Politische Texte gibt es zuhauf. Hierzu zählen politische Traktate, die sich als Roman verkleiden; Aufrufe und Belehrungen, die in Erzählungen eingebunden werden; die Moral von der Geschichte, die den eigentlichen Protagonisten einer Story mimt. Wenig dezidierte und offensiv politische Texte gibt es jedoch, die es mit der Ästhetik ernst meinen und ihren politischen Anspruch ins Formale transponieren, also nicht mit der Tür ins Haus fallen. Dietmar Dath gehört zu solchen Autoren. Anlässlich seiner Nominierung für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse habe ich mich durchgerungen, ein vor zehn Jahre gekauftes Buch zu lesen. Es hat den Titel: Dirac.
„Dietmar Dath: „Dirac““ weiterlesenJacques Derrida: „Gesetzeskraft“
Interpretationsmodelle (2): Die Dekonstruktion und der Poststrukturalismus haben eins der wirkungsmächtigsten Interpretationsmodelle der letzten Jahrzehnte etabliert. Im Rahmen der Reihe der Interpretationsmodelle, und als zweiter Teil, nach Theodor W. Adornos Aufsatz Skoteinos und seinem Begriff der immanenten Kritik, wird nun Jacques Derridas Buch Gesetzeskraft – Der »mystische Grund von Autorität« als Beispiel einer dekonstruktivistischen Lektüre untersucht. In diesem setzt er sich ausgiebig und detailliert mit Walter Benjamins 1921 erschienen Aufsatz Zur Kritik der Gewalt auseinandersetzt, der in einem anderen Beitrag bereits besprochen und interpretiert wurde.
„Jacques Derrida: „Gesetzeskraft““ weiterlesenHeike Geißler: „Die Woche“
Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (4/5): Wladimir und Estragon reden, harren aus, ohne dass in Warten auf Godot viel passiert, noch passieren müsste. Das existenzielle Drama dreht sich um nichts, um ein eigenes Zentrum der Besinnlichkeit und Vergeblichkeit, das sich jedoch so nicht einstellen will. In Heike Geißlers Die Woche passiert auch nichts. In diesem Roman, der kein Roman sein will, in diesem Theaterstück, das kein Theaterstück ist, warten die Protagonistinnen, die Ich-Erzählerin, die keine Erzählerin ist, und ihre Freundin oder Lebensgefährtin Constanze, auf den Ablauf, Fortlauf, Weiterlauf der Zeit. Sie warten beide, aber scheinbar einmal mehr auf Godot.
„Heike Geißler: „Die Woche“ “ weiterlesenEmine Sevgi Özdamar: „Ein von Schatten begrenzter Raum“
Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (3/5): Ralph Waldo Emerson schrieb im Frühjahr 1841 in sein Tagebuch: „An die Stelle von Romanen werden schließlich Tagebücher oder Autobiographien treten […]“ Seine Prognose ist in dieser Alleingültigkeit bislang nicht aufgegangen, auch wenn sich autobiographische Romane einer großen Beliebtheit erfreuen wie beispielsweise zuletzt mit Hast du uns endlich gefunden von Edgar Selge, der ein eindringliches Porträt seines musizierenden und die Familie tyrannisierenden Vaters entworfen hat, oder Claudia Durastantis Die Fremde, die ihren Werdegang als Musikkritikerin und Autorin und die Liebe und Konflikte mit und zwischen ihren taubstummen Eltern beschrieben hat. Mit Ein von Schatten begrenzter Raum legt Emine Sevgi Özdamar ebenfalls einen autobiographischen Roman vor. Özdamar hat bereits viele Preise für ihre Romane und Theaterstücke zugesprochen bekommen (u.a. den Ingeborg-Bachmann-Preis 1991, den Kleist-Preis 2004 oder den Fontane-Preis 2009) und für ihren neuesten Roman bereits den Bayrischen Buchpreis für das Jahr 2021. Es handelt sich um ein eindringliches Zeitdokument der sprachlich besonderen Art:
„Emine Sevgi Özdamar: „Ein von Schatten begrenzter Raum““ weiterlesenTomer Gardi: „Eine runde Sache“
Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (2/5): Tomer Gardis Roman Eine runde Sache erweist sich als janusköpfiges Formexperiment, das Verwirrung stiftet. Eine spoilerfreie Zusammenfassung wird gegeben und anschließend Gardis Stil analysiert. Es ergeben sich viele Zitate und Parallelen zu Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann und den Märchen der Gebrüder Grimm, so dass Eine runde Sache wie eine literarische Improvisation aufs Fremde und Vertraute, auf das Verwenden einer bekannten Form für einen unbekannten Inhalt erscheint.
„Tomer Gardi: „Eine runde Sache““ weiterlesenTheodor W. Adorno: „Skoteinos – Wie zu lesen sei“
Interpretationsmodelle (1): Wer viel liest, fragt sich schnell, wie unterschiedliche Eindrücke zustande kommen, was den einen vom anderen Text unterscheidet? Was zeichnet diesen von jenem Roman, diese von jener Ausdrucksweise aus? Werturteile lassen sich diesbezüglich schnell aussprechen. Sie hängen aber von den Lesenden ab. Das bestreitet heute kaum noch jemand. Die entscheidende Frage bleibt indes vom Urteil unberührt: Was vom Urteil hat nun mit dem Lesen, was mit dem Text zu tun? Statt den Text zu klären, hat das Urteil also die Aufgabe erweitert und verkompliziert und nicht gelöst.
„Theodor W. Adorno: „Skoteinos – Wie zu lesen sei““ weiterlesenKaterina Poladjan: „Zukunftsmusik“
Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (1/5): Einer Erfahrung ein historisches Bild zu verleihen und jenes aus dem Fluss der Zeit herauszubrechen, gehört zu den erstaunlichsten Wirkungsweisen eines Romans. Die Verwandlung von Kontinuität in Diskontinuität erlaubt es, rückläufig wieder anzuschließen und Kommunikationspotentiale zu erschließen, die sonst anderweitig vor sich hinschlummern müssten, ohne ihren Erfahrungsgehalt entfalten zu können. Katerina Poladjan hat den 80ern Jahren der kurz vor ihrem Ende stehenden Sowjetunion ein Kleinod entrissen und in „Zukunftsmusik“ zu einer Allegorie auf Veränderung verwandelt. Der Roman glänzt und schimmert und funkelt.
„Katerina Poladjan: „Zukunftsmusik““ weiterlesenAlois Hotschnig: „Der Silberfuchs meiner Mutter“
Kriege ziehen viel mehr in Mitleidenschaft als nur die oberflächlichen Zerstörungen und Verwüstungen und Verletzungen. Sie erschüttern Vertrauen, zwischenmenschliche Verhältnisse bis in die letzten Fasern und Fibern des Seins hinein. Untersucht Stefanie vor Schulte in „Junge mit schwarzem Hahn“ die unmenschlichen Gewaltverhältnisse während des Dreißigjährigen Krieges, so analysiert Susanne Abel in „Stay away from Gretchen“ die Problematik der während der Besatzung durch die Alliierten gezeugten Kinder im Nachkriegsdeutschland und Edgar Selge in „Hast du uns endlich gefunden“ die Wirkungen und Zerrüttungen des Krieges auf die familiären Verhältnisse, auf die Beziehung eines Sohnes zu seinem gewalttätigen Vater. Alois Hotschnigs Roman „Der Silberfuchs meiner Mutter“ eröffnet hier eine weitere Perspektive auf die Schrecken des Krieges und entwickelt diese entlang der Beziehung einer Mutter zu ihrem gewollt/ungewollten Sohn.
„Alois Hotschnig: „Der Silberfuchs meiner Mutter““ weiterlesenAyn Rand: „Atlas Shrugged“ (iii: die Logik)
Nach der literaturhistorischen Einordnung im ersten Teil (i: das Genre), der Rekonstruktion des Plots als zweiten (ii: der Plot), nun die Erzähl- und Argumentationslogik von Ayn Rands Hauptwerk „Atlas Shrugged“ zum Abschluss (iii: die Logik). Rand betrachtete den Roman und insbesondere die Rede von John Galt im Kapitel „Hier spricht John Galt“ als die Grundlegung ihrer Philosophie des Objektivismus. In vielen Reden, Aufsätzen, in Interviews und Stellungnahmen verweist sie auf diese Rede als die ausführliche Darlegung all dessen, was sie in Bezug auf Philosophie in die Waagschale zu werfen hat. Es nimmt insofern kein Wunder, dass die Rede, die über 5% der Textmasse des Romans ausmacht, völlig aus dem Rahmen und unangemessen lang ausfällt. Sie beginnt mit den folgenden Worten:
„Ayn Rand: „Atlas Shrugged“ (iii: die Logik)“ weiterlesenAyn Rand: „Atlas Shrugged“ (ii: der Plot)
Die Widersprüchlichkeit von Ayn Rands „Atlas Shrugged“ lässt sich bereits in der literarischen Anlage, also im Genre des Romans lokalisieren. Im ersten Teil der dreiteiligen Besprechung dieses überbordenden Wälzers wurden die Parallelen zu den klassischen Vertretern des sozialistischen Realismus herausgearbeitet. Dies verwundert sehr, zieht man in Betracht, dass „Atlas Shrugged“ eine dezidiert anti-sozialistische Pose einnimmt. Im zweiten Teil werden nun die Widersprüche in der Handlung untersucht, die ebenfalls überraschend klar das literarische Unternehmen von Ayn Rand ad absurdum führen, freie, rationale, selbstbewusste Figuren einzuführen, um deren Überlegenheit darzustellen. Der Roman beginnt mit Eddie Willers, der sich an seine Kindheit erinnert, an die Eiche auf dem Landsitz der Familie Taggart:
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