Lutz Seiler: „Kruso“

Kruso
Kruso von Lutz Seiler … Georg-Büchner-Preis 2023

Der poetische Wiedergänger von Christoph Hein heißt Lutz Seiler. Wo Hein nüchtern, karg, zurückhaltend schreibt, poetisiert Seiler, spielt mit der Sprache, experimentiert mit Phrasen und ornamental ausgeschmückten Prosastanzen. Beide verbindet das Thema: Die DDR. In seinem Roman-Debüt Kruso nimmt Seiler direkt Bezug auf Heins Der Tangospieler und moduliert, paraphrasiert, improvisiert über den angegebenen Rahmen und zwar lyrisch. Beide Protagonisten ziehen aus, um Ruhe zu finden, ziehen für einen Sommer auf die Insel Hiddensee, in eine Höhle und arbeiten dort in einer Gaststätte namens „Zum Klausner“:

Vom Schiff her zog sich eine gepflasterte Terrasse mit Tischen und Biergartenstühlen fast bis an den Steilhang heran. Die äußeren Reihen der Tische waren überdacht und ähnelten Futterkrippen für die Tiere des Waldes. Auf der Schiefertafel neben dem Eingang stand mit schwungvoller Schrift etwas geschrieben, aber Ed war noch zu weit entfernt. Links vom Eingang, über einem Schiebefenster des hölzernen Vorbaus, der zum Radkasten des Dampfers gehörte, hing eine kleine, steife Fahne mit der Aufschrift EIS. Rechts davon, in der Mitte des Vorbaus, war ein handgefertigtes Schild aufgeschraubt: ZUM KLAUSNER.

Lutz Seiler aus: „Kruso“

Inhalt/Plot:

Lutz Seilers Roman Kruso verlagert die Handlung von Christoph Heins Roman, der 1968 zur Zeit des Pragers Frühling spielt, in die Wendezeit, in den Sommer 1989. Beide Protagonisten entstammen dem akademischen Zusammenhang. Beide finden sich alleine in ihrer Wohnung wieder, nachdem die Partnerin entweder verunglückt ist (Kruso) oder sich getrennt hat (Der Tangospieler). Beide finden nicht mehr zurück in den Alltag und beschließen, sich auf die Insel Hiddensee zurückzuziehen, dort als Kellner zu arbeiten. Beide erleben lustvolle Affären auf Hiddensee und kehren danach geläutert zurück in ihren bürgerlichen Alltag. Der Unterschied, der sich zwischen den Romanen ergibt, besteht darin, dass Seiler den Hauptteil seines Romanes auf Hiddensee und mit der Beschreibung der Freundschaften und Liebesaffären auf der Insel verbringt, während sich Hein hauptsächlich dem tristen Alltag Dallows in Leipzig widmet. Ed, so der Name des Protagonisten in Kruso, lässt direkt am Anfang Halle an der Saale hinter sich:

Zuletzt, bevor Ed seine Wohnung in der Wolfstraße verließ, schraubte er die Sicherungen aus dem Elektrokasten und stellte sie in einer Reihe auf den Zähler: eine kostbare automatische Sicherung mit Druckknopf und zwei ältere, schon angegraute Keramik-Sicherungen. […] Er sah, wie er langsam, aber unaufhaltsam seinen Zeigefinger ausstreckte und ihn in die leere, glänzende Fassung steckte. Es war das erste Mal gewesen, dass er es so klar und deutlich wahrgenommen hatte: Unter der Oberfläche, gewissermaßen hinter dem Leben, herrschte eine immerwährende Verlockung, ein Angebot ohnegleichen. Es brauchte den festen Entschluss, sich abzuwenden, und nichts anderes war es, was Ed tat an diesem Tag.

Ed oder Edgar Bendler hat jeden Lebenssinn verloren. Seine Freundin, G., verunglückte bei einem Straßenbahnunfall, und schließlich lief ihm noch der gemeinsame Kater Matthew davon. Auch die Abfassung seiner akademischen Abschlussarbeit über Georg Trakl vermag ihn nicht mehr an Halle zu binden. Er verbrennt seine Dokumente, nimmt die erstbeste Bahn Richtung Ostsee und verabschiedet sich auf Nimmerwiedersehen. Er reist unerlaubterweise, da ohne Hotelzimmer und Anstellung, zur Insel Hiddensee, versteckt sich dort, verbringt einige Tage als Obdachloser, bis er eine Anstellung im Klausner erhält:

»Gut, gut.« Der Direktor [Krombach] wirkte plötzlich erschöpft. Er bog Eds Ausweis mit der im Knick schon beschädigten Plastikhülle gegen die Bindung, im nächsten Moment musste das Papier zerreißen. Dann ließ er das Heftchen einfach fallen, mit spitzen Fingern, in ein für Ed unsichtbares Fach des Sekretärs.
»Du bleibst, bis Crusoe zurückkehrt. Du arbeitest dich ein, dann sehen wir weiter. Unterkunft, freie Verpflegung, Verdienst pro Stunde zwei Mark siebzig. Was hältst du vom Abwasch? Bei entsprechender Eignung, wie gesagt. Alle anderen Dinge … Alles andere kommt später.«

Crusoe, der eigentlich Alexander Dimitrijewitsch Krusowitsch heißt, und Kruso geschrieben wird, lebt als Findelkind auf der Insel. Seine Mutter, eine Zirkusartistin, verunglückte bei einer Vorstellung, woraufhin sein Vater, ein sowjetischer General, zurück in seine Heimat zog, davor aber die gemeinsamen Kinder der Schwester seiner verstorbenen Ehefrau übergab, die mit ihrem Mann auf Hiddensee, am Institut für Strahlungsquellen, wohnte. Krusos Schwester verschwand eines Tages. Ed und er teilen die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, Ed sehnt sich nach G., Kruso nach seiner Schwester. Über die Trauer, die beide vergeblich mit Lyrik zu verarbeiten suchen, kommen sie sich näher:

Kruso sah [Ed] an. Oder er sah an ihm vorbei, zu den Lichtern des Patrouillenboots, das sie in diesem Moment überholte. Oder er sah zu den winzigen Lichtpunkten noch weiter draußen, in der Fahrrinne der Hochseeschiffe und Schwedenfähren, die vorüberzogen, so langsam wie Jahre. Ed spürte, wie sich die Hand auf seiner Schulter verkrampfte. Er drehte den Kopf, und im selben Moment hatte er Krusos Lippen im Gesicht.

Kruso kümmert sich auf Hiddensee um Touristen wie Ed, die keine Unterkunft haben, die möglicherweise von Hiddensee aus in den Westen fliehen wollen, die am Strand, im Wald, an der Küste übernachten und von den Angestellten des Klausners „Schiffbrüchige“ genannt werden. Die Schutzsuchenden werden an den verschiedensten Orten einquartiert und zeigen sich erotisch erkenntlich. Es werden Partys veranstaltet. Es wird viel getrunken, und solange die Besatzungsmacht und das Militär etwas vom Fusel abbekommt, drücken diese auch ein Auge zu, zumal Kruso der Sohn eines sowjetischen Generals ist und die Fäden der Zuteilung der Schiffbrüchigen fest in der Hand hält:

»Man wählt seinen Schiffbrüchigen selbst, hast du gesagt.«
»Sicher, Ed. Beim ersten Mal.« Kruso deutete auf das Grab der Schläfer. »Die Vergabe braucht Kriterien, sie braucht Gerechtigkeit und Disziplin, sonst macht es keinen Sinn, verstehst du? Freiheit und Ordnung schlagen immer wieder ineinander über auf unserem Weg. Vergiss nie, wie du selbst aufgenommen wurdest. Du hast hier deine Höhle gefunden. Du hast lange genug nur an dich gedacht.«

Die Ereignisse des Sommers und Herbstes 1989 holen die Insel irgendwann ein. Bekannte verschwinden. Der Tourismus verebbt. Die Sexpartys bleiben aus. Es wird still um den Klausner. Nach und nach lichten sich die Reihen, bis nur noch Ed und Kruso übrigbleiben. Kruso erkältet sich. Ed pflegt ihn, aber ohne die notwendige medizinische Versorgung, die es auf Hiddensee in jenem Sommer nicht mehr gibt, muss er das sowjetische Militär um Hilfe bitten. Kruso wird abtransportiert. Ed bleibt allein zurück:

Sein letzter Gast war eine junge Frau, die nach Kruso fragte, auf jene Weise, mit der die Schiffbrüchigen sich vor Wochen noch zu Dutzenden nach dem König der Insel erkundigt hatten. Sie war sehr klein und hatte langes braunes Haar, feucht vom Regen. Für zwei Sekunden sah Ed sie in seinem Zimmer, ihr Haar in seinem Kissen. Dann wies er sie schroff auf das Ende der Saison hin. November – das Ende jeder Saison, wie er betonte, was überflüssig war. Überflüssig gewesen war auch, die kleine Frau anzuschreien. Er hieß nicht Rimbaud. Sein Schmerz, seine Trauer – der ganze Verlust. Er schämte sich. Er dachte an die letzte Schiffbrüchige in seinem Zimmer, eine Frau namens B., die in den Nächten vor dem Tag der Insel, Tag der Parade, Tag des Anfangs vom Ende, bei ihm geschlafen hatte.

Ed bricht die Zelte ab, schreibt Krusos Gedichte aus dem Gedächtnis auf und fährt, nachdem die innerdeutschen Grenzen sich geöffnet haben, zurück aufs Festland. Im Epilog versucht er noch, das Schicksal der verschollenen Schwester von Kruso zu ergründen. Kruso selbst, so hörte er, verstarb an den Folgen der Krankheit, zu deren Heilung er das sowjetische Militär kommen ließ.

Stil/Sprache/Form:

Lutz Seiler bemüht sich in Kruso um eine ausgefeilte Form. Der Plot steht nicht im Vordergrund. Er muss aus dem Angedeuteten herausgearbeitet werden. Im Grunde wird fast alles nur angedeutet. Was genau mit G. und beim Straßenbahnunfall passierte, was aus Matthew, dem Kater wurde, wie das Verschwinden der Schwester Krusos zu erklären ist, was aus dem Pflegevater Krusos, dem leiblichen Vater, aus dem Direktor des Klausners etc … wurde, bleibt bis zum Ende unklar. Das müsste nicht stören, solange die Sprache, die Beschreibung die Narration trägt. Hier aber mischen sich viel zu sehr Phrasen, Klischees, Zitate, ja, im Grunde genommen kopierte Stellen und Fragmente, stehende Redewendungen in Seilers Stil, der bewusst, gehemmt, mit angezogener Bremse zu schreiben scheint:

Für einen Augenblick Stille.
Nur das schwere Atmen seines Freundes auf dem winzigen Tisch, sein Schweiß, sein Gestank. Für diesen Moment war er der Alp, der zu nachtschlafender Zeit auf allen Schreibtischen des Erdballs hockte, leise pfeifend, das höllisch gute Lied, den eigenen Ton, so lange, bis die Worte unter seinen Krallen beschlossen, lieber krepieren zu wollen, als etwas zu bedeuten.

Die Beschreibung wuchert aus. Ohne Vorankündigung, Überleitung steht der Protagonist zugleich auf allen Schreibtischen des Erdballs. Die raumzeitliche Verankerung, die der Roman narrativ-gesehen streng aufrecht erhält, wird beschreibungstechnisch überschritten, ohne diese Überschreitung zu motivieren. Es wird auch nicht klar, welches „Lied“, welcher Ton gemeint ist, oder welche Worte. Oft weichen die Wortspielereien die Szenerien bis zur Unkenntlichkeit auf, ohne ihnen Intensität zu verleihen. Die Worte verpuffen schlichtweg:

Er tanzte wie eine auf ihren Gleisen festgefrorene Lokomotive.

Seine Leiche treibt wie ein müder, schnüffelnder Hund über den Meeresboden, mit gesenktem Kopf auf dem Grund – schleifende Stirn, schleifende Knie, schleifende Hände, Abschürfungen bis auf die Knochen, abgeschliffene Knochen.

Das Gelände des Rigshospitalet schien riesig, eine Art Krankenhaus-Manhattan, umgeben von Freiflächen, die den Hudson symbolisierten.

Die Metaphern, die Beschreibungsformen, erzeugen widerspenstige Assoziationen. Tanzen steht nicht im Zusammenhang mit einer Lokomotive, schon gar nicht mit einer auf den Gleisen festgefrorenen; und ein schnüffelnder Hund intensiviert nicht die Anschauung einer untergehenden Leiche, die von der Strömung fortgetrieben wird. Insbesondere die Vermischung der Abstraktionsebenen bevorzugt Seiler in Kruso, wenn plötzlich Freiflächen etwas symbolisieren, wohingegen die nur an etwas erinnern können. Symbolisieren wirkt hier eher als Fremdkörper in dem Satz und ersetzt „darstellen“ oder „repräsentieren“. Solche Brüche, Katachresen, werden von Seiler offensichtlich bewusst eingesetzt, dennoch unterbinden sie Lesefluss und Leseverständnis und katapultieren die beschriebenen Szenerien jeweils in ein semantisches Nichts:

Unweigerlich hatte ich damit begonnen, mir Gedanken über ihr Dasein [das der toten Flüchtlinge] zu machen, als ob es das geben könnte. Ich hatte Bilder von Géricault vor Augen, das heißt, ich dachte von den Toten wie von leibhaftigen Personen, als existiere das alles noch in ihren Resten: Sehnsucht und Bedürftigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung.

Seiler kennt mit dem semantischen Bemühen seines um Leseverständnis ringenden Publikums kein Erbarmen. Welche Bilder von Géricault? „Das Floß der Medusa“?“ Verwundete Soldaten in einem Wagen“? „Kopf eines toten jungen Mannes“? Selbst bei genauer Nennung des Gemäldes scheint die Bezugnahme literarisch unzureichend? Welcher Aspekt? Welches Detail? Die Farbgebung? Die Perspektive? Hinzukommt, dass über das Dasein der Verschollenen nicht als Dasein gesprochen, sondern von Toten als leibhaftige Personen geschrieben wird. Was genau der Erzähler mit diesen Passagen erreichen will, bleibt unklar.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Lutz Seilers Kruso improvisiert über Christoph Heins Der Tangospieler, flechtet Anleihen aus Daniel Dafoes Robinson Crusoe hinein, spielt auf Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob an, spricht von Georg Trakl, Arthur Rimbauds Das trunkene Schiff und geht detailliert auf Antonin Artauds Das Theater der Grausamkeit ein. All dies vermischt Seiler mit lyrischen Assoziationen und verwegenen Symbolismen, lässt Kochreste und Speisereste, Getränke und Müll und Kot auffahren und einen Fuchs in einer Höhle verwesen:

Ed sah, wie sein Fuchs die Mappe beschützte mit seinem ledrigen Leib, und er hörte, was die Gedichte ihm flüsterten dabei, leise, tief unter der Erde. Er verstand jedes Wort und wiederholte es, und bald zog seine Rede weit über die Enden der Zeilen hinaus, nach draußen ins Rauschen. Er deklamierte jetzt laut gegen die Brandung, er wurde übermütig und wäre beinah gestürzt; er verstummte erschrocken und begriff: Das Mindeste, das Einzige, was jetzt zu tun übrig war.

Das Gespräch mit dem toten Fuchs allegorisiert die Suche nach den Verschollenen, all jenen, die beim Versuch, Freiheit zu finden, verunglückten, starben, hingerichtet wurden. Der Fuchs antwortet nur im Buch, narrativ findet dennoch lediglich ein Selbstgespräch statt, das über Schreiben, Nicht-Schreiben, über Erinnerung und Vergessen handelt. Lutz Seilers Kruso bleibt unentschlossen, ein Fragment, die Suche hört nicht auf. Sie gilt einem Menschen, den Ed nie kennengelernt hat, der Schwester Krusos, Sonja. Statt sich an G. zu erinnern, geht er auf Erinnerungssuche nach ihm fremden Personen. Das Schreiben ersetzt selbst diese, und so wird aus dem Ausweichmanöver eine Ersatzhandlung, die keinen Fokus mehr besitzt:

»Entschuldigung, bitte Entschuldigung.« Irgendwann hatte meine Rede begonnen. Zuerst entschuldigte ich mich bei Kruso – dafür, dass ich nicht standgehalten hatte. Ich erklärte es ihm. Ich versuchte, nichts auszusparen. Ich versuchte, es zusammenzufassen: Angst und eine irre Abscheu (Abscheu vor den Toten) auf der einen, Trauer und ein irres Mitleid (Mitleid mit den Toten) auf der anderen Seite. Plötzlich konnte ich reden. Da ich betrunken war, sagte ich ein paar Sätze, die ich nicht geplant, ja, die ich noch nie ausgesprochen hatte, Dinge, die nur uns betrafen, Losch und mich, die zwei beiden. Auch Tränen waren nicht geplant gewesen.

Von G., der verstorbenen Freundin, von Matthew, dem entlaufenen Kater keine Rede mehr. Ed, und mit ihm der Erzähler, führen eine Maskerade im Ersatzleben durch und geraten unweigerlich in die Unaufrichtigkeit, denn Tränen lassen sich nie planen, sie aber als nicht geplant zu beschreiben, fügt ihnen nur den Zweifel hinzu, ob sie auch tatsächlich über die Wangen gerollt sind. Kruso stellt keine Erinnerungsarbeit dar. Lutz Seilers Roman bleibt eine Lose-Wort-Sammlung, die sich um Dezentrierung und Diffusion bemüht. Sie hinterlässt nichts als den Verdacht, dass das, worum es eigentlich ging, nie gesagt noch beschrieben werden sollte. Seilers literarische Rauchbombe wird bei der Beantwortung dieser Frage jedenfalls nicht weiterhelfen.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Nächste Woche am 19. Dezember 2023 auf Kommunikatives Lesen:
Bespreche ich Peter Handkes Die Ballade des letzten Gastes, das es auf die SWR Bestenliste Dezember geschafft hat.

Eine Kurzversion der Besprechung und noch andere aktuelle Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier

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