
Aus der Kategorie Prekäre Kindheitserfahrungen meldet sich nach 22 Bahnen der neue und zweite Roman von Caroline Wahl Windstärke 17. In Intensität, Tempo und Wucht stimmt es mit Romanen wie Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah und Öziri Necatis Vatermal ein, d.h. harte, umgangssprachliche Kraftausdrücke werden nicht gescheut, trotz aller Verletzlichkeit, die die Figuren dieser Romanwelten aufweisen und in ihrer Sehnsucht nach Frieden und Beschaulichkeit den Schwebezustand eines Prana Extrem von Joshua Groß anstreben. Die Welt liegt aber in Trümmern, und mit Welt sind hier meist die familiären Verhältnisse und die als desaströs empfundenen Eltern-Kind-Beziehungen gemeint:
[Mama] bleibt im Türrahmen stehen, während ich »egalegalegalegal« schreibe. Im Augenwinkel sehe ich, wie sie sich umdreht und die Tür schließt. Wie sie sich umdrehte und die Tür schloss. Ich hasse mich für dieses »Egal«. Ich hasse mich, ich hasse sie, und ich hasse alles. Sie wusste, als sie an diesem frühlingshaften Dienstag an meine Tür klopfte, dass sie gehen wird, und ich wusste es irgendwie auch. Ich habe »fjsodksnd« und »egalegalegalegal« aus dem Dokument gelöscht, »Scheißkuh« dringelassen. Und habe sie gehen lassen.
Caroline Wahl aus: „Windstärke 17“
Inhalt/Plot:
Ida, Anfang, Mitte zwanzig, will das Literaturstudium schmeißen, bewirbt sich fürs Literarische Schreiben in Leipzig, wird abgelehnt und hat eine alkohol- und tablettensüchtige Mutter zuhause, die schließlich nicht mehr aus dem Koma erwacht und stirbt. Um die leere Wohnung und die Erinnerungen nicht mehr ertragen zu müssen, nimmt sie reißaus Richtung Rügen. Auf dem Weg überlegt sie bei ihrer äteren Schwester Tilda, der Hauptfigur aus 22 Bahnen, in Hamburg unterzukommen, wo diese mit Viktor und den Zwillingen Niko und Vana in trauter Zweisamkeit lebt. Sie entscheidet sich dagegen, fährt weiter und steigt ohne Plan aus dem Zug aus:
»In wenigen Minuten erreichen wir die Endstation Stralsund. Bitte alle aussteigen. Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Abend«, sagt ein viel zu gut gelaunter Zugbegleiter. Zu gut gelaunte Zugbegleiter sind manchmal niedlich, aber meistens absolute Endgegner, denke ich, und vor allem denke ich: Fuck. Fuck, ich hätte die Zeit nutzen sollen, um mir zu überlegen, was ich in Stralsund mache.
Aus 22 Bahnen wird 22 Euro, die eine Rettungsschwimmerin am Strand verdient, die Ida zurückpfeift, als diese immer weiter Richtung offenes Meer schwimmt. Schwimmt Tilda im sicheren Freibad, wagt sich Ida aufs freie Gewässer hinaus, trotz aller Lebensgefahr. Sie benötigt den Thrill. Sie bejaht den Wagemut. Sie will den Wind, das Wasser, die See spüren, um sich selbst auf die Probe zu stellen, ob sie überhaupt zurück ans Land, ins Leben finden möchte. Durch die Alkoholsucht der Mutter, die sich vor ihren Augen aufgegeben hat, fühlt sie einen Abwärtsstrudel in sich, den sie materiell in den Gezeiten der Ostsee sucht, um ihn dort, ganz handgreiflich, überwinden, bekämpfen zu können:
Ich renne an der roten Flagge vorbei, schmeiße den Pulli in den Sand und stürze mich in die Brandung, kraule in die Wellen, sobald ich tief genug drin bin. Ich konzentriere mich auf meinen Körper, meine Muskeln, meine Arme und Beine, die schneller und stärker sein müssen, als sie es sind. Heute ist es unmöglich, einen Rhythmus zu finden. Es ist ein Kampf. Die Wellen sind zu stark, zu groß, und sie wollen mich bezwingen, obwohl ich doch zu ihnen gehöre. Ich spüre, dass sie mich bezwingen werden, dass sie an meinen Armen, Beinen zerren und mir die Luft nehmen. Die kriegen mich aber nicht. Ich strample wie wild, prügle mich mit aller Kraft, die ich habe, durch das Wasser und versuche, Luft zu holen.
Ida sehnt sich nach einem Befreiungsschlag, nach Erlösung von den Alpträumen, dem schlechten Gewissen, dass sie nicht auf der Beerdigung ihrer Mutter, dass sie am Ende zu unfreundlich zu ihrer Mutter gewesen ist, dass sie sie beleidigt, vor den Kopf gestoßen hat. Sie sucht Anschluss und Anknüpfungspunkte, um zurück in ihr eigenes Leben zu finden, und findet ihn durch ihren Aushilfsjob im Lokal namens „Die Robbe“. Marianne und Knut, die Besitzer, nehmen sich ihrer an und peppeln sie, als sie vor Erschöpfung während der Arbeit zusammenbricht, bei sich auf.
Marianne, groß gewachsen, vielleicht Ende 60, weißblondes glattes Haar, strenge grüne Augen, khakifarbener Parka, stürmt die Bar, kommt zu mir.
Marianne: Du armes Ding. Sie streicht mir die Haare aus dem Gesicht und legt ihre Hand auf meine Stirn. Ein silberner Passat. Natürlich. Ich halte mich an dem Wagen fest und überlege, ob ich da wirklich einsteigen will.
»Mir gehts eigentlich schon viel besser«, lalle ich, als ob ich betrunken wäre.
Marianne: Du kommst jetzt erst einmal mit zu uns. Und irgendwie ist es das, was ich hören will. Ich ergebe mich, sacke auf dem schwarzen Kunststoffsessel zusammen und schließe die Augen.
In Sicherheit streckt Ida die Fühler nach ihrer Schwester aus. Sie lernt den Surfer und Discjockey Leif kennen, und verarbeitet so, im Aufwind der Verliebtheit und Hoffnung, ihre jüngste Vergangenheit auf, um sich Raum für Frieden zu schaffen. Als sie aus ihrer Bauchnabelschau erwacht, merkt sie, dass auch bei Marianne und Knut etwas im Argen liegt.
Spoiler
Bei Marianne wurden Metastasen gefunden, und sie muss sich einer Chemotherapie mit ungewissem Ausgang unterziehen. Ida empfindet sofort Fluchtimpulse, überwindet diese aber und hilft Marianne daraufhin im Haushalt, unterstützt sie mit Knut zusammen. So findet sie auch Kraft, endlich zum Grab ihrer Mutter zu gehen, wo sie sich verabschieden und auch die guten Erinnerungen an ihre Mutter wieder zulassen kann, und Frieden mit ihrer Schwester Tilda zu schließen.
Stil/Sprache/Form:
Windstärke 17 besitzt eine sehr moderne Erzählform. Die Ich-Erzählerin berichtet im Präsens, aber vor allem aus einer seltsamen Selbstentfremdung heraus. Sie beobachtet sich, mit sich die Welt, aber in der Reflexion auf die körperlichen Empfindungen, Reaktionen, die sie wie abgetrennt und fremd von sich analysiert und kommentiert, als wäre sie eine Art Computerspielfigur, deren Verhalten sie steuert und zugleich beobachtet, ihr eigener Avatar:
Schweigend schaufele ich das Essen nervös und viel zu schnell in mich rein und ersticke fast an dem Kartoffelbrei, während Marianne und Leif sich über irgendwelche Leute auf der Insel und Inselgeschichten austauschen. Als mein Teller leer ist, sind ihre noch beinahe voll, weil sie sich die ganze Zeit unterhalten, und ich fühle mich ausgeschlossen. Ich nehme mir Kartoffelbrei nach, schaufle weiter und frage nach Ketchup, weil Marianne es hasst, wenn ich nach Ketchup frage.
Die Sprache wirkt fremd, verstörend, aber in der Intensität authentisch orientierungslos. Wie ein Feed oder Liveticker liest sich Caroline Wahls Diktion schnell, flüssig, ohne jedweden Widerstand als gegenwartsgesättigte Hochgeschwindigkeitsliteratur, die das Lesen beinahe in ein Überfliegen zu verwandeln droht. Die Rastlosigkeit, Hilflosigkeit der zu früh aus dem Nest geworfenen Protagonistin transportiert sich in der Sprache eindrucksvoll und vehement. Die Entgleisungen, die Provokationen wirken wie Hilferufe, die gesamte Sprachform wie ein Ausbund an Verzweiflung, mit der Welt, so wie sie sich darbietet, nicht klarkommen zu können, vor allem sprachlich nicht und impulsgesteuert. Windstärke 17 liest sich wie eine Art invertierter Entwicklungsroman, der Ida die Möglichkeit gibt, die zu früh beendete Kindheit nochmals nachzuholen und auch zu durchschreiten, und sei’s als Roman fiktionalisiert:
Marianne: Botinchen [Eisklassiker mit Kaugumminase]? Leif und ich nicken.
Wir packen unsere Botinchen aus, und Leif fragt tatsächlich, ob wir tauschen können, weil er lieber das Botinchen mit der roten Nase haben will, ich sage nicht, dass das nur Farbstoff ist, und gebe ihm mein Botinchen. Während wir ziemlich synchron unseren kleinen Botinchen ihre braunen Schokoglasur-Haare und die rosafarbenen Erdbeer-Augen abbeißen, ich die grüne und er die rote Kaugumminase auf unsere Serviette legen, die untere Vanille-Gesichtshälfte mit dem Erdbeer-Mund verschlingen, den Stiel auf den leeren Teller legen und zum Schluss die Nase vom kleinen Botinchen zerkauen […]
Stilistisch markant im Erzählstil Wahls erweist sich die Vermischung von direkter, erlebter und indirekter Rede, zwischen der kein Unterschied mehr besteht. Teilweise wie ein Theaterstück mit vorangestellten Sprechinstanzen, teilweise mit Anführungszeichen als direkte Rede abgehoben, und auch wiederum nur im Erleben Idas wiedergegeben, weichen die Grenzen des Mediums Kommunikation in alle Richtung ununterschieden auf. Dies verstärkt den Eindruck von Idas konsequent gestalteter Überforderung. Die Welt erscheint als eine aufgewühlte See während eines Sturms der Windstärke 12 auf der Beaufort-Skala: 55x Worte mit „Scheiß“, 11x mit „Arsch“, 18x „Fuck“, um nur einige zu nennen:
Aber als ich dann dageblieben bin, habe ich immer weniger nach ihr geschaut und ihr zunehmend nur zugeschaut bei ihrem Abgang, anstatt was dagegen zu tun. Ich bin eine schlechte und schwache Scheißtochter. Ich war eine schlechte und schwache Scheißtochter, und jetzt bin ich einfach nur noch allein. Ich liege hier allein in dem Mehrbettzimmer und hasse es.
Stil, Wortwahl, Sprachgeschwindigkeit, Erzählrhythmus passen und zeichnen eine wildwogende Ida-Persönlichkeit, die einen alles andere als gleichmütig zurücklässt. Der literarische Hilfeschrei skandiert auf allen Ebenen einfach zu laut.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Bücher des Coming-Of-Age-Genres wie Der Fänger im Roggen oder Die neuen Leiden des jungen W. überzeugen vor allem durch die Eindringlichkeit ihrer Figurengestaltung, der Erzählstimme selbst, die kaum noch einen literarischen Verfremdungseffekt anvisiert. Die Stimme will ungebrochen, lautmalerisch, fast onomatopoetisch zum Publikum hindurchdringen. Die Verzweiflung, keinen Platz in der Welt zu finden, keinen gewünschten, den Träumen angemessenen, schimmert durch alle Zeilen hindurch. Wie Ida keine Aufnahme bei dem Leipziger Institut für Literarisches Schreiben findet, bleiben in Ulrich Plenzdorfs Roman für Edgar Wibeau die Türen zur Berliner Kunstakademie verschlossen:
[Ziemlich sauer] War ich! Aber Fakt war, daß meine gesammelten Werke nicht die Bohne was taugten. Weshalb malten wir denn die ganze Zeit abstrakt? — Weil ich Idiot nie im Leben was Echtes malen konnte, daß man es wiedererkannt hätte, einen ollen Hund oder was. Ich glaube, das mit der ganzen Malerei war eine echte Idiotie von mir. Trotzdem war die Szene an sich nicht schlecht, wie ich da in diese Hochschule klotzte und gleich rein in das Zimmer von diesem Professor und wie ich ihm meine gesammelten Werke knallhart auf den Tisch blätterte.
Ulrich Plenzdorf aus: „Die neuen Leiden des jungen W.“
Selbige Verzweiflung findet sich in J.D. Salingers Der Fänger im Roggen, oder in Benedict Wells Hard Land, in welchem auch der erste Sex dazu dient, über den Tod der Mutter hinwegzutrösten. Vor diesem Gesichtspunkt erscheint Windstärke 17 wie eine Jugendvariante des Rügen-Klassikers Der Tangospieler von Christoph Hein und dessen Remedy Kruso vom Georg-Büchner-Preisträger 2023, Lutz Seiler, wo das Lokal „Der Klausner“ nun „Die Robbe“ heißt, die Flucht, dort aus der DDR, hier aus dem eigenen Leben aber vorrangig behandelt wird, und das mit den Rauschgelüsten eines Heinz Strunk aus Ein Sommer in Niendorf abgeschmeckt worden ist. Beide wirken jedoch weniger authentisch als Caroline Wahls Windstärke 17, da sich in diesem eine Jugendstimme zu Wort meldet, die gegen die eigene Entfremdung anbrüllt und -schreit:
Ich hasse mich so dafür, aufgegeben zu haben. Menschen sind scheiße und kaputt, und das bin ich auch. Wie Mama. Ich kralle meine Fingernägel in meine Oberarme, bis es wehtut. Und am liebsten würde ich meine Fingernägel auch in Tildas Oberarme krallen, weil sie auch aufgegeben hat. Und ich hasse mich für diese Wut, aber ich kann nichts dagegen tun, mein Kopf brüllt, es gibt einfach Menschen wie Mama und mich, und die sind scheiße und kaputt, brüllt er.
Der Verzweiflung eine Form zu geben, erscheint bei dieser Intensität etwas viel verlangt. Der literarische Stoff, so wenig in 22 Bahnen wie in Windstärke 17, hält den formalästhetischen Ansprüchen nicht stand, die aus ähnlich angelegten Coming-of-Age-Romanen, bspw. Sylvia Plaths Die Glasglocke oder Marguerite Duras‘ Der Liebhaber, erreichten Ausdruckstechniken resultieren könnten. Hier fehlt es schlicht an Sprachfreude, an Weite und Tiefe des Literarisch-Möglichen, die von 22 Bahnen zu Windstärke 17 sich auch nicht gesteigert hat.
Ein wenig ordinärer, noch lauter, ein wenig brutaler, noch wilder scheint das Zweitwerk, das aber wenigstens, im Vergleich zu vieler Gegenwartsliteratur, ein wirklich traumatisches Problem beforscht. Windstärke 17 schlägt hierdurch vielleicht dem Bann der Selbstverzweiflung ein erstes Schnippchen und setzt, als literarischer Offenbarungseid, ein Zeichen gegen selbstverordnet-auferlegter Stummheit.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Nächste Woche am 06.08.2024 auf Kommunikatives Lesen:
vielleicht das Kleine Probleme von Nele Pollatschek.
Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.


Ach guck, „Aus 22 Bahnen wird 22 Euro“ – darüber habe ich glatt hinweggelesen.
Die saloppe Ausdrucksweise kann man natürlich nicht überlesen, aber ein paar Beispiele in Zahlen zu sehen … schon eindrucksvoll.
Schöne Besprechung. 🙂
Am bedauerlichsten empfinde ich die absolute Nicht-Weiterentwicklung der Sprache, die eher noch einfacher, unformalisierter zum Tragen kommt. Nun, wer weiß, wie das nächste Buch heißt, „Route 66“, bestimmt kommt eine Zahl im Titel vor. Ich weiß nicht, ob ich es lesen werde. Mal sehen. Ich denke, wir haben es sehr ähnlich empfunden. Viele Gruße! 😁
Sehr spannende Rezension, die wie jedesmal neue Entdeckungen durch die Verlinkungen bringt.
Und natürlich neugierig macht auf Windstärke 17
Es hat einiges zu bieten, leider hat es nicht viel mehr als „22 Bahnen“ in die Waagschale zu werfen, dass ich dir fast eher zum Lesen empfehlen geneigt bin. 😁