Julia Schoch: „Das Liebespaar des Jahrhunderts“

Das Liebespaar des Jahrhunderts
Reflektiert und abgeklärt … Spiegel Belletristik-Beststeller 13/2023

Julia Schochs neuester Roman Das Liebespaar des Jahrhunderts reiht sich ein in das zur Zeit sehr beliebte Genre des autofiktionalen Erzählens. Autofiktion, wie sie einer ihrer ersten Theoretiker im Sinn gehabt hat, Serge Doubrovsky, zeichnet sich durch zwei Prinzipien aus: Alle, nicht nur die Berühmt-Berüchtigten, dürfen ihre Autobiographie schreiben, wobei jedes Detail möglichst direkt beschrieben, also quasi literarisch entblößt werden sollte. Und zweitens, spielt diese Form mit der Unterminierung des Narzissmus, indem das erzählende Ich zwar das eigene Leben aneignet, diesem aber Pointierungen und Anekdoten untermischt, um in der Übertreibung, wie Theodor W. Adorno es formulierte, der Wahrheit gerecht zu werden:

Ich habe das Düstere übertrieben, der Maxime folgend, daß heute überhaupt nur Übertreibung das Medium von Wahrheit sei.

Theodor W. Adorno aus: “Was heißt: Aufarbeitung der Vergangenheit?”

Bei Julia Schoch klingt das so:

Bevor du den Seminarraum betreten hast, hast du jedes Mal gewartet, bis alle anderen saßen. Die Tür flog auf, und du standst da, mit wehendem Mantel, sodass alle Gesichter sich dir zuwandten. Ich habe später oft daran zurückdenken müssen, wie du jedes Mal dastandst, in diesem wunderbaren wehenden Mantel. Aber dann, noch später, dachte ich immer häufiger etwas anderes. Ich dachte: Nein, der Mantel wehte nicht. Er konnte nicht wehen. Es war ein grüner Igelitmantel, ein steifes Etwas. Trotzdem war es so: Du standst da, mit wehendem Mantel, sodass alle Gesichter sich dir zuwandten.

Julia Schoch aus: “Das Liebespaar des Jahrhunderts”

Ob aber Julia Schochs Roman wirklich zu den autofiktionalen Texten wie Annie Ernaux‘ Romanen Das Ereignis, Der junge Mann oder Das andere Mädchen, Emanuele Carrères Yoga, Kim de l’Horizons Blutbuch, Jan Faktors Der Trottel oder Arno Geigers Das glückliche Geheimnis gehören, dagegen spricht, dass in Das Liebespaar des Jahrhunderts auf jedwede Besonderheiten und Spezifikationen verzichtet wird, auch aufsehenerregende, pikante Details fehlen. Von einer Autobiographie lässt sich ebenfalls kaum reden. Es handelt sich eher um einen Brief, ein Bekenntnis an den geliebten Partner, um ein einseitiges und strukturalistisch-abstraktes Gespräch der Aussöhnung mit den Tiefen und Untiefen des gelebten Lebens:

Später, im Rückblick, habe ich diese Äußerungen [Trennungen sind keine Lösung] wie so vieles andere als Täuschungsmanöver gedeutet, als eine Hinhaltetaktik, die mich in Sicherheit wiegen, mich ablenken sollte von deinen Machenschaften. Aber damals sah ich es anders. Damals beruhigte mich deine Haltung. Sie beruhigte mich ungemein. Ich vermute, so ganz konnte ich es immer noch nicht fassen, dass ich dich getroffen hatte. Du und ich – das Liebespaar des Jahrhunderts!

Inhalt/Plot:

In dem als „Roman“ bezeichneten Text geht es vor allem um das besagte Liebespaar, die Ich-Erzählerin und das Du, der geliebte Partner nach über drei Jahrzehnten. Die ganze Liebesgeschichte wird in Schlaglichtern, nur in kurzen Episoden beleuchtet. Es beginnt mit einem Vanilletee-Trinken auf dem Boden sitzend in einer Plattenbauwohnung in den frühen 1990ern. Beide stammen aus der ehemaligen DDR und beide studieren und bleiben zeitlebens akademisch tätig. Beide verbringen eine Zeit in Frankreich, treffen sich wieder und verbringen einen Urlaub nahe Montpellier, wo es zu einer Schlägerei kommt, die die Ich-Erzählerin zum Schreiben ermutigt:

Vielleicht ist der Beginn allen Schreibens die Gewalt, gepaart mit Erregung und Schönheit. Noch in der derselben Nacht unternahm ich den Versuch, alles aufzuschreiben, was sich zugetragen hatte, aber da ich betrunken gewesen war, handelte es sich eher um diffuse Eindrücke als um den exakten Ablauf dessen, was wirklich geschehen war. In meinen Aufzeichnungen schaukelten die Lichterketten der Strandbar heftig, als stünde ich an Deck eines Schiffes, Wolkenfetzen am Nachthimmel, das Meer schäumte, der Boden schwankte wie ein Ponton, dazu ein Gefühl, als steckte ich bis zum Bauch im Sand etc.

Nach dem Aufenthalt und weiteren Studien zurück in Deutschland geht es für sie beide nach Bukarest, wo sie Reminiszenzen ihrer Kindheit in der ehemaligen DDR einholen. Alsbald kehren sie zurück. Er, der Partner, ist nun bestrebt eine permanente Stelle als Hochschulprofessor zu ergattern, sie, die Ich-Erzählerin, beginnt mit journalistischen Tätigkeiten. Er geht nach Russland, und sie beginnen eine Fernbeziehung. Sie entfremden sich ein wenig, aber finden doch wieder zueinander:

Ich hatte gerade begonnen, ein Buch zu schreiben. Es ging erstaunlich gut voran, aber an diesem Abend, nachdem du mich angerufen hattest, legte ich die Manuskriptseiten beiseite. Ich nahm ein weißes Blatt und schrieb das, was du mir erzählt hattest, auf. Dann saß ich eine ganze Weile da. Ich las mir die Zeilen immer wieder durch. Schließlich notierte ich eine Frage darunter. Die Frage lautete: Bleibt uns in dieser Welt also tatsächlich nichts anderes übrig, als ein Kind zu bekommen?

Sehr viel ändert das Kind aber nicht an der Beziehung. Sie bekommen ein zweites. Nun beginnt die Phase, in der die namenlose Ich-Erzählerin darüber sinniert, sich von ihrem Partner doch noch zu trennen. Sie beginnen sich gegenseitig untreu zu werden. Sie ziehen in eine größere Wohnung und leben nebeneinander her. Sie bleiben dennoch, im Gegensatz zu vielen in ihrer Umgebung, zusammen:

Die meisten von ihnen hatten sich von ihren ersten Partnern getrennt, lebten allein oder in zweiter oder sogar dritter Ehe. Insgeheim freute es mich, die Zusammenfassungen ihrer üblen Erfahrungen zu hören: Gerichtsverhandlungen, Mediationen, blanker Hass, Termine beim Jugendamt […] Ihre Erzählungen gaben mir für einen kurzen Augenblick das Gefühl, wir wären noch immer das Liebespaar des Jahrhunderts.

Die Kinder wachsen auf. Die Trennungsgedanken werden intensiver, aber klingen dann auch wieder ab. Die Ich-Erzählerin vermisst aber immer noch die blinde Liebe:

Ich war schon lange nicht mehr darüber zornig, dir jahrelang blind vor Liebe gefolgt zu sein. Ich bereute nicht, dass ich abhängig von dir gewesen bin. (Möglicherweise bin ich es ja noch immer.) […] Wenn ich Zorn empfinde, dann darüber, dass meine blinde Liebe zu dir verschwunden ist. Ich vermisse sie. Ich vermisse sie noch stärker, als ich dich vermisst habe.

Stil/Sprache/Form:

Schoch schrieb den Roman Das Liebespaar des Jahrhunderts als Brief und besitzt dementsprechend auch alle Charakteristiken eines persönlichen Briefes an jemanden sehr Vertrauten. Der Brief erzählt von ihrem gemeinsamen Leben in Du-Form. Das Publikum wird also in die Rolle des Geliebten versetzt, der hierdurch passiv gesetzt wird. Seine Sicht der Dinge fließt nicht in den Text ein. Es spricht einzig die Ich-Erzählerin und zwar in einem seltsamen, unentschiedenen Ton. Einerseits intim, nicht für Dritte bestimmt:

Ich rührte, und dann sagte ich: Ich habe Schmorgurken für uns gekocht. Wieso sagt man das Falsche? Wieso verwechselt man die Wörter? Eigentlich wollte ich sagen: Ich verlasse dich. Stattdessen sprach ich weiter. Ich liebe dich, sagte ich.

Andererseits aber sehr schematisch und allgemein, also nicht intim und auch nicht für den Partner bestimmt:

Die wichtigsten Dinge fallen einem am Schluss ein. Wir haben nie geheiratet.

Dieser Satz zeigt, dass der Roman für ein Publikum geschrieben worden ist, weil der Partner unmöglich nicht wissen kann, dass sie nicht geheiratet haben. Das unterläuft jedoch stark die Du-Perspektive, die nun einen unbestimmten Adressaten anredet: weder den Geliebten noch den Fremden. Das Liebespaar des Jahrhunderts changiert hier zwischen Bericht, Brief, zwischen Rollenspiel, Theater, Monolog und Dialog. Die Inszenierung bricht regelmäßig den eigenen Authentizitätshorizont, den ein autofiktionaler Text üblicherweise anstrebt:

Eines Abends klingelte das schwere schwarze Telefon bei mir im Flur. Damals gab es nur Telefone mit einer Schnur dran. Ich stand im Flur und hing an der Schnur. Dieser Reim ist unbeabsichtigt (solche Dinge passieren).

Es bleibt bis zum Ende nicht klar, wen die Ich-Erzählerin adressiert, noch was sie zu kommunizieren gedenkt. Stilisiert und ästhetisch durchgeformt ist der Roman nicht. Er möchte auf Augenhöhe erscheinen, direkt ansprechen, das Publikum wie den Partner zurück in das eigene Leben ziehen.

Das also war sie, die Person, die du vor dir hattest, wenn du nach Hause kamst. Eine Frau, die stumm an ihrem Mann vorbeilief, demonstrativ mit den Türen knallte, das Besteck geräuschvoll in die Schublade warf und ihn statt mit einem köstlichen Abendessen bloß mit ausdruckslosen Augen in einem teigigen Gesicht empfing.

Die Konzeption von Julia Schoch zielt auf eine allgemeinere Ebene. Sie zieht nur so viele Details heran, wie unbedingt nötig und generiert so eine passende, für viele Beziehungen zutreffende Situation, so dass die Ich-Erzählerin wie das „Du“ in dieser Weichzeichnung im Laufe der Lektüre mehr an Gestalt und Persönlichkeit verlieren. Schoch zielt auf einen Normal-Typus einer dreißigjährigen Beziehung. Die Ich-Erzählerin wie die Beziehung gibt es offenkundig in dieser genauen Form nicht. Von ihr wurde gekonnt abstrahiert, was die unspezifische Verwendung von „etc“ bestätigt:

Aber dann war es da, das Kind, und die Liebe schien zu wandern, ganz leicht nur, fast unmerklich. Beim zweiten Kind ermahnte ich mich, auf keinen Fall das ältere Kind zu vergessen, da es ein Recht auf meine ungeteilte Liebe habe, an die es gewöhnt sei etc.

Resümee/Kommunikative Einbettung:

Die Du-Form, die von Schoch gewählt wurde, bezieht das Publikum in die Handlung selbst ein. Es ist keine distanzierte Erzählung. Sie geht alle an, daher das Du, das tua res agitur, das auch Michel Butor in seinem Roman Paris/Rom oder Die Modifikation gewählt hat. Dort reflektiert Léon Delmont in der Du-Perspektive. Er befindet sich in einem Zug auf dem Weg nach Rom, mit dem festen Vorhaben seine Frau und Kinder zu verlassen, um mit seiner Geliebten Cécile  ein neues Leben zu beginnen. Am Ende der Zugfahrt jedoch beschließt er alles beim alten zu belassen und statt sich zu trennen, ein Buch zu schreiben:

Du nimmst [das Buch, das du bei der Abreise gekauft hast] in die Hand und sagst dir: ich müßte ein Buch schreiben; das wäre für mich das einzige Mittel, die entstandene Leere zu füllen, da ich, von dem Zug dahingetragen, keine andere Möglichkeit mehr habe und gezwungen bin, dem Weg dieser Schienen bis zum Bahnhof zu folgen. Ich werde also diese sinnlose, zugrunde richtende Tätigkeit bei Scabelli fortsetzen, wegen der Kinder, wegen Henriette und wegen meiner selbst, werde weiter in der Wohnung Place du Panthéon fünfzehn leben; und vor allem, das weiß ich, werde ich mich bei den nächsten Reisen nicht zurückhalten können, Cécile zu sehen.

Michel Butor aus: “Die Modifikation”

Er bleibt unentschieden, bleibt auf der Spur, die ihm zugewiesen, verlässt das Gleis nicht. Er fährt hin und zurück, aber so wie von ihm erwartet, wie es vorgesehen ist. Die Trennung ereignet sich nicht. Das Buch, das er schreibt, wird die Trennung und Freiheit ersetzen, das freie Spiel der imaginativen Kräfte, sollte es denn gelingen:

Du sagst dir […] Also den Weg bereiten, zum Beispiel mit Hilfe eines Buches, für die zukünftige, außerhalb unserer Reichweite liegende Freiheit, ihr ermöglichen, und sei es in einem noch so geringen Maße, sich zu offenbaren und Gestalt zu gewinnen,
darin liegt die einzige Möglichkeit für mich, wenigstens ihren herrlichen, erschütternden Widerschein zu genießen

Michel Butor aus: “Die Modifikation”

Wie in Das Liebespaar des Jahrhunderts geschieht die Abwicklung sprachlich. Sie geschieht als Beichte, Versöhnung, als Versprechen und Trost und vor allem als Ersatzhandlung, für die nicht eingeforderte Unabhängigkeit und Freiheit. Julia Schochs und Michel Butors Roman besitzen als Gegenpart, zu ihrer Lakonie, den Liebesbrief, den André Gorz seiner sich im Sterben befindlichen Frau Dorine schreibt. Das Buch heißt Brief an D. Dort, wie auch in Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich spricht eine andere Form der Liebe trotz des über viele Jahrzehnte geteilten gemeinsamen Lebens.

Bestimmt bin ich nicht immer auf der Höhe der vor dreißig Jahren getroffenen Entscheidung gewesen: mitten in der Gegenwart zu leben, vor allem auf den Reichtum unseres gemeinsamen Lebens zu achten. Jetzt durchlebe ich noch einmal mit einem Gefühl der Dringlichkeit die Augenblicke, in denen ich diese Entscheidung getroffen hatte. Ich habe kein größeres Werk in Arbeit. Ich will nicht mehr »das Leben auf später verschieben«, wie Georges Bataille geschrieben hat. Ich möchte Dir meine ganze Aufmerksamkeit schenken und die Deine zu gewinnen suchen wie in unseren Anfängen. Du hast mir Dein ganzes Leben und alles, was du bist, geschenkt; ich möchte Dir in der Zeit, die uns noch bleibt, alles von mir schenken können.

André Gorz aus: “Brief an D.”

Es beginnt damit, dass der Text die Partnerin direkt anspricht, das Du auch tatsächlich groß geschrieben wird. Es ist ein intimer, aber für die Öffentlichkeit bestimmter Text gewesen, in denen er sich für sein Fehlverhalten entschuldigt. Es ist aber auch ein Text, der sehr klarsichtig die Liebe fühlt und kommuniziert, die ihn erfüllt und sein Leben lang begleitet hat. Es steht im argen Kontrast zu Julia Schochs Paar, das ein Manifest verfasst, das mit folgenden Punkten beginnt:

  1. 1. Auf das Gefühl ist wenig Verlass.
    2. Das Gerede von der Echtheit der Liebe ist eine Wahnvorstellung.
    3. Nimm dir die Liebe so vor, wie man sich vornimmt, häufiger ins Kino zu gehen.
    4. »Was sich für das Individuum hält, ist bei Lichte gesehen meist nur der trotzige Rest einer gescheiterten Paarstruktur.« (Das hatten wir aus dem Buch eines damals angesagten Philosophen.)
    5. Die Liebe ist nicht kompliziert.

Der damals angesagte Philosoph heißt Peter Sloterdijk, und der Satz erschien in Die Sonne und der Tod. Der Verfasser der Kritik der zynischen Vernunft hält dort nicht viel von Individuen. Schochs Ich-Erzählerin auch nicht:

Wir sind eigenständige Wesen, Individuen. Folgt man der Logik der Diskurse, in denen ich mich seit meiner Jugend bewege, ist das der erstrebenswerte Seinszustand eines Menschen. Für mich hat das Wort etwas Klägliches. In der Welt meiner Kindheit war ein Individuum nichts Gutes.

Es stellt sich am Ende die Frage, ob intensive Liebe, das je Besondere, das einen Menschen auszeichnet, nicht einen emphatischen Begriff des Individuums benötigt, um zu gedeihen, um Idiosynkrasien zu feiern und zu entfalten, die ohne diesen je spezifischen, einzigartigen Menschen gar nicht existieren würden. Es ist in jedem Falle nicht die Sache von allen, ganz sicher jedoch nicht die von Das Liebespaar des Jahrhunderts, das in seiner bis zur Wahrheit gesteigerten Übertreibung ein nüchternes Paradigma für Leben nahelegt.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Nächste Woche am 9. Mai 2023 auf Kommunikatives Lesen:
Martin Suters aktueller Roman Melody.
Eine Kurzversion der Besprechung und noch andere aktuelle Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier

7 Antworten auf „Julia Schoch: „Das Liebespaar des Jahrhunderts““

  1. Es ist aus der Perspektive der Desillusionierung, des distanzierten Rückblicks vielleicht unmöglich, anfängliche Emphase noch überzeugend darzustellen. Das gilt besonders in den zahlreichen Fällen übersteigerter Erwartung an ein von der Liebe gestiftetes Wir, wie sie der Buchtitel (wenngleich ironisch) nahelegt.
    Die sogenannte “romantische” Liebe ist aus meiner Sicht ein Konstrukt, das angesichts der menschlichen Natur nur scheitern kann, zumal sie sich in ihrer Definition bereits der Notwendigkeit entzieht, die sie zum Gelingen bräuchte: an der Entwicklung der Beziehung zu arbeiten anstatt sie zu verklären, und ein Wir wachsen zu lassen, das auf der aktiven, wechselseitigen Stärkung und Achtung beider Individuen füreinander beruht.
    Dein Lesebericht, lieber Alexander, weckt bei mir die Erinnerung an Jahrzehnte zurückliegende Debatten über Monogamie, Eifersucht und christliche Ethik. Und deine kostbaren Querverbindungen lassen mich einige Bücher wieder in die Hand nehmen und nach alten Randbemerkungen suchen. Danke sehr!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Liebe Ule, ich gebe dir ganz recht und du motivierst mich Niklas Luhmann “Liebe als Passion” erneut wiederzulesen und es zu besprechen, wo nämlich die Liebe als eine Sinn- und Anschlussgeflecht entsteht als wachsende, sich entfaltende Selbst- und Fremdbezüglich durch und gerade mit Kommunikation. Die romantische Liebe, die so beschaffen ist, einmal gefunden, immer toll, vom Himmel gefallen, sie ist eine fixe Idee. Ex negativo scheint sie bei Julia Schoch hindurch, die ja nicht mit dem “Du” gearbeitet hat, sondern eigentlich nur flieht und dann irgendwie sich abfindet, ihn nicht so schlimm, aber auch nicht mehr so interessant zu finden. Das Buch hat viele Facetten und Anknüpfungspunkte – hast du diesbezüglich noch andere Literaturen im Kopf, nach welchen Büchern hast du gegriffen? Das würde mich sehr interessieren. Und im übrigen, ja, mich hat das Buch auch an alternde WG-Abende erinnert, und diese Versuche, der Beziehung durch Fremdimpulse und selbstzerstörerische Experimente neues Leben einzuhauchen. Von diesen Untiefen spricht jedoch Julia Schoch nicht sehr viel, was vielleicht gut ist 🙂 Viele Grüße und Danke für den Kommentar!!

      1. Was unsere Debatten und Experimente in den 70ern sehr befeuert hat, war vor allem Arno Plack, Die Gesellschaft und das Böse. Das Buch ist ein bisschen in die Jahre gekommen, wirkt heute vielleicht etwas angestaubt (in meiner Bibliothek sowieso 🙂), hat damals aber eine Menge bewegt in meinem Leben. Erich Fromms Haben oder Sein gehörte ebenfalls zu unseren Referenzen und natürlich Simone de Beauvoir mit Das andere Geschlecht.
        An selbstzerstörerischen Elementen war jene Zeit auch reich, und manchmal staune ich, wie viel Glück ich hatte, da so unbeschädigt rauszukommen.
        Auf deine Luhmann-Besprechung freue ich mich schon.

      2. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
        Alexander Carmele sagt:

        Danke für die Tipps. Den Fromm habe ich sogar, wegen Psychoanalyse und so, aber Arno Plack sagt mir nichts, den schaue ich mir an. Ich mag diese Welten, die sprachlichen wie theoretischen. Danke für die Anknüpfungspunkte – den Luhmann plane ich jetzt mal ein. Ich muss es neu lesen, um es besprechen zu können, aus dem Gedächtnis geht das gar nicht. Deine Vorschläge sind allesamt theoretisch, gibt es da keine Romane? Nicht, dass ich Theorie scheue 😀

      3. Romane waren uns damals nicht so wichtig. Aber ich glaube, bei Simone de Beauvoir wirst du auch zum Kontext Offene Beziehung/ Eifersucht im Roman fündig: Sie kam und blieb. Und gab es das Thema bei Françoise Sagan nicht auch?

  2. Deine Rezension ist schon ein Essay für sich und setzt ein hohes Maß an Kenntnis voraus. Ich brauche jedenfalls immer einige Zeit, um auf der Höhe des Problems zu bleiben. Außer einem großen Lob möchte ich, ohne beckmesserisch zu sein, nur anmerken, dass du nicht Arno Schmidt, sondern Arno Geiger meinst. Es wäre zwar in meinem Sinne, dem Schmidt mehr LeserInnen zuzuführen, aber es könnte den einen oder die andere auch irritieren. Nochmals schönen Dank für die tolle Rezension. Gruß, Joachim.

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Oh, vielen Dank! Ja, ich habe das sofort in “Geiger” geändert. Da schwingt mein Bewusstsein mit, endlich Arno Schmidt lesen zu wollen, den ich mir ja auch deinetwegen zugelegt habe! Ich bin sehr gespannt auf meine Arno Schmidt-Lektüre. Danke auch für das Lob. Ich versuche den Text in Gedanken entwickeln zu lassen. Vielleicht bin ich manchmal nicht zielführend und knapp genug, und vielleicht ändert sich die Argumentation im Laufe des Verfassens etwas, so dass das Lesen mühevoller als nötig wird, aber solange die Besprechungen lesbar bleiben, lasse ich es dann lieber so. Ich bin aber stets sehr offen für Kritik und bedanke mich sehr fürs gründliche und aufmerksame Lesen! Viele Grüße ins Wochenende!!

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