ordnung des Diskurses“

In diesem Sinne bekämpft die Paraphrase das drohende Zufallsmoment einer unzeitgemäßen Reaktualisierung durch längst vergangene Diskurse, denn das Wiederholen und Zitieren und Kommentieren findet von allein in einem zeitgemäßen und aktuellen Diskurs statt. Mit anderen Worten, der Text erscheint neu, unter einem anderen Licht. Die Lektüre selbst schreibt dem Text seinen Inhalt vor. Die Perspektivierung geschieht von selbst, da der Diskurs jeden Erwartungshorizont, auch den der Interpretierenden, nicht nur den der Schreibenden, übersteigt. Der Text wird in der dekonstruktivistischen Lektüre entfesselt. Dass diese Technik Gefahr läuft, Texte beliebig auseinanderzunehmen, versteht sich von selbst. Das Buch Gesetzeskraft von Jacques Derrida, kurz und knapp, gibt ein gutes Beispiel dafür, wie ein Interpretationsmodell gegen sich selbst und den interpretierten Text zu arbeiten beginnt.  

Dekonstruktivistische Arbitrarität

Die in Gesetzeskraft – der mystische Grund der Autorität enthaltenen zwei Aufsätzen diskutieren den Begriff des politischen Engagements der dekonstruktivistischen Methode. Derrida betont nachdrücklich, wie sehr sich die Dekonstruktion für Recht, Moral, für Ethik und Verantwortung interessiert und wie wenig sie mit der ihr oft vorgeworfenen und vorgehaltenen politischen Apathie zu tun hat. Als Thema, um dies zu demonstrieren, nimmt er Gewalt, Recht und Gerechtigkeit und bespricht dekonstruktivistisch Texte von Blaise Pascal, Michel de Montaigne und in einem langen zweiten Teil ausführlich Walter Benjamins Aufsatz Zur Kritik der Gewalt. Stets kommt er darauf zurück, dass die Gerechtigkeit im Zentrum des Interesses der Dekonstruktion steht:

Die Forderung nach unendlicher Gerechtigkeit, die unendliche Forderung nach Gerechtigkeit, die die von mir erwähnte Gestalt einer »Mystik« annehmen kann, verpflichtet bereits die/zur Dekonstruktion. Man muss der Gerechtigkeit gegenüber gerecht sein; es muss ihr zunächst in dem Sinne Gerechtigkeit widerfahren, dass man auf sie hört, sie liest, sie deutet, dass man versucht, zu verstehen, woher sie kommt und was sie von uns will. — Gesetzeskraft

Jacques Derrida aus: „Gesetzeskraft“

Die Rhetorik dekonstruiert sich hier eigenartigerweise nicht. Sie enthebt sich schlicht der Aufgabe zu hinterfragen, wer denn hinter dieser Stimme der Gerechtigkeit steht, vor allem dann, wenn, wie Derrida in seinem Hauptwerk Grammatologie schreibt, es kein Textäußeres gibt. Gibt es aber kein solches, so steckt hinter der Gerechtigkeit nur eine Wortmöglichkeit und eine je gelesene, gedachte, jäh sich einstellende Konstellation von grammatikalischen Assoziationen. Wer hier also „liest“, „deutet“, „versteht“, bleibt und kann nur unklar bleiben. Die Gerechtigkeit besitzt keinen ausgewiesenen Referenten. Im zweiten Teil nun beschäftigt sich Derrida eingehend mit Benjamins Aufsatz Zur Kritik der Gewalt und dessen Konzeption von Gerechtigkeit und rechtssetzender wie rechtserhaltender Gewalt. In diesem schreibt Benjamin präzise, zu welcher Aufgabenlösung sein Aufsatz beitragen möchte.

Weit entfernt, eine reinere Sphäre zu eröffnen, zeigt die mythische Manifestation der unmittelbaren Gewalt sich im tiefsten mit aller Rechtsgewalt identisch und macht die Ahnung von deren Problematik zur Gewissheit von der Verderblichkeit ihrer geschichtlichen Funktion, deren Vernichtung damit zur Aufgabe wird.

Walter Benjamin aus: „Zur Kritik der Gewalt“

Die Aussagen von Benjamin können klarer nicht sein. Er hinterfragt die geschichtliche Funktion der rechtssetzenden und rechtserhaltenden Gewalt und unterscheidet zwischen einer mythischen und göttlichen Dimension. Ziel seiner Schrift ist es, zur Abschaffung der Rechtsgewalt als Gewalttat beizutragen, die er als mythische und willkürliches Verhängnis bezeichnet. Der Grund zur Annahme, dass dies möglich ist, sieht er in der Sprache gegeben, also in der Tatsache, dass es, wie er ausdrücklich schreibt,

eine in dem Grade gewaltlose Sphäre menschlicher Übereinkunft gibt, daß sie der Gewalt vollständig unzugänglich ist: die eigentliche Sphäre der »Verständigung«, die Sprache.

Walter Benjamin, ebenda.

Inwiefern wird nun die dekonstruktivistische Analyse von Derrida dem schwierigen, etwas mystischen, in seinem Ziel aber dezidiert klaren Text von Benjamin gerecht? Im Grunde genommen nämlich gar nicht und zwar aus prinzipiellen Gründen nicht, denn für die Dekonstruktion oder die dekonstruktivistische Methode gibt es jene Sphäre der Gewaltfreiheit nicht. Die Sprache selbst ist für sie bereits Gewalt:

Es stimmt freilich, dass das Lateinische bereits etwas Gewaltsames an sich hatte und dass aus solcher Sicht der Übergang vom Lateinischen zum Französischen nichts anderes gewesen ist als der Übergang von einer Gewalt(tat) zur anderen.

Jacques Derrida aus: „Gesetzeskraft“

Im Zentrum der dekonstruktivistischen Methode steht das Verhältnis zwischen Verlautbarung, Verschriftlichung einer situativen Konstellation, die immer ein Vergehen gegen diese Konstellation impliziert. Auf diese Weise beschäftigt sie sich nachdrücklich mit Gewalt und spürt ihren Formen nach:

[…] es geht mir [Derrida] um die Beziehung zwischen der Kraft (Gewalt) und der Form, der Kraft (Gewalt) und der Bedeutung; es geht mir um die »performative« Kraft (Gewalt), die illokutionäre oder perlokutionäre Kraft (Gewalt), um die Kraft (Gewalt) der Bejahung und Behauptung einer Signatur, aber auch und vor allem um alle jene paradoxen Situationen, in denen die größte Kraft (Gewalt) und die größte Schwäche sich seltsam kreuzen und in einem denkwürdigen gegenseitigen Austausch stehen.

Bezeichnenderweise werden „Kraft“ und „Gewalt“ stets zusammen genannt, wiewohl Gewalt erlitten, Kraft aber ausgeübt wird. Die Kraft ist das aktive Moment einer erzwungenen Veränderung. Sie steht als Akteur hinter einer Wirkung. Die Wirkung einer Kraft wird dagegen aber als Gewalt empfunden, nämlich als Zwang. Die Dekonstruktion unterläuft hier also die Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern, aktiv und passiv, wie auch konsequenterweise zwischen Sprechen und Gesprochen-Werden, Sagen und Hören, Schreiben und Lesen, oder Zitieren und Kommentieren. Aus diesem Grunde mündet die Rhetorik in jenem Abschnitt auch darin, dass die größte Kraft die größte Schwäche kreuzt und an einem Punkt sogar gleich sind, denn ansonsten lässt sich kreuzen, überschneiden als Reziprozität nicht denken. Vor diesem Hintergrund erscheint die Struktur von Benjamins Aufsatzes bereits gewaltsam:

Hält man sich nicht mehr an den Buchstaben des Benjaminschen Texts, geht man über ihn hinaus (im Augenblick gehe ich ihm nicht in Gestalt eines Kommentars, einer Texterläuterung nach; vielmehr interpretiere ich ihn, indem ich mich von seiner Zu-kunft leiten lasse), so kann man sagen, dass die Verständlichkeit und die ihr eigene Ordnung ihrerseits von der eingerichteten Ordnung abhängen, deren Deutung sie dienen. Die Lesbarkeit wird also ebensowenig neutral wie gewaltfrei sein.

Die Dekonstruktion, wie sie Derrida versteht, rekonstruiert im Nachhinein die Sprechsituation Benjamins. Die Situation selbst, die sich für Derrida zwischen den Zeilen bemerkbar macht, unterläuft die Intention des Autors, der gegen Gewalt schreibt, aber als Mittel die gewaltsame Sprachform verwendet und so Gewalt wie Gewaltlosigkeit das Wort redet:

Sie [Benjamins Kritik der Gewalt] setzt die Ordnung der Mittel der Ordnung der Manifestation entgegen. Erneut handelt es sich um die Gewalt der Sprache, aber auch um die Erlangung der Gewaltlosigkeit durch eine gewisse Sprache, um das Ereignis der Gewaltlosigkeit, das in einer gewissen Sprache stattfindet.

Nicht der Buchstabenlaut ist wichtig oder gar lektüreleitend. Vielmehr dient die eigene Gegenwart im Rückblick als imaginierte Zukunft einer Vergangenheit, die nur als Projektionsfläche einer selbstreferentiellen Verdachtshermeneutik hinreicht. Benjamins Text wird somit auf ein historisches Dokument reduziert, als Teil einer Epoche zwischen zwei Weltkriegen, die mit Mord und Todschlag beginnt und endet und Millionen von Unschuldigen das Leben kostet. Allein der Fall, dass Benjamins Aufsatz 1921 veröffentlicht wurde, stellt diesen für Derrida unter Generalverdacht.

Die Linie, die von dieser [Benjamins Sprach-] Interpretation gezogen wird, verlängert somit die furchterregende und belastende Verurteilung der Aufklärung, die Benjamin bereits in einem Text [Über das Programm einer kommenden Philosophie] aus dem Jahr 1918 ausspricht.

Völlig davon abgesehen, ob man nun Benjamins Anliegen teilt, seiner Begrifflichkeit zustimmt, sein Text sondiert allgemein den Problemkreis zwischen angemessener Verteidigung und ungerechtfertigtem Angriff aus und thematisiert sicherlich mehr als nur den Diskurs der 1920er Jahre der Weimarer Republik. Das Anliegen jedoch spielt für die dekonstruktivistische Interpretation keine Rolle, denn:

der Schriftsteller schreibt in einer Sprache und in einer Logik, deren System, Gesetze und Eigenleben von seinem eigenen Diskurs definitionsgemäß nicht absolut beherrscht werden können.

Jacques Derrida aus: „Grammatologie“

Benjamin weiß also nicht wirklich und kann es nach Derrida auch nicht wissen, wovon er spricht und dass er antidemokratischen und anti-aufklärerischen Kräften zuarbeitet.

Dekonstruktivistische Ausweitung der Deutungszone

Indem für die Dekonstruktion alles Schrift ist, nichts Textäußeres existiert, ist alles, ob es möchte oder nicht, Teil einer allumfassenden Kommunikation. Der Satz „es gibt kein Textäußeres“ wird oft missverstanden. Er impliziert nicht nur, dass es keine Intention gibt, keine festlegbare Bedeutung, keinen benennbaren Autor oder Autorin gibt. Er meint vor allem, dass der Text keine Grenzen besitzt, dass ein Text nicht abgrenzbar zu anderen Texten ist, dass die Texte vielmehr als Gewebe, als Diskurs, ineinander übergehen und nicht beginnen, nicht anfangen, nicht enden, im Grunde also alles Text ist.

Für Derridas Begriff der Schrift existieren Textgrenzen nicht, und so lassen sich die willkürlich anmutenden Kommentare zu Benjamins Aufsatz besser verstehen. Dieser dient nämlich lediglich als Eingangstür zu einem gewalttätigen Diskurs, der in Europa zwischen den Weltkriegen im 20. Jahrhundert geherrscht hat und über den und seine katastrophalen Begleitumstände Derrida im zweiten Teil von Gesetzeskraft räsoniert. Die Dekonstruktion betreibt also eine Ausweitung der Deutungszone, eine vorsätzliche Entbettung und Schieflesung des Textes, indem sie ihn zeitgeschichtlich verankert und als vom Zeitgeist durchströmt und von ihm kontrolliert erkennt. Die Befreiung von der klassischen Hermeneutik schlägt um in Beliebigkeit einer politischen Verortung, die weder buchstabentreu, noch textgetreu, noch an einer Text- und Deutungskonsistenz Interesse hat. Für Derrida nämlich ist Benjamins Text ein Teil des Problems:

Er [Benjamin] spricht auf bewertende, vorschreibende, nicht auf feststellende Weise – er signiert so, wie man es jedesmal beim Signieren tut. Zwei energisch formulierte Sätze kündigen an, welche Worte die leitenden Stichworte sein müssen und sollen, was man tun muss und soll, was man verwerfen muss und soll, (nämlich) das Böse oder Perverse des Verwerflichen.

Jacques Derrida aus: „Gesetzeskraft“

Eigenartigerweise tauchen in den zwei Sätzen, von denen Derrida spricht, weder „müssen“ noch „sollen“ auf, noch werden Gebote und leitende Stichworte gegeben, noch bewertet oder vorgeschrieben. Sie lauten:

Verwerflich aber ist alle mythische Gewalt, die rechtsetzende, welche die schaltende genannt werden darf. Verwerflich auch die rechtserhaltende, die verwaltete Gewalt, die ihr dient. Die göttliche Gewalt, welche Insignium und Siegel, niemals Mittel heiliger Vollstreckung ist, mag die waltende heißen.

Walter Benjamin aus: „Zur Kritik der Gewalt“

Die Absurdität schlägt sich nun bahn, wenn man sich erinnert, wie Derrida über Gerechtigkeit schreibt und wie er die Aufgabe der Dekonstruktion in Worte fasst:

Die Forderung nach unendlicher Gerechtigkeit, die unendliche Forderung nach Gerechtigkeit, die die von mir erwähnte Gestalt einer »Mystik« annehmen kann, verpflichtet bereits die/zur Dekonstruktion. Man muss der Gerechtigkeit gegenüber gerecht sein; es muss ihr zunächst in dem Sinne Gerechtigkeit widerfahren, dass man auf sie hört, sie liest, sie deutet […]

Jacques Derrida aus: „Gesetzeskraft“

Derrida selbst verwendet in einem fort „müssen“ und „verpflichten“ in seinem Text – nicht Benjamin. Und so nimmt es nicht Wunder, dass die Interpretation zu einer Selbstanalyse gerät, die sich selbst als Referent des Gesagten begreift, indem sie sich mit dem Autor verwechselt, der besprochen wird, und überall die Maske des Schreibenden meint zu erkennen, wenn Derrida in „waltende“ den Vornamen von Benjamin liest und nicht in „Gewalt“ oder in „verwaltete“. Die Pointe bricht unter der ihr zugemuteten Last zusammen. Am Ende ist alles „Gewalt“ und „Walter“ und „waltende“, „verwaltete“ Ungewissheit. Nur über Benjamins Aufsatz hat man bei dieser ausufernden Lesart eigentümlicherweise gar nichts gelernt.  

3 Antworten auf „Jacques Derrida: „Gesetzeskraft““

  1. Alexander! Also, ich bin immer ganz fasziniert, was Du so alles liest. Das ist alles unglaublich kopflastig, interessant. So komplett anders als mein Leseverhalten. Das finde ich das toll an diesen Blogs, man erlebt anderes Verhalten, andere Welten, komplett neue Horizonte…. guten Wochenstart! Herzlichst aus Zürich. A.

    1. Ja, das finde ich auch. Dieses kunterbunte Mischverhältnis, das einem Denkanstöße und fröhliche Lesevorschläge unterbreiten, finde ich an unserer Blogwelt auch toll. Wir tragen alle zu vielen Fragen und Perspektiven bei und man kann sich von hier und da nehmen, was einem gerade passt. Und es stimmt, manchmal wird es etwas kopflastig bei mir, aber hier und da ist es vielleicht trotzdem unterhaltsam 🙂 Ich wünsche auch einen guten Wochenstart, viel Sonne, und vielen Dank für diese tollen Beschreibungen deiner Kunsterlebnisse! Und Danke für den Kommentar!

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