Autofiktionales Erzählen lebt von der Erleichterung, dass kein narrativer Bogen gespannt werden muss. Die Lebenszeit selbst gibt den Ton an, und alles andere reiht sich, Ereignis um Ereignis, wie die Perlen auf einer mit Bestimmtheit endenden Kette (nämlich spätestens im Jetzt). Was oft übersehen wird, im autofiktionalen Genre unbeachtet bleibt, läuft auf die Verdichtung der unwillkürlichen Erinnerung hinaus: die Erleichterung vom Plot findet gerade deshalb statt, um dialektische Bilder der Erinnerung im Stillstand zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund erscheint autofiktionales Schreiben als viel risikoreicher. Ergeben sich nämlich keine dialektischen Bilder im Stillstand, war das Schreiben gegenstandslos. Als Beispiele seien Ronya Othmanns Vierundsiebzig genannt oder Tijan Silas, Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 2024, Radio Sarajevo. Eva Christina Zeller dagegen besitzt das Gespür und findet die Verdichtungen in ihrem neuesten Buch Muttersuchen:
Dieses Buch ist ein Zopf. Ein alter Zopf, der aus einer stickigen Schublade befreit wurde, um neu geflochten und gezopft zu werden. In ihm werden drei Stimmen verschränkt. Drei Texte aus drei Generationen. Großvater, Mutter, Enkelin. Sie wollen wissen, wer sie sind, und wagen sich ins Fremde vor. Sie reisen nach Bosnien oder Amerika. Sie suchen eine Aufgabe im Leben.
Eva Christina Zeller aus: „Muttersuche“
Inhalt/Plot:
Wie das Zitat bereits andeutet, erklingen in Muttersuchen drei verschriftlichte Stimmen: die Aufzeichnungen des Großvaters (1930), welche die Geburt der Mutter beschreiben; der Reisebericht der Mutter, der als Inge fährt nach Osten ohne Nennung der Autorin bereits veröffentlicht worden ist (1937); und die Tagebucheinträge der Ich-Erzählerin aus den 1970er Jahren, als sich diese mit sechzehn in einem Auslandsjahr in den USA befand. Zu den drei Stimmen gesellt sich noch die vierte hinzu, die nicht in Kursiv gesetzte, nämlich die Gegenwartsstimme der komponierenden, redigierenden Ich-Erzählerin, deren Tochter ein Kind erwartet:
Meine Tochter, Großvaters Urenkeltochter, wird demnächst in einem Geburtshaus in Berlin ihre Tochter, Großvaters Ururenkeltochter zur Welt bringen. Sie wird zu Fuß dorthin gehen können oder ein Taxi nehmen.
Vor diesem Moment rollt sich nun die eigene Familiengeschichte der Ich-Erzählerin Eva auf, die die Unterschiede spürt, den Ähnlichkeiten nachforscht, ungleichzeitige Gleichzeitigkeiten auf den Begriff zu bringen sucht. Eine Verwandtschaft in den Biographien stellt die Sehnsucht nach der Ferne, nach dem Fremden dar: der Großvater, Immanuel Fischer, reiste vor dem Ersten Weltkrieg nach Banja Luka, um dort seine Ausbildung als evangelischer Pfarrer, das Vikariat, abzuschliessen. Die Stadt befindet sich heute in Bosnien und Herzegowina. Zweiundzwanzig Jahre später reist seine Tochter, Evas Mutter, in das nur etwas mehr als 100km entfernte Glogovac, um dort ein Freiwilligenjahr auf einem Kinderbauernhof zu leisten, und ebenfalls im sechzehnten Lebensjahr wird Eva, die Enkelin des Großvaters, die Tochter Inges, in die USA gehen. In allen Fällen scheint die Sehnsucht, aber auch der Exorzismus, sich diese auszutreiben, federführend gewesen zu sein. Alle drei kehren gerne und geläutert zurück in die Heimat, bspw. die sechzehnjährige Eva:
Ich durfte [in North Dakota] nicht einfach das Haus verlassen und jemanden besuchen oder mit dem Fahrrad die Kleinstadt erkunden. Ich war unter Aufsicht. Meine Mutter hatte mich immer laufenlassen, mich nicht kontrolliert. Sie war als Pfarrfrau immer beschäftigt. Dämmerte mir damals schon, dass ich in Deutschland mehr freedom genossen hatte als in North Dakota? Dass meine Mutter mir etwas ermöglicht hatte, das ich selbst gar nicht wahrnahm? Der Fisch kennt das Wasser nicht. Der Vogel nicht die Luft.
Inhaltlich passiert, dass die Fremde ein neues Licht auf die Heimat wirft, dass die Menschen sich einrichten und anpassen. Kinder werden geboren, Kompromisse eingegangen, Paare finden sich und werden durch Krieg und Not getrennt. Hier nähert sich Zeller gefährlich dem äußerst selbstverliebten Genre der Autofiktion, in der das Selbsterlebte aufgrund des Selbsterlebens den Schreibenden interessant erscheint, aber nicht interessant sein muss. Sie entgeht aber dieser Falle durch ihr lyrisch-narratives Gespür, verdichtende Bilder finden zu wollen. Insbesondere drei stechen hervor, für je eine Stimme. Der Großvater erinnert ein Kriegsereignis:
Ich bin froh, dem Drang als Helfer und einem gewissen Ruhmgefühl nicht nachgegeben zu haben. Es würde mich zeitlebens beunruhigen wie jener Kanadier vor Ypern, der mir aus nächster Nähe im Getreidefeld gegenüber lag, den ich bereits mit dem Karabiner anvisiert hatte – ein leichter Druck und er wäre nicht mehr. Im selben Augenblick hebt er die Hände hoch und ich drücke nicht ab. Ich winke ihm, er stand auf und kam als Gefangener. Möge er seine Heimat und seine Mutter wiedergesehen haben! Sein Bild geht mir freundlich durch meine Träume und Gedanken.
Dieser Moment der Fremdheit, der Nähe, des Friedens und Krieges zugleich, kulminiert in dem kurzen entscheidenden Moment, ob sie sich in Täter und Opfer oder in Mitmenschen verwandeln oder bleiben wollen. Im Leben der Mutter erscheint ein anderes, von der Tochter erinnertes Ereignis, das die Situation Inges zusammenfasst:
»Kind, lass mich eine halbe Stunde in Ruhe«, hatte sie gesagt. Das Kind hatte leise die Türe zum Wohnzimmer geöffnet, wo die Mutter auf dem Sofa lag und Mittagsschlaf hielt, hatte von hinten aus Mutters blindem Winkel kommend die Tränen gesehen, wie sie lautlos über ihre Wangen rannen, und gleich den Rückzug angetreten. Das Kind war überrascht und gab sich nicht zu erkennen. Wollte sie doch nicht stören. »Kind, lass mich nur eine halbe Stunde in Ruhe.« Aber sie trösten zu wollen, kam dem Kind damals nicht in den Sinn. Die Mutter war in diesem Zustand eine fremde Frau.
Die USA-Erlebnisse kulminieren in einem unausgetragenen Streit, als nämlich die Ziehmutter Peg, nach wochenlangem fröhlichen Austausch mit der jungen Ich-Erzählerin plötzlich eine andere Seite zeigte, eine unversöhnliche, brutale, die aus dem Nichts über die unvorbereitete Ich-Erzählerin hereinstürzte:
Bislang war Peg immer liebevoll gewesen, aber nun kritisierte sie sie genauso unerbittlich wie ihre eigenen Kinder. Da brach etwas aus ihr heraus, eine andere Seite. Ihre eigene Kindheit? Das, was Peg im Mittleren Westen verlassen hatte? Das Hippie–Mädchen stand unter der Dusche ihrer Kritik und es wurde dunkel. Nacht. Sie stand nicht mehr vor dem Trailer und im Schatten der großen Tanne, sie war geradewegs in ein Höllenbild von Hieronymus Bosch gebeamt worden. In den Schlund eines großen Frosches, der sie verschlang.
Dass alle Episoden auf diese verdichtenden Momente abzielen, dass der erzählerische Gang diese Bilder findet, sie einbettet und nacherzählend festhält, darin besteht der ganze Unterschied dieses gelungenen autofiktionalen Erzählens zu den anderen, eher selbstverliebten Varianten aus dem Stoffbereich Generationen mit dem Plot Soziale Renitenz.
Stil/Sprache/Form:
Muttersuchen betreibt keine Sprachexperimente. Der Ton bleibt gefasst, stellenweise empathisch-nostalgisch, nachdenklich und stellt die dunkle Seite des helleren, komödiantischen Unterm Teppich von der selbigen Autorin dar. Sie gibt sich weniger Freiheiten, deshalb auch der Untertitel „Roman einer Recherche“. Sie bleibt enger am Material und improvisiert nicht. Bspw. schreibt sie in Unterm Teppich über den Wunsch ihrer Mutter, einen Führerschein zu erwerben, wie folgt:
Meine Mutter wollte 1959 mit vierundvierzig Jahren ihren Führerschein machen. Ihre sechs Kinder waren aus dem Gröbsten heraus. Da bemerkte sie, dass sie schwanger war. Ob sie an Abtreibung dachte, weiß ich nicht. Mein Vater sagte beschwichtigend: »Wir dachten nicht daran.« Ich wollte nicht schuld daran sein, dass meine Mutter keinen Führerschein machen kann. Denn Führerschein war damals eine Metapher. Sie hätte meinen Vater verlassen können, zumindest für einige Stunden.
Eva Christina Zeller aus: „Unterm Teppich“
Diesem beschwingten Erzählen stellt sie nun mit Muttersuche ein schweres, gedankenvolleres zur Seite. Inge, die Mutter, hat es schwer gehabt. Die Tochter sucht nun Gemeinsamkeiten, Auslassungen, erkennt sich in ihr wieder und sieht doch auch Unterschiede. Zeller schlägt einen selbstbewussten Ton an, der der Distanz, dem Fremden, dem Unheimlichen der vergangenen Zeit standzuhalten sucht. Schwierigen, ernüchternden Diskrepanzen stellt sich die Ich-Erzählerin, die trotz aller Bemühungen ihre Eltern und die Zeit der Eltern nicht begreifen kann. Etwas Trennendes bleibt zwischen ihnen. Etwas, was Sprache nicht zu durchdringen scheint:
»Lobet den Herren«, damit endet „Inge fährt nach Osten“. Nicht »Heil Hitler«, das hat mich getröstet. Mutter und Tochter getröstet. Das Christentum hatte auch nach dem Krieg nicht ausgedient. Es blieb Orientierung. Vater hatte nach dem Krieg das Stuttgarter Schuldbekenntnis unterschrieben. Er wurde zur bekennenden Kirche befragt. Wenn ich zu sehr bohrte, kamen abgegriffene und klischeeartige Sätze zum Vorschein. »Die Juden haben Jesus getötet.« Vater glaubte selbst nicht daran. Aber der Verkündigungsmodus. »Das verstehst du nicht«, sagten die Eltern. Die Eltern verstanden es selbst nicht. Ich endete immer an einer unsichtbaren Wand. Einer Plexiglaswand, die etwas nachgab, bevor sie einen zurückwarf auf das eigene, das eigene Unbekannte. »Kind, nimm mir doch nicht mein Weltbild.«
Der „Führerschein“ taucht wieder auf, aber mit Betonung auf das Wort „Führer“ und die Probleme, die das Leben unter dem Nazi-Regime mit sich brachten. Mit diesen Themen befrachtet bleibt der Erzählschwung jäh stecken, zumal alle Seiten des Kriegsschreckens über die Familie herfallen. Ausgesprochen wurde sich nicht, und die Aussprache in Muttersuchen findet nun nur einseitig statt. Es bleibt zerrissen, uneins, etwas hilflos gegenüber den geschichtlichen Ereignissen und Abständen, aber dadurch auch ehrlich und offen, mit sich ringend, ohne sich untreu zu werden.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Das Thema Eltern bietet sich für das autofiktionale Schreiben an. Die Mutter steht nicht selten im Vordergrund, bspw. in Sylvie Schenks Maman, Annie Ernaux‘ Das andere Mädchen, Didier Eribons Eine Arbeiterin und Wolf Haas‘ Eigentum. Zeller jedoch bringt einen sehr eigenen Klang in diesen Gegenstandsbereich, indem sie die Zeitlichkeit reflektiert, auch die eigene, die Erfahrung, die Dauer, die sich im Leben einstellt und die Vergangenheit in einem anderen Licht erscheinen lässt:
Für meine Mutter war ihr Vater eine Lichtgestalt und ohne Fehl. Heute las ich bei Marco Bolzano: »Je mehr Jahre vergehen, umso weniger fühlt man sich seinen eigenen Eltern überlegen.«
Hier trifft sie sich mit Wolfgang Schiffers Dass die Erde einen Buckel werfe gleich in vielerlei Hinsicht. Zum einen wird die Mundart der Eltern thematisiert, das Verwurzelte – bei Schiffer im Plattdeutsch, bei Zeller im Schwäbischen. Beide Texte leben von dieser Nähe zum Alltag, ohne dass die Schriftsprache ihren Charakter als solche verlöre. Zum anderen wird ein entschieden ähnliches Verhältnis zu den Eltern besprochen und untersucht, nämlich ein nachdenkliches, im Nachhinein sehr zurückhaltendes und achtsames, das die eigene jugendliche Vorurteilsbeladenheit wieder rückgängig zu machen sucht, die Schiffer im Gedicht Damals, als ich mich schämte beschreibt:
Vor allem aber schämte ich mich meines Vaters/ der im Dorf den Dreck der anderen von den Straßen kehrte/ der kleingeblümten Schürze meiner Mutter/ die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug/ und ihres Kopftuchs/ mal auf den Schultern/ meist um den Kopf
Wolfgang Schiffer aus: „Dass die Erde einen Buckel werfe“
Das lyrische Ich bereut, dass es den Reichtum seiner Eltern nicht gesehen hat, dass es sich blenden hat lassen von anderen Begehrens- und Anerkennungswelten, von Bildern, die nichts mit der Freundlichkeit, dem Fleiß seiner Eltern gemein haben, die also von den als solchen angesehenen „Reichen und Schönen“ stammen. Bei Zeller wird ein privateres Motiv stärker betont, nicht so sehr die sozialen Hierarchien wie (im Einzelfall) bei Schiffer, im Normalfall bei Annie Ernaux. Sie bedauert die fehlende Öffnung, die fehlende Dynamik zwischen ihrer Mutter und sich:
Ich will die Lebensgeschichte meiner Mutter erzählen, nicht die ganze, aber eine, die ich noch nicht kenne, und diese Geschichte adelt sie von Beginn an. Als Schneewittchen habe ich sie im Wochenbett gesehen, mit langen, dunklen Haaren und dem Glanz und den Tränen der Wöchnerin. So stelle ich mir das im Nachhinein vor. Später, nach meiner Geburt, wurden ihre Haare grau. Ich habe ihr nicht gutgetan und wurde ihr nicht gerecht.
Hier spielt die Allegorie vom verpassten Führerschein der Mutter aus Unterm Teppich wieder hinein, aber auch der Wunsch nach Kommunikation, die so im Leben zwischen Mutter und Tochter nicht stattgefunden hat. Dieses Nachschreiben erzeugt die dialektischen Bilder im Stillstand, von denen Benjamin schreibt:
Nicht so ist es, daß das Vergangene sein Licht auf das Gegenwärtige oder das Gegenwärtige sein Licht auf das Vergangene wirft, sondern Bild ist dasjenige, worin das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt. Mit andern Worten: Bild ist die Dialektik im Stillstand. Denn während die Beziehung der Gegenwart zur Vergangenheit eine rein zeitliche, kontinuierliche ist, ist die des Gewesnen zum Jetzt dialektisch: ist nicht Verlauf sondern Bild〈,〉 sprunghaft. – Nur dialektische Bilder sind echte (d. h.: nicht archaische) Bilder; und der Ort, an dem man sie antrifft, ist die Sprache.
Walter Benjamin aus: „Das Passagenwerk“ [N, Erkenntnistheoretisches]
Zeller erreicht mit Muttersuchen eine ähnliche Spannung, wie sie Walter Benjamin in seinen geschichtsarchivaren Büchern wie Deutsche Menschen oder Berliner Kindheit um Neunzehnhundert artikuliert hat. Es stellt sich eine Spannung zwischen Zeitgeist und Geschichte, Rückblick und Vorgriff, zwischen Gleichheit und Fremdheit ein, die nur in der Nostalgie zusammenzufinden vermag. Hier klaffen Lücken und Abgründe. Hier klaffen aber auch die Sonnen, die die Möglichkeit eines Zusammenfindens nicht ausschließen. Hier zitiert Eva Christina Zeller Benjamins Engel der Geschichte:
[Bei der Muttersuche] ging es nicht um die Wahrheit, die gewesen war, sondern um eine, die ich finden wollte. Die Rückführung würde in der Zukunft liegen müssen. Das Verstehen oder die Versöhnung, besser Vertöchterung, musste noch vor mir liegen, nicht hinter mir. Die Zukunft liegt im Rücken, die Vergangenheit liegt vor mir, so war das, wenn ich darüber schrieb. Ich saß in einem Auto, einem selbstfahrenden Etwas, und die Vergangenheit war eine lange Reise über die Berge, die Alpen, die Brennerautobahn.
Hier wieder der Rückgriff auf das Auto, die Möglichkeit, sich selbständig zu bewegen, die Freiheit, allein sein zu dürfen, die der Mutter zeitlebens verwehrt blieb. Zeller stellt schmerzhafte Fragen, die ohne Antwort bleiben müssen, die aber durchs Fragen eine Möglichkeit eröffnen, mit der Vergangenheit vor Augen, der Hoffnung im Rücken, auf eine bessere, gelungenere Zukunft, für alle, auch für die eigene Tochter.
Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag Edition Klöpfer fürs Zusenden eines Rezensionsexemplars.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Nächste Woche am 29.10.2024 auf Kommunikatives Lesen:
werde ich von Wolfgang Schiffer Ich höre dem Regen zu besprechen.
Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.



Der eigentliche Gedankengigant ist doch Benjamin? Naja, Zellers Bemühen um didaktische Bilder ist nicht kleinzureden…..
Alexander: Danke für die Besprechung!
„Bemühen um didaktische Bilder“, was und welche sind denn das, fragt die Autorin von MUTTERSUCHEN?
Der „Gedankengigant“ Benjamin ist für eine Frau (ergo Mensch nicht Objekt) manchmal schwer erträglich: „Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können.“ Ich gebe lieber Gedichte und Romane.
Ich freue mich natürlich und danke für die Besprechung, sehr genau, ausführlich und mit dem „Engel der Geschichte“! Ich habe mich aber v.a. selbst zitiert, weil ich ein Gedicht über die Zukunft, die im Rücken liegt geschrieben hat. (in „Proviant von einer unbewohnten Insel“)
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, und habe „Zitat“ freier gemeint, als es vielleicht den Anschein gehabt hat, eher als „Wiederaufnahme“, „Weiterführung“ und Anschluss an Dinge, die ich in der Literaturgeschichte bedeutsam halte. Ich werde mir die Gedichte sehr gerne durchlesen, aus denen der Satz eigentlich stammt. Mit Benjamin umschreibe ich eine sehr große, öffnende Verdichtung hin auf eine Gefühlskonstellation, genau hier hatte ich die intensivsten Lesemomente. Ich habe die Bewegung auf etwas hin gespürt, das Für und Wider, das sich schließlich in dieser einen Situation rundete. Danke dafür! Die Geschichte und das Fragwürdige, das Suchen in ihr hat für mich den Text charakterisiert, deshalb meine Referenz an Benjamin, der selbiges auch veranstaltet (bspw. mit den Pariser Passagen oder Baudelaire). Insofern erscheint „Muttersuchen“ als sehr eigenständige und für sich stehende Textform, die sich mit jeder Lektüre mehr entfaltet. Viele Grüße!!
Vieles von Benjamin ist Fragment geblieben, auch der Begriff der Geschichte, und den Satz gibt es in den Manuskripten auf viele verschiedene Weise, aber auch in der zitierten Form. Ich denke überhaupt nie, dass ein Werk ein Muss darstellt, Benjamin blieb streitbar in jeder Hinsicht, aber ich würde dennoch seinen Versuch, Geschichtlichkeit in Text umzusetzen, niemals allzu wörtlich nehmen – sondern eher als Brücke, als Sehnsucht, nicht als Besitzverhältnis. Hierhin finde ich ihn interessant – seine Bordellanalysen in Moskau weniger.
Du meinst „Gedankengigant“ sicherlich schelmisch, denn Benjamin ist weit entfernt davon, Hierarchien zu billigen. Er will stets in die Breite und Tiefe zugleich, hungrig, voller Detailbesessenheit, so dass ihm auch oft und gerne die Sache um die Ohren fliegt. Zeller gibt dem Begriff der Geschichte eine sehr eigene, und für mich sehr zugängliche Note – ich gebe zu, ich war danach in einer sentimentalen Stimmung, ein wenig wie Muscheln am Meer zu betrachten, während Möwen gleiten und Wellen schäumen.
Ich habe das Buch noch nicht gelesen, liebe Zellner aber,
Was sind dialektische Bilder?
Die Frage lässt sich nur schwer beantworten – es ist ein dynamischer Begriff, der hochverdichtete Konstellationen beschreibt, die in sich einen Übergang eine Bewegung ankündigen, die noch nicht ausgeführt worden ist, aber bereits eine Vergangenheit, also Plausibilität besitzen. Bei Clemens Meyer der von der Mine zerfetzte Wolf, um den sich die Erinnerung kreisen, bspw.
Der Wolf bei Clemens Meyer, war eine Stelle die ich nicht verstanden habe. Ein sehr starkes Bild. Träumt der Cowboy das, ist es wie das Kino am Anfang in Novi Sad , das erst von Jaro nicht gefunden wird und dann plötzlich dort steht wo es immer stand?
Das mit Zukünftigen ankündigen kann ich nachvollziehen, aber tauchte das Wolfsbild im Vergangenen auf?
Zählen die Lokomotiven auch zu didaktischen Bildern?
Zu Zeller: Was heißt : hat dagegen Gefühl? Gefühl gegen was?